Das Altpapier am 24. August 2020 Keine Wendung in Ibiza

In der Ibiza-Affäre, über die Österreichs ehemaliger Vizekanzler Strache gestolpert ist, soll es eine "neue Wendung" geben – behauptet sein Team, das von "Fake-News-Journalismus" spricht. Aber das hätte er wohl gern. Außerdem: eine Begutachtung der Schnipseltwitter-Aufwallung des Wochenendes. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 24. August Juli 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die Ibiza-Affäre und die Behauptung einer Wendung

Es gibt eine "neue Wendung" in der sogenannten "Ibiza-Affäre". Nein, falsch, schon reingefallen: Von interessierter Seite wird behauptet, es gebe eine Wendung. Und nun wird diskutiert, ob der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache, der 2019 über das Ibiza-Video gestürzt ist und die österreichische Regierungskoalition mitgenommen hat, womöglich wirklich verkürzt zitiert wurde und vielleicht doch alles etwas anders war.

Wäre das so, hieße das: Süddeutsche Zeitung und Spiegel hätten in ihrer folgenreichen Berichterstattung, die sich auf Videoaufnahmen stützte, die ohne Wissen der Gefilmten gemacht wurden, einen falschen Eindruck übermittelt. Hieße – nicht heißt. Die Behauptung von Straches Anwalt, zitiert etwa in der Welt, lautet, die Auswahl der veröffentlichten Passagen" sei "bewusst nachteilig für Heinz-Christian Strache" erfolgt. Ein Strache-Vertreter wirft gar mit Begrifflichkeiten wie "Fake-News-Journalismus" um sich; zitiert (allerdings nicht bestätigt) wird er etwa im österreichischen Standard und in Die Presse.

Michael Hanfeld fasst die Nachrichtenlage bei faz.net so zusammen:

"Die Tageszeitung 'Österreich' hat eine 31 Seiten umfassende Transkription des Videos veröffentlicht, in dem die FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus mit einer vermeintlichen russischen Oligarchen-Nichte über mögliche Politgeschäfte sprechen. Anders als es in dem kurzen Ausschnitt scheint, den der 'Spiegel' und die 'Süddeutsche Zeitung' seinerzeit veröffentlichten, weist Strache hier direkte Geldzahlungen an sich persönlich oder seine Partei zurück. Er selbst und sein Anwalt sehen den nun bekanntgewordenen Abschnitt des Videos als Entlastung."

Hanfeld schreibt aber auch: Die an der Veröffentlichung beteiligten Journalisten gäben an, sie hätten in ihrer Berichterstattung sehr wohl "auf die nun publizierten Aussagen verwiesen", und "am Gesamteindruck ändere sich nichts". Beim Deutschlandradio sind Tweets einiger dieser Journalisten verlinkt.

Die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung hat am Sonntagnachmittag bei Facebook Stellung genommen – es geht hier schließlich immerhin um Manipulationsvorwürfe eines ehemaligen Vizekanzlers. In der Stellungnahme heißt es:

"Die angeblich neu aufgetauchten Aussagen von Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus, welche die beiden früheren FPÖ-Politiker im Zusammenhang mit dem Ibiza-Video entlasten sollen, sind alles andere als neu und auch nicht entlastend".

Strache habe "betont wiederholt, dass er nichts Illegales tun werde" – und das habe die SZ auch geschrieben.

"Ähnliche Aussagen Straches finden sich an verschiedenen Stellen des mehrstündigen Ibiza-Videos in unterschiedlichen Formulierungen. Die SZ hat nicht jede dieser Formulierungen wörtlich zitiert, sondern diese zusammengefasst und inhaltlich wiedergegeben – alleine am ersten Tag in sechs verschiedenen Texten. Von 'neuen' inhaltlichen Aussagen, wie jetzt behauptet, kann also nicht die Rede sein."

Wer nun aber denkt, es stehe Aussage gegen Aussage, irrt. Das Gute an Veröffentlichungen ist ja, dass sie öffentlich sind: Man kann’s also nachlesen. Im Haupttext der SZ zum Thema vom 17. Mai 2019 heißt es zum Beispiel, genau wie die SZ-Chefredaktion schreibt:

"Doch Heinz-Christian Strache, der sich gern als Saubermann der österreichischen Politik präsentiert, steht nicht auf und geht. Er betont zwar im Laufe des Gesprächs wieder und wieder, dass er nur für legale Geschäfte zu haben sei. Im nächsten Augenblick aber erklärt er sich einverstanden mit Vorschlägen, die – sollten sie umgesetzt werden – eindeutig illegal wären."

Wer nicht lange lesen will, kann auch einen kurzen SZ-Text anklicken, der seinerzeit "Die wichtigsten Fakten zum Strache-Video" überschrieben war: Selbst unter die "wichtigsten Fakten" haben es die heute angeblich neuen Aussagen vor 15 Monaten schon geschafft.

Ein Buch gibt es ebenfalls längst. Worum handelt es sich also bei Straches Vorstoß? Um eine "Nebelbombe", twittert Florian Klenk vom an den Veröffentlichungen seinerzeit ebenfalls beteiligten österreichischen Falter: nicht um einen "'Knalleffekt', sondern Knallfrösche". Ich kann nicht erkennen, wie man es anders sehen könnte.

Die behauptete "neue Wendung" im Ibiza-Fall besteht also nicht darin, dass es etwas Neues gäbe. Sondern darin, dass Strache eine "neue Wendung" behauptet und dafür viel Öffentlichkeit bekommt. Die eigentliche Nachricht ist: Er versucht’s mit allen Mitteln.

Mehr im Nachgang zur funk-Satire

Zu einem Thema, das hier im Altpapier zuletzt am Freitag stattfand, gibt es Ergänzungen: Es geht um das funk-Satirevideo über die deutsche Polizei, das einige CDU-Politiker in einen Zusammenhang mit der Rundfunkfinanzierung gestellt hatten. Nach dem am Freitag hier erwähnten Michael Hanfeld in der FAZ weist auch die für kritische Betrachtungen der Öffentlich-Rechtlichen prinzipiell aufgeschlossene Welt darauf hin, dass die Koppelung der Finanzierung an den Inhalt für Politiker ein Unding ist:

"Die Ausübung von Druck auf die Sender, die Drohung mit der Beschneidung beziehungsweise dem Einfrieren des Rundfunkbeitrags, ist nicht statthaft, wenn missliebige Beiträge der Auslöser dafür sind. Denn würden die Sender und ihre Mitarbeiter einknicken und nur noch solche Inhalte produzieren, die einer bestimmten Partei oder Gruppierung gefallen, dann dürfte man zu Recht von Staatsfunk sprechen."

Übermedien-Redaktionsleiter Jürn Kruse schreibt im Sonntags-Newsletter:

"Und am Ende stellt sich – wie so häufig bei der künstlichen Aufregung von Politikern um unliebsame Medienbeiträge – die Frage, wer hier eigentlich wirklich Schaden anrichtet: der Satiriker, der einen Witz auf Kosten der Polizei macht, oder der Politiker, der sich bereitwillig die Trense ins Maul stecken und vor den Empörungskarren spannen lässt?"

Mehr zur Corona-Tunnelblick-Studie

Und noch eine Ergänzung zum Freitags-Altpapier: Die Autoren des vielzitierten Preprints "Die Verengung der Welt" über die Corona-Berichterstattung in Sondersendungen von ARD und ZDF wurden am Samstag in der Süddeutschen Zeitung interviewt. Sie verteidigen sich darin. Und bei aller Kritik, die man an ihrer Arbeit sicher üben kann: In allen Aspekten zurückweisen kann man ihre Erkenntnisse wohl kaum.

Sie hätten nachgewiesen, sagen sie etwa, "dass teilweise mit Ästhetiken gearbeitet wurde, die dem fiktionalen Genre entsprechen. Etwa Sirenengeheul, das man aus Katastrophenfilmen kennt." Und: "Diese Fiktionalisierungsstrategien tragen zu einer Aura der Unausweichlichkeit und des Zeitdrucks bei."

Der Wunsch der beiden Wissenschaftler, ihre Kritik zumindest nicht "als Ganzes umgehend" zurückzuweisen, scheint mir legitim.

Jörg Thadeusz und die Schnipseltwitter-Aufwallung

Kommen wir zur Wochenend-Aufwallung: ein Schnipseltwitter-Shitstorm! Jörg Thadeusz stand darin. Er soll von Berlins diskriminierungserfahrener Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), die gegen ihren eigenen Chef, den älteren weißen Bürgermeister, kandidiert, in einem halbstündigen RBB-Interview angeblich "Demut" gefordert haben. Hat er?

Chebli sagt, etwa nach der Hälfte des Interviews: "Das ist doch total normal, dass zwei gute Kandidaten gegeneinander dann antreten. Wieso soll das nicht so sein? Ich habe für mich überhaupt nicht gesehen, warum ich ausweichen soll. Warum?" –"Aus Demut", wirft er ein.

Man kann diese Passage natürlich als missglückt betrachten und es als ungeschickt von ihm empfinden, sie separat zu schnipseltwittern. Die Aufwallung, die sie am Wochenende ausgelöst hat – Größenordnung: "politischer und gesellschaftlicher Offenbarungseid des Jörg Thadeusz" –, ist aber lächerlich.

Nachdem Thadeusz zu Beginn der Sendung ein überzeichnetes "Mediendrama" ausgemacht hatte, das von Vatermord handle, hat er mit seinem Demut-Einwurf für mein Empfinden keine Forderung erhoben – sondern sich höchstens an einer Provokation versucht, um Chebli zu einer Antwort herauszufordern, die nicht nach Pressemitteilung klingt. Und das ist Interviewhandwerk. Hätte er die Demut nicht ins Spiel gebracht, hätte Chebli nicht erläutern müssen, warum das für sie im politischen Wettbewerb keine Kategorie ist.

Wenn man Jörg Thadeusz aber schon nicht zugestehen will, Chebli auch kritisch zu befragen (was by the way Teil seines Jobs ist), könnte man immerhin zur Kenntnis nehmen, an wen sich – auf die Strecke des Interviews gesehen – seine Kritik eher richtet: an jene, die tatsächlich fordern, sie solle zurückstecken. Etwa wenn er sie nach Kevin Kühnert fragt, der weniger Regierungserfahrung habe als sie und "viel weniger geleistet hat", und der in der Angelegenheit auch eine tragende Rolle spielt: "Warum ist der eigentlich kein Egoist und Sie aber schon?"

Schnipseltwitter, ey.


Altpapierkorb (Staatsfernsehen in Belarus, "Spiegel-TV", "Super-Illu", Urteil für Journalistinnenmord in Mexiko, "Medieninsider")

+++ Die Rolle des staatlichen Fernsehens in Belarus in diesen Tagen beleuchtet die Süddeutsche (Seite 2): "Mitarbeiter der staatlichen Fernseh- und Rundfunkanstalt BT forderten von ihrem Direktor, die Lügen zu beenden und das Volk mit zuverlässigen, nicht manipulierten Informationen zu versorgen." Und Präsident Alexander Lukaschenko? Er "bestätigte, dass er Russland ‚für alle Fälle um zwei, drei Gruppen von Journalisten gebeten‘ habe, nachdem ‚einige Mitarbeiter‘ der staatlichen Sender auf die Straße gegangen seien, um zu demonstrieren."

+++ Stefan Niggemeier schreibt bei Übermedien über den Umgang von Spiegel-TV mit einem libanesischen Recherche-Helfer, der nach seiner Mitarbeit mit dem Tod bedroht worden sei und sein Land verlassen musste, der sich aber nun im Stich gelassen fühle.

+++ "(W)enn die Zielgruppe bei den anderen etwas über sich liest, ist ihr immer, als gucke sie das Auslandsjournal." Die Super-Illu wird 30. Kerstin Decker schreibt im Tagesspiegel einen Geburtstagstext, der etwas aus der Distanz kommt, aber die Bedeutung des ostdeutschen Magazins für meine Begriffe gut erfasst. Die erste Ausgabe der Super-Illu kann man sich auf ihren Seiten als pdf geben.

+++ In Mexiko hat ein Gericht 50 Jahre Haft für den Mord an der Journalistin Miroslava Breach verhängt. "Es sei die bisher höchste Strafe für ein Verbrechen gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung." (u.a. faz.net, Tagesspiegel).

+++ Meedia stellt ein neues Bezahl- und Informationsangebot für Medienschaffende vor, den "Medieninsider".

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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