Das Altpapier am 11. Dezember 2019 Konkurrenten sind auch Kunden

... und umgekehrt. Es gibt heiße News zur übernächsten Staffel der erfolgreichen Fernseh- bzw. Streaming-Reihe Champions League. Wie schafft es Amazon bloß, immer so fit für den Wettbewerb zu sein? Außerdem: neue Spins zum alten Thema Rundfunkbeitrag. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 11. Dezember 2019: Das Wort "Streamingserie" auf geschnittenem Brot
Bildrechte: Panthermedia / Collage: MDR/MEDIEN360G

Wer coole Produkte wie neue Versionen sog. Smartphones oder frische Staffeln erfolgreicher Fernseh- bzw. Streaming-Serien auf den Markt zu bringen gedenkt, fährt am besten damit, spektakuläre Neuigkeiten frühzeitig stückchen- oder scheibchenweise an die interessierte Öffentlichkeit rauszulassen. Schließlich zählt zu den verlässlichsten Mechanismen im journalistischen Bereich des Mediengeschäfts, dass alle melden, was alle melden (und zwar ähnlich groß).

Auf diese Weise lässt sich gewaltige Aufmerksamkeit erzielen. Und letztlich sind Fernseh-Fußball-Rechte-Pakete ebenfalls solch ein cooles Produkt – auch wenn sie natürlich in völlig andere Pakete umverpackt werden müssen, damit Endverbraucher sie abonnieren können.

Ungefähr so muss Alex Green, der europäische Sport-Geschäftsführer beim US-amerikanischen Datenkraken Amazon, gedacht haben, als er eine exklusive Neuigkeit an dwdl.de vergab. Nämlich die, dass

"... Amazon Prime Video ab der Saison 2021/22 einen Teil der Champions League-Partien live übertragen [wird]. Der Streamingdienst hat sich das Paket A1 gesichert, das die Topspiele der Champions League am Dienstagabend beinhaltet."

Dann gab Green noch "Begeisterung" kund, bei der es sich um ungefähr dieselbe handeln dürfte, mit der Amazons fröhlich singenden Paketboten in den Werbespots, die Amazon u.a. in der ARD-"Sportschau" schaltet, ihre fröhlich singenden Pakete ausfahren. Green bestätigte dann bloß noch Folgeanfragen, z.B. vom epd und von der FAZ, mit denselben Worten bzw. mit Strg+C und Strg+V. Und Thomas Lückerath von dwdl.de brauchte nurmehr genüsslich die Einschätzung,

"Der Deal von Amazon weckt - je nach Betrachtungswinkel - wahlweise Fantasie oder Furcht, dass sich der Streamingdienst im kommenden Jahr auch für die Übertragungsrechte an der Fußball-Bundesliga interessieren könnte",

hinzuzufügen, um sich dann zufrieden zurückzulehnen und zu beobachten, wie sein Mediendienst überall, nur zum Beispiel: von kicker.de bis zum Tagesspiegel zitiert wird.

Wobei natürlich alle Multiplikatoren die wenigen Zeilen Neuigkeit mit Süppchen aus dem eigenen Bestand ergänzen (was niemandem vorzuwerfen ist). Der Tagesspiegel etwa bringt unter einem Foto des international erfolgreichen Fußballtrainers und Werbeträgers Jürgen Klopp, in dessen Brillengläsern sich schon Weihnachtsbaumkerzen zu spiegeln scheinen, noch mal seinen Überblick über die schon jetzt komplizierte Champions-League-Anguck-Situation. Und zwar völlig zurecht, schließlich wird die Änderung erst in der zweiten Fußballsaison des neuen Jahrzehnts, das erst in wenigen Wochen beginnt, in Kraft treten.

Das wirtschaftsfreundliche FAZ-Wirtschaftsressort garniert seine Freude über "zusätzlichen Schwung" beim Versteigern "lukrativer Live-Rechte im Fußball" mit ein paar Wachstums-Zahlen ("Amazon soll aktuell für sein Streamingangebot mehr als 100 Millionen Kunden haben, Netflix 139 Millionen..."). Den Artikel gibt's für 55 Cent bei Blendle. Die Medienseite der SZ dagegen äußert Sorgen über "die Zersplitterung des Angebots" ("...macht die Teilhabe schwieriger und den Fußball nicht attraktiver") und stellt klar,

"dass Amazon das erste Zugriffsrecht lediglich auf ein einziges Dienstagsspiel hat. Wer die Rechte an den anderen Dienstagspielen und den Zusammenfassungen bekommen wird, ist noch ebenso unklar wie die Vergabe der Rechte an den Mittwochspielen."

Und weil sich um die diversen Bewegtbild-Rechtepakete allein für den deutschsprachigen Raum "einige Dutzend Sender und Plattformen" beworben haben sollen (Standard), "von Sky und Dazn über RTL und ZDF bis ORF", heißt das: Es wird noch so einige weitere recht spektakuläre Scheibchen oder Stückchen Fußball-Fernsehrechte-Neuigkeiten geben.

Was die Fußball-Fernseh-Zukunft bringen könnte

Gutes Bonusmaterial bietet, wenngleich unter einer leicht missverständlichen Einleitung ("Die Champions League wird ab 2021 bei Amazon laufen. Kurz zuvor hat Welt mit dem Bundesliga-Chef und dem Bitkom-Präsidenten über die Rolle von Amazon und Netflix gesprochen ... " – dabei haben wir ja noch 2019!) Springers Welt. Zwar ist der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Achim Berg, kein sehr eingefleischter Fußballfan, wie schon die Nennung von "Köln und Mönchengladbach" als seinen Lieblingsmannschaften zeigt. (Und diese Bitkom war, wie hier noch mal rasch erwähnt werden darf, 2017 Träger des Negativpreises Big Brother Award; aktuell zählt sie zu den nicht sehr vielen Gegnern des neuen Medienstaatsvertrags). Dennoch ist's ein interessantes Interview. Berg prognostiziert etwa, "dass künstliche Intelligenz irgendwann zuverlässiger ein Foul erkennt als ein Schiedsrichter".

Und Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL), zu deren wichtigsten Aufgaben das Versteigern der Übertragungsrechte an der Bundesliga gehört, wirft aufschlussreiche Blicke in die Medienzukunft. Er erzählt etwa von einer israelischen Software, die "automatisiert Video-Highlights" erstellen kann, "in denen beispielsweise alle japanischen Spieler vorkommen" und die die DFL ans japanische Fernsehen verkauft. Künftig könnte "jeder Nutzer die Spieler, die in seinem personalisierten Highlight-Video vorkommen sollen", selber bestimmen – sofern er dafür bezahlt, lässt sich hinzudenken. Die nähere Zukunft bringt freilich die nächste Versteigerung der Rechte an künftigen Bundesliga-Runden. Seifert sagt:

"Wir alle konkurrieren um das rare Gut Zeit. Unsere größten Konkurrenten für die Zukunft sind Filme und Serien etwa bei Netflix oder Amazon Prime, künftig vielleicht Disney Plus, und die britische Premier League."

Welt: "Wenn man an die bevorstehende Vergabe der Bundesliga-Rechte denkt, können Netflix und Amazon aber auch Ihre Kunden sein."

"Ja, das stimmt. Genauso wie DAZN oder die Deutsche Telekom, die mit Magenta TV in Sachen Sportinhalte neben Sky und DAZN inzwischen das größte Angebot hat. ..."

Dass Netflix jetzt auch noch ins Geschäft mit Live-Sport einsteigt, ist nicht besonders wahrscheinlich. Aber die einigen Dutzend Sender und Plattformen, die sich um die Champions League-Rechte bewarben, dürften sich auch für die pro Spiel preiswerteren Rechte an der deutschen Bundesliga interessieren – die die DFL früher oder später allerdings auch selbst, ohne Zwischenhändler, an zahlendes Publikum verkaufen könnte. Die Konkurrenten können auch Kunden sein, und umgekehrt. Das macht das Interview schön deutlich.

Neue Spins zur alten Rundfunkbeitrags-Frage

Wird sieht's denn mit der guten alten ARD, die die Champions League nur aus der Kurzberichterstattung (und den in den Werbestrecken ihrer "Sportschau" geschalteten Spots) kennt, und der Fußballrechte-Ersteigerung aus?

"Unser Spielraum schrumpft", heißt das tagesaktuelle Interview mit dem noch bis Jahresende amtierenden ARD-Vorsitzenden. Ulrich Wilhelm gab es Helmut Hartung, dem auf der FAZ-Medienseite neu aufgeblühten Veteranen des Medienfunktionärs-Interviews (Altpapier), und hat den "Spielraum, der Gesellschaft wichtige Dienste anzubieten" im Sinn. Dazu gehört die Champions League wohl kaum. Jedenfalls dürfte die Haupteinnahmequelle der ARD, der Rundfunkbeitrag, nicht annähernd so steigen wie Amazons Einnahmen, und nicht mal so, wie es die ARD gerne hätte.

Nachdem Wilhelm gemäß alter Schule erst mal das Positive betont hat, z.B.:

"Die Sicht auf uns war lange Zeit stark von der liberalen Tradition geprägt, dass ein öffentliches Gut neben den Angeboten des Marktes kleiner werden und sich auf die Nischen begrenzen soll, die von den privaten Marktanbietern nicht wahrgenommen werden. Heute wird die hohe Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einer digitalen Welt viel stärker anerkannt.",

bringt er zwei neue Spins in die Debatte, die dieser Tage in kleinen Runden zwischen Senderchefs und der Finanzbedarfermittlungs-Kommission KEF in Mainz in kleinen Runden weitergeführt wird. Der eine Spin deutet auf Verteilungskämpfe unter den Öffentlich-Rechtlichen um den aus ihrer Sicht niedrig erhöhten Rundfunkbeitrag: Es

"wird von der [KEF] eine nicht unbedeutende Umverteilung von der ARD zum ZDF und Deutschlandradio vorgeschlagen, die ich nicht nachvollziehen kann. Damit würden die nationalen Angebote zulasten der regionalen gestärkt",

sagt Wilhelm. Der andere versucht die Umkehr bekannter Angriffe auf die Öffentlich-Rechtlichen und besonders auf die ARD. "Man kann aus fast jeder Staatskanzlei hören, die öffentlich-rechtlichen Anstalten müssten weitere Reformanstrengungen unternehmen", wirft Hartung ein. Wilhelm entgegnet:

"Ich sehe ein solches Mantra kritisch. Niemand behauptet mit Blick auf den Föderalismus der Länder, dass die Existenz je eines Kultusministeriums in jedem der sechzehn Länder eine 'Doppelung' ist - es besteht Einigkeit, dass das zum Wesen des Föderalismus gehört ..."

Wenn also erst mal ein paar Bundesländer fusionieren würden (von denen einige angesichts der Demographie und sonstiger überall lauernder Herausforderungen ja auch ziemlich klein sind), dann könnten die ARD-Anstalten nachziehen und etwa die Profile ihrer voll verwechselbaren Dritten Vollprogramme, die immerzu neue Krimi-Wiederholungen bundesweit linear ausstrahlen müssen, um ihre Marktanteile zu halten, nachjustieren? Das wäre kein schlechter Gedanke. Auch wenn Wilhelm insgeheim wohl eher darauf setzt, dass Bundesländer-Zusammenschlüsse das allerallerletzte sind, dem die in Medien- und Rundfunkpolitik nun mal entscheidenden Bundesländer-Politik zustimmen würden.

Wer Amazon & Co auch fit für den globalen Wettbewerb macht

Nochmals rasch zurück zu Amazon, das als circa zweitgrößter Konzern der Welt an allen Ecken und Enden Schlagzeilen produziert. Zugegeben, Adventsstreiks in den Logistikzentren sorgen kaum noch für größere Aufmerksamkeit. Gewerkschaften sind schließlich auch nicht mehr, was sie wohl mal waren.

Um Amazons wohl allerprofitabelsten Geschäftszweig handelt es sich bei den Cloud-Dienstleistungen. Darauf angewiesen sind ganz besonders solche Unternehmen, die Audios oder Videos streamen. Auch da dürften so einige Amazon-Konkurrenten zugleich Kunden sein. Und da verdient eine weltpolitische Meldung Aufmerksamkeit, die etwa bei SPON (und überall, wo Trump- Schlagzeilen gut klicken) zu finden ist.

Es geht um die Vergabe eines neuen, "bis zu zehn Milliarden Dollar schweren" Großauftrags des US-amerikanischen Militärs. Nach dem Zuschlag an Microsoft warf Amazon, das mit dem Auftrag selber gerechnet hatte, Präsident Trump "Amtsmissbrauch" vor, weil Amazon-Chef Bezos (der privat ja auch die renommierte Zeitung Washington Post besitzt) zu dessen prominenten Kritikern gehört.

Vereinfacht gesagt: So gut wie alle plattform- oder überwachungskapitalistischen Konzerne aus den USA, die in Europa oft coole Produkte günstig anbieten (oder, wie Microsoft, uncoole, aber kaum mehr ersetzbare) und attraktive Rechtepakete ersteigern, auch weil sie durch quasi-monopolistische Marktpositionen riesige Gewinne erwirtschaften (die durch minimale, gern irische oder luxemburgische Steuern nur unwesentlich geschmälert werden), werden daheim überdies durch abermilliardenschwere Staatsaufträge für genau diesen Wettbewerb fit gemacht.

Was aus US-Sicht natürlich logisch ist: möglichst viele Daten aus aller Welt auf US-amerikanischen Servern oder wenigstens solchen mit guten Zugriffsmöglichkeiten zu sammeln, liegt ja im langfristigen strategischen Interesse der Supermacht.

Wie würde Uwe Steimle sowas wohl formulieren? Weiter im Altpapierkorb ...


Altpapierkorb (Böhmermann-Steimle-Vergleich, 70 Jahre DJV, RTL dreht sich im Kreis, Rudelsingen in Ahaus, Gniffke bloggt wieder)

+++ Wer den Querkopf Steimle, der nun nicht mehr für den MDR tätig ist (Altpapier), nochmal auf die Agenda gesetzt hatte: sein, was die Sender-Nachfrage angeht, erfolgreicherer Kollege Jan Böhmermann (siehe etwa Thüringer Allgemeine, also das Medium, dessen Steimle-Interview den MDR veranlasste, sich von diesem zu trennen).

+++ Im Tagesspiegel stieg Joachim Huber mit einem schön süffigen Böhmermann-Steimle-Vergleich drauf ein ("Steimle mit seinem Ressentiment-beladenen Rückwärtsfanatismus, Jan Böhmermann mit seinen (nicht nur gegen Dieter Nuhr) gericheten Fresse-Polieren-Gags – sie befriedigen Lagerdenken links und rechts. Das genügt ihnen, der jeweilige Bühnenrand ist der individuelle Tellerrand"). Und dass "sich eine Renate Künast die allerschlimmsten Schmähungen im Netz gefallen lassen muss", sei ebenfalls Böhmermanns Verdienst.

+++ Was hier, wie Sie wissen im MDR-Internetauftritt, noch erwähnt werden könnte: dass der der MDR zwar für die Trennung von Steimle an sich viel Zustimmung bekommt, aber nicht unbedingt für Zeitpunkt und Anlass. "Es scheint so, dass der Sender die Grenze nicht bei rechter oder rechtsextremer Provokation zieht, sondern bei der Loyalität", schrieb die taz. "Aber zumindest moralisch geht er", Steimle, "jetzt als Sieger vom Platz", Antje Hildebrandt bei cicero.de (€).

+++ "Massiv nach oben geschnellt" sei die Nennung der Herkunft von Tatverdächtigen in Medienmeldungen, berichtet die taz über eine neue Studie.

+++ Apropos Gewerkschaften sind auch nicht mehr, was sie wohl mal waren (s.o.): Eine bedenkliche bis alarmierende Bilanz zum 70. des Deutschen Journalistenverbands DJV am gestrigen Dienstag (hier schon mal Thema) zieht Vera Linß bei Deutschlandfunks "@mediasres". DJV-Chef Frank Überall wird u.a. zitiert mit "Also der Migrationsanteil, den wir haben, ist aus meiner Sicht peinlich gering" und, über Kritiker der VG Wort-Haltung des DJV: "Sie meinen, ein bisschen was in Twitter hauen würde reichen. Das reicht aber leider nicht."

+++ Es gibt sie noch, die guten Blattkritiken zu gedruckten Medien – zumindest von Sigrid Neudecker bei uebermedien.de, aktuell übers österreichische, nun ja: Nachrichtenmagazin News (das beim Titelblatt-Gestalten aber auf Augenhöhe mit dem Spiegel arbeitet).

+++ Eine Würdigung der erneut personell umstrukturierten Bemühungen von RTL um fiktionale Eigenproduktionen bei dwdl.de lautet, dass RTL sich im vorigen halben Jahrzehnt "in diesem Genre zwar einmal um sich selbst gedreht hat, aber auf dem Schirm kaum vorangekommen ist".

+++ Michael Ridders Würdigung der ARD-Weihnachtskampagne und des Songs mit Zeilen "Worüber hast du zuletzt gelacht? Über was zu lange nachgedacht? Was ist das Dümmste, das du je getan hast? Was ist deine Superkraft?" bei epd medien trägt die Überschrift "Rudelsingen in Ahaus".

+++ Und solch ein frisches Intendanten-Lächeln wie es der noch neue SWR-Intendant Kai Gniffke über seinem erst recht neuen Blog "Gniffke bloggt" zeigt, bekäme wohl selbst der künftige ARD-Vorsitzende Tom Buhrow nicht ohne Weiteres hin. In seinem alten, freilich zuletzt arg sporadischen Blog blog.tagesschau.de strahlte Gniffke noch deutlich weniger.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2019, 12:12 Uhr

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