Das Altpapier am 10. Oktober 2019 Einzeltäter ≠ Einzeltäter

Die schwindende Gatekeeper-Rolle klassischer Medien bedeutet nicht automatisch auch weniger Verantwortung für Redaktionen. Ein allein handelnder Terrorist muss nicht gleich ein Einzeltäter sein. Online-Redaktionen brauchen dringend feste Routinen für falsche Berichterstattung im Netz. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 10. Oktober 2019: Ein Foto zeigt den Polizeieinsatz nach dem Attentat in Halle/Saale, darauf sind zwei Buttons zu sehen: "Sensation" und "Verantwortung". Ein Mauszeiger zeigt auf "Sensation".
Bildrechte: MEDIEN360g / panthermedia / MDR/Johannes Krey

Wir steigen heute ohne launige Umschweife ein ins Altpapier. Alles andere wäre nach einem Tag wie gestern fehl am Platz. Von der grausamen Tat in Halle werden Sie alle gehört haben. Einen Überblick über das versuchte Massaker in einer Synagoge in Sachsen-Anhalt und die zwei Morde in dem Zusammenhang gibt es vor allem in zwei für solche Extremsituationen typischen Formaten "Was wir über den Anschlag wissen" (z.B. "Tagesschau",T-Online, Berliner Morgenpost) und in diversen Newsblogs.

Auf der Ebene der Medienkritik gibt es dabei zwei Punkte, die hier heute eine Rolle spielen sollen: Die Verbreitung der Selbstinszenierung des Täters und seine Bezeichnung als "Einzeltäter".

Einige Medien (allen voran – Überraschung – die Bild), zeigen Bilder des Täters unverpixelt und mit vollem Namen, zeigen Fotos und Videoausschnitte, wie er auf Passanten schießt. Bei der Tat in Halle gibt es unübersehbare Parallelen zu dem Anschlag auf Moscheen im März in Neuseeland: Die Helmkamera, mit der die Täter sich filmten und das Video im Netz hochluden. Das rechtsextremistische Online-Milieu, in dem sich die Täter verschiedenen Recherchen zufolge bewegt haben sollen. Das Ziel war in beiden Fällen ein Gotteshaus, in dem ein bedeutender religiöser Tag gefeiert wurde.

Schon im März und auch nach dem Massaker in El Paso wurde darauf hingewiesen, dass das Ziel solcher Rechtsterroristen nicht nur die Tat an sich ist, sondern vor allem auch die Verbreitung der Bilder und damit die Weitergabe der eigenen Inszenierung des Täters als eine Art gameifizierter Terror: Mit der massenhaften Verbreitung der Bilder und der Ego-Shoter-artigen Aufmachung des Täters, heben Medien solchen Terroristen quasi auf eine Art Meme-Status, adeln ihn gewissermaßen und trampeln den Pfad für Nachahmer noch ein bisschen weiter aus.

Dass Medienhäuser dabei nicht mehr die alleinigen Gatekeeper sind, wie in der Zeit vor den sozialen Medien, war auch dieses Mal wieder zu beobachten. Obwohl die Polizei davor warnte, kursierten gestern bei Twitter, Facebook und Co. verschiedene Bilder und Videos, die offenbar von Anwohnern oder Passanten gemacht wurden. Das heißt aber nicht, dass wir uns unserer Verantwortung entziehen können, kritisierten die Wissenschaftler Robert Kahr, Frank Robertz und Ruben Wickenhäuser schon 2017 bei der Bundeszentrale für politische Bildung:

"Dass die Verbreitung von Bildern und Videos im Internet nicht effektiv unterbunden werden kann, wird von den etablierten Massenmedien mitunter als Grund dafür genannt, das Tätermaterial auch ihrerseits zu verwenden. Es sei schließlich bereits öffentlich verfügbar. Dabei wird jedoch die Rolle der Massenmedien als Multiplikatoren und Kontrollinstanzen, die Meldungen kuratieren und verifizieren sollen, vernachlässigt. Von ihnen wird die redaktionelle Bearbeitung von Nachrichten erwartet, ein kritisches Hinterfragen, um den 'Wahrheitsgehalt' von Nachrichten zu überprüfen. Werden Propaganda und Informationsschnipsel ungefiltert aus sozialen Netzwerken übernommen, werden sie einem solchen Anspruch nicht gerecht."

Sicher ist es Aufgabe von Journalisten und Journalistinnen, den Ernst der Bedrohungslage zu verdeutlichen und die Tat zu analysieren. Sobald aber der Fokus auf die Bilder stärker wird als die Auseinandersetzung mit den Opfern oder den Hintergründen, entsteht eine Art "Attentats-Pornografie", wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nach Christchurch nannte (Breitband, Deutschlandfunk Kultur).

Um sowas zu vermeiden, gibt der Kriminalpsychologe Jens Hoffman (Tweet von Stefan Niggemeier) verschiedene Empfehlungen z.B.: 1. Keine Namen nennen. 2. Keine Gesichter zeigen. 3. Täter nicht dämonisieren.

Ignorieren digitaler Hass-Räume

Diskutiert wird im Zusammenhang mit Halle vor allem auch über den Begriff "Einzeltäter". Zu Beginn hatte die Bezeichnung durchaus seine Berechtigung, weil zunächst von zwei Tätern die Rede war. Mit Blick auf die Dimension der Tat ist das Wort aber vor allem verharmlosend. Die Journalistin Teresa Bücker twitterte:

"Der Begriff 'Einzeltäter' ist irreführend. Er blendet aus, dass Menschen sich eben nicht allein radikalisieren, sondern eingebettet in soziale Gefüge, Diskurse, dass es Vorbilder gibt. Der Begriff beruhigt, wo es keine Beruhigung geben darf."

In diesem Fall werden mit der Bezeichnung vor allem die digitalen Räume ignoriert, in denen sich die rechtsextreme Szene weltweit vernetzt, der Hass sich hochschaukelt, eine Art Terror-Heldenkult entsteht und Strategien entwickelt werden. Bei 8chan z.B. gab es vor den rechtsterroristischen Akten in Christchurch und El Paso Hinweise auf die Planung der Taten (Link Altpapier). Nach der zumindest vorübergehenden Schließung der Plattform scheint ein Großteil der Far-Right-Szene zu Telegram abgewandert zu sein. Der Täter hat vielleicht allein gehandelt. Zum Einzeltäter macht ihn das aber nicht automatisch.

Falschnachrichten sind kein Rotwein

Ebenfalls eine gewisse Ignoranz gegenüber dem digitalen Raum zeigt sich in Redaktionen selbst. Sach ma, wie kann das eigentlich im Jahr 2019 noch sein? Haben Medienhäuser das Internet so wenig verstanden? Bei einem Streifzug durch’s Netz findet man auch Jahre später noch diverse alte Falschmeldungen von Medienhäusern, die unkorrigiert und unkommentiert weiter auf Nachrichtenportalen stehen.

Nehmen wir als Beispiel mal die Berichterstattung über den angeblichen Mob aus Afghanen und "Männern mit Migrationshintergrund", die 2016 drei Mädchen im Kieler Einkaufszentrum Sophienhof belästigt haben sollen. Um den Fall geht es u.a. in der neuen Folge des empfehlenswerten NDR-Podcasts "180 Grad: Geschichten gegen den Hass" von Bastian Berbner.

Nach einigen Wochen Polizeiermittlung, vor der aber schon ein riesiges Ausmaß an Berichterstattung durch Netz, Zeitungen und Äther gegangen war, stellte sich heraus: den beschriebenen Mob hatte es gar nicht gegeben (eine Gedankenstütze gibt‘s z.B. bei SpOn).

Die falschen Berichte sind allerdings auch jetzt (Stand 9 Uhr am 10.10.19) noch online abrufbar, völlig ohne Korrektur oder Hinweis, dass das Geschilderte so gar nicht stattgefunden hat, z.B. bei Welt, Kieler Nachrichten, Tagesspiegel, Süddeutscher Zeitung, Deutscher Welle, Weser Kurier und Bild. Der Spiegel hat dieser Meldung zumindest einen kurzen Einschub vorangestellt, dass es "neue Entwicklungen" in dem Fall gebe. Dass das komplette Fundament der Meldung zerbröckelt ist, wird daraus aber auch nicht deutlich.

Auch die Polizei hatte in dem Fall Fehler gemacht. In der erwähnten Podcast-Folge kommt vor allem Oliver Pohl, Polizeibeamter und Pressesprecher Polizei Kiel, zu Wort. Er erinnert sich an den "medialen Weltuntergang", der nach der Berichterstattung von Kieler Nachrichten und dpa über die Polizeiwache hereingebrochen sei. Das "Tempo war atemberaubend", sagt er und es habe "keine einzige kritische Nachfrage" von Journalisten und Journalistinnen gegeben, ob der Fall auch anders abgelaufen sein könnte, als bisher geschildert.

Pohl liefert dabei die wichtige Erinnerung, dass auch die Angaben der Polizei von Journalisten und Journalistinnen gründlich geprüft werden müssen, obwohl sie als privilegierte Quelle gilt (das Thema hat René Martens z.B. in einem Altpapier von Mai 2018 und Juni 2019 kritisch beleuchtet). Berichte der Leitstelle seien regelmäßig fehlerbehaftet, weil sie zunächst nur den ersten Eindruck der Beamten vor Ort wiedergäben:

"Also, wenn wir jetzt irgendwo hin gerufen werden, dann sind die Kollegen vor Ort, nehmen das auf, lassen sich erklären, was hier passiert sein könnte. Es wird dann ein Bericht geschrieben."

Das zeige erstmal nur, was nach dem ersten Augenschein passiert sein könnte. Im Fall Sophienhof sei das zunächst mal nur Aussage von einem der drei Mädchen gewesen, unüberprüft. Bei der Polizei habe man dann den Fehler gemacht, das alles in einer PM als Tatsache hinzustellen, ohne Konjunktiv. Pohl erzählt selbstkritisch von der Polizeiarbeit:

"Wir waren alle dermaßen in diesem Film, dass wir im Grunde alle dasselbe Bild im Auge hatten und deshalb überhaupt nicht mehr in Zweifel gezogen haben, was wir da schreiben. Wir waren ganz sicher, dass es so gewesen ist und das war definitiv unser großer Fehler."

Und:

"Wir sind Menschen, die gelernt haben, auch in Extremsituationen handlungsfähig zu bleiben. Das ist erstmal positiv. Das ist etwas, wofür man uns ruft und auch vertraut. (…) Wenn man aber jetzt genauer hinschaut, muss man leider sagen: Wir sind so handlungsfähig, weil wir sehr schnell urteilen. D.h. wir kommen in eine Situation, sehen schwarz-weiß und handeln."

Der Podcast ist ein eindringlicher Appell an die journalistische Sorgfaltspflicht und einen kritischen Umgang mit jeglicher Art von Quellen.

Umso wichtiger, dass Redaktionen mehr als 20 Jahre nach dem Aufkommen der Online-Nachrichten endlich feste Routinen entwickeln, wie sie Fehler in der Berichterstattung zumindest auf den eigenen Seiten wieder einfangen können. Das Internet vergisst zwar nie komplett, aber zumindest für die Richtigkeit der eigenen Texte muss auch rückwirkend Verantwortung übernommen werden. Falschnachrichten sind schließlich kein Rotwein, der mit den Jahren immer besser wird, sondern irgendwann nur noch peinlich und für Demokratien sogar gefährlich.

Korrekturen bekommen sowieso meist nicht annähernd die Reichweite, die die ursprüngliche Meldung erzeugt. Umso wichtiger, dass die falschen Informationen bei der Online-Suche im Nachhinein nicht auch Jahre später noch durch’s Netz wabern!

Altpapierkorb (Hessische Filmförderung, The Correspondent, Nutzerdaten bei Twitter, EP Today)

+++ Die Hessische Filmförderung hat einen neuen Übergangschef, berichtet die Frankfurter Rundschau. Der vorherige Häuptling Hans Joachim Mendig war wegen Verbindungen zur AfD, vor allem Jörg Meuthen, und einer "Entfremdung zwischen ihm und den Filmschaffenden" in die Kritik geraten.

+++ Aufmacher auf der FAZ-Medienseite ist heute ein Bericht über den Start der US-Schwester der Nachrichtenseite De Correspondent. "Wir werden nicht atemlos dem Nachrichtenkreislauf hinterherrennen, sondern über die grundlegenden Kräfte berichten, die unsere Welt gestalten," versprechen die Macher und Macherinnen. Es gab allerdings auch schon einiges an Kritik an Intransparenz bei den Finanzen. Daraus scheint das Start-Up laut Felix Hooß allerdings mittlerweile gelernt zu haben.

+++ Für den Tagesspiegel hat Kurt Sagatz sich ein vermeintliches Magazin des Europa-Parlaments vorgeknöpft, das allerdings überwiegend aus Russia-Today-Beiträgen besteht. EP Today heißt die Seite, die mit einer Europaflagge bebildert ist.

+++ Twitter steht für seinen Umgang mit Nutzerdaten in der Kritik. Laut SpOn sollen für die Account-Sicherheit hinterlegte Daten "möglicherweise versehentlich" für Werbezwecke genutzt worden sein.

+++ In der Süddeutschen porträtiert Kathrin Müller-Lancé den Schauspieler und Produzenten Adnan Maral. Vor vier Jahren hat er die Produktionsfirma "Yalla" gegründet, mit der er u.a. gegen holzschnittartige Darstellungen von Nationalitäten angeht: "Ich habe nichts dagegen, einen Türken zu spielen. Ich habe etwas dagegen, den Klischee-Türken zu spielen, der keine eigene Geschichte hat." 

+++ Über einen Putschversuch bei dem linken US-Radiosender WBAI schreibt Dorothea Hahn bei der taz.

+++ Ende Januar soll’s weitergehen mit "Babylon Berlin", berichtet der Tagesspiegel. Die Handlung spiele kurz vor dem Börsencrash 1929.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Freitag.

0 Kommentare