Das Altpapier am 21. August 2020 Der akademische Tunnelblick

Eine neue Studie scheint über ARD und ZDF das zu belegen, was die AfD eh schon denkt. Doch die Methodik ist zweifelhaft. Ein CDU-Politiker will die Rundfunkfinanzierung doch noch an die Inhalte geknüpft haben. Und ein Interview zu einem Polizeieinsatz in Hamburg wirft noch mehr Fragen, als es beantwortet. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 21. August 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
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Kollision zweier Selbstverständnisse

Zwei Forscher der Uni Passau haben zwischen Mitte März und Mitte Mai über 90 Sondersendungen von ARD und ZDF untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es fast ausschließlich um Corona ging. Das kritisieren sie. Bemerkenswert daran ist zuallererst, dass viele Medien sich weiterhin schwer damit tun, das Dokument, um das es hier geht zugänglich zu machen, denn wenn man es aufrufen wurde, müsste man das eigene Informationsangebot dazu verlassen. Das wollen Medien möglichst verhindern. Zum Nachteil des Publikums. Daher hier zunächst der Link zu der Studie, um die es geht. Die Autoren sind Dennis Gräf und Martin Hennig.

Gräf hat das Ergebnis der Arbeit im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (hier bei Digitalfernsehen.de) wie folgt zusammengefasst:

"Sondersendungen wurden zum Normalfall und gesellschaftlich relevante Themen jenseits von Covid-19 ausgeblendet: Es war eine Verengung der Welt."

Die Forscher verwenden den Begriff "Tunnelblick", und Sie haben sicher schon erraten, wem das gefällt.

"Prompt applaudierte Stephan Brandner, AfD-Vizebundessprecher, den beiden Medienwissenschaftlern. Die Studie zeige: 'Der Staatsfunk hat auch in der Corona-Krise versagt.' Mit Journalismus habe 'das Ganze nichts zu tun', schäumte Brandner unter großzügiger Verwendung von Ausrufezeichen in einer Pressemitteilung",

schreibt Imre Grimm in einem Beitrag für das Redaktionsnetzwerk Deutschland, der ebenfalls nur Links auf eigene Angebot enthält, aber keinen Verweis auf die Studie, wie auch ein Beitrag von Annika Schneider für den Deutschlandfunk nicht. Und das ist in dem Fall vor allem deshalb relevant, weil die Autoren der Studie dem Evangelischen Pressedienst zwar ein paar Sätze gesagt haben, aber wohl fanden, damit sei es dann auch genug.

Annika Schneider:

"Äußern wollen sich die beiden Forscher gegenüber dem Deutschlandfunk nicht. Auf eine Interviewanfrage antworten sie, dass sie mit ihren Ergebnissen zum Diskurs beitragen, sie aber nicht noch einmal kommentieren wollten."

So funktioniert Wissenschaft, aber so funktioniert eben nicht Journalismus, schon gar nicht im Radio. Und hier geht es um das Selbstverständnis von Wissenschaft. Stellen Forschende einfach ihre Werke in die Welt und lassen das Ergebnis für sich sprechen? Oder darf man von ihnen erwarten, dass sie ihre Arbeit der Öffentlichkeit auch verständlich machen, indem sie die Ergebnisse erklären und Fragen beantworten? Ist das möglicherweise sogar in ihrem eigenen Interesse? Oder steht dahinter die akademische Überzeugung, dass man der Veröffentlichung schon genug zur Wissensbildung beigetragen hat

Funktionieren kann das jedenfalls nur, wenn der Inhalt zur Verfügung steht. Und hier kollidieren das Selbstverständnis dieser Art von Wissenschaft mit einem Selbstverständnis von Journalismus, der mit Blick auf den eigenen wirtschaftlichen Erfolg dem Publikum die Quellen lieber vorenthält.

Eine Arbeit für sich sprechen zu lassen, bedeutet auch, dem Publikum keine Fragen zuzugestehen. Und in diesem Fall gäbe es da so einige, zum Beispiel zur Methodik.

Ein Blick auf die Liste der Publikationen von Dennis Gräf und Martin Hennig verrät, dass beide sich in der Vergangenheit nicht so eingehend mit Journalismus beschäftigt haben, eher mit fiktionalen Formaten, mit Literatur oder Film. In diese Richtung geht auch eine Kritik von Bernhard Pörksen.

Annika Schneider:

"Die Studie aus Passau ist aus Sicht des Medienwissenschaftlers zu sehr in rein akademischen Erzähltheorien verhaftet – und zu wenig informiert über die tatsächliche journalistische Praxis."

Ein weitere Kritikpunkt ist die Entscheidung, ausschließlich Sondersendungen zu analysieren, denn die beschäftigen sich ja gerade monothematisch mit dem gegenwärtig dominierenden Thema, und sind "schließlich nur ein kleiner, sehr spezifischer Ausschnitt der Corona-Berichterstattung von ARD und ZDF", so Annika Schneider.

Das greift auf Imre Grimm heraus. Es überrasche wenig, dass "in diesem Specials kaum Themen jenseits von Corona vorkamen". Und unter anderem aus diesem Grund weist Helge Fuhst, Vizechefredakteur von ARD Aktuell, die Kritik auch recht rigoros zurück.

"Die Studie ist für uns nicht nachvollziehbar, ihre Vorwürfe treffen nicht zu und sind recht leicht zu widerlegen",

sagt Fuhst. Und aus dem Blickwinkel der Filmkritiker, die sich ansehen, was ihnen geboten wird und die Darstellung bewerten, ist der Schluss, das alles sei doch sehr einseitig inszeniert, vielleicht naheliegend. Doch die Ursachen können unterschiedlich sein. Die Redaktionen können aus den vielen sich bietenden Bildern die dramatischsten ausgewählt und so alles überdramatisiert haben. Die andere Möglichkeit wäre: Es war alles tatsächlich recht dramatisch.

Matthias Fornoff, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen, erklärt den entstandenden Eindruck mit der zweiten Möglichkeit. Annika Schneider (ursprünglich stand hier Imre Grimm. Das haben wir korrigiert. Anm. Red.) zitiert ihn mit den Worten:

"Das haben wir uns ja nicht ausgedacht, weil wir dramaturgische Effekte erzielen wollten wie im Horrorfilm, sondern das ist Tatsache gewesen über viele Wochen, und die müssen wir dann auch transportieren, auch in den Bildern. Dann kann man an der Stelle als verantwortlicher Journalist nicht sagen, wenn das bei Leuten Ängste auslöst, was die Wirklichkeit anrichtet, berichte ich nicht mehr über die Wirklichkeit."

Aber was bedeutet in dem Fall Wirklichkeit? Um die Frage, wie die Berichterstattung im Ausnahmefall aussehen muss, damit das Bild nicht vollkommen verzerrt wird, ging es im Mai schon einmal. Daniel Kehlmann hatte damals im SZ-Interview mit Blick auf die Bilder im Fernsehen den Satz gesagt: "Eine Intensivstation sieht immer beängstigend aus." (Altpapier) Und schon das bestimmt den Grad Dramatik.

Der Journalismus zeigt im Ausnahmefall die Stellen, an denen die Folgen erkennbar sind. Im Zweifel also eher ein Krankenhaus als einen Ort, an dem das Leben unverändert weitergeht. Aber muss der Journalismus zur Abwechslung zwischendurch auch das zeigen, was vom Geschehen unbeeinträchtigt bleibt, um einen Ausgleich zu schaffen? Oder muss er für ein thematisches Gleichgewicht sorgen, um nicht den Eindruck zu erwecken, alles andere sei völlig bedeutungslos geworden?

Das würde zur Frage führen: Haben die Menschen zwischen März und Mai fast ausschließlich über Corona gesprochen, weil sie nur dieses Thema beschäftigt hat? Oder lag das daran, dass die Medien ihnen nichts anderes boten?

Es gibt durchaus Hinweise auf ein recht eindimensionales Interesse.

"Neun der zehn meistgesehenen 20-Uhr-Ausgaben der 'Tagesschau' der vergangenen drei Jahrzehnte stammen aus dem Frühjahr 2020",

schreibt Imre Grimm. Trotzdem könnte man fragen, ob es nicht gerade dann angebracht wäre, sich aus diesem Sog zu lösen, um ebenfalls wichtigen aber untergehenden Themen die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Eine andere Frage wäre, wie die Wissenschaft dazu beitragen kann, so eine Debatte anzuregen. Was man sicher sagen kann: Wenn der Eindruck entsteht, dass hier möglicherweise auch politische Präferenzen eine Rolle spielen, ist das nicht sehr hilfreich.

Grimm führt weiter aus:

"Tatsächlich machen sich die Forscher in ihrer Bewertung Eindrücke zu eigen, die oft in den Reihen von Coronaskeptikern und Maskenverweigerern zu hören sind. So beklagt etwa Hennig im Gespräch mit dem epd eine 'Glorifizierung' des Virologen Christian Drosten. Dabei war Drosten nur ein einziges Mal als Gesprächspartner der 'Tagesthemen' zugeschaltet (…)"

Die Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stört das natürlich überhaupt nicht.

CDU-Politiker will es doch nicht so gemeint haben

Und damit wären wir schon wieder beim Thema Polizeigewalt, beziehungsweise beim Thema Rassismus und Polizei, beziehungsweise beim Thema Satire, also im Grunde beim Thema Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Eigentlich sollte zwischen dem Geld und dem Inhalt natürlich keine Verbindung bestehen, aber wenn die Gefühle sehr stark sind, kann das zwischendurch ja schon mal in Vergessenheit geraten (Thema zuletzt hier im Altpapier).

Kurze Rückblende, falls sie es nicht verfolgt haben. Aurel Mertz hatte für funk ein Satire-Video gedreht, in dem zwei dümmlich wirkende Polizisten einen Jungen mit dunkler Haut von einem Scharfschützen hinrichten lassen, das aber später bereuen, als sie seinen deutschen Pass finden.

Wie schon in der Umweltsau-Sache  erkannten vor allem Rechte und Konservative darin einen ziemlich eindeutigen Generalverdacht. Die CDU-Politiker Sven Schulze und Markus Kurze stellten einen Zusammenhang zur Rundfunkfinanzierung her (Altpapier). Aber nun soll auf einmal alles doch nicht so gemeint gewesen sein.

Claudia Tieschky schreibt für die SZ:

"CDU-Mann Sven Schulze erklärt auf Anfrage, das auch gar nicht gemeint zu haben. Die Aussage der CDU-Landtagsfraktion, keiner Beitragserhöhung zuzustimmen, sei nicht an inhaltliche Forderungen an den Rundfunk geknüpft. Sie stehe in Zusammenhang mit dem Koalitionsvertrag von 2016 und sei seit Langem bekannt. Schulze sagte der SZ, er habe 'nicht das Recht, mich in die Programmverantwortung einzumischen'. Es sei nicht seine Intention vorzuschreiben, was gemacht werden solle und was nicht – 'aber ich wollte eine Debatte darüber anregen, ob solche Beiträge mit Gebührengeld finanziert werden sollen oder nicht'."

Aber dahinter steht witzigerweise noch der Satz:

"Er bekomme nun positives Feedback aus ganz Deutschland."

Und das könnte man natürlich auch so deuten: Ich weiß, ich darf so was nicht behaupten, aber im Grunde sage ich nur das, was die Menschen denken.

In dem Fall bezieht auch Michel Hanfeld auf der FAZ-Medienseite klar Stellung, obwohl er nicht im Verdacht steht, irgendwelche Lanzen für die Anliegen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks brechen zu wollen.

Er schreibt (55 Cent bei Blendle):

"Es mag gute Gründe geben, den Öffentlich-Rechtlichen nicht noch mehr als acht Milliarden Euro pro Jahr zu geben; ein Satire-Video, für wie misslungen man es halten mag, ist kein Grund. 'Die Herren', sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, 'sollten sich schleunigst mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts vertraut machen, das strikt untersagt hat, den Rundfunkbeitrag an inhaltliche Aspekte des Programms zu koppeln.' Recht hat er."

Recht hat er.

Geschichte eines Interviews

Und wo nun im Hintergrund nun wieder einmal die vertraute Debatte um die Frage "Was darf Satire?" läuft, tauchen, als wären es weitere satirische Elemente, die diese Debatte möglichst absurd erscheinen lassen sollen, weitere Videos auf, in denen der Eindruck entsteht, dass die Polizei eben möglicherweise doch nicht alle Menschen gleich behandelt. Um den Fall des 15-jährigen Jungen, der in Hamburg von acht Polizisten überwältigt wurde, nachdem er mit einem E-Scooter über den Gehweg gefahren war, ging es hier bereits (vorgestern im Altpapier).

Nun hat der Journalist Tarek Baé ein Interview mit dem Jungen führt. Und sowohl der Inhalt auch die Geschichte des Interviews zeigen recht eindrucksvoll, wie schwer es sein kann, die Widersprüche aufzulösen. Um deutlich zu machen, woran das liegt, werde ich hier auch auf Inhalte verlinken, die ich im Altpapier normalerweise nicht verlinken würde, zum Beispiel auf den türkischen Staatssender TRT. Das vorab. Wohin die Links führen, werde ich kennzeichnen.

Tarek Baé, den ich persönlich nicht kenne, mit dem ich aber bei Facebook befreundet bin, und der mir dort immer als besonnener Mensch mit einem großen Interesse an inhaltlichen Debatten erscheint, hat bei Twitter gestern auf sein Interview aufmerksam gemacht.

"Ich habe ein Interview mit dem 15-jährigen Jugendlichen aus Hamburg geführt, der Polizeigewalt erfahren hat. Eräußert sich zu Behauptungen der Polizei und der Bild und schildert seine Perspektive des Vorher und Nachher. Welches Medium will es veröffentlichen? DM."

Kurz darauf erschien der Text bei Belltower-News, der Nachrichtenseite der Amadeu-Antonio-Stiftung, doch später führte der Link auf einmal ins Leere. 

Belltower-News selbst hat mir nicht auf die Frage geantwortet, warum es gelöscht wurde.

Aber bei Twitter lässt es sich nachvollziehen. Ali Ertan Toprak, der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde und Mitglied im ZDF-Fernsehrat, wies die Stiftung auf einen Tweet des laut Twitter-Bio Wirtschaftswissenschaftlers und angehenden Islamwissenschaftlers Ahmad A. Omeirate hin, der schreibt:

"Die @AmadeuAntonio Stiftung gibt dem Propagandisten der islamistischen Muslimbruderschaft und der Ülkücü Bewegung (ATIB), die lt Verfassungschutz zur türkischen rechtsextremen Grauen Wölfe gehört, eine Plattform auf einem Portal gegen Rechts."

Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, antwortete:

"Sorry, Leute. Wir nehmen den Artikel natürlich sofort runter. Wir checken, wie dazu kommen konnte. Ich habe es auch gerade erst gesehen. Tut mir sehr leid."

Tarek Baé reagierte bei Twitter mit dem Tweet:

"Es beschämt mich, das zu schreiben. Mein Respekt gegenüber der Amadeu Antonio Stiftung ist groß und jetzt leider betrübt. Leider sind sie der Hetze gegenüber scheinbar eingeknickt und haben das Interview offline genommen. Ziemlich traurig."

In einem weitere Tweet schreibt Baé: 

"Hassnachrichten, unter anderem Morddrohungen, Denunzitionen, Rufmord, falsche Tatsachenbehauptungen, Veröffentlichung privater Daten. Das alles ist das Resultat dessen, dass ich das Interview veröffentlicht habe. Man zahlt einen Preis für gewisse Themen."

Baé unterstellt, es gehe darum, den Inhalt des Interviews zu unterdrücken. Das schreibt er hier in einem Tweet

Ahmad A. Omeirate hat in einem Thread Tweets und Postings zusammengestellt, die Hinweise auf Baés Verbindungen zur Erdogan-Partei AKP und zur islamistischen Muslimbruderschaft belegen sollen. Die Quellen und die Hintergründe der Postings kenne ich nicht. Daher kann ich nicht sagen, inwiefern sich daraus Aussagen ableiten lassen.

Baé hat bei Twitter ein Interview verlinkt, das er dem Blog "Die Freiheitsliebe" (meinem Eindruck nach ein links orientierter Blog) gegeben hat, in dem Baé sagt:

"Wenn ich mich in der politischen Landschaft Deutschlands verorten müsste, dann ja, sehe ich mich als Sozialdemokrat und allgemein eher links. Gerade in Berlin ist die Linke zum Beispiel derzeit eine sehr annehmbare Partei, das animiert mich doch sehr zum Kreuz bei der Linken bei der nächsten Wahl."

Es gäbe noch ein paar weitere Links, die unterschiedliche Eindrücke vermitteln, aber auch sie helfen mir nicht, zu einem eindeutigen Urteil zu gelangen. Ungefähr so ist es auch mit dem Interview, das Baé inzwischen als Twitter-Thread veröffentlicht hat.

Die "Bild"-Medien hatten Kadir H. mit den Worten zitiert (€):"Ich weiß, dass ich den Beamten provoziert habe." Außerdem hieß es, gegen ihn sei bereits fünf Mal ermittelt worden. In Baés Interview klingt das nun ganz anders. Von einer Provokation ist dort nicht die Rede. Und Kadir H., der dort Kadir G. heißt, sagt:

"Dass ich fünf Mal angezeigt wurde, stimmt nicht. So etwas müsste ich doch am besten wissen, oder?"

An dieser Stelle bleibt Kadir H. vage. Er sagt nicht: "Ich wurde noch nie angezeigt." Möglich wäre also auch, dass es vier Mal passiert ist.

Auch an anderen Stellen wirkt das Interview auf mich, als wäre es stark von einem Rechtsanwalt überarbeitet worden. Auf die Frage, warum er der Polizei seine Personalien nicht gegeben habe, sagt Kadir H.

"Ich bin 15 Jahre alt. Erst ab dem 16. Lebensjahr besteht in Deutschland eine Ausweispflicht. Das weiß ich. Ich habe dem Polizisten mein Alter mitgeteilt."

Ich mag mich irren, aber dieses Bild des Heranwachsenden, der seine Rechte genau kennt, deckt sich nicht mit dem, das Kadir H. in einem Interview vermittelt, das er dem türkischen Staatssender TRT gegeben hat. Dort wirkt er wie ein ganz normaler 15-Jähriger.

Auf diese auch von anderen geäußerte Kritik geht Tarek Baé bei Twitter ein. Er schreibt:

"'Die Antworten klingen für einen 15-Jährigen zu gut.'

1. Unterschätzt den Jungen nicht. Das ist respektlos.

2. Ich habe ihm und seiner Familie genug Zeit gelassen, meine transkribierte Fassung gegenzulesen und zu verbessern. Das sollte nämlich völlig normal sein."

So bleiben am Ende vor allem Eindrücke, die sich nicht zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen lassen. Der Eindruck aus dem Video, dass die Polizei hier überreagiert hat. Der Eindruck aus der Polizei-Pressemitteilung, dass die Polizei die Wahrheit hier etwas verdreht haben könnte, um das eigene Personal zu schützen. Und der Eindruck, dass auch die andere Seite die Öffentlichkeit nutzt, um ein Bild zu zeichnen, das sich ebenfalls nicht ganz mit der Wirklichkeit deckt. Die Aufgabe von Journalismus wäre nun, mithilfe von Informationen diese Widersprüche aufzulösen. Möglicherweise wird das aber nicht an allen Stellen möglich sein. Und dann geht es wieder um Ambiguitätstoleranz.


Altpapierkorb (Olaf Scholz, #metoo als Buch, neuer Medienpodcast, RBB spart)

+++ Der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat kein harmonisches Verhältnis zu Journalisten. Er wirkt oft schroff und ein wenig herablassend. Daniel Bouhs und Lea Eichhorn haben sich für das NDR-Medienmagazin "Zapp" mit der Frage beschäftigt, ob sich das in letzter Zeit geändert hat.

+++ Die Journalistin Jodi Kantor hat mit ihrem Recherchen über den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein die #metoo-Bewegung mit angestoßen. In ihrem Buch "She said" hat sie über die Anfänge der Bewegung geschrieben. Das Buch ist unter dem Titel "#metoo" auf Deutsch erschienen. Barbara Junge hat mit Kantor für die taz darüber gesprochen.

+++ Altpapier-Kollege René Martens hat für die taz mit Anne Gellinek, der Leiterin des ZDF-Studios in Brüssel, über die Eigenheiten der Berichterstattung von dort gesprochen. Anne Gellinek: "Wir versuchen immer wieder herauszuarbeiten, dass das Europäische Parlament anders funktioniert als der Bundestag. Aber das sind letztlich Geschichten für Feinschmecker."

+++ Die @mediasres-Redaktion des Deutschlandfunks startet den neuen Medienpodcast "Nach Redaktionsschluss". Darin soll diskutiert werden. "Über gendergerechte Sprache, über Haltung oder Aktionismus, über die Grenzen der Pressefreiheit", so kündigt der Sender es an. Zu finden sein wird der Podcast ab dem 4. September auf den üblichen Plattformen. Gekürzt läuft die Sendung auch im Radio, und zwar freitags ab 15.35 Uhr.    

+++ Der RBB will Millionen sparen. Treffen wird das vor allem die freien Mitarbeiter, schreibt Kai-Hinrich Renner für die Berliner Zeitung. "Für 'etwa 40 bis 50 von ihnen' sei der RBB der wichtigste Auftraggeber. Folglich ist die Furcht im Sender groß. 'Hier stehen Existenzen auf dem Spiel', sagt einer. Von freien Mitarbeitern kann man sich jederzeit problemlos trennen. Eine Sozialauswahl ist nicht erforderlich. Immerhin gewährt der RBB ihnen Ausgleichszahlungen, die maximal drei Jahre lang fließen können. Die meisten Mitarbeiter dürften diese Zahlungen aber nur wenige Monate erhalten. Die Sprecherin teilt mit, ihr Haus werde seiner 'Sozialverantwortung… entsprechend den gültigen Regelungen wahrnehmen'."

Neues Altpapier gibt es am Montag.

1 Kommentar

suetter vor 21 Wochen

Sehr geehrter Herr Heimann,

ich möchte Ihnen an einem sehr eindrücklichen Beispiel die 'Glorifizierung' von Prof. Drosten durch den ÖR deutlich machen (da auch ich als Zuschauer dies ebenfalls massiv wahrgenommen habe):
Bei der Heinsberg Studie von Prof. Streek hat man jedes noch so kleine Haar in der Suppe gesucht um die Studie zu diskreditieren (die Studie hat sich aber letztlich als solide entpuppt), die Studie zur Viralen Last von Prof. Drosten wurde kritiklos (und falsch!) übernommen (um Stimmung gegen eine Kita Öffnung zu machen). Vergleichen Sie einfach mal die Berichterstattung des ÖR zu beiden Studien.