Das Altpapier am 17. August 2020 Horse-Race im Melkstand

Berlins Bürgermeister will angeblich Bundesbauminister werden, allerdings wird die Möglichkeit unterschlagen, dass er nur lustig sein wollte. Was hilft gegen Horse-Race-Journalismus und eine Wahlkampfberichterstattung, in der es nur um die Güte der taktischen Manöver geht? Die Konzentration auf die "Citizens Agenda". Und: Sind die Zeiten des Großraum-Newsrooms vorüber? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 17. August Juli 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die Vernachlässigung des Uneindeutigen zugunsten des Wortlauts

Das hatte Bild am Sonntag exklusiv: "Berlins Bürgermeister will Bundesbauminister werden" lautete am Wochenende die Überschrift über einem längeren Interview mit dem Besagten. Dachzeile: "Neues Karriereziel von Michael Müller (SPD)". Der Bürgermeister von BER-lin! Bundesbauminister! Das war natürlich was. Aber hatte er das wirklich gemeint? Die Interviewpassage, auf die die Titelzeile abhebt, lautet:

BamS: "Welches Ministeramt in einer Bundesregierung würden Sie gerne übernehmen?"

Müller: (lacht) "Natürlich Wissenschafts- oder Bauminister!"

Die Antwort könnte also auch anders, eher so mittelernst, gemeint gewesen sein – und der Einschub "(lacht)" deutet darauf hin, dass man das auch bei der BamS gemerkt hat. Müller bemüht sich in einem Berliner Wahlkreis um die Spitzenkandidatur seiner Partei für die Bundestagswahl, und er wolle dabei die "Themen von Bauen und Mieten über Arbeit bis Wissenschaft" nach vorne stellen, sagte er.

Aus dieser Wörterkombination die besagte Schlagzeile zu destillieren, erfordert schon einige Bereitschaft zum taktischen Missverstehen. Die Nachricht kann überhaupt nur entstehen, wenn man die Uneindeutigkeit des Ausgedrückten zugunsten des Wortlauts vernachlässigt.

Die Widerstandsfähigkeit des pointierten Sprechens gegenüber der klaren Schlagzeile ist allerdings gering, wie man an der Meldung sieht, die die Deutsche Presse-Agentur dann in der Nacht zum Sonntag unter Verweis auf die BamS veröffentlichte: "Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) möchte nach der nächsten Bundestagswahl Minister werden".

Man kann sich sicher fragen, ob er gut beraten gewesen ist, die Interviewpassage so freizugeben; aber darum müssen sich Politikberatungsjournalisten kümmern. In einer Medienkolumne muss die Frage eher lauten, warum eine Aussage wie die Müllers auf einen Nachrichtengehalt reduziert wird, den sie nicht besitzt.

Der Newsroom als Melkstand

Apropos Roboterjournalismus, als 2007 der neue Newsroom der Welt-Gruppe in Berlin eröffnet wurde – 69 Flachbildschirme, 3,6 Kilometer Strom- und Datenleitungen, 408 Quadratmeter im Axel-Springer-Haus –, entstand ein Foto von Menschen am sogenannten Balken, die auf Bildschirme starren. Und eine Bloggerin oder ein Blogger namens Norman E. Mailer – gemunkelt wird, es handle sich um ein Pseudonym – machte sich daran, die Fotografie einer genauen Betrachtung zu unterziehen (Text wie Foto sind noch online):

"Unterstützt wird die maschinelle Unerbittlichkeit des auf die Zukunft gerichteten Prozesses durch die Exponiertheit der technischen Bildschirmaufhängungen, die mit ihren kalten Industriefarben (grau und metall) auf das Fließband als Vorbild tayloristischer Produktionsweisen deuten", schrieb Mailer. Die Männerfiguren auf dem Foto würden "als verblasstes Zeichen der Leitungsfunktion" in Anzügen erscheinen, "wo der fordistisch zergliederte durch die Eigengesetzlichkeit der Matrix bestimmte Arbeitsprozess doch eher den Blaumann nahelegen würde".

Da fand’s jemand wohl nur so halblustig, dem "Sog der Informationsmenge, die über die Datenautobahn ins Produkt kaskadiert" nicht widerstehen zu dürfen. Denn dafür, unter anderem, stand das Konzept des Newsrooms damals.

Offiziell galten Newsrooms seinerzeit freilich als Zukunft des Journalismus. Es gab bessere und schlechtere Konzepte: Während die einen Häuser die Zusammenlegung von Online und Print auch als Sparmaßnahme missbrauchten, ordneten die anderen vor allem ihre Prioritäten neu. Während die einen integrierten Newsroom schufen, bauten die anderen einen konvergenten; von Gruner+Jahr bis New York Times war die räumliche Veränderung damals eine Branchenbewegung. Offenheit und Kooperation bei der Bespielung verschiedener Vertriebswege, darum ging es. Im neuen Gebäude der New York Times saßen die Chefs von nun an etwa im Zentrum statt, wie zuvor, in Eckkabuffs.

Das ist noch gar nicht lange her, ungefähr so lange wie der Flughafen BER gebaut wird. Menschheitsgeschichtlich ein Klacks. Ist die Ära des Newsrooms aber nun bereits im Abklingen begriffen? Mark Thompson, der scheidende CEO der New York Times, hat in einem Abschiedsinterview (zu sehen, aber nicht ohne Anmeldung, bei CNBC, in Auszügen zu lesen etwa beim NiemanLab) hat kürzlich jedenfalls "den Sinn des klassischen Büromodells" infrage gestellt, wie es die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zusammenfasst:

"Als er eines Tages den News­room betrat, fand er den coronabedingt verwaisten Raum völlig menschenleer. 'Ich brachte mein Fahrrad mit und fuhr darauf in der Etage herum und filmte die endlosen, leeren Tische der Arbeitsstationen mit meinem Telefon. Und dachte, es ist schon eine ziemlich seltsame Art, Menschen zusammenzupacken. Als würde man sie in einen Melkstandpferchen.'"

Citizens Agenda

Man kann Redaktionen auch anders organisieren als in einem räumlichen Miteinander. Videokonferenzen, von denen in den vergangenen Monaten die eine oder andere stattgefunden haben soll, zeugen davon.

Das Vorschaubild eines Youtube-Videos von vox.com zeigt, wie Zusammenarbeit dann aussieht. Zu sehen sind fünf Redaktionsmitglieder in fünf Fenstern. Das ist nicht nur eine andere Optik. Das bedeutet eine andere Organisation als beispielsweise am Balken des Newsrooms. Das Bild des Balkens zeigt Redakteurinnen und Redakteure, die wie die Hühner auf der Stange sitzen und zusammen an einer gemeinsamen Wirklichkeit arbeiten. Das Bild der Videokonferenz zeigt dagegen fünf Menschen mit fünf unterschiedlichen Zugängen zur Welt.

Folgerichtig ist, dass das Video von vox.com, in dem es um neue Formen der Politikberichterstattung in den USA geht, auch als Beitrag zur Debatte über Neutralität und Objektivität verstanden wird. Von piqd etwa, wo Christoph Zensen es empfiehlt. Vox.com habe hier einen Ausweg aus Horse-Race-Journalismus und einer Wahlkampfberichterstattung skizziert, in der es "nicht um Politik (im Sinn vom policy), sondern nur um die Güte der taktischen Manöver" gehe. Er schreibt:

"Die Ursache für diese seltsame Art der politischen Berichterstattung liegt wieder einmal in der Fixierung von Nachrichtenmedien auf Neutralität und Objektivität. Weil ein:e Nachrichtenjournalist:in ja selbst politisch nichts will, ist es so auch nicht möglich, ein:e Politiker:in zu befragen, wie diese nicht vorhandenen Ziele zu erreichen sind."

Den besagten Ausweg, den Vox im Video vorstelle, habe sich der New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen ausgedacht: Citizens Agenda, also eine Berichterstattung, die an der Frage orientiert ist, was die Bürger wissen wollen. Christoph Zensen findet:

"Das ist ein sehr eleganter Kniff. So müssen die Nachrichtenjournalisten den journalistischen Standards der Neutralität und Objektivität nicht abschwören. Sie können einfach auf die Bürger bzw. ihre Leserschaft verweisen und sagen: ‚Das sind nicht unsere Ziele, das sind deren Ziele‘."

Nachrufe auf Volker Panzer

Am Donnerstag ist der Kulturjournalist Volker Panzer gestorben, der im ZDF viele Jahre lang durch eine von ihm erdachte Sendung führte, die er erfunden hatte, das "nachtstudio", gesendet am späten Sonntagabend: "eine intellektuelle Runde zu übergreifenden Themen, kluges Räsonnement über Gegenwart und Zukunft", schrieb Michael Hanfeld in der Samstags-FAZ.

Claudius Seidl lobte in der Sonntagsausgabe, dass die drei, vier Gäste "weder die Prominenz, noch die Schlichtheitsvorgaben erfüllen" mussten, "die sonst im ZDF so gelten. Hauptsache, sie waren interessant und höflich."

Und auch Markus Ehrenberg ruft Panzer im Tagesspiegel nach. Er sei "(e)in Meister des Worts, des Laissez-Faire, ein Querdenker auch" gewesen. Querdenker: Dass der Begriff, der auch in der ZDF-Mitteilung zu seinem Tod auftaucht, dank allerlei selbsternannter Querdenker, die sich bisweilen nicht entscheiden können, ob sie nicht eigentlich Klardenker seien, heute einen seltsamen Beiklang hat, ist nicht Panzers Schuld.


Altpapierkorb ("Mitteldeutsche Zeitung", Belarus-Berichterstattung, Präsenzpublikum in Talkshows, Hans Leyendecker, Hongkong, ARD-Spezials, Max Goldt, Digital Detox)

+++ Bei der Mitteldeutschen Zeitung, die ihre Leserschaft vornehmlich im Süden Sachsen-Anhalts hat, sorge man sich um die Eigenständigkeit der Redaktion, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Eine Zusammenlegung mit der Magdeburger Volksstimme stehe im Raum. Seit der Übernahme durch den Bauer-Verlag "fällt im Haus häufiger das Wort 'Synergien'. Die einen sprechen darüber wie Automechaniker über eine notwendige Reparatur. Die anderen wie Patienten über eine schlimme Diagnose. Manche auf Anfrage lieber gar nicht, wie die Chefredaktion der MZ."

+++ Lesenswert zur "aufgeheizten Debatte zur 'Cancel-Culture'" ist der Essay von Franziska Schutzbach in der Schweizer Republik:

"Frauen und Minder­heiten beanspruchen Mitsprache und Gleich­berechtigung. Und sie wollen nicht nur ein Stück des Kuchens, sie wollen mitbestimmen über die Rezeptur des Kuchens, sprich: Die Regeln des Zusammen­lebens und die Verteilung von Macht, Einfluss und Ressourcen sollen gleich­berechtigt ausgehandelt werden. Wenn aber mehr Menschen am Tisch sitzen und über das Rezept reden, müssen diejenigen, die zuvor aufgrund von diskriminierenden Strukturen allein da waren, Platz machen, sich einschränken, Redezeit und Ressourcen abgeben. Das ist zwar schmerzhaft, ist aber angesichts der nachweislichen Ungleichheitsverhältnisse keine anmassende oder 'autoritäre' Forderung; die Herstellung tatsächlicher – nicht bloss formaler – Gleichheit ist ein Kernauftrag demokratischer Verfassungen."

+++ Warum die Berichterstattung über Belarus schwierig sei, darum ging es bei "Breitband" im Deutschlandfunk. Und bei der Schwesterredaktion von @mediasres um die Bedeutung des Messengerdienstes Telegram für die Demonstranten.

+++ Es wurde wieder Publikum in Talkstudios gesichtet, und der Tagesspiegel hat’s gemerkt: "Es gebe beim NDR ein strenges Hygienekonzept mit 30 Zuschauerinnen und Zuschauern im Publikum, so eine Sprecherin. Zwar schienen dem nicht alle Besucher zu trauen, manch einer hatte im Hintergrund einen Nasenmundschutz an, während vorne Meyer-Burckhardt und Barbara Schöneberger die Fragen stellten – das wirkte ein wenig surreal, aber warum soll das mit den Zuschauern im Studio prinzipiell nicht auch bei anderen Sendungen funktionieren? Vielleicht wollen wir das aber gar nicht mehr."

+++ Hat "der ehemalige Spiegel-Redakteur Hans Leyendecker 1993 im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung über den Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Bahnhof von Bad Kleinen einen Informanten erfunden (…), den es so gar nicht gab"? Kai-Hinrich Renner schreibt in der Berliner Zeitung, die einstige Relotius-Kommission, die nun im Fall Bad Kleinen tätig sei, habe "außer ein paar kleineren Unstimmigkeiten nichts entdeckt, was den Verdacht gegen Leyendecker erhärtet". Der Bericht liegt noch nicht in der Endfassung vor.

+++ DWDL hat einen neuen Sonntagskolumnisten, den ehemaligen Altpapier-Autor Peer Schader, der eine Unübersichtlichkeit der ARD-Spezials kritisiert: "Wenn die nachrichtliche Lage schon für gestandene Journalistinnen und Journalisten zunehmend schwer einzuordnen ist – wie soll es dann erst dem Publikum gehen, das sich nach Übersichtlichkeit sehnt, aber vom Sender seines Vertrauens einen ganzen Strauß unterschiedlicher Spezials entgegen gehalten kriegt?"

+++ Die Situation in Hongkong thematisiert der Spiegel: "Kinder werden verhaftet, weil sie im Internet über Politik diskutieren. Prominente Aktivisten wie Nathan Law fliehen ins Exil, über anderen wie Agnes Chow schwebt ein Verfahren; ihnen drohen im schlimmsten Fall lebenslange Freiheitsstrafen. Einige der populärsten Oppositionskandidaten für die Parlamentswahl hatte die Regierung bereits ausgeschlossen, der Urnengang selbst wurde um ein Jahr auf September 2021 verschoben. Der Juraprofessor, der die Vorwahlen der Prodemokraten organisierte, wurde von seiner Universität gefeuert. Jetzt ist die Presse dran".

+++ Hat alles sein Gutes: "Öffentliche Toiletten sind sauberer, seit es das Mitmach-Internet gibt" zitiert das FAZ-Feuilleton (€) in einer Hörbuchrezension Max Goldt.

+++ Die Redaktion von MDR Medien360G, auf deren Seiten auch diese Kolumne erscheint, hat einen neuen Schwerpunkt veröffentlicht. Es geht um Digital Detox als Reaktion auf einen, wie manche feststellen, unkontrollierten Umgang mit dem Smartphone. Und damit um einen mündigen Umgang mit den An- und Überforderungen der digitalen Gesell… oh, Moment, ein Tiervideo!

Das nächste Altpapier erscheint am Dienstag.

0 Kommentare