Das Altpapier am 6. Oktober 2020 Widewidewitt bum bum

Schadenfreude ist ein Meister aus Deutschland: Wieso man Trump entweder Genesungswünsche senden, oder ihn an Dr. Eisenbart überweisen sollte. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 06. Oktober 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Teddy mit Pflaster

Sprüche-Postkarten sind absurd: War die Idee nicht einst, auf die eine Seite einer Karte selbst zu schreiben, was einem auf dem Herzen liegt, und auf der anderen Seite ein Bild sprechen zu lassen? Trotzdem würde ich gern wissen, ob Donald Trump bislang irgendwelche Genesungspostkarten bekommen hat, und wie die aussehen.

Meines Wissens gibt es keine einzige, die nicht albern ist und/oder mit albernen Tieren aufwartet. Vielleicht hat sich ja bereits das beliebte Motiv "Teddy mit Pflaster" in Trumps Korrespondenz verirrt, und auch das Meerschweinchen, das "Komm schnell wieder auf die Füßchen!" fordert, wartet im Briefkasten des Weißen Hauses.

Besserungswünsche wären laut Friedrich Küppersbusch eh gar keine schlechte Idee: "Erniedrigt Trump – bleibt menschlich!" sagte er am Montag in diesem Kommentar beim RBB bezüglich der Berichterstattung über die Erkrankung des US-Präsidenten. Schadenfreude, wusste Küppersbusch, sei ein Germanismus, der auch im Angelsächsischen so heißt. Man solle lieber etwas tun, was

"Trump selber möglicherweise nicht tun würde, und was er so oft nicht getan hat."

Mittelalterliches Verhalten

Nämlich auf Häme, Spott, und Missgunst verzichten. In den unzähligen schadenfrohen Kommentaren, die seit Bekanntwerdung der Infektion bei social media erscheinen oder aus Talkshowhostmündern tropfen, schwänge mit, dass jene Krankheit

"Gottes gerechte Strafe für höhnische Reden und lästerliches Benehmen, etwas was wir aus dem Mittelalter kennen"

sei. Und genau danach klänge auch diese Überschrift im Spiegel: "Die Lektion des Virus". Im zitierten Artikel ging es darum, dass Trump

"die Gefährlichkeit des Erregers herunterspielte, weil er offenkundig Angst hatte, ein ehrlicher Umgang damit würde die Aktienmärkte belasten."

Sein positiver Coronatest sei, so heißt es weiter,

"so gesehen mehr als nur eine Diagnose; er ist das Dementi seiner eigenen Politik. Seine Anziehungskraft bestand immer darin, dass er seine Fans glauben ließ, er verfüge über magische Kräfte. Krankheit war für Trump ein Synonym für Schwäche."

Trumps magischer Gospel

Und das stimmt wiederum alles, und erinnerte mich besonders wegen der "magischen Kräfte" auf eine beängstigende Weise an diesen lesenswerten, unfassbar beeindruckenden Artikel in der Vanity Fair, für den der Autor Jeff Sharlet monatelang zu so genannten "Trump Rallies" gefahren war, um mit christlichen Fundamentalist*innen zu reden und ihre Beweggründe zu erforschen. Er zog dabei Parallelen vom "Gospel" bis hin zum Gnostizismus, vom Glauben bis zum geheimen Wissen:

"In 2016, the Trump faith was name it and claim it, Make America Great Again, the prospect of the restoration of a mythic (read: white) past. Now, though, the kingdom has come. Trump is no longer storming the gates; he holds the power. The faith for 2020, I learned at his rallies, is a secret one, its password a wink that’s really a warning, its enemy invisible and everywhere: the deep state, the pedos and the FBI, Democrat-ruled sanctuary cities and the "illegals” they send forth to pillage the heartland. MAGA has become KAG, Keep America Great—which requires not a new prosperity but the eradication of America’s enemies within. "If you do not bring forth what is within you,” as the gospel of Thomas puts it, "what you do not bring forth will destroy you.” The gospel of Thomas—the doubting one—does not, of course, reside with Matthew, Mark, Luke, and John in your King James. But then, Trump doesn’t read the Bible. He doesn’t need to. Rule books are for losers. Reading is for losers. The gospel of Trump, like that of Thomas—noncanonical, antiestablishment—is gnostic, a form of secret knowledge reserved for the faithful, a "truth” you must have the eyes to see in order to believe."

Trumps Gospel ist gnostisch, reserviert für die, die glauben. Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Und jetzt noch einmal zurück zu Küppersbuschs völlig richtiger Aufforderung, nicht "Niveau weshalb warum" mit Trump zu spielen, sondern oberhalb der Gürtellinie zu bleiben, und Begriffe wie "Lektion erteilen" lieber wegzulassen: Stimmt ja, aber welche Lektion denn überhaupt?! Anscheinend ist ja eh alles nur ein Infektchen. Oder doch mehr?

Widewidewitt Bum Bum

Ob Trump vielleicht einen Kinderarzt braucht, fragte ein anderer Kommentator im Spiegel angesichts der widersprüchlichen Aussagen (Remdesivir? Steroide?) und des Unwillen des Patienten, sich wie ein Patient zu benehmen. Vielleicht wäre jetzt eine Überweisung an Dr. Eisenbart gerechtfertigt, dessen Behandlungsmethoden zur Melodie von "Ein Mann der sich Kolumbus nannt" (übrigens: "Er suchte neues Land im Meer", und fand was? Amerika! Das kann doch kein Zufall sein...) einst folgendermaßen zusammengefasst wurden: "Ich bin der Doktor Eisenbart / widewidewitt, bum, bum / kurier die Leut’ auf meine Art / widewidewitt, bum, bum. / Kann machen, dass die Blinden geh’n / und dass die Lahmen wieder seh’n / Gloria Victoria / widewidewitt, juchheirassa / Gloria Victoria / widewidewitt, bum, bum."

(Beziehungsweise: "Remdesivir und ein Gebet / der Virus schnell von dannen geht / Gloria Victoria / widewidewitt, juchheirassa / Gloria Victoria / widewidewitt, bum, bum".)


Altpapierkorb (... mit dem klar antisemitischen Angriff in Hamburg, den Finanzen des Ehepaar Scholz und Pan Tau)

+++ Nach dem antisemitischen Angriff in Hamburg, den man übrigens deswegen als nicht als "mutmaßlich" antisemitisch bezeichnen muss, weil der Täter ein Zettel mit einem Hakenkreuz in der Tasche trug und fast genau am Jahrestag der Anschläge von Halle zuschlug, gab es die üblichen Entschuldigungen: "Verwirrt, Einzeltäter – wie immer" schreibt die taz. Dabei hat das mit der Verwirrung ohnehin noch nie vor Rechtsradikalismus geschützt – im Gegenteil. Die taz weiter:

"Antisemitische und rassistische Taten werden selten sofort als das gesehen, was sie sind: antisemitisch und rassistisch. Stattdessen werden die Verbrechen pathologisiert".

+++ Ansonsten regt man sich allerorten viel über Olaf Scholzens "nicht reich"-Empfindung auf. Die Welt titelt genüsslich mit seinem Zitat:

"Ich verdien‘ ganz gut, als reich würde ich mich nicht empfinden"

um später zu auszuführen:

"Das Ehepaar Scholz/Ernst verdient mehr als 30.000 Euro pro Monat".

Denn nichts macht soviel Spaß wie das Lästern über anderer Leute Finanzen.

+++ Viele lästern auch über die neue Pan Tau Verfilmung, ich nicht. Und im Tagesspiegel findet der Kollege ebenfalls zumindest versöhnliche Worte für die deutsch-britische Koproduktion:

"Nicht nur, dass der britische Hauptdarsteller Matt Andrews die Aura seines tschechischen Vorläufers Otto Šimánek teilt; an der Seite deutscher Episodenstars (...) bewegen sich alle jüngeren Charaktere in einer Welt aus Magie und Sachlichkeit, die ihre Realität spielerisch zum Ausdruck bringt."

Beim Redaktionsnetzwerk Deutschland heißt es dagegen ein wenig miesepetriger:

"An den Charme und den Witz der alten Episoden reicht sie nicht ganz heran, in denen Jindrich Polak meisterhaft die vielen kleinen Missgeschicke und Absurditäten des Alltags inszeniert. Was bekamen die Zuschauer vor 50 Jahren nicht alles geboten: Ein Vater setzt sich auf eine Tüte mit Eiern. (...)"

Genau, was bekamen wir nicht alles geboten. Ehrlich gesagt haben wir damals einfach alles geguckt was kam. Wir hatten ja nichts anderes. Außer eben diesem Mann, der sich auf die Tüte mit Eiern setzte. Und abends die komische Hitparade mit den schwitzenden Mitklatscherinnen: Schön ist was anderes.

Neues Altpapier gibt es am Mittwoch.

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