Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 01. Oktober 2019:  Schriftzug "Top 50 - Medienkonzerne weitlweit 2018"
Bildrechte: MDR/Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 01. Oktober 2019 Wohin die Reisen gehen

US-amerikanische Medienkonzerne werden noch dominanter, und Asien ist das neue Europa. Der deutsche "Verlagsriese" Axel Springer ist im internationalen Vergleich ziemlich niedlich und will mit Kleinanzeigen und, äh, Rundfunk größer werden. Außerdem: ein was-mit-Medien-Sektor, in dem es bald sehr viel mehr Arbeit geben könnte. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 01. Oktober 2019:  Schriftzug "Top 50 - Medienkonzerne weitlweit 2018"
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Immer im Herbst erscheint das "Jahrbuch Fernsehen" (dieses Jahr u.a. mit René Martens' Beitrag "Wie Fernsehjournalisten im AfD-Milieu landeten"), und darin findet sich immer auch die neue Rangliste der weltgrößten Medienkonzerne. Dieses Jahr stehen sowohl diese Medienkonzern-Charts als auch ein kleiner Chartskommentar bereits frühzeitig online.

Der Megatrend bleibt der aus dem vorigen Jahr: Die Konzerne "werden immer größer – und haben mit Europa immer weniger zu tun", schrieb ich damals. Ganz oben in der Rangliste stehen der fusionierte US-amerikanische Netz- und Inhalte-Konzern AT & T sowie Google/ Alphabet mit Umsätzen inzwischen jeweils im dreistelligen Milliardenumfang (ob man sie nun in Dollars oder Euros beziffert). Und

"nur zwei nicht-amerikanische Unternehmen finden sich unter den zehn größten: Der chinesische Internet-Konzern Tencent, die chinesische Tech-Erfolgsstory, mit 40 Mrd. Euro Umsatz auf Platz sechs und Sony, mit 31,5 Mrd. Euro Medien-Umsatz auf dem zehnten Platz."

Die europäischen Firmen verschwinden gar nicht alle, wie es in der aktuellen Liste etwa der britische Pay-TV-Konzern Sky tat, der ja von der Comcast Corporation aus Philadelphia gekauft wurde. Sie wachsen bloß viel weniger als die anderen. Bertelsmann als größte deutsche verbleibt, mit leicht gestiegenem Umsatz leicht fallend, in den Top 20.

"Wenn man bedenkt, dass im Umsatzranking 1995 noch Bertelsmann auf Platz 2 stand und mit Havas, der ARD und Lagardère noch weitere europäische Medienunternehmen unter den Top Ten waren, dann sieht man, wohin die Reise medien-geopolitisch geht. Das hat vor allem mit dem Aufkommen der neuen Online-Wissenskonzerne zu tun, mit technologisch getriebenen Fusionen und Zukäufen, aber auch mit Management-Versäumnissen bei den traditionellen Medienhäusern."

 So zitiert der Kommentar Lutz Hachmeister, der diese Ranglisten seit knapp einem Vierteljahrhundert erstellt. Die Reise geht immer in bzw. über die in Mediendingen immer noch dominanter werdenden USA, und wenn irgendwo anders hin, nach Asien. Das zeigt auch der höchste Neueinsteiger, die Bein Media Group nicht aus dem Fernen, sondern aus dem Näheren Osten. Wobei man sie womöglich doch in "beIN" oder "be-in" schreiben sollte, denn mit Beinen hat das Unternehmen aus Doha nichts zu tun – oder aber gerade: "Die mit katarischen Ölmilliarden finanzierte" Firma verfolgt die "langfristige Strategie von 'Sport als Wirtschaftsfaktor' nach dem Ende des Ölzeitalters", heißt's im Chartskommentar.

Wen Bein jedenfalls nach unten verdrängte: den Vorjahres-29., unsere ARD [in deren Verbund ja auch diese Kolumne erscheint]. Wozu wie die Faust aufs Auge passt, was die ARD heute auch noch zur sog. besten Sendezeit nach der 20.00 Uhr-"Tagesschau" in ihrem linearen Fernsehprogramm zeigen wird: die Leichtathletik-WM aus Doha (über die ja unter allerhand Aspekten, auch medialen, gestritten wird).

Axel Springer will größer werden

Wo in den Top 50 steht denn der deutsche "Verlagsriese" (Standard), der seit kurzem ja zu mehr als 40 Prozent dem US-amerikanischen Finanzinvestor KKR gehört und es an diesem Dienstag mal wieder auf die Titelseiten traditioneller Tageszeitungen (SZ: "Axel Springer streicht Jobs") schafft? Wer online auf der Medienkonzern-Rangliste verweilt und ins Browser-Suchfeld "Spring" eingibt, kommt bis Silver Spring in Maryland, USA: wo der 25., der Eurosport-Besitzer Discovery, sitzt, aber weiter nicht: Axel Springer schafft es mit seinen rund 3,2 Milliarden Euro Umsatz erneut gar nicht in die Top 50 der Medienkonzerne. Was ehrgeizige Manager gewiss wurmt ...

Zur angekündigten "Umschichtung" (Altpapier gestern) im Konzern gab es nun also tatsächlich Neues, nämlich ein "drastisches", "wirklich hartes Sparprogramm" (SZ-Medienseite). "Axel Springer investiert und spart zugleich, um bei BILD und WELT digitalen Journalismus zu stärken und Strukturen zu verschlanken", formuliert es der Konzern selber in einer für Verlags-Pressemitteilungen vergleichsweise ehrlichen Mitteilung. Wobei er aber die "Investitionen geschönt" hat, wie das FAZ-Wirtschaftsressort anmerkt, indem er den Betrag von "mehr als 100 Millionen Euro", die investiert werden sollen, "dadurch optisch erhöht, dass er ihn auf einen Dreijahres-Zeitraum bezieht". 

Eingespart werden sollen, vermutlich schneller, 50 Millionen Euro – durch Einstellungen (etwa der werktäglichen Welt Kompakt- und Welt Hamburg-Ausgaben) und eben Stellenstreichungen. Da bleibt Springer beim bewährten Modus, konkrete Zahlen erst später, wenn die News nicht mehr neu sein wird und weniger beachtet werden dürfte, zu beziffern, wie der epd berichtet. Und dennoch hagelt es Zahlen: erstens vom DJV, nach dessen Informationen "20 Prozent der Arbeitsplätze in den betroffenen Unternehmensbereichen gestrichen werden" sollen. Gregory Lipinski hat für meedia.de gleich weitergerechnet: "Geht man von Durchschnittskosten von 80.000 Euro pro Mitarbeiter pro Jahr aus, wären mehr als 450 Stellen betroffen".

Zweitens kommen konkrete Zahlen aus Redaktionssitzungen.

"Allein in der Zeitungsgruppe 'Bild' sollen 20 Millionen Euro eingespart werden, wie auf einer Redaktionskonferenz am Montagmittag bekanntgegeben wurde", berichtet Kai-Hinrich Renner in den Funke-Medien. Und "nach Informationen der taz aus Verlagskreisen sollen davon 20 Millionen bei der Bild- und 5 Millionen bei der Welt-Gruppe gespart  werden. Der Betrag würde rein rechnerisch etwa den Jahresgehältern von 250 Redakteur*innen entsprechen", rechnet die taz. Dort bringt Peter Weissenburger, der zuvor schon mit Recht betonte, dass Springer nunmehr "zur Hälfte ein journalistisches Unternehmen, das Nachrichtenredaktionen hinter den Marken Bild und Welt versammelt" ist und sich "zur anderen Hälfte ... im digitalen Kleinanzeigen-Geschäft" betätigt, auf den Punkt, wohin in diesem Fall die Reise geht:

"Einer der größten Verlage Europas zeigt damit auf, was die Realität im Journalismus der Gegenwart ist: Wer sich anpasst überlebt, der Rest wird überflüssig."

Konkret geht die Reise "zu Lasten von Print" (Ulrike Simon im Deutschlandfunk) in den Bereich, der in Deutschland traditionell noch "Rundfunk" heißt (weil die entsprechenden Gesetze halt vorläufig noch aus dem 20. Jahrhundert stammen). Nochmals Renner: "Der Löwenanteil dürfte hier in den Ausbau der Liveberichterstattung fließen. Zu diesem Zweck soll 'Bild' einen eigenen Fernsehsender  bekommen, der 18 Stunden am Tag live senden soll. Dies dürfte als Kampfansage an RTL, den bisher führenden deutschen  Boulevardsender, zu verstehen sein" – der ja tatsächlich zu verlässlichsten Einnahmequellen des größten deutschen Medienkonzerns Bertelsmann zählt.

"Es war ein ewiger Traum von Axel Springer, das Verlegerfernsehen", leiten Isabell Hülsen und Alexander Kühn ihren Spiegel Online-Bericht ein und scheinen drauf und dran, diese "Geschichte einer unerfüllten Liebe" erzählen zu wollen. Doch die Zusammenlegung der Alltags-Bild-Zeitungsredaktion mit der der Bild am Sonntagmuss ja auch noch berichtet werden. "Schon jetzt ist somit klar: Die Fusion birgt kulturellen Sprengstoff", macht SPON gespannt. (Wobei: ob das stärkerer oder sogar kulturellerer Sprengstoff sein wird als die Zusammenlegung der Redaktionen des gedruckten Demokratie-Sturmgeschützes Der Spiegel mit der des boulevardigen bild.de-Rivalen SPON ... schau'n wir mal.)

Jedenfalls zeigt sich schön, wie gebannt weiterhin alle deutschen Medien auf Springer, seine Bild-Redaktion und das, was daraus werden wird, schauen. Die Bild-Zeitung und ihre Digitalprodukte bleiben das deutsche Leit- bis Treib-Medium. Genau das dürfte zum Kern der jüngsten Springer-Pläne gehören.

Schrumpfende Verlage sind immer noch Großkunden

Und es zeigt sich auch in den Lieferketten der arbeitsteiligen Medienindustrie. Dazu hat heute die SZ-Medienseite was Exklusives, nämlich einen Rundbrief des dpa-Chefredakteurs Sven Gösmann an die Landesbüros der deutschen Presse-Agentur, in dem von "sehr herausfordernden Vertragsgesprächen mit Großkunden" die Rede sei. Um wen es sich beim namentlich genannten Großkunden handelt: um das längst verkleinerte und weiterhin schrumpfende Zeitungs-Geschäft des Springer-Konzerns.

Die dpa bereitet sich darauf vor, bei Springers Rest-Medien weniger Einnahmen als bislang zu erwirtschaften, berichten Elisa Britzelmeier und Stefan Mayr. Außerdem hat sie natürlich längst bemerkt, dass ihre "Abo-Erlöse grundsätzlich schwinden, auch weil es 'immer weniger Vollredaktionen' gebe." Jedes Mal, wenn irgendein Lokalblatt diesem oder jenem deutschen Redaktionsnetzwerk angeschlossen wird, sinken auch die Einnahmen der Nachrichtenagenturen. Das Rezept der dpa dagegen sei denen sehr ähnlich, die ihre großen und kleinen Kunden ebenfalls anwenden:

"Die Deutsche-Presse Agentur hat deswegen nun ein Sparkonzept ausgearbeitet, dass neben einer Zentralisierung auch Stellenabbau vorsieht."

Altpapierkorb (Mehrarbeit für Medien-Staatsanwälte? Kleber & Kurz, Kölns Zeitungen, Ukraine, Netflix' Frankfurt, "F-Wort" ...)

+++ Für wen es künftig sehr viel mehr Arbeit geben könnte: für Medien-Staatsanwälte. Von einem Plan der Bundesjustizministerin Christine Lambrecht, demzufolge Facebook, Youtube und Twitter "strafbare Kommentare direkt an die Behörden weitergeben" müssen, berichtet die Süddeutsche. Dann hätten die Ermittler mit abertausenden neuen Fällen pro Monat zu tun, aber dank besseren Zugriffs auf IP-Adressen der Kommentatoren auch größere Erfolgschancen. Eher Dystopie, eher Utopie? "Es braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag", ruft Andrian Kreye dazu auf der Meinungsseite aus.

+++ Scharfe Kritik an einheimischen BundeskanzlerInnen zählt nicht zu den großen Leidenschaften oder Kernkompetenzen deutscher Leitmedien, der öffentlich-rechtlichen zumal. Aber ausländische Bundeskanzler müssen sich im deutschen Fernsehen weiterhin warm anziehen. Beziehungsweise: Michael Hanfeld hat sich wieder über Claus Kleber geärgert, und darüber, "wie wenig dieser Vertreter eines Mediums, das, wenn es darum geht, die nächste Erhöhung des Rundfunkbeitrags einzufordern, gerne darauf verweist, dass es ein tragender Pfeiler der Demokratie ist, von Demokratie und freien Wahlen hält, wenn das Ergebnis nicht  seinen Vorstellungen entspricht."

+++ Diese Glosse steht vorn im FAZ-Feuilleton, denn die Medienseite füllt fast vollständig das große Gespräch "Unser Sender ist ein Kind der deutschen Einheit", das Hanfeld mit Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue führte.

+++ Von "etwas gönnerhaften" Off-Kommentaren und Reenactments mit "plakativer Musikuntermalung" abgesehen, sei Heike Bittners und Torsten Körners heutige Arte-Doku "Palast der Gespenster" über die Feierlichkeiten zum 40. und allerletzten Geburtstag der DDR vor 40 Jahren doch sehenswert, meint Manfried Riepe im Tagesspiegel.

+++ Die Medienpolitik in der Ukraine ist ein weiteres Thema der taz.

+++ Über eine kölsche Diskussionsrunde zur "Zukunft der Kölner Zeitungen" bzw. darüber, dass "eines der größten Medienunternehmen" der Stadt "kein Medienunternehmen mehr sein möchte, sondern sich zukünftig nur noch auf 'Marketing  Technology' und 'Business Information' konzentrieren möchte", berichtet Wilfried Urbe bei mmm.verdi.de.

+++ Die Frankfurter Rundschau ist über die neueste deutsche, in Frankfurt spielende Netflix-Serie "Skylines" nicht so glücklich. +++ Aber Altpapier-Autorin Nora Frerichmann ist vom HR-Podcast "Das F-Wort" recht angetan (epd medien).

+++ Und wie außer sog. Künstlicher Intelligenz auch Gesichtserkennungs-Software beim Auswählen von Bewerbern um Arbeitsplätze hilft, hat futurezone.at britischen Medien entnommen: "Kandidaten werden per Video-Call mit Smartphone oder Laptop interviewt und ein Algorithmus wählt dann den jeweils am besten geeigneten Kandidaten für das Unternehmen aus. Dabei werden rund 25.000 Informationen berechnet und berücksichtigt. Das sind einerseits die Gesichtsausdrücke, die Gesten, die jemand beim Interview macht, aber auch ... "

Neues Altpapier gibt’s wieder am Mittwoch.

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2019, 11:45 Uhr

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