Das Altpapier am 20. Oktober 2020 Hallo wie geht’s Ihnen?

Über Ein- und Ausstiegsfragen in Interviews, und warum der richtige Gebrauch des Wortes "affirmativ" politisch und relevant ist. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 20. Oktober 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
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Werben und Loben

Affirmative Gespräche mit Stars werden branchenintern auch "Hallo wie geht’s Ihnen?-Interviews" genannt, steckte mir mal jemand, der es wissen musste. Für "Hallo wie geht’s Ihnen-Interviews" haben beide, Befragte*r und Befrager*in, ganz genau festgelegt, wieso das Gespräch stattfindet: der eine will werben, die andere lobpreisen. Diese Art von Interviews kann man darum in bester Tom Kummer-Manier auch tippen und der Redaktion schicken, ohne sie je geführt zu haben – sie bestehen im Wesentlichen aus bestätigenden Phrasen auf beiden Seiten, also etwa: "Herr Pattinson, macht es Spaß, einen Agenten zu spielen?" – "Oh ja, das war schon lange mein Traum!", oder "Chiara, du bist die bekannteste Influencerin der Welt. Was glaubst du macht dich so erfolgreich?" - "Ich bin immer ich selbst und auch authentisch geblieben. Außerdem habe ich immer meinem Bauchgefühl vertraut." (Zweiteres Beispiel ist echt echt.)

Um nicht mit einem "Hallo wie geht’s Ihnen-Interview" verwechselt zu werden, legen die meiste Journalist*innen vor allem bei ihren sachbezogenen Interviews großen Wert auf die Kontroverse, "bunte" Themen werden dagegen kess mit Witzischkeit (oder dem was dafür gehalten wird) gespickt. uebermedien-Autorin Samira El Ouassil fasst das in ihrer Analyse des zu Recht vielgescholtenen Einstiegs beim Spiegel-Interview mit der Virologin Sandra Ciesek folgendermaßen zusammen:

"Es gibt ja journalistisch verschiedene Herangehensweisen: anekdotisch, konfrontativ oder auch locker plaudernd, wie in der "Interview" damals, in der die Journalisten die Stars zu Beginn gerne fragten, was sie so zum Frühstück hatten."

Dialektische Cleverness

Dann folgt eine Auflistung von tatsächlich lustigen, provokanten oder kritischen ersten Fragen, hier nachzulesen, die sich wesentlich von den geschlechtsthematisierenden Fragen an Ciesek unterscheiden. Denn der Kern des Ganzen, da stimme ich El Ouassil voll zu, ist struktureller Sexismus beziehungsweise, wie El Ouassil es nennt, "reproduzierter Sexismus":

"Es ist wirklich seltsam, den Sexismus zu reproduzieren, den man in der Boulevard-Berichterstattung über die Virologin wahrgenommen hat, und die Gesprächspartnerin dann dazu zu drängen, sich dazu zu verhalten – was ihre Position automatisch kleiner und defensiver machen muss. Vor allem stellt sich mir aber die Frage nach dem Warum, also: Warum wählt man eine Interviewstrategie, die gerade für den Wissenschaftsdiskurs kontraproduktiv ist?"

Ein wichtiger Punkt, der sich zum Beispiel auch in die Berichterstattung über das Alter einer Schauspielerin ziehen kann - hier ein Beispiel aus der Praxis: Der 70. Geburtstag der Schauspielerin Iris Berben. Im dazugehörigen Interview in der Süddeutschen wurde sie gefragt:

"Wann ging das los, dass Sie in Interviews permanent über Alter reden müssen?"

Jene dialektische Cleverness sollte gleichzeitig Berbens Widerwillen gegen das Sujet, und das dann anscheinend doch medienimmanente Interesse daran einfangen, Berben sollte also drüber reden und nicht drüber reden, wie uralt sie ist, und wie sehr sie beides – das Altern und das Darüberreden - nervt.

Das ähnelt in der Sache dem von El Ouassil aufgezeigten beknackten Pseudo-Kecksein. Zumal prangert sie in ihrem Text die Unsinnigkeit der Methode: Aus welchem Grund sollte man gegenüber einer seriösen Wissenschaftlerin überhaupt keck sein? Will man etwas investigativ herausholen? Will man sie unsicher machen? Will man endlich die Wahrheit wissen?! Das ist wirklich Kokolores. Dann doch lieber Hallo wie geht’s Ihnen, aber dann mit ein paar echten Sachfragen.

Wenn Vorgespräche leaken

Und noch kurz nachgeschoben, nur weil es thematisch so gut zum Thema "wie führt man Interviews?" passt: Ein Vorgespräch zu einem ZDF-Interview mit dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann wurde vor ein paar Tagen "geleakt", also ins Netz gestellt, obwohl es nicht dafür gedacht war.

Darin hatte der OB anscheinend, so heißt es in der hessenschau und der FAZ, die Moderatorin mit Familiengeschichten "genervt", beziehungsweise nicht weiter ausgeführte "kuriose Missverständnisse" evoziert. Was völlig schnurz ist, denn welche Themen vor einem verabredeten Gespräch aus Ton- oder sonstigen Gründen bekakelt werden, geht niemanden etwas an, es sei denn, es handelt sich um menschenverachtende Aussagen.

Was mich aber am meisten wundert, ist wie umfassend die Reinigungskräfte des ZDF diesbezüglich reagiert haben: Das Video ist beim besten Willen nicht mehr auffindbar. Von wegen digitale Unsterblichkeit. Das ist genauso weg wie die so genannte "Gähn- und Raschelaffäre", mit der Tagesschausprecher Karl-Heinz Köpcke 1978 angeblich den Sendeablauf der neuen "Tagesthemen" störte – es könnte sein, dass damit die ersten paar Minuten dieser Dokumentation gemeint sind, aber wirklich deutlich wird es nicht... Schade. Ich hätte Köpcke so gern dezidiert gähnen und rascheln gesehen. Und überhaupt: Welch eine moderate Art, seine Kritik zu äußern.

Voll kontrovers

Zum Abschluss eine kleine Beobachtung, die im weitesten Sinne sowohl zu dem in diesem Text thematisierten Sexismus, als auch zu der Frage nach dem richtigen Einsatz der Begriffe "affirmativ" und "kontrovers" passt: Die neue Sky-Serie "I may destroy you" von Michael Cohn wird zu Recht in sämtlichen Medien hoch gelobt – in der Geschichte um eine Londoner Autorin geht es um Missbrauch auf verschiedensten Ebenen. Während die meisten Rezensenten und Rezensentinnen jedoch die berührende und energetische Qualität der nach einem wahren Erlebnis von Coel geschriebenen, inszenierten und gespielten Geschichte loben, hier zum Beispiel der Tagesspiegel:

"Wo verläuft die Grenze zwischen einvernehmlichem Sex, Missbrauch und Vergewaltigung? Und wie kann es sein, dass sich die Opfer schuldig fühlen? Coel macht es ihrem Publikum nur insofern leicht, als sie über eine phänomenale Situationskomik und Körpersprache verfügt, die die traumatischen Erinnerungen abfedern."

"In pointierten, genau beobachteten Szenen erweist sich Coels Serie als herausragendes Epos über die Sitten und Beischlafgebräuche unserer Zeit."

setzt sich ausgerechnet das rein affirmative Presseportal mit einer vermutlich gut gemeinten Info-Überschrift mitten ins feministische Fettnäpfchen:

"Mutig, kontrovers und provokativ: "I May Destroy You" ab kommenden Montag bei Sky"

Denn kontrovers ist die Serie keinesfalls, im Gegenteil - sie hat eine eindeutige Haltung, das ist ja das Großartige und Notwendige. Und provokativ stimmt auch nicht: Es ist nicht provokativ, von erlebtem Missbrauch zu erzählen. Es ist provokativ, dies nicht zu tun.


Altpapierkorb (... mit einem Vogue-Gespräch ohne Fragen und Züricher Kritik am Züricher Tatort)

+++ Noch eine letzte kleine Bemerkung zum Thema Interviewfragen: Weil das Zusammenbringen von Menschen ja gerade so kompliziert ist, hat die aktuelle Vogue für ihr allmonatliches Gespräch Menschen aus einem Haushalt besetzt - das Ehepaar Hollein, bestehend aus Modedesignerin Nina und dem Metropolitan-Museumsdirektor Max. Schwups, hat man ein Gespräch ohne Fragen, stattdessen mit freundlichen Feststellungen:

Sie: "Drei Wochen nach der Schließung des Museums hattest du schon richtige Entzugserscheinungen".

Er: "Du bist während dieser Zeit allerdings noch viel kreativer geworden als sonst."

Und man spürt: Klingt komisch, reicht nicht. Oder, um Lee Hazlewoods legendäres "For every solution there’s a problem" abzuwandeln: Für jede Antwort gibt es eine Frage.

+++ Im Falle des neuen Züricher Tatorts, über den hier wohlwollend in der FAZ, hier ebenso freundlich im Spiegel, und hier gleichermaßen erfreut in der taz berichtet wird, ist es interessant, wie man das in Zürich sieht: Nämlich viel kritischer. Wie hier in der NZZ:

"Nein, das ganz grosse Feuerwerk hat «Züri brännt», die Folge, mit der ein Neubeginn des Schweizer «Tatorts» eingeläutet wird, leider noch nicht abgebrannt. (...) ...ein Duo also, das energische Dynamik verspricht. Allerdings müssen sich die beiden erst einmal konfliktreich und wenig originell zusammenraufen, ehe die Zusammenarbeit klappt, auch das eine langsam ausgebrannte Dauergeschichte im Fernsehkrimi. (...) Auch die Stadt selbst wirkt noch etwas grau und unbeheimatet."

So leicht lässt man sich dort eben nicht um den Finger wickeln, liebi Fründs.

Das nächste Altpapier gibt es am Mittwoch.

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