Kalenderblatt 1. April mit Trauerflor
Bildrechte: MEDIEN360G / Panthermedia

Das Altpapier am 3. April 2019 Wo sind die Aprilscherze hin?

Medienkonzern-Vorstandsvorsitzende krempeln die Ärmel hoch. "Passiv-aggressiver Machtkampf" zwischen Gütersloh und Luxemburg? Mathias Döpfner wurde von der Welt und von Mark Zuckerberg interviewt. Dreizehn Zeitungsverlage halten die Hand auf. Eine App, für die dreizehn Journalisten arbeiteten, scheint gescheitert (während Künstliche Intelligenz immer überzeugender zu schreiben lernt). Außerdem: Auch Bloßstellen kann blamabel sein. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Kalenderblatt 1. April mit Trauerflor
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Sind Ihnen dieses Jahr im keineswegs dünnen Strom der Nachrichten und sonstigen Medieninhalte Aprilscherze begegnet? Mir nicht, außer ex negativo, als Gegenstand einer termingenau verfassten Wutrede und in manchen Beteuerungen innerhalb etwas ungewöhnlicher Meldungen, dass es sich nicht um solche handele.

Die Medienmeldung vom vorgestrigen 1. April, die am ehesten ein Scherz sein zu können schien, aber wahr war (und blieb), dürfte die überraschende Personalie an der Spitze der RTL Group gewesen sein. Nach dem "plötzlichen Rauswurf von Bert Habets", wie der in Fernseh-Fragen gut informierte dwdl.de-Chefredakteur Thomas Lückerath inzwischen schreibt, übernimmt diesen Posten zusätzlich Thomas Rabe. Also der oberste Chef des RTL-Haupteigentümers Bertelsmann (der gerade erst mit einem Spiegel-Interview auffiel, vgl. Altpapier).

In den Erklärungsansätzen für diese überraschende Personalie registriert Lückerath diverse Merkwürdigkeiten, etwa die breit zitierte Behauptung,  dass Habets "zuletzt immer seltener vor Ort in der Luxemburger Zentrale gewesen sei; sich oft in seiner Heimat und langen Wirkungsstätte, den Niederlanden, aufgehalten habe. Das sei schwierig gewesen, habe Entscheidungen verzögert". Und künftig will nun Rabe zwischen Luxemburg und seiner eigenen Wirkungsstätte, dem an die internationalen Verkehrsströme nicht ideal angebundenen Gütersloh, pendeln? Da wittert dwdl.de einen "passiv-aggressiven" "Machtkampf" zwischen Luxemburg und der Bertelsmann-Zentrale, der damit zu tun haben könnte, dass "die hoch profitable Mediengruppe RTL Deutschland zunehmend mit dem weniger profitablen Verlag Gruner+Jahr verknüpft" werden soll.

Einen anderen Grund sah Caspar Busse im Wirtschaftsressort der Süddeutschen: Habets habe sich gegen eine "Zusammenarbeit bei Streamingangeboten mit dem Konkurrenten Pro Sieben Sat 1" ausgesprochen, während Rabe auch auf solche, nicht-konzerninternen Kooperationen setze. Kurios ist die Personalunion zweier unterschiedlicher Management-Ebenen ausgerechnet in den alles andere als flachen Bertelsmann-Hierarchien jedenfalls.

Zuckerberg interviewt Döpfner, trifft Barley und spendiert Workshops

Ein Kollege Rabes im überschaubaren Kreis der Medienkonzern-Vorstandsvorsitzenden machte auch gerade viel Wirbel. Bloß tut Mathias Döpfner das ohnehin öfter.

Am 1. April hielt Springers welt.de es für eine gute Idee, ein Interview mit dem eigenen Oberchef zu veröffentlichen ("Nie ... hat er WELT oder anderen verlagseigenen Medien ein Interview gegeben. Jetzt macht er eine Ausnahme"), das auch noch durch die Überschrift "'Wir brauchen eine Bürgerwehr gegen Monopole'" ungeschickt zum Anschluss an völlig andere Diskurse einlud. Im Text selbst macht Döpfner dann als Intellektueller, der er außer Zeitungsverleger-Präsident ja auch ist, durchaus nachdenkenswerte Bemerkungen ("...'Behavioral Targeting' ist geradezu das Wesensmerkmal des Überwachungskapitalismus. Gerade deshalb ist die Urheberrechtsreform so wichtig. Sie verteidigt Werte, auf die wir sehr stolz sein können") und versucht, interessante neue Fronten zu ziehen:

"Es handelt sich um die Frage, welche Gesellschaftsordnung wir wollen und in welchem Maße sich die Bürger Europas und Amerikas zur Wehr setzen gegen die völlige Unterwerfung unter das Regime amerikanischer und chinesischer Technologiegiganten."

Wobei dieses Interview sozusagen das Warmlaufen für Döpfners Treffen mit dem im Interview natürlich erwähnten (und als Chef eines Monopolisten, gegen die es "Bürgerwehren" brauche, gemeinten) Mark Zuckerberg war. Dessen Deutschland-Besuch hatte seinerseits ja ein im Vorfeld breit abgedruckter Artikel (Altpapier) vorbereitet.

Über das Treffen berichtete wiederum welt.de unter der auch nicht unseltsamen Oberzeile "Zuckerberg interviewt Döpfner" –  die aber schon zutrifft, da dieses Treffen "Teil einer neuen Reihe von Gesprächen" war, "mit denen der Facebook-Gründer das Image seines Konzerns aufbessern ... möchte" (Stuttgarter Nachrichten, die das via Facebook verbreitete Video auch als Youtube-Beitrag in den Artikel einbanden).

Dass sich Zuckerberg "Sparringspartner Döpfner" gegenüber "verhalten affirmativ" geäußert habe, heißt's im welt.de-Artikel (um den schreiben zu müssen niemand Christian Meier beneiden durfte). Unbefangere Zusammenfassungen gibt's bei Deutschlandfunks "@mediasres", heute auf der SZ-Medienseite (Jannis Brühl: "In Berlin herrscht offenbar immer noch der Glaube vor, Unternehmer aus dem Silicon Valley hätten mehr Respekt vor einem, wenn man ihnen in weißen Turnschuhen gegenübertritt ...") und im österreichischen Standard in zwei Meldungen. Wobei es jeweils auch um weitere Stationen von Zuckerbergs Berlin-Tournee ging, nämlich Begegnungen mit Annegret Kramp-Karrenbauer, Robert Habeck und Katarina Barley (DLF: "Außer darüber, dass Annegret Kramp-Karrenbauer zum Treffen mit dem Facebook-Chef weiße Turnschuhe trug", und zwar auffällige, "wurde über die Politiker-Gespräche wenig bekannt").

Und die härteste News, die Zuckerberg mitgebracht hatte, ging natürlich rum: "Facebook fördert Abo-Modelle bei deutschen Verlagen" überschreibt der Standard seine Meldung dazu. "Das dreimonatige Programm im Umfang von zwei Millionen Euro" und in Form von Workshops, in denen Teilnehmer lernen sollen, "wie man digitale Lesergruppen entwickelt, digitale Bezahlmodelle entwickelt und die eigene Medienmarke im Internet weiterentwickelt", kommt dreizehn deutschen Verlagsgruppen zugute, darunter der Funke-Mediengruppe. Ob "fördern" ein treffendes Verb ist, darüber ließe sich streiten. Jedenfalls ist die Chose Teil einer "breiter angelegten Initiative mit einem Volumen von 300 Millionen Dollar". Zufällig umfasst ja auch die "News Initiative", mit der es dem Datenkraken Google gelang, sein Image bei und in klassischen Verlagsmedien aufzuhellen, dieselbe Dollar-Summe.

Falls dennoch Details interessieren: Im nicht kosten-, bloß registrierungspflichtigen Interview bei horizont.net gibt Jesper Doub, "Director of News Partnerships EMEA", im typischen Happy-Sound weitere Auskünftchen à la "Stärkung von Nachrichtenorganisationen" und "... weltweit mit Verlagen und Medien im Austausch, um ihre Ziele und Bedürfnisse noch besser zu verstehen". (Und falls Sie sich fragen, wofür denn EMEA steht: für "Europa, den Nahen Osten und Afrika", die vielleicht beklagenswert wenige gemeinsame Nenner besitzen, aus kalifornischer Rendite-Perspektive aber zusammengehören).

Am frühen Morgen gingen an solche "Zeitungsverlage, deren Manager kaum eine Gelegenheit auslassen, auf Digitalkonzerne wie Facebook zu schimpfen ... – aber artig die Hand aufhalten, wenn Herr Zuckerberg ein paar Silberlinge rüberschiebt", jedenfalls passende Worte von t-online.de-Chefredakteur Florian Harms .... (Und ein Doro-Bär-Selfie mit "Zuck" kommt dort auch zur Geltung).

Wo bleibt das Positive? Vielleicht doch in EU-weiten Bemühungen, wie mit Blick auf die DSGVO Deutschlands "oberster Verbraucherschützer" Klaus Müller (der ja auch Grüner ist) in einem "@mediasres"-Interview glaubt. Vielleicht doch auch nicht, wie Hendrik Wieduwilt im Wirtschafts-Leitartikel der heutigen FAZ (45 Cent bei Blendle) mit Perspektive auf "die 'Skalierbarkeit' des Geschäfts, also die Fähigkeit der Plattform, mit dem bestehenden System zu wachsen" schreibt (und mit FAZ-untypischem Lob für Justizministerin Barley, die sich offenbar wenig von "Zuck" bezirzen ließ!).

Diese Diskussionen werden weitergehen – doch schwerlich glaubwürdig mit denen, die an albernen "Workshops" teilnehmen, durch die Facebook seine Sicht aufs Internet verbreiten möchte.

Apps sind auch keine Lösung (für Journalismus-Probleme)

Liegt die Zukunft des Journalismus in Apps, die viele Menschen sich ja gerne auf ihre sog. Smartphones runterladen, ihnen dabei oft Berechtigungen zum Zugriff auf ihre Kontakte, Standort- oder andere Daten erteilen, und manchmal sogar dafür bezahlen?

Ein klares Indiz für die Antwort: Nein! gibt mmm.verdi.de, also das Medienmedium der Journalistengewerkschaft dju. Ein besonders "ehrgeiziges Projekt" in Bremen sei ziemlich brachial gescheitert, weshalb nun mehr als die Hälfte der dreizehn Redaktionsmitglieder der nach eigenen Angaben "mit Abstand größte Fußball-Experten-Redaktion in Deutschland, die sich ausschließlich um einen Bundesligisten kümmert", entlassen würde. Gescheitert sei sie an der "Umsonst-Mentalität im Internet", wie die Gewerkschaft geradezu im Döpfner-Sound schreibt. Es geht um meinwerder.de bzw. besonders die dazugehörige App, in der Fans des sportlich gerade mal wieder recht erfolgreichen Werder Bremen für "vertiefende Berichte" monatlich 5,49 Euro hätten zahlen sollen. Dafür "soll der Verlag einen mittleren einstelligen Millionenbetrag in das Projekt investiert, aber nur wenige tausend Euro eingenommen haben".

Übrigens hat die Wissenschaft gerade "eine KI für Texterzeugung", also eine Künstliche Intelligenz entwickelt, die so "gefährlich gut" darin sein soll, "'überzeugende' Nachrichten und Geschichten [zu] schreiben", die aber überhaupt nicht stimmen, dass die auftraggebende Stiftung OpenAI – die eigentlich alle ihre Entwicklungen als Open Source veröffentlicht, "auch weil man sich dadurch eine Reduktion des Gefahrenpotenzials durch die öffentliche Kontrollmöglichkeit erhofft" – sie doch lieber unter Verschluss hält. Das berichtete der Standard mit Datum 2. April. Um einen Scherz handelt es sich also vermutlich auch nicht.


Altpapierkorb (blamables Bloßstellen, Politik-Kommentatorin Kiewel, was Funke ferner dichtmacht, Journalismus in Nigeria, "Zukunft des Bewegtbilds")

+++ "Wie man sich beim Bloßstellen der AfD blamiert", beschrieb Stefan Niggemeier angesichts einer weit herumgereichten Meldung über Messerstecher-Vornamen bei uebermedien.de am 1. April, und auch das war kein Scherz. (Und dass uebermedien.de nicht bloß dann Dinge kritisiert, wenn das zur eigenen Haltung passt, ist eine große Stärke dieses Portals).

+++ Auch kein Scherz war die gestern hier erwähnte Klage Jan Böhmermanns nun auch gegen Kanzlerin Merkel. Micha Hanfeld freut sich in der FAZ auf eine "interessante Verhandlung".

+++ Ebenfalls keiner: "Die plötzliche Berufung der ZDF-'Fernsehgarten'-Moderatorin Andrea Kiewel zur politischen Kommentatorin" (meedia.de), und zwar in der Jüdischen Allgemeinen. Dort kritisierte sie, im März bereits, die Israel-Berichterstattung der ARD-"Tagesschau". Interessant auch, dass "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke seine Antwort (die nicht nur meedia.de nicht voll überzeugte) nicht bei blog.tagesschau.de postete, sondern auf Twitter und Facebook. Gniffke befindet sich ja im Wahlkampf-Modus um die SWR-Intendanz.

+++ "Journalisten und Internetkonzerne dürfen sich von Terroristen nicht instrumentalisieren lassen", fordert Georg Mascolo in einem großen, geradezu in Hans-Leyendecker-Manier mit historischen Referenzen gespickten Artikel auf der SZ-Medienseite (€) angesichts des rechtsexremistischen Massenmords in Christchurch.

+++ Auch auf der FAZ-Medienseite: die Meldung, dass Facebook vors Oldenburger Landgericht geht, "um eine einstweilige Verfügung aufheben zu lassen", die gegen die Löschung eines als "Hassbotschaft" eingestuften Posts ergangen war. Das dürfte noch eine interessante Verhandlung werden.

+++ Noch einen überraschenden Medienmanager-Abschied gab es bei Bauer. "Neuer starker Mann" dort wird Veit Dengler, der einst die Mediengruppe der Neuen Zürcher Zeitung (!) leitete. Vorgänger Jörg Hausendorf habe den Gruner+Jahr-gesetzten Trend verschlafen, Zeitschriften rund um Fernsehprominente zu erfinden, meint meedia.de.

+++ Bei Funke wird noch mehr dichtgemacht als in der gestern hier verlinkten Grimberg-Kolumne vermeldet, etwa "die Mantel-Redaktion von TV direkt/Gong Verlag in Ismaning" (Wilfried Urbe, taz).

+++ "... Wichtig im letzten Jahr sei auch die Twitter-Kampagne #NichtOhneMeinKopftuch der islamistischen Gruppierung 'Generation Islam' gewesen. Diese behauptete ein angeblich drohendes Kopftuchverbot im öffentlichen Raum. Unter diesem Vorwand 'nutzten islamistische Akteure den Hashtag, um ihre Botschaften zu verbreiten'", berichtet die taz von Familienministerin Giffeys Vorstellung des Lageberichts "Islamismus im Netz 2018".

+++ Die selten beachtete und besonders schwierige Lage des Journalismus in Nigeria ist Thema im aktuellen epd medien-Tagebuch.

+++ Mit der gestern hier erwähnten Studie zu Youtube-Inhalten (und Aussagen wie der, dass Youtube als "basisdemokratisches Medium zur kulturellen Selbstermächtigung, das obendrein Feuerwerke der Kreativität entfacht", nicht tauge), hat die Otto-Brenner-Stiftung mal wieder ins Schwarze getroffen. Meint auch die Süddeutsche.

+++ Ungefähr alle, die wissen, was Landesmedienanstalten sind, fragen sich, welche sinnvollen Aufgaben diese künftig noch erfüllen könnten. Der Medienrat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) aber soll nun "im Zuge der Novellierung des Medienstaatsvertrags ... von sechs auf acht Mitglieder aufgestockt werden" (Tagesspiegel). +++ Während bei der sächsischen Anstalt die jüngste Chefposten-Vergabe doch nicht so glatt geht, wie es schien (flurfunk-dresden.de).

+++ Und wenn "die Zukunft des Bewegtbilds" in Unterföhring liegt, dann nicht bei ProSiebenSat.1 oder bei Sky, "sondern mehr in Richtung Heizkraftwerk", dort wo ein "Medieninnovator" "Augmented Reality für alle" ersinnt, meint Dorin Popa (mediennetzwerk-bayern.de).

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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