Das Altpapier am 25. Mai 2020 Augenöffner und Zweifelsfaulheit

Unsere Themen heute von A bis Z: Die App Buzzard ist am Start, kann aber womöglich den öffentlichen Diskurs doch nicht entgiften. Es geht um Denkfaulheit und Lust an der Selbstbestätigung. Der vielbehauptete mediale Mainstream existiert vielleicht gar nicht. Und: Münchner Kommunikationswissenschaftler belobigen Ken Jebsen für “guten Journalismus“. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 25. Mai 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Ansichtssache

“Alles lässt sich immer so oder so (oder sogar so!) sehen.“ Schreibt Arno Frank in einem Text bei spiegel.de über die App Buzzard, die nach einigem Hin und Her, das auch wir an dieser Stelle ein paar Mal aufgegriffen haben, seit vergangener Woche am Start ist (Altpapier). Und ja, das stimmt: “Alles lässt sich immer so oder so (oder sogar so!) sehen.“ Und um diese So-oder-so-oder-so geht es bei Buzzard. Nur, reicht das?

Buzzard will ein Dienst für Menschen sein, “die sich 'in 30 Sekunden‘ einen Überblick über die Frontverläufe machen wollen“, schreibt Frank und fasst die Logik dahinter zusammen: “The Buzzard setzt ganz auf die Kraft des Arguments und voraus, dass weltanschauliche Vorprägungen sich damit mühelos aushebeln lassen. Könnten wir nur lesen, was die jeweils 'andere Seite‘ liest, würde gegenseitiges Verständnis sich schon von selbst einstellen.“

Aber das stellt sich natürlich nicht von selbst ein. Frank bezweifelt, dass sich der öffentliche Diskurs auf die von Buzzard vorgeschlagene Art entgiften lasse: “Unter Stress setzt uns nicht die Abwesenheit ‚anderer Meinungen‘, sondern ihre aufschäumende Omnipräsenz und anstrengende Dauerdialektik.“

Bernhard Pörksen hat das 2018 als “Filterclash“ beschrieben (Altpapier). Wir würden nicht in abgeschotteten Filterblasen, sondern in einem Zustand der “Filterclashs“ leben: “Man lebt in seinem Selbstbestätigungsmilieu, man kann sich versichern: Ja, wir sind im Recht, und andere denken genauso. Gleichzeitig ist man konfrontiert damit, dass schon ein paar Klicks entfernt eine ganz andere Wirklichkeit beherrschend ist.“

Die große Frage wäre also nicht, wie man – das wäre das Buzzard-Versprechen – die Positionen der Andersdenkenden kennenlernen kann, um sich schließlich auf dieser Basis eine eigene Meinung zu bilden. Sondern wie mit der Existenz der widersprüchlichen Ansichten umzugehen ist, ohne darüber selbst im Schützengraben zu landen oder instrumentalisiert zu werden. Pörksen riet im April in einem SWR-Gespräch zum Beispiel dazu, auf “die pauschale Abwertung des anderen“ zu verzichten.

Ich würde darüber hinaus sagen: Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.

Die Lust an der Selbstbestätigung

Im Grunde ist es das, was Hannah Lühmann in der Welt fordert, wenn sie über ausgewählte funk-Formate schreibt, es werde darin zu viel in Schablonen gedacht. Gegenpositionen zur zentralen Filmthese würden zwar immer wieder aufgegriffen, “ein Snippet lang“. Auf diese Art aber werde nur “ein weiteres Kästchen aufgemacht anstatt dass durch Denkleistung ein Bogen geschwungen wird. Es wirkt, als traute sich niemand mehr zu denken.“ Es sei, findet Lühmann, “fatal, dass Funk mit der schnatternden Einseitigkeit seiner Angebote genau das Gegenteil von Aufklärung betreibt: Sie liefert denen, die ohnehin schon glauben, die teilweise bis zur totalen Verdummung vorgekauten Bestandteilchen und verweigert jede große Linie, an der man sich kontrovers abarbeiten könnte.“

Ich weiß nicht, ob ein funk-Format wie “Mädelsabende“, das sie hier exemplarisch anführt, wirklich ein gut gewähltes Beispiel ist. Aber davon mal abgesehen, ist an Lühmanns Überlegungen schon einiges dran: Es gibt diese Zweifelsfaulheit, die Lust an der Selbstbestätigung, die aus Social Media in den Journalismus schwappt: Positionen bleiben brav in ihren Kästchen, obwohl es viel interessanter sein könnte, ihre Wände durch durchlässige Membranen zu ersetzen.

Wenn allerdings online die Überschrift “Wie die Öffentlich-Rechtlichen die Jugend verdummen“ über den Welt-Text geballert wird, wird er selbst zu einem Selbstbestätigungsangebot für alle Seiten. Die einen fühlen sich bestätigt in ihrem Glauben, dass die Öffentlich-Rechtlichen unnütz sind. Die anderen darin, dass Die Welt medienpolitisch eh im Schützengraben liegt. Beiden Gruppen macht man ein Erregungsangebot. So wird Lühmanns Feuilleton, wie Jonas Jansen von der FAZ twitterte, zum Beitrag für “Kommentarspaltenkrieger“.

Aufmerksamkeitsökonomisch mag das natürlich funktionieren, zumindest kurzfristig.

Wer soll das sein, der Mainstream?

Jens Uthoff hat kürzlich in einer Sonderausgabe der taz, der “Entschwörungs-taz“, den Gedanken formuliert, Medien seien “hierzulande heute partikularer, pluraler und dezentraler als je zuvor, und gleichgeschaltet sind sie allein deshalb nicht, weil die Aufmerksamkeitsökonomie die Prinzipien Rede und Gegenrede, These und Gegenthese quasi ständig einfordert.“

Wer, fragt Uthoff, sollte heute, da es nicht mehr nur Printmedien, die als klassische Gatekeeper fungieren, und eine Handvoll Fernsehprogramme gibt, medialer Mainstream sein? “Die knapp eine Million Instagram-Follower des Influencers Rezo? Die 4 Millionen, die abendlich das 'heute-journal‘ schauen? Die 479.000 Youtube-Abonnenten (…) eines Ken Jebsen?“

Ich finde den Gedankengang nachvollziehbar. “Mainstream“ ist im medialen Zusammenhang grobes Werkzeug, das politisch nutzbar gemacht wird, aber medienanalytisch kaum brauchbar ist. “Mainstreammedien“ ist nicht so scharf wie “Systemmedien“, aber doch verwandt. Und ebenfalls oft ein Kampfbegriff.

Der affirmative Umgang mit Ken Jebsen

Schon deshalb finde ich es bemerkenswert, wie distanzlos und sogar wohlwollend auf dem Blog “Medienrealität“, in dessen Impressum mit Michael Meyen ein Lehrsbereichsleiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München steht, über Ken Jebsen geschrieben wird, der mit solchen Werkzeugen hantiert. Nicht jeder Demonstrant auf einer Hygiene-Demo mag ein Verschwörungstheoretiker sein. Aber Jebsen so zu bezeichnen, ist keine pauschale Abwertung, sondern beschreibt einen Teil seines Geschäftsmodells.

“Was ich von Ken Jebsen gelernt habe“ heißt ein Posting eines promovierten wissenschaftlichen Mitarbeiters. Er schreibt darin, warum “Jebsen so wichtig für die deutsche Medienlandschaft“ sei; dessen Beiträge über die Verbindungen der Gates-Stiftung zur Weltgesundheitsorganisation seien für ihn ein “Augenöffner“ gewesen, was freilich mehr über seinen Medienkonsum als über die sogenannten “Systemmedien“ (Jebsen) aussagt:

“Mit meinem Nachrichtenkonsum (bild.de, sueddeutsche.de, Heute Journal) wusste ich bis Jebsen lediglich, dass es zwischen China und den USA einen Streit um die Finanzierung der WHO gibt. Ohne weitere Recherche kann ich nur den Eindruck besitzen, dass die WHO als supranationale Institution ihre Gelder ausschließlich von den Staaten dieser Welt erhält. Dank Ken Jebsen weiß ich, dass das nicht so ist. Mir ist durch seine Beiträge erst klar geworden, welche Gefahr für unsere Demokratie besteht, wenn Privatpersonen maßgeblichen Einfluss auf eine der wichtigsten Behörden dieser Welt haben.“

Am Wochenende brachte es ein Twitter-Thread über den Beitrag und das ganze Blog zu einiger Resonanz.

Irritierend finde ich nicht, dass sich Kommunikationswissenschaftler mit Jebsen beschäftigen, natürlich nicht. Auch nicht, dass hier ein Posting – nennen wir es beschönigend: verrutscht. Auch nicht, dass Blogbetreiber Michael Meyen sich 2018 von Jebsen interviewen ließ.

Was mich irritiert, ist zweierlei. Erstens, dass derselbe wissenschaftliche Mitarbeiter, der nun schreibt, sein Medienkonsum habe sich in den vergangenen Wochen auf bild.de, sueddeutsche.de plus "Heute Journal“ beschränkt, kurz zuvor einen offenen Brief an die “sehr geehrten Damen und Herren Intendanten“ der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unterzeichnet hat (Altpapier), in dem unter anderem behauptet wird, es würden im Rahmen der Corona-Berichterstattung “kaum Gegenstimmen zu wissenschaftlichen Einschätzungen und politischen Maßnahmen zugelassen“ – vielmehr seien sowohl die Auswahl der täglich verabreichten Nachrichten als auch die der wissenschaftlichen Expertisen zu den drängenden Fragen in der Corona-Krise "zu starr und einseitig“. Solche öffentlichen Einschätzungen traut man sich zu, wenn man seinen öffentlich-rechtlichen Medienkonsum aufs “Heute-Journal“ beschränkt?

Und zweitens irritiert mich der Gestus, mit der im Blog Ken Jebsen, der keineswegs nur Menschen interviewt, denen er gesonnen ist, sondern der (mindestens) biegt, verdreht und raunt, für “guten Journalismus“ und Positionen wider “das Establishment“ gelobt wird. Michael Meyen verlinkt das Interview, das er KenFM gab, sogar prominent auf seiner offiziellen Universitätsseite. Das Institut (an dem auch ich studiert habe und an dem Schülerinnen und Schüler der Deutschen Journalistenschule ihren Journalismus-Master machen) hat das Blog am Wochenende freilich als privat bezeichnet. Vielleicht sollte es dann aber nochmal das Impressum lesen. Da steht die Institutsanschrift.

Altpapierkorb (Rundfunkbeitragsinterviews, Spiegel, Cory Doctorow, “Löwenzahn“, Fernsehforderung)

+++ Der Tagesspiegel interviewt den medienpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt: Es geht um die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags und die ablehnende Haltung seiner Fraktion. Und es geht auch in einem Absatz um den MDR (bei dem das Altpapier erscheint): “So schlank wie der MDR ist, könnten wir uns das deutschlandweit vorstellen“, sagt er. 

+++ Die Welt derweil hat den FDP-Medienpolitiker Jan Marcus Rossa im Gespräch, der für eine Beitragssenkung plädiert.

+++ Der Spiegel wird für das Projekt “Globale Gesellschaft“ von der Bill & Melinda Gates Foundation seit 2019 finanziell und zweckgebunden unterstützt. Er erhalte, verteilt auf drei Jahre, 2,3 Millionen Euro, schreibt er selbst. Eine solche Finanzierung kritisch zu hinterfragen, ist richtig. Stefan Niggemeier schreibt bei Übermedien: “Die Finanzierung von Journalismus durch Stiftungen ist problematisch. Weil sie Medien dem Verdacht aussetzt, nicht unabhängig zu berichten.“ Nur: “Damit aus diesem bloßen Verdacht eine große, raunende Geschichte wird, muss sie dann noch mit Unterstellungen und falschen Informationen angereichert werden.“ Womit wir bei einem entsprechenden Gastbeitrag auf Cicero Online wären, dem mittlerweile eine “Stellungnahme“ des Spiegels angehängt wurde, derzufolge die Zahl “9“ mit “mehr als 300“ verwechselt wurde. Was man als Redaktion, die nachweislich einen Fehler gemacht hat, nun schreiben könnte: “Zahlen, auf die unser Autor einen nicht ganz unwichtigen Teil seiner Argumentation stützt, sind leider nicht richtig. Dazu kann es nach Adam Ries auch keine zwei Meinungen geben.“ Was da stattdessen steht: Der “Gastbeitrag hat unmittelbar nach Erscheinen eine Debatte ausgelöst. Von Seiten des 'Spiegel‘ erreichte Cicero diese Stellungnahme…“. (Für die Transparenz: Ich arbeite für das Spiegel-Online-Kulturressort.)

+++ Cory Doctorow sprach im Rahmen der re:publica über Verschwörungstheorien (netzpolitik). Und im Interview mit Zeit Online auch: “Verschwörungstheoretiker sagen immer, man solle nicht alles glauben, was man liest und hört, sondern einfach recherchieren. “Informier dich doch mal selbst!" ist ihr Schlachtruf. Das stimmt. Doch leider wissen sie nicht, was gute Recherche bedeutet, wie man Fakten und Quellen prüft. Ich finde, wer an Verschwörungen glaubt, ist nicht per se verloren. Viele sind bloß im letzten Moment der Wahrheitssuche falsch abgebogen.“

+++ Willi Winkler widmet sich in der SZ einem Buch “voller Offenbarungen“ über die NZZ.

+++ Vor einer Woche hat sich die Kindersendung “Löwenzahn“ vom verstorbenen Helmut Krauss verabschiedet, der darin beinahe 40 Jahre lang den Nachbarn Paschulke spielte. Paschulke kommt, so geht die Geschichte, aus dem Urlaub nicht mehr zurück; es gefällt ihm zu gut in der Südsee. Und so bleibt den Figuren (und dem Hund) rund um den Bauwagen nur, immer wieder einmal wehmütig über den Jägerzaun zu schauen.

+++ Jagoda Marinic hat in der Frankfurter Rundschau ein Dossier zusammengestellt, in dem sie unter anderem schreibt: “Meine frauenpolitische Forderung in der Corona-Krise lautet (…): Öffentlich-rechtliche Sender sollen die nächsten 18 Monate alle 14 Tage Bericht erstatten, wie viel Sendezeit sie Frauen vor und hinter den Kameras ermöglicht haben. Durch die Krise werden so mehr Frauen im öffentlichen Diskurs hörbar und formulieren ihre Anliegen.“

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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