Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier" zum Thema Die ARD soll schlanker werden und ORF und Private streiten sich um Sebastian Kurz
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Das Altpapier am 13. Oktober 2017 Quotenmaximierung als Irrweg

Alle wollen schlank sein, auch die Öffis. Beim Quotendenken gibt‘s allerdings scheinbar erstmal keine Diät. Die Türkei verursacht weiter Bluthochdruck, während die Österreicher zur Wahl zu Bilokationspionieren werden müssen. Es wird geschimpft über Pipilöhne und die Diskreditierten melden sich zurück. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier" zum Thema Die ARD soll schlanker werden und ORF und Private streiten sich um Sebastian Kurz
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Vorweg schon mal die Warnung: Es ist der 13., ein Freitag. Es gibt hier im Altpapier heute keine Friday-Euphorie (wie hier oder hier). Stattdessen gibt es einen im besten Marketingsprech schlanken Blogpost – allerding nicht hinsichtlich des Umfangs, sondern eher hinsichtlich des Inhalts. Es wird schlank, wie die Strukturen, die die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten anstreben und schlank, wie die vielbesprochenen Anzüge des österreichischen Kanzlerkandidaten Sebastian Kurz.

Die Vorschläge für einen Diätplan bei den Öffis, auch als Bericht zu "Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter" bezeichnet (mehr dazu in diesem und jenem Altpapier), enthalten zwar keine mit O-Saft getränkten Wattebäuschchen oder Abführmittel, dennoch beurteilt Michael Ridder den Bericht in der neuen Ausgabe der epd medien (aktuell leider noch nicht online) teilweise als Enttäuschung:

"Das bezieht sich gar nicht so sehr auf die Höhe der Sparwerte und auf die fehlenden Vorschläge zu Senderschließungen. Es ist eher eine Frage des Sounds, der Rhetorik, mit der ein Senderverbund wie die ARD Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit betreibt. In dem 36 Seiten starken Bericht […] geht es auf 16 Seiten erst einmal darum, wie toll und unverzichtbar die ARD ist. Die ARD bringe 'Menschen und Meinungen zusammen', schaffe 'freien und ungehinderten Zugang' zu Informationen, sei föderal wie Deutschland insgesamt, biete Orientierung, halte die Kultur 'stark und lebendig'."

Der Auftrag der Sender der werde allerdings nicht in den Blick genommen. Es sei absehbar gewesen, dass Medienjournalisten sich damit nicht zufriedengegeben hätten – wie etwa die vier Autoren des hier bereits mehrfach thematisierten Spiegel-Artikels "Die unheimliche Macht" (mehr diesem und jenem Altpapier), in dem ARD und ZDF ja mit durchaus polemischen Tönen untermalt beispielsweise als "Staatsfunk" bezeichnet und ein neuer "Gesellschaftsvertrag" gefordert wurde.

Als "Holzhammer-Rhetorik" bezeichnet epd medien die Antwort der ARD auf den Spiegel-Artikel (mehr dazu in diesem Altpapier) und kritisiert eine Nimmersatt-Einstellung bei der ARD, wenn es um Quoten geht:

"Der Senderverbund scheint wirklich angeschossen und sieht sich genötigt, auf einen - gemessen am sonstigen Stil der Debatte - recht differenziert argumentierenden Beitrag mit scharfer Kritik zu antworten. […] Die Antwort der ARD machte deutlich, warum in den Papieren nichts darüber zu lesen war, was die Sender im Programm künftig maßvoller betreiben wollen. Warum es nicht ein paar Sätze zu einer erforderlichen Profilschärfung, zur deutlicheren Abgrenzung gegenüber den Produkten der privaten Rundfunkindustrie gab. Denn das wäre ein Zeichen gewesen, dass man die vom ehemaligen ARD-Programmdirektor Günter Struve begonnene Quotenmaximierung […] als Irrweg erkannt oder zumindest als Zukunftskonzept verworfen hat. Dies ist jedoch offenkundig nicht der Fall."

Als Nimmersatt sieht ja auch der ein oder andere Deutsche die Öffis, vor allem wegen des schönen Aufregergaranten namens Rundfunkbeitrag. Trotz Schlankheitskur erwartet die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) laut Tagesspiegel, dass der Rundfunkbeitrag ab 2021 wieder steigen könnte. Ich vermute Bluthochdruck bei Gegnern der "Zwangsabgabe" und Freude bei Deutschlands Blattmachern über eine neue Chance, das Aufregerthema aufzugreifen.

Die Ministerpräsidentin befürchtet, dass der kleine Saarländische Rundfunk durch den Diätplan zur Strukturoptimierung der ARD nur noch die trockenen Brotkrumen abbekommt. Der SR ist ja sowieso schon auf einen Finanzausgleich durch andere Rundfunkanstalten angewiesen:

"Mein Interesse ist, dass wir eine Lösung finden, die nicht alles über einen Kamm schert und keine Maßstäbe ansetzt, die für die eine Anstalt noch zu stemmen sind, aber für andere massive Beeinträchtigungen der Programmarbeit bedeuten würde", sagte Kramp-Karrenbauer im Saarländischen Rundfunk (SR).

Bis Ende 2020 hat die Rundfunkkommission der Länder den Betrag allerdings erstmal auf 17,50 Euro festgelegt. Die Rundfunkkommission der Länder entscheidet also dann in ein paar Jahren wieder über die weitere Entwicklung der Abgabe. Und vorher muss die KEF (oder in schönstem Beamtendeutsch die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) noch ihre Empfehlung abgeben. Kramp-Karrenbauer stochert also vorerst nur im Nebel ihrer Kristallkugel. Zwar treffen sich die Ministerpräsidenten vom 18. bis 20. Oktober in Saarbrücken und sprechen über die Änderungen des Telemedienauftrags für ARD und ZDF. Die Sparvorschläge der Sender sollen allerdings erst im kommenden Jahr endgültig von den Länden bewertet werden. Ruhig Blut also!

U-Haft und geflüsterte Wahrheiten

Ein weiteres Thema, das potenzielle Gefahren für Menschen (vor allem wohl Journalisten) mit Bluthochdruck birgt, ist ja noch immer die Situation von Journalisten in der Türkei. Zwar wird über die deutsche Journalistin Meşale Tolu nicht so viel berichtet wie über ihren ebenfalls unfreiwillig in einem türkischen Gefängnis weilenden Kollegen Deniz Yücel (klar, kein trommelnder Springer-Verlag im Rücken). Trotzdem gibt es noch einige Reaktionen auf die Entscheidung des Gerichts in Silivri, Tolu nicht aus der Untersuchungshaft zu entlassen (hier im gestrigen Altpapier nachzulesen).

Der Bayerische Rundfunk hat einige Reaktionen zusammengetragen: Aus Sicht von Grünen-Politikerin Claudia Roth passt die Gerichtsentscheidung gegen Tolu ins Bild einer Türkei, die sich "immer mehr von rechtsstaatlichen Normen verabschiedet und eine vermeintliche Logik des Unrechts gnadenlos fortführt". Die Terrorismusvorwürfe gegen die 32-Jährige seien "völlig aus der Luft gegriffen, der Prozess ist politisch motiviert", sagte Roth dem BR. Einer von Tolus deutschen Anwälten, Dieter Hummel, sagte dem BR:

"Wir sind davon ausgegangen, dass nach dem Verlauf der Verhandlung die Angeklagten zumindest unter Auflagen von der Haft verschont werden. Dies ist auch für einen Großteil der Beschuldigten geschehen. […] Allerdings sind sechs noch in Haft geblieben, darunter auch Frau Tolu. […] Wir verstehen es einfach nicht, welche Kriterien da angelegt worden sind. Nach dem Verlauf der Hauptverhandlung hätte eigentlich eine Freilassung im Raum gestanden."

Kommende Woche wolle er mit den türkischen Anwälten beraten, ob es überhaupt sinnvoll sei, noch einmal Haftentlassungsanträge zu stellen, bevor der Prozess am 18. Dezember fortgesetzt wird. Es sei ihr zu wünschen. Ich selbst habe lediglich Erfahrung damit, ungewollt vier Tage lang an türkischen Flughäfen festzusitzen – Monate im Gefängnis möchte ich mir da gar nicht erst ausmalen.

Erfahrungen damit hat allerdings die wieder freigekommenen Aslı Erdoğan. "Ich schlafe kaum", sagte sie der FAZ (auf der Medienseite oder bei Blendle für 45 Cent) auf der gestern in Frankfurt gestarteten Buchmesse. "Und wehe, ich träume, dann bin ich sofort wieder im Gerichtssaal, Ich bin dort jede Nacht." Die Türkei bezeichnet sie als "Land, in dem die Wahrheit nur noch geflüstert wird".  

Die Frage nach der Bilokation in Österreich

In Österreich liefern zur Wahl des Nationalrats am Sonntag nicht nur die Spitzenkandidaten (TV-)Duelle, sondern auch die TV-Sender. Es müssten sich schon Bilokations-Mystiker ans Werk machen, ansonsten gibt es am Sonntag wohl Ärger zwischen ORF und den Privaten. Um die Elefantenrunde am Sonntagnachmittag "liefern sich ORF und Privatsender einen Wettlauf – mit zuweilen skurril anmutenden Ausmaßen", schreibt der österreichische Standard. Und zwar überschneiden sich die großen Politiker-Talks des ORF und das Pendant der privaten Puls 4, ATV, Servus TV und Schau TV.

Zwar haben sich die "Spitzenkandidaten der österreichischen Parteien in 41 TV-Duellen in allen möglichen Konstellationen und auf allen Kanälen mehr oder weniger höflich duelliert", schreibt die Süddeutsche. Aber "nach der Diskussion ist vor der Diskussion". Um 20.15 Uhr starten die Privaten ihre Elefantenrunde. "Der ORF allerdings bittet schon um 19.55 Uhr zur österreichischen Variante der 'Berliner Runde' und will laut derzeitiger Planung bis 20.30 Uhr über das Wahlergebnis reden. Bleibt ein Zeitfenster von 15 Minuten, in der die heiß umkämpften Politiker an zwei Orten gleichzeitig sein müssten."

Nun sollen in den Talkshows allerdings nicht Antonius von Padua, Josef von Cupertino und Pater Pio sitzen – bei denen soll das mit der Anwesenheit an zwei Orten gleichzeitig nämlich geklappt haben – sondern Christian Kern (SPÖ), Sebastian Kurz (ÖVP), Heinz-Christian Strache (FPÖ), Ulrike Lunacek (Die Grünen) und Matthias Strolz (Neos). "Dieses Kunststück werden sie trotz ihres ausgiebigen TV-Trainings im zu Ende gehenden Wahlkampf wohl nicht vollführen können", schreibt die SZ. Wer nun beim ORF im ORF-Studio in der Hofburg aufspringt um im feinen Zwirn rüberzusprinten zu den Privaten im Wiener Kamineum am Josefsplatz: Es bleibt spannend. Vielleicht einigen sich die Sender doch noch und machen aus dem Sprint ein weiteres TV-Ereignis: Eine Auswahl an Hindernis-Parcours dürft ja sicher noch irgendwo bei ProSiebenSat.1 (die mit Puls4 und ATV ja auch beteiligt sind) im Keller stehen.

Altpapierkorb

+++ "Die Diskreditierten melden sich zurück", schreiben die Stuttgarter Nachrichten. Gemeint sind die Journalisten, denen bei dem G20 Gipfel in Hamburg ihre Akkreditierung entzogen wurde. Zwölf von ihnen haben nun eine Ausstellung mit ihren Werken in Berlin eröffnet.

+++ Die taz bemängelt einen Film der Deutschen Welle über den FC Bayern als zu unkritisch. "Wir (sic!) wäre es mit einem Film, der nicht auch auf fcbayern.tv laufen könnte? Wir (sic!) wäre es mit Journalismus?"

+++ Mal wieder zur AfD: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hat mit Klaus Janke von horizont.net über die AfD-Berichterstattung gesprochen. Brinkbäumer denkt nicht, dass der Partei vor der Wahl zu viel Aufmerksamkeit geschenkt worden ist: "Ja, die AfD wurde stärker durchleuchtet als die FDP, aber es gab eben auch mehr zu durchleuchten. Die internen Streitigkeiten der Partei waren zu Recht ein großes Thema. Die deutschen Medien haben den Fehler der amerikanischen vermieden, die Trump vor der Präsidentenwahl wie einen Star behandelt haben und zu spät zu recherchieren begannen."

+++ Silke Burmester schimpft sich in ihrer Kolumne bei @mediasres den Frust über den "Pipilohn" für freie Journalisten von der Seele und fordert entschieden "mehr Penunzen": "Wenn die Arbeitenden am Konjunkturhoch partizipieren, dürfte es selbstverständlich sein, dass wir Journalisten auch mehr Geld bekommen." Stattdessen beobachtet sie Ähnlichkeiten zwischen Honoraren, Tagessätze für Redaktionsdienste und dem Arktiseis: beides schmilze. Dazu werde "von Geist und Relevanz befreiter Blödsinn" in Zeitschriften besser bezahlt, als die Berichterstattung, die Gesellschaft zusammen-  und die Demokratie erhalte.

+++ Mely Kiyak wirft dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen in ihrer aktuellen Zeit-Kolumne vor, Schriftsteller nicht genug zu Wort kommen zu lassen. Nachdem der Deutsche Buchpreis am Montagabend an Robert Menasse und seinen EU-Roman "Die Hauptstadt" ging, fragt sie: "Warum gibt es keine einzige Stunde im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die sich im Anschluss an die Preisverleihung zur besten Sendezeit in einer Runde von Denkern und Schreibern, also Intellektuellen, mit dem neuen Roman eines soeben preisgekrönten Autors beschäftigt?" […] "Jeder breitbeinig formulierende Kommentator, der en passant im Gästebuch einer Polittalkshow mal eben seine Ansichten zu ‚Asyl und EU‘ abseiert, findet schneller Gehör vor einem Millionenpublikum als ein schreibender Preisträger, weil die Reflektionen von Herrn M. aus W. als bedeutender erachtet werden als die eines deutschen Schriftstellers." […] "Wie soll sich denn eine Nation mit Ideen und Theorien inspirieren, wenn ihre Denker kein prominentes Podium bekommen?"

+++ In der Zeit startet Benjamin Piel, Redaktionsleiter der in Lüchow-Dannenberg erscheinenden Elbe-Jeetzel-Zeitung, einen Aufruf "für einen besseren Journalismus auf dem Land" und hält dabei die Blattmacher zur Selbstkritik an: "Das Internet hat unser Geschäftsmodell kaputt gemacht, sagen manche, die es sich zu einfach machen. Doch lange bevor das Internet massentauglich wurde, begann der Abstieg vieler Lokalzeitungen. Nicht weil die Leser sich nicht mehr für ihre Region interessierten, sondern weil die Zeitungen das bestehende Interesse nicht befriedigten. Die Leserschaft wurde anspruchsvoller, die Lokalblätter blieben ohne Niveau und damit ohne Anspruch auf einen Erhalt ihrer Auflage."

+++ Bild-Chef Julian Reichelt will keine "chemisch gereinigten Interviews" mehr im Blatt haben: "Wir haben dadurch einen ganz massiven Wettbewerbsnachteil, weil wir in einem Livezeitalter leben. Nachrichten, Interviews, Analysen werden in allererster Linie und besonders, wenn sie interessant sind, live geführt und live konsumiert", sagte er dem Medienmagazin des Deutschlandfunks @mediasres. Dafür soll es mehr Live-Interviews geben, die direkt gestreamt werden. Presseähnlichkeit mal umgekehrt? Nicht, dass sich die öffentlich-rechtlichen bald über "Rundfunkähnlichkeit" beschweren...

+++ Dass Serien im TV die neuen Fußball-Spiele sind, merkt man in Deutschland spätestens in diesen Tagen (auch im Altpapier). Auch wenn man sich die Ohren zuhalten und ganz laut "lalalalala" singen würde, käme man nicht durch den Tag, ohne etwas von Babylon Berlin zu hören. Ebenso wenig kommt man durch Deutsche Bahnhöfe, ohne Werbeplakate zu treffen – wie an Spieltagen auf die Bundesliga-Pilger. Update: Die "Mega-Serie" wurde noch vor dem Start in Deutschland in 60 weitere Länder verkauft, meldet Meedia. Dem Kritiken-Reigen schließen sich heute unter anderem die Süddeutsche, Horizont.de und dwdl.de an.

+++ Der neue Late-Night-Talk "Ratzkes Rendezvous" kommt bei den Kritikern nicht sonderlich gut davon. Für die FAZ unterhält Moderator Sven Ratzke mit der Show lediglich einen "Streichelzoo für Promis". Die Süddeutsche findet ihn "als Moderator ziemlich nervtötend, aber er kann toll singen und hat die Haare schön".

+++ Konrad Lischka – ehemals Netzwelt-Schreiber bei SpOn, heute Bertelsmann Stiftung – hat einen Blog über die Ethik der Algorithmen gestartet, schreibt Altpapier-Autor Christian Bartels in seiner Medienkolumne auf evangslisch.de.

+++ Bei Horizont.net wird ein Blick darauf geworfen, wie die Bundestagswahl die Quoten und Abrufzahlen beeinflusst hat.

Neues Altpapier erscheint am Montag.