Das Altpapier am 12. Juni 2020 Die Zerstörung der Zerstörung der Presse

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kontert Rezos Kritik mit einem etwas genervten Video. Darin weist der Autor ihm Fehler nach. Und es wird deutlich: Ein Teil von Rezos Kritik erklärt sich offenbar durch mangelnde Medienkompetenz. Ist das sein Versäumnis? Oder erwarten Medien einfach zu viel? Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 12. Juni 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die zerstörte Presse antwortet

Knapp zwei Wochen, nachdem der Youtuber Rezo die Presse mit einer "Liebeserklärung" (Arno Frank) zerstört hat (Altpapier), antwortet die zerstörte Presse, allerdings nicht mit Liebeserklärungen, sondern mit einem Faktencheck und einer etwas genervten Video-Replik. Den Faktencheck hat Curd Wunderlich für die Welt angefertigt. Für die FAZ war Politik-Redakteur Constantin van Lijnden mit der Sache betraut. Er hatte ebenfalls schon mit dem Schreiben begonnen, als ihm die Vergeblichkeit seines Vorhabens bewusst wurde. Glücklicherweise war das Video-Equipment schon aufgebaut und die Aufnahme lief. So musste er sich nur zur Seite wenden und seine Kritik in die Kamera sprechen. Sein Video beginnt so: 

"Ach Rezo, das bringt doch alles nichts. Ich wollte hier gerade eigentlich gerade einen Text über deinen neuesten Coup schreiben. Du weißt schon, 'die Zerstörung der Presse', denn wenn wir ehrlich sind, werden die meisten der 2,7 Millionen Menschen, die sich das inzwischen angeschaut haben, morgen wohl eher nicht zum Kiosk gehen und sich die FAZ kaufen, um zu erfahren, warum der coole Typ mit den blauen Haaren in Wahrheit nur billige Propaganda in eigener Sache betreibt. Also habe ich mir gedacht: Hey, wenn ihr nicht zu uns kommt, dann komm ich halt zu euch und mache, was Philipp Amthor letztes Jahr ja leider doch nicht durchgezogen hat – deine selbstverliebte pseudosachliche Stimmungsmache mal gründlich auseinandernehmen."

Die Passage zitiere ich in voller Länge, weil sie den Ton des Videos vorgibt, der nicht freundlich ist, von Lijnden merkt das auch selbst an. Eine freundliche Replik war aber auch nicht zu erwarten, denn Rezo hatte der Zeitung schwere Vorwürfe gemacht, die – das muss man so sagen – schon in Richtung Verleumdung gehen. Er hatte deren Arbeitsweise mit der von Verschwörungsideologen verglichen, wie hier unter anderem im Tagesspiegel nachzulesen – oder in Rezos Video so ab Minute 36 zu sehen ist. Wenn das nun bei mehreren Millionen Menschen ankommt, aber nicht die Möglichkeit besteht, diese Menschen zu erreichen, um etwas zu erwidern, kann das Wut auslösen, vielleicht auch Verzweiflung. Bemerkenswert ist, dass die größten Zeitungen des Landes damit in eine Situation geraten, mit der in Vor-Internet-Zeiten vor allem das Publikum vertraut war. Man kann die Angepisstheit also verstehen, aber sie steht dennoch im Weg.

Sebastian Meineck erklärt das in einem Twitter-Thread:

"Es ist gut, die Methodik des Faktenchecks von @rezomusik kritisch zu beleuchten: die Auswahl der Artikel, die Kriterien der Codierung. Die Botschaft des @faznet-Videos ist aber: 'Zurück ins Körbchen, du Anfänger', und das finde ich furchtbar schade."

Und:

"Größer und professioneller fände ich den Ansatz: Danke, dass du unsere Arbeit und unser Ringen um guten Journalismus für so viele Menschen in den Mittelpunkt rückst. Nun sehen wir aber noch diese Schwächen und Fehler, und so würden wir das machen."

Und schließlich:

"#Rezo hat die Art revolutioniert wie wir auf #YouTube diskutieren: In ausführlichen, durchdachten Videos mit sorgfältig gesammelten, transparent nachvollziehbaren Quellen. Diese Tiefe hat das Fernsehen in Jahrzehnten nicht erreicht."

Natürlich hätte Rezo mit dem Ton, den er in seinem Beitrag setzt, selbst zu einer anders geführten Debatte beitragen können. In seinem Video erklärt er selbstbewusst, wie Medien ihre Arbeit zu machen haben. Seine Aussagen leitet er allerdings mitunter aus Feststellungen ab, die – das ist noch etwas entscheidender als der Ton – diese Aussagen so gar nicht hergeben.

Fehler vs. Meinungen

Im Kern steht dabei Rezos tatsächlich recht zweifelhafte Methodik, die auch von der ebenfalls kritisierten Süddeutschen Zeitung bereits, wie sagt man, zerstört wurde (Altpapier). Rezo wertet Artikel aus, in denen er selbst vorkommt, allerdings geht er dabei, wie van Lijnden ihm nachweist, recht willkürlich vor. Laut Rezo geht es um 70 Texte, in denen sein Name vorkommt. Van Lijnden hat 186 gefunden. Zudem hat Rezo nur die Artikel untersucht, in denen er eine zentrale Rolle spielt. Das waren je nach Zählweise 15 oder 16 (einen hat er offenbar nicht ausgewertet). Aber van Lijnden hat auch Artikel gefunden, in denen es zentral um Rezo geht, die aber nicht Teil der Analyse sind. Das verfälscht die Stichprobe. Einen ähnlichen Vorwurf hatte auch Kai-Hinrich Renner vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung bereits geäußert.

Hinzu kommt: Was Rezo als Fehler bezeichnet, ist oft, so van Lijnden, eine "Meinungsäußerung über mich, die mir nicht gefällt". Dabei geht es auch um Meinungsäußerungen in Artikeln, die als Meinungsbeiträge deklariert sind. Mit diesen Kennzeichnungen scheint Rezo sich auch sonst schwerzutun. Eine als solche gekennzeichnete Dystopie für die Zeit nach Corona in der Welt bezeichnet er als "komplett pur ausgedachte Spekulation über alles mögliche Schlimme, was passieren könnte" – und befindet: "Diese pure Fantasy-Spekulation steht einfach zwischen ganz normalen Nachrichten und beeinflusst da die Leser."

Curd Wunderlich erwähnt dieses Beispiel in seinem Faktencheck für die Welt. Er bemängelt zu Recht, dass Rezo die Kennzeichnung unterschlägt.

Wunderlich führt auch ein Beispiel dafür an, dass Rezo Fehler und Meinungen verwechselt. Eine Welt-Autorin hatte in einem Meinungsbeitrag geschrieben, anders als die fürs Klima demonstrierenden Schüler wolle Rezo die Welt nicht verbessern, er wolle nur "zerstören". Das ist ihre Interpretation. Rezo sieht darin einen Fehler, weil das gar nicht seine Absicht sei.

Das wiederum führt zu einer Frage unter der Überschrift "Medienkompetenz": Wenn selbst ein Mensch wie Rezo, der über einen Universitätsabschluss verfügt und als Publizist sein Geld verdient, Probleme damit hat, journalistische Textformen zu identifizieren und auseinanderzuhalten, ist das dann sein einfach sein Versäumnis? Oder ist das ein Hinweis darauf, dass Journalisten sehr viele Menschen mit diesen Unterscheidungen überfordern? Und kann man das ändern? 

Stellen wir die Frage aber noch kurz zurück. Zunächst noch einmal zur Kritik an Rezos Medienkritik – beziehungsweise zur Kritik an der Kritik seiner Kritik. Aktuelles Stimmungsbild bei Youtube: Knapp 10.500 Daumen nach oben, etwa 6.600 Daumen nach unten. Über 3.600 Kommentare. Wenn Sie sich Ihre eigene Meinung dort bestätigen lassen möchten, suchen Sie ein bisschen, Sie werden sie garantiert finden, denn von supergut bis superpeinlich ist wirklich alles dabei. Es wird bemängelt, dass van Lijnden vom Teleprompter ablese, dass die FAZ sich "auf den Schlips getreten" fühle, es sich also um eine persönliche Abrechnug handle, was van Lijnden auch Rezo vorwirft.

Steffen Daniel Meyer bemängelt im Handelsblatt, von Lijnden unterschlage in einer Erwiderung eine Duden-Definition, wobei er zugibt, dass das eine "sehr spitzfindige Kritik" sei. Unter dem Strich hält Meyer das Video aber für "gutes Schulungsmaterial in Sachen Medienkompetenz". Sehr schön dort ist der selbstkritische Absatz:

"Während das 'Handelsblatt' diesen Faktencheck in einer kurzen Analyse als 'penibel' bezeichnete, wird van Lijnden deutlicher: Rezo erzähle 'kompletten Unsinn'."

Bleiben wir kurz bei Stichwort "Medienkompetenz". Bernhard Pörksen bringt einen Mangel an Rezos Video und der gesamten Debatte im Interview mit Johannes Jolmes für das NDR-Medienmagazin "Zapp" sehr schön mit dem Satz auf den Punkt:

"Das Pauschalurteil nützt niemandem."

Rezo macht Fehler und wird dadurch angreifbar. Aber ihm Selbstverliebtheit vorzuwerfen, wie van Lijnden es macht, bringt die Sache nicht weiter. Auch dass van Lijnden in seinem Video gegen die Konkurrenz schießt, etwa gegen die Spiegel-Dokumentation, ist eher kontraproduktiv.Er verteidigt hier vor allem sein Medium, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dabei richtet sich die Kritik gegen "die Presse", die einzelnen Medien sind dabei nur Beispiele. Überzeugender wäre es gewesen, dann auch "die Presse" zu verteidigen und nicht den Eindruck zu hinterlassen: Bei uns liegt er falsch, aber beim Spiegel hat er schon Recht.

Quellenkompetenz-Masterclass

Bernhard Pörksen identifiziert im NDR-Interview folgenden Mangel:

"Wir haben eine ganz gewaltige Medienbildungslücke in der Gesellschaft."

Journalisten setzen voraus, dass Menschen sich die Kulturtechnik des Medienkonsums eben aneignen müssen, wenn sie sich informieren wollen. Aber das funktioniert offenbar nicht so reibungslos, wie es sollte. Greifen wir hier den Faden von oben wieder auf, also die Frage: Was kann man vom Publikum erwarten? Und was könnte man ändern?

Dabei geht es auch generell um die Frage, unterscheiden zu können, wie glaubwürdig Medien sind.

Oder wie Johannes Jolmes sagt:

"Wichtig ist ja auch die Fähigkeit zu unterscheiden: Was ist wahr? Und was ist einfach nur Quatsch?"

Das Stichwort lautet "Quellenkompetenz".

Bernhard Pörksen:

"Quellenkompetenz entscheidet über die Möglichkeit, Quellen als vertrauenswürdig oder nicht vertrauenswürdig einzuschätzen."

In der Quellenkompetenz-Masterclass ginge es dann die Textkompetenz, also um die Fähigkeit die Qualität, die Glaubwürdigkeit und den Grad der Subjektivität von Texten einzuschätzen. Damit wären wir wieder bei der Diskussion, um die es bereits am Dienstag im Altpapier ging. Ist die Trennlinie zwischen vermeintlich objektiven und subjektiven Formen noch angebracht?

Philipp Oehmke führt das Scheitern von James Bennet bei der New York Times in einem Beitrag für den Spiegel (€) auch darauf zurück, dass der mit dem Wandel überfordert gewesen sei.

"Bennet musste gehen, weil er als Leiter eines der wichtigsten Ressorts der vielleicht wichtigsten Zeitung der Welt offensichtlich den Journalismus nicht mehr versteht."

Oehmke erklärt in seinem Beitrag ("Die Zeit der Neutralität ist vorbei"):

"Statt vorgetäuschter Objektivität brauche moderner Journalismus in diesen Krisenzeiten klare moralische Ansagen, so sehe es eine junge Generation von amerikanischen Journalisten, die gegen den Ausgewogenenheitszwang aufbegehre."

Das wird nun verstanden als Abkehr von den alten Formen "Nachricht" und "Kommentar". Alles verschwimmt, alle können einfach ihre Meinung sagen, es braucht keine neutralen Meldungen mehr über Donald Trump. Journalisten könnnen auch gleich dazuschreiben, dass sie ihn scheiße finden. Aber das muss es gar nicht bedeuten. Man kann darunter auch eine Art Add-on verstehen, eine Ergänzung wie das Emoji in der Sprache, das eine emotionale Dimension hinzufügt. Eine Nachricht lässt sich besser einordnen, wenn klar ist, wo der Autor oder die Autorin steht. Auch ein Kommentar wird besser verständlich, wenn das Publikum weiß, welche Haltung der Autor oder die Autorin hat. Und dazu gehört eben, dass Journalisten nicht neutral sind, wenn es um Presse- und Meinungsfreiheit geht, die Voraussetzung dafür, dass sie ihren Beruf ausüben können. Warum sollten Journalisten so tun, als wenn sie da objektiv wären?

Bernhard Pörksen sagt im "Zapp"-Interview:

"Transparenz ist absolut zentral – also dass Offenlegen der eigenen Spielregeln, eine Art Beitrag leisten zur Selbstaufklärung der Mediengesellschaft."

In dieser Offenlegung und der Preisgabe von Informationen über den eigenen Standpunkt kann man also auch den Versuch sehen, die Schwelle für Medienkonsumenten etwas abzusenken, es ihnen also zu ermöglichen, Medien auch dann konsumieren zu können, wenn sie nicht so viel von Medien zu verstehen. Und das macht die Debatte zwischen der Zeitungs- und der Youtube-Fraktion im besten Fall sogar etwas leichter.


Altpapierkorb (Twitter, BBC, Wuhan-Doku, Rassismus I, Rassismus II, CNN antwortet Trump)

+++ Twitter will seine Nutzer dazu bringen, Artikel in Zukunft vor dem Retweeten zu Lesen. Wenn sie einen Text retweeten wollen, ohne ihn vorher gelesen zu haben, soll ein Hinweis erscheinen, berichtet unter anderem der Spiegel. Und das ist schon allein deshalb ein gutes Feature, weil viele so erst erfahren werden, dass sich hinter den ganzen Überschriften bei Twitter auch Links verbergen.

+++ Der Mann an der Spitze der BBC war früher PR-Chef von Pepsi. Steffen Grimberg erklärt für die taz, warum Tim Davie bessere Chancen hatte als Charlotte Moore, die die erstde BBC-Chefin hätte werden können – und zunächst als Favoritin galt. Okay, ich gebe einen kleinen Tipp. Steffen Grimberg schreibt: "Davie ist den Konservativen schlicht leichter zu vermitteln, heißt es BBC-intern. Schließlich kommt er aus ihrem Milieu: Studium in Cambridge, dann erfolgreiche Karriere als PR-Chef bei Industrieriesen wie Procter & Gamble oder Pepsi. Auch der "Commander of the British Empire", der niederste britische Ritterschlag, hat ihn schon ereilt."

+++ Nach Wuhan reisen konnten sie nicht. Daher haben die deutschen Filmemacher in einer für den SWR produzierten Doku über die Stadt Wuhan Material einer staatlichen chinesischen Produktionsgesellschaft verwendet. Noch einmal Steffen Grimberg erklärt für die taz die Debatte darüber. Und falls Sie es eilig haben: Die SZ-China-Korrespondentin Lea Deuber hält das für keine gute Idee. Die Filmemacher selbst sagen, sie hätten alles über drei Quellen gecheckt.

+++ In diesen Tagen sollte die 33. Staffel der amerikanischen Serie "Cops" beginnen. Stattdessen wird die Serie nun abgesetzt. Der Grund ist die Debatte über Rassismus. Katharina Wilhelm berichtet für das Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres. Die Sendung habe oft Gewalt von Weißen gegegen Schwarze gezeigt und vermittelt, dass Menschen schuldig seien, obwohl es noch keine Gerichtsverhandlung gebe. Und es ist nicht die einzige Änderung im Progamm.

+++ Auch "Vom Winde verweht" verschwindet vorerst vom Streaming-Portal HBO Max. Michael Hanfeld ist davon nicht ganz so begeistert. Sein Text auf der FAZ-Medienseite (55 Cent bei Blendle) beginnt mit dem Satz: "Es gibt keinen neune Programmdirektor. Er hört auf den Namen 'Antirassismus'." Sein Argument: "Nicht sehen und nicht hören, was man nicht wahrnehmen will, hilft niemandem." Seine Hoffnung: "Dass sich die Zuschauer in solchen Fällen gerne selbst ihr Urteil bilden und nicht wegnehmen lassen, zeigt derweil die aktuelle Bestsellerliste des (wie immer profitierenden) Online-Händlers Amazon. Dort steht in der Kategorie 'DVD + Blu-Ray' auf Platz eins in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien und in Deutschland unter den Top Ten was? 'Gone with the Wind'."

+++ CNN veröffentlicht eine Umfrage, in der Joe Biden vor Donald Trump liegt, bekommt Post vom Anwalt des Wahlkampfteams – und antwortet mit einem Brief.

Haben Sie ein schönes Wochenende!

Neues Altpapier gibt es am Montag.

0 Kommentare