Das Altpapier am 9. Oktober 2020 Internet jetzt Massenphänomen

Die neue Online-Studie von ARD und ZDF zeigt: Das Internet ist auch in den älteren Bevölkerungsgruppen mittlerweile Standard. Corona hat diese Entwicklung beschleunigt. Profitiert haben unter anderem die Mediatheken. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 9. Oktober 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Immer mehr Menschen online

Es ist bereits absehbar, dass die Meldung “Immer mehr Menschen nutzen das Internet“ nicht mehr so lange möglich sein wird, denn wir nähern uns dem Zeitpunkt, an dem so gut wie alle Menschen auf irgendeine Weise im Netz sind. In diesem Jahr ist der Punkt allerdings noch nicht erreicht. Die Online-Studie von ARD und ZDF ist erschienen. Und eines der Ergebnisse ist: Immer mehr Menschen nutzen das Internet.

3,5 Millionen sind seit der letzten Erhebung im vergangenen Jahr dazugekommen. 94 Prozent der Bevölkerung sind mindestens gelegentlich online. In der Studie geht es darum, auf welche Weise sie das sind, und auf welche Weise sie das Netz nutzen. Einen schnellen Überblick geben ARD und ZDF selbst in kurzen Zusammenfassungen zu den Themen Internetnutzung, Online-Video und Audio-Angebote. Außerdem haben die Sender die zentralen Ergebnisse zu einer Präsentation zusammengefasst.

Die handlichste Kurzfassung hat Dennis Horn für den WDR-Blog Digitalistan erstellt. Er erklärt die fünf wesentlichen Ergebnisse in jeweils einem Absatz. Und das wären – in jeweils einem Satz:

1. Für Facebook geht’s weiter abwärts.

2. Die Apps Twitter, Twitch und TikTok sind gar nicht so populär, wie es erscheint.

3. Die Menschen schauen und hören immer mehr, lesen aber weniger.

4. Smarte Lautsprecher setzen sich weiter nicht durch.

5. Öffentlich-rechtliche Mediatheken sind bei älteren Menschen beliebt.

Etwas detaillierter beschreibt Simon Hurtz die Ergebnisse im Social-Media-Watchblog-Briefing (€). Und weil es an Studien-Zusammenfassungen nicht mangelt, müssen wir uns diese Arbeit nicht auch noch machen.

Daher möchte ich einen Punkt herausgreifen, der eine besondere Bedeutung zu haben scheint: In der Gruppe der Menschen über sechzig gewinnt das Netz immer mehr an Bedeutung. Die oben erwähnten Zuwächse sind vermutlich vor allem dort zu verorten. Bei jüngeren Menschen dürfte es eher selten passieren, dass sie mit Mitte zwanzig plötzlich das Internet für sich entdecken. Bei Menschen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, ist dieses Szenario durchaus vorstellbar. Die Corona-Zeit hat diese Entwicklung anscheinend begünstigt.

Die Studien-Autorinnen Natalie Beisch und Carmen Schäfer schreiben in ihrer Kurz-Zusammenfassung:

“Die Ergebnisse der Corona-Sonderfragen zeigen, dass die durch die Pandemie verursachten Einschränkungen Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten der ältesten Generation hatten. So ist es nicht verwunderlich, dass die Internetnutzung insgesamt in diesem Frühjahr noch einmal angestiegen ist.“

Die Autorinnen haben auch eine Vermutung, woran das liegen könnte:

“Möglicherweise bedingt durch die Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie, hat insbesondere die ältere Zielgruppe, die nach Aussage des Robert-Koch-Instituts durch das Virus besonders gefährdet ist und auf Kontakt zu anderen Personen verzichten sollte, Zugang zum Internet gefunden.

Deutlicher abzeichnen werden sich die Veränderungen wohl erst im nächsten Jahr. Eines lässt sich aber schon sicher sagen – ZDF-Planungschef Florian Kumb in der Pressemitteilung zur Studie:

“Die Internetnutzung ist nun auch für die ältere Bevölkerung der Standard.

Immer mehr Karteileichen bei Facebook

Was aber machen ältere Menschen im Internet? Beisch und Schäfer schreiben:

“Dem zum Facebook-Konzern gehörenden größten Messenger WhatsApp kommt hier eine besondere Rolle zu.“

Allerdings gibt es schon deutliche Unterschiede in der Art der Nutzung. Insgesamt nimmt das Netz im Tagesablauf von jüngeren Menschen mehr Raum ein.

“Die Stabilisierung der Reichweite bei den Älteren lässt darauf schließen, dass diese Altersgruppe sich zwar insgesamt dem Internet gegenüber offener zeigt, aber mediale Internetangebote nach wie vor im Vergleich zu den anderen Altersgruppen unregelmäßiger nutzt.“

Und es geht nicht nur um Regelmäßigkeit. Ältere und junge Menschen halten sich im Netz an anderen Orten auf. Bei Älteren spielt das Format Text weiter eine größere Rolle, bei Jüngeren haben Audio- und Video-Formate eine größere Bedeutung. Auch das ist vermutlich ein Teil der Erklärung dafür, dass die ältere Altersgruppe eher Zugang zu Whatsapp oder Facebook findet als zu TikTok. Den sich seit Jahren abzeichnenden Niedergang von Facebook kann das allerdings nicht aufhalten.

Simon Hurtz schreibt im Social-Media-Watchdog-Briefing:

“Um die blaue App zu beerdigen, ist es immer noch viel zu früh. Doch die ARD/ZDF-Onlinestudie zeigt einen Trend, der sich weiter beschleunigen dürfte: Die Plattform wird älter und für viele Menschen irrelevanter. Nirgendwo sonst besitzen so viele Menschen ein Konto, doch der Anteil der Karteileichen steigt.

Wenn es um Streaming geht, bewegen ältere Menschen sich lieber auf vertrauetem Gebiet, zum Beispiel in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender. Bei den Unter-30-Jährigen etwa spielt Netflix erwartungsgemäß eine größere Rolle als die ARD-und-ZDF-Mediatheken. Bei Menschen in der mittleren Altersgruppe (30 bis 49) bewegen sich Streaming-Dienste und TV-Inhalte auf einem Niveau, in den Altersgruppe darüber dominieren TV-Inhalte.

Unter dem Strich haben die Mediatheken gewonnen. Sechs Prozent mehr Menschen als im vergangenen Jahr nutzen dieses Angebot täglich.

“Mittlerweile ruft jeder Fünfte mindestens wöchentlich Bewegtbild-Inhalte von ARD (21 Prozent) und ZDF (20 Prozent) auf“,

heißt es in der Pressemitteilung des Senders. Der Bedeutungsgewinn zeigt sich auch darin, dass Filme nicht mehr unbedingt erst nach der TV-Ausstrahlung im Netz zu sehen sind. Kurt Sagatz schreibt für den Tagesspiegel:

“Tatsächlich werden immer mehr Produktionen vor der Ausstrahlung im linearen Fernsehen bereits in die Mediathek gestellt, so wie ab Freitag die ersten drei Folgen der dritten Staffel von 'Babylon Berlin‘, die vorab in der ARD-Mediathek zu sehen sind.“

Immer mehr Klassiker nicht zu finden

Und in diese Richtung wird es sich wohl immer mehr bewegen. Ungefähr so stellt sich das auch wohl der scheidende BR-Intendant Ulrich Wilhelm vor, der im dpa-Interview (hier bei Horizont), sagt:

“Der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Zukunft wird eine Plattform sein.

Wobei Wilhelm hier nicht nur an die eigenen Inhalte denkt. Wilhelm:

“Neben eigenen Inhalten muss er auch Inhalte Dritter – zum Beispiel aus Wissenschaft und Kultur – bündeln und kuratieren können.“

Anders als für die Meldung “Immer mehr Menschen nutzen das Internet“ wird sich für die Feststellung “ARD-und-ZDF-Mediatheken immer besser“ in den nächsten Jahren vermutlich noch die ein oder andere Gelegenheit bieten. Denn da gibt’s, wie Altpapier-Kollege Christian Bartels in seiner aktuellen Kolumne für die Medienkorrespondenz feststellt, noch die ein oder andere Möglichkeit. Zum Beispiel bei der Ordnung und Auffindbarkeit. Bartels:

“Warum kann man in der ARD-Mediathek nicht nach Produktionsjahr oder nach Jahrzehnten suchen? Warum gibt es keine Spielfilm-Sektion wie bei Arte, warum keine 'Klassiker‘-Sektion, die jeden Monat eine andere Auswahl älterer Fernsehfilme vorstellt?“

Dagegen können man einwenden, dass der Blick sich hier vor allem auf auf die jüngeren Menschen und die Masse richtet, und da fallen Menschen, die sich für Klassiker interessieren wahrscheinlich weniger ins Gewicht. In der Studie steht:

“Unter 50-Jährige sind die treibende Kraft. Damit haben die Sendermediatheken ein größeres Publikumspotenzial und erreichen die breite Masse besser als die Streaminganbieter.“

Andererseits geht es hier eben um öffentlich-rechtliche Sender, die nicht nur die Quote und die Masse im Blick haben sollten. Bartels schreibt:

“'Kulturelles Erbe‘ ist ein schwieriger Begriff, zumal in diskursiv aufgepeitschten Zeiten. Audiovisuelles Erbe verfügbar zu machen aber wäre etwas, wodurch die Öffentlich-Rechtlichen ihren häufig eingeforderten Kultur- und Bildungsauftrag offensichtlich erfüllen könnten.“

Christian Bartels urteilt:

“Aktuell enthält die die ARD-Mediathek einzelne gute Ideen – aber da gibt es noch viel Luft nach oben.

Und um zu einem optimistischen Ende zu kommen, noch schnell eine aktuelle Meldung vom NDR. Das nach der Tastenkombination, die auf dem Computer zur Suchfunktion führt, benannte Doku- und Reportage-Format “STRG_F“ hat einen neuen Film produziert. Titel: “Mit dem Esel durch Afghanistan.“ In diesem Fall wird das Problem eher die Suche in der Fernsehzeitschrift sein. Dort ist der Film nämlich nicht zu finden. Er ist ausschließlich in der Mediathek zu sehen.


Altpapierkorb (Corona-Zahlen, Schröder klagt, Trump und Lokalmedien, Feuerstein, Facebook und Wahlwerbung, Der Mantel von Ippen)

+++ Corona I: In der Corona-Berichterstattung konzentriert die Mehrzahl der Medien sich auf einige wenige Zahlen. Isabelle Klein spricht mit dem Wissenschaftsjournalisten Volkart Wildermuth über die Probleme, die das mit sich bringt. In den vergangenen Wochen haben sich etwa viele junge Menschen angesteckt. So kam es zu hohen Infektionsraten, ohne dass die Todeszahlen proportional zugenommen hätten. Es sah so aus, als wäre das Virus nun weniger gefährlich. Eine Möglichkeit, um diesen Effekt zu neutralisieren, wäre, die Infektionszahlen der Über-50-Jährigen anzugeben.

+++ Corona II: Eine angeblich amtliche Statistik soll den Eindruck vermitteln, dass Covid-19 gar nicht so gefährlich sei. Wulf Rohwedder erklärt für den ARD-Faktenfinder, dass es die Quellen gar nicht gibt. Rohwedder: “Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für die Grafik offenbar alte Todeszahlen als aktuell verkauft wurden. Diese wurden dann auf statistisch unzulässige Weise mit den COVID-19-Todeszahlen aus den Wochen mit den geringsten Sterberaten verglichen, um einen möglichst dramatischen Effekt zu erzielen.

+++ Alt-Bundeskanzler und Putin-Buddy Gerhard Schröder will die “Bild“-Zeitung verklagen, weil sie ein Interview mit dem Oppositionellen und Anschlagsopfer Alexei Nawalny veröffentlicht hatten, in dem dieser nahelegt, Schröder bekomme verdeckte Zahlungen vom Kreml. Schröder ist der Ansicht, die Zeitung hätte ihm die Gelegenheit geben müssen, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, berichtet unter anderem Marc Bartl für Kress. Der Medienrechtsanwalt Christian Solmecke sieht das anders. Er sagt im Interview mit Isabelle Klein für das Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres: “Hier ist es (…) so, dass die 'Bild‘-Zeitung selbst ja gar keinen Verdacht geäußert hat, sondern ein Interview wiedergegeben hat, und Nawalny den Verdacht in den Raum gestellt hat, dass Schröder verdeckte Zahlungen von Putin angeblich erhalte. Und insofern kann man das zwar als Streitfall hier sehen. Ich sehe es aber nicht so, dass die 'Bild‘-Zeitung hier hätte Schröder noch mal vorher fragen müssen.“

+++ Das “Berkman Klein Center for Internet“ und die “Society at Harvard University“ haben 55.000 Berichte, fünf Millionen Tweets und 75.000 Facebook-Posts untersucht und herausgefunden, dass vor allem Medien, die sich um Neutralität bemühen, Donald Trump bei seinen Desinformationskampagnen in besonderer Weise helfen. Margaret Sullivan erklärt das in der Washington Post. Die Kurzfassung: Das Publikum von Fox News oder der New-York-Times lässt sich kaum umpolen. Der Teil der  Bevölkerung, der sich in den eher auf Ausgleich bemühten Lokalmedien informiert, schon eher. Und dazu noch ein Tipp: Margaret Sullivan hat ein hundert Seiten dünnes Büchlein veröffentlicht, in dem es um die Bedeutung der Lokalmedien für die Demokratie in den USA geht. Ich habe es gelesen und kann es empfehlen.

+++ Nach Herbert Feuersteins Tod (Altpapier gestern) sind weitere Nachrufe erschienen, darunter ein ganz besonderer: Stefan Niggemeier hat für Übermedien mit Godehard Wolpers gesprochen, Redakteur und Regisseur unter Feuerstein, der im Interview den Satz sagt: “Kinsi war nix dagegen“, der auch zur Überschrift geworden ist, und der den Inhalt des Textes sehr gut wiedergibt. Wolpers: “Die spannendsten und für die Produktion ergiebigsten Geschichten waren die, die er abgrundtief gehasst hat und bei denen er tatsächlich das Gefühl gehabt hat, dass ich ihn umbringen wollte. Da war er so wütend, dass er mir alle drei Tage als Regisseur 'Setverbot‘ erteilt hatte.“ Aber damit kein falscher Eindruck entsteht, Wolpers sagt auch: “Ich hab ihm wahnsinnig viel zu verdanken. Ich habe keinen älteren Menschen kennengelernt, der einem jungen Menschen mit so wenig Erfahrung so viel Zuvertrauen geschenkt und so viel zugelassen hat!

+++ Steffen Grimberg schreibt in seiner aktuellen taz-Kolumne nach Markus Söders öffentlichkeitswirksamer Grippe-Impfung über den Sinn und Unsinn von Publicity-Stunts und erinnert an die spektakulärsten.

+++ Facebook will vorerst ganz auf politische Werbung verzichten, nicht nur bis zur Präsidentschaftswahl Anfang November, sondern auch in den Wochen danach – für den Fall, dass das Wahlergebnis knapp ausfällt, Trump verlieren sollte, das aber nicht anerkennt, kurz: für den Fall, dass alles noch chaotischer wird (falls das überhaupt möglich ist). Leonard Kamps berichtet für Netzpolitik.org.

+++ Der Mantelteil der Ippen-Zeitungen aus Gießen, Offenbach und teilweise auch Kassel kommt in Zukunft von der Frankfurter Neuen Presse, berichtet Ulrike Simon für Horizont.

+++ Der von René Martens am Montag empfohlene Text von Diemut Roether über das werktägliche 3Sat-Magazin “Kulturzeit“ ist inzwischen auch online.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Neues Altpapier gibt es am Montag.

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