Das Altpapier am 29. Juni 2020 Macht mehr Witze über Polizisten!

Eine der vielen Fragen, die sich aus der Debatte um Hengameh Yaghoobifarahs Kolumne herauskristallisiert: Müssen Medien wie die taz wieder "die herrschenden Verhältnisse hinterfragen"? Was Yaghoobifarah allemal erreicht hat: Dass Heribert Prantl seine Contenance verliert. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 29. Juni 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die "Humorlandschaft" und die "herrschenden Verhältnisse"

Wie viele Beiträge sind am Wochenende zur Diskussion um die nun ja mittlerweile auch schon stolze zwei Wochen alte Kolumne "All cops are berufsunfähig" erschienen? Ich habe natürlich nicht alle registrieren können. Der folgende Überblick liefert aber vielleicht einen Eindruck des Ausmaßes: Die taz hat in der gedruckten Ausgabe vom Samstag im Rahmen eines dreiseitigen Debatten-Schwerpunkts sieben Texte veröffentlicht, hinzu kommt noch ein Text auf der Kommentarseite (alle unter diesem Link auffindbar). Im gedruckten Spiegel findet man zwei Texte zum Thema (darunter den Leitartikel), und online hat das Nachrichtenmagazin noch einen weiteren parat - einen Gastbeitrag der Theaterautorin Sasha Marianna Salzmann, mit dem ich heute mal einsteige, weil er auf einige weniger beleuchtete Aspekte eingeht.

"Witze schaffen durch das Spiel mit Stereotypen das Gefühl von Gemeinschaft", betont Salzmann. Außerdem schreibt sie:

"Wenn wir die Polizei entmystifizieren und als eine Organisation von Menschen begreifen (mit einer Gewerkschaft, mit möglichen Disziplinarverfahren), dann fällt es ihr und uns leichter, einander gegenseitig in die Augen zu schauen. Man muss die Humorlandschaft in Deutschland ausweiten, also Polizistenwitze so normal machen wie alle anderen Witze auch."

Das wird aber - zumindest ich bin da sehr pessimistisch - nicht klappen. Denn:

"Die Institution Polizei ist sakrosankt. Das mag man mit deutscher Obrigkeitshörigkeit erklären, ist aber auch eine Folge der Mutlosigkeit, dagegen anzugehen. Und es ist eine Folge des Versagens vieler Medienschaffender. Polizeimeldungen werden als alleinige Quellen behandelt, selbst wenn sie als Eigen-PR erkennbar sind."

Diese vier Sätze wiederum stammen von Erik Peter, einem der Autoren, der etwas zu dem erwähnten taz-Debattenschwerpunkt beigetragen hat. Zum Thema Umgang mit Polizei-Pressemitteilungen findet sich übrigens in diesem Altpapier eine ausführliche Passage. Erik Peter schreibt in seinem Debattenbeitrag des weiteren:

"Es sollte (…) Aufgabe von Medien wie der taz sein, keine Kompromisse zu machen, wenn es darum geht, die herrschenden Verhältnisse zu hinterfragen. Gelingen kann das nur, wenn man sich weder die Narrative bestimmen lässt noch um die Anerkennung in bürgerlichen Kreisen ringt."

Diese Passage ist deshalb hervorhebenswert, weil sie - anders als die meisten anderen Texte zum Thema - über Identitätspolitik- und Satirefragen hinausweist, sondern das große Ganze in den Blick nimmt. Peters Forderung kann man so verstehen, dass sich die taz wieder darauf besinnen soll, was sie in ihrer Anfangszeit gewesen ist. Überhaupt ist sein Text eine Reminiszenz an eine Zeit, in der die Gesellschaftskritiker unter den Journalisten noch eine nicht ganz so kleine Minderheit waren wie sie es heute sind.

Der Spiegel-Leitartikler und seine "Friseurin in Halle"

Einer, der bereits dezenteste Veränderungen fürchtet wie der Teufel die Weihwasserdusche, ist der Spiegel-Mann René Pfister. "Die Linke wäre besser beraten, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren" - das ist die Botschaft seines aktuellen Leitartikels in Sachen Yaghoobifarah. Vor ein paar Monaten hatte er noch den US-Demokraten geraten, es mit dem Kerngeschäft mal nicht zu übertreiben. Auf dieses lustige Paradox macht Martin Eimermacher in einem Tweet aufmerksam.

Hengameh Yaghoobifarahs Kolumne ist für Pfister eine "Kapriole linker Identitätspolitik". Die Überschrift seines Textes lautet: "Identitätspolitik hilft rechten Populisten." Abgesehen davon, dass man sich, wenn man den Text zu Ende gelesen hat, fragt, was Pfister dagegen haben kann, dass etwas "rechten Populisten hilft", weil er selbst nicht den Eindruck erweckt, dass er sich von einem rechten Populisten unterscheidet: Wann sind im Politikjournalismus eigentlich diese rein spekulativen "Hilft nur xy"- bzw. "Nützt nur xy"-Variationen, die ja oft auf "Hilft nur der AfD" hinaus laufen, in Mode gekommen? Wieso können Politikjournalisten nicht kommentieren oder analysieren, warum sie einen bestimmten Vorschlag für falsch oder richtig halten, anstatt, wie Pfister es hier tut, vorzugeben, als wüssten sie, was "eine Friseurin in Halle" wolle?

Dass Pfister zu den Journalisten gehört, die nicht lesen können wollen - bei ihm ist die Rede von "einer Kolumnistin, die Polizeibeamte auf den Müll wünscht" -, versteht sich fast von selbst. Über diesen Typus (siehe auch Altpapier von Mittwoch) schreibt Dirk Ludigs vom queeren Berliner Magazin Siegessäule:

"Einen Journalisten-Kollegen habe ich (…) ausgelacht, als er mir erklärte, er habe den Text nicht als Satire erkannt. Wie sonderbar muss denn ein Hirn funktionieren, dachte ich mir, um die Idee, Polizisten auf dem Müll zu entsorgen, für bare Münze zu nehmen? Was geht in einem Kopf vor, der das nicht als Satire versteht? Was soll es denn sonst sein? Eine Gebrauchsanweisung?"

Der zweite Text, der im aktuellen Spiegel zur Debatte erschienen ist, versucht sich an einer taz-Betriebsklima-Beschreibung:

"Viele berichten, dass seit einigen Jahren eine Frontenbildung zu beobachten sei. Zwischen denen, die oft von den traditionellen Journalistenschulen kommen, eine linksalternative Tageszeitung mit unbestrittener Relevanz möchten - und einer kleineren Gruppe, vor allem aus dem Gesellschaftsressort tazzwei, die sich eine ungefilterte Abbildung ihrer Realität wünscht",

schreibt Nils Minkmar, und das klingt dann doch eher nach "einer großen Erzählung" (Daniel Schulz) als nach einer Beschreibung der realen Verhältnisse. Offenlegung: Ich bin Autor des Ressorts taz2 Medien.

Dass die taz um "ein Beratungs- und Sicherheitsgespräch bei der Berliner Polizei" gebeten hat, weil "in der Redaktion schon vor Tagen zahlreiche Telefonate und E-Mails eingegangen seien, von denen einige als direkte Gefährdung für das körperliche Wohl der Journalistin eingestuft werden könnten" - darüber berichtet wiederum Springers Welt unter Berufung auf taz-Chefredakteurin Karin Gottschalk. Focus hatte über den Umstand vorher zumindest halb falsch bzw. in einer von der Betroffenen als rufschädigend bezeichneten Weise berichtet.

Ein "Alphajournalist im Halbruhestand" wird wütend

Einen eher weniger beleuchteten Aspekt stellt Stefan Gärtner heraus. Er schreibt in seiner Titanic-Sonntagskolumne zur Kritik an Yaghoobifarah:

"Der Einwand gegen die Pointe als unbeholfene, primitive ist ein (füglicher) Einwand bürgerlicher Ästhetik – wo nicht ästhetizistischer Bürgerlichkeit –, und wie die Pointe gerade durch ihre Beschränktheit triftig wird, als sozusagen Punk, hat der kluge Patrick Bahners via Twitter ausgeführt."

Gemeint ist dieser Thread vom vorvergangenen Wochenende.

Der von Gärtner gewürdigt Patrick Bahners meldete sich am Samstag in Sachen Yaghoobifarah-Kolumne und die Folgen noch einmal zu Wort. Der Grund: eine Wortmeldung Heribert Prantls in dieser Angelegenheit:

 "Kann ein hochgeehrter Alphajournalist im Halbruhestand wie Heribert Prantl sein negatives Urteil über die Kolumne von @habibitus nicht ohne Herabsetzung vortragen? Vokabular: unbeholfen, plump, wüst, grottenschlecht, peinlich, blöd, Stümper, Dreck."

Eine, tja, unbeholfene Passage in Prantls SZ-Meinungskolumne (€) lautet:

"Auf den Sprachkünstler Tucholsky berufen sich publizistische Stümper bei ihren Stümpereien so gern wie CSU-Politiker auf Franz Josef Strauß."

Und eine andere:

"Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind wie gewaltige Ströme - nicht alles, was darin treibt, ist kostbar; nicht alles, was da schwimmt, ist sauber. Dreck bleibt Dreck, auch wenn er schwimmt."

Hier versteht offenbar jemand die Welt nicht mehr, und obwohl ich mich als Semi-Fan Prantls verstehe, empfinde ich es auch als faszinierend, in diesem Text zu verfolgen, wie ein Journalisten-Staatsmann seine Contenance verliert und wild um sich schlägt. Es ist auf jeden Fall eine Leistung Yaghoobifarahs, dass sie es geschafft hat, so etwas auszulösen.

Mal wieder eine Täter-Opfer-Geschichte

Außerdem bietet es sich an, noch einmal auf die Passage aus Erik Peters taz-Text zurückzukommen, in der er "vielen Medienschaffenden" vorwirft, dass sie "Polizeimeldungen als alleinige Quellen behandeln". Anlass für diesen Rückgriff ist ein Text, in dem Michael Merz, der stellvertretende Chefredakteur der jungen Welt, in seiner Zeitung auf ein Erlebnis im Frühjahr 2019 zurückblickt. Es ist eine dieser typischen Täter-Opfer-Umkehr-Fälle:

"Ein sonniger Morgen. Ich habe Tochter und Sohn in Kindergarten und Schule gebracht, den Doppio in der nahen Bäckerei schon im Auge. Aber nein. Ein paar Meter weiter beobachte ich einen Polizeieinsatz. Der Grund: Elterntaxis, wie sie von manchen etwas hämisch genannt werden. Sie sind schon eine ganze Weile in Verruf geraten. Uniformierte Beamte sollen nun durchsetzen, dass niemand vor der Schule sein Auto stoppt und Kinder ablädt. Ein schicker Audi hält trotzdem. Schon rennt ein Polizist im Krawallmodus zur Fahrertür (…) Der Beamte versucht die Autotür wieder zuzudrücken, die der Fahrer schon einen Spalt geöffnet hatte. Der Mann, einen Kopf größer als der Polizist, steigt aus, steht auf – und bekommt sogleich zwei-, drei- oder mehrmals mit beiden Fäusten von dem Polizisten ins Gesicht geschlagen (…) Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf das kleine Mädchen. Es ist auf der Beifahrerseite ausgestiegen und stößt bei dem Anblick ihres Vaters, der gerade verprügelt wird, einen spitzen, fürchterlichen Schrei aus. Zwei-, dreimal oder öfter hat der Polizist ins Gesicht seines Gegenüber geboxt, in schneller Kombination, vor Dutzenden Kindern."

Doch wie berichten die Medien im Laufe jenes Tages über die Angelegenheit? "Angefixt" (Merz) durch polizeiliches Getwitter, entstehen Schlagzeilen, die der Autor folgendermaßen zusammenfasst:

"‚Falsch geparktes 'Elterntaxi': Vater schlägt Polizist vor Berliner Grundschule" (Berliner Zeitung), "Auto falsch geparkt: Vater schlägt auf Polizisten ein" (N-TV), "Vater schlägt wegen Strafzettel vor Tochter auf Polizist ein" (Berliner Morgenpost). Auch die Onlinepräsenzen des RBB, von Stern und Spiegel steigen voll ein. Der Tagesspiegel veröffentlicht einen längeren Autorenbeitrag im gleichen Tenor. Um 19.07 Uhr schickt dann der dpa-Landesdienst Berlin-Brandenburg die Tickermeldung mit der Überschrift 'Vater prügelt auf Polizist ein' raus. Darauf angesprochen, beschwichtigt später ein dpa-Mitarbeiter im Gespräch mit jW, dass da wohl die Sorgfalt etwas außer acht gelassen wurde, man sich natürlich nicht ausschließlich auf eine Polizeiquelle verlassen könne."

Anfang Juni findet der Prozess in dieser Angelegenheit statt. Merz dazu:

"Pressevertreter sind – außer mir in Zeugenfunktion – nicht anwesend, das Stichwort 'Elterntaxis' lockt keinen mehr hinterm Ofen vor."


Altpapierkorb (Ekel Alfred schreibt was Nettes über seinen Kumpel Clemens; die immer gleichen Symbolbilder zum Thema Islam haben mit der Lebensrealität von Muslimen nichts zu tun; in deutschen Fernsehfilmen sind Berufe, Charaktere und Örtlichkeiten oft schlecht recherchiert)

+++ Clemens Tönnies "schon jetzt quasi zum Alleinschuldigen zu machen, ist gefährlich. Denn dies wäre die nächste Stufe des Wegschauens und Verdrängens. Die Probleme in der Fleischindustrie sind (auch) die Probleme von uns allen!" - dies ist nur eine absurde Passage aus einer kuscheligen Kolumne des alten Bild-Zeitungs-Soldaten Alfred Draxler (Spitzname: "Ekel Alfred") für seinen Kumpel ("Clemens Tönnies war bei meiner Geburtstagsfeier eingeladen. Ich bei seiner"). Jürn Kruse hat dieses Draxler-Werk für Übermedien in gebührender Form aufbereitet. Ich betone in diesem Zusammenhang gern, dass "die Probleme in der Fleischindustrie" ganz gewiss nicht meine sind.

+++ NDR Kultur geht auf die Podiumsdiskussion "Islam im Bild - Bildberichterstattung über den Islam in Deutschland!" ein, die im Rahmen des am Sonntag zu Ende gegangenen 7. Lumix-Festival für jungen Bildjournalismus in Hannover stattfand: "Eine Aufnahme von zwei Frauen mit einem Niqab (einem Gesichtsschleier), auf den Knien betende Männer (unter ihnen kunstvoller Teppich), eine Halbmond-Sichel auf einer Moschee, fotografiert im grellen Gegenlicht der Sonne: Es sind Bilder, die den Islam zeigen. Und zwar immer gleich." Mit der "Lebensrealität von Musliminnen und Muslimen" hätten diese Symbolfotos aber nichts zu tun.

+++ Manfred Riepe hat für die Medienkorrespondenz ein Doppelinterview zur mangelnden Qualität von Fernsehfilmdrehbüchern geführt - mit Thomas Schadt (Filmakademie Ludwigsburg) und Enrico Wolf, dem Vorsitzenden des Verbands für Film- und Fernsehdramaturgie. Schadt sagt unter anderem, es sei "ein Problem, dass Berufe, Charaktere und Örtlichkeiten schlecht recherchiert und aufbereitet sind. An den Hochschulen wird darüber geredet, dass es gerade in diesen Punkten bei den Drehbüchern mangelt. Wir versuchen Studenten an immer wieder zur Thematik der Recherche zu führen. Vor allem eine haptische Recherche, eine, die nicht nur im Internet stattfindet. Dass man rausgeht und die Leute trifft, sich tatsächlich Räume anschaut und so weiter. Das ist das grundsätzliche Handwerk, das man braucht, um ein Drehbuch zu schreiben." Wobei man an dieser Stelle vielleicht noch ergänzen könnte, dass ein Problem in der mangelnden Berufs-Vielfalt besteht: Die Gesamtheit der Arbeitswelt wird in Fernsehfilmen jedenfalls bei weitem nicht abgebildet.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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