Das Altpapier am 16. November 2020 Viele Meinungen sind eine Nachricht

Die Bundesregierung bittet uns, faul wie die Waschbären zu sein, und macht sich mediale Dynamiken zunutze. In den USA geht die Debatte über den journalistischen Umgang mit ihrem künftigen Ex-Präsidenten weiter. Und Annette Dittert schreibt, warum ein Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis in diesem Jahr nach London geht. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 16. November 2020: Porträt Autor Klaus Raab
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Eine Regierungskampagne und die Berechenbarkeit der medialen Dynamik

Am Wochenende wurde munter über zwei Videos der Bundesregierung diskutiert, mit denen sie an die Bevölkerung appelliert, zu Hause zu bleiben. Man sieht darin ältere Herrschaften, die auf ihre Jugend im Jahr 2020 zurückblicken, als sie gegen das Virus kämpften, indem sie faul "wie Waschbären" mit ihrem Hintern auf der Couch blieben. Die Botschaft ist eher unmissverständlich. DWDL zitierte sicherheitshalber trotzdem die Bundesregierung: "Kontakte zu reduzieren ist derzeit unser wichtigstes und wirksamstes Mittel, um die Pandemie einzudämmen. Je konsequenter wir alle das tun, desto besser kann unser Land die zweite Welle der Pandemie bewältigen. Diesen Appell wollen wir mit diesen Videos an möglichst viele junge Menschen herantragen.’"

Das ist, muss man konstatieren, auch gelungen. Es gab zwar sehr unterschiedliche Meinungen zur Kampagne, auch viele ablehnende ("Corona-Regierungspropaganda mit 'Augenzwinkern'", sah etwa das Redaktionsnetzwerk Deutschland), aber das dürfte einkalkuliert gewesen sein. Aufmerksamkeit ist King. Interessant finde ich vor allem, wie es der Regierung geglückt ist, ihre Botschaft unter die Leute zu bringen – was auch etwas über die potenzielle Berechenbarkeit medialer Dynamiken aussagt, und darüber, wie man sie sich zunutze machen kann.

Der Faktor Unterhaltung spielt natürlich eine Rolle. Aber auch Veröffentlichungszeitpunkt und -plattformen wurden strategisch klug gewählt. Wochenends ist die Themenkonkurrenz meist übersichtlicher als an Werktagen, die Meinungsäußerungslust in den Social Media aber wohl kaum kleiner. Sofern nicht etwas Unerwartetes passiert, sucht dann zudem jeder Online-Newsdesk-Redakteur nach schnell formulierbaren Meldungen fürs Corona-Newsblog, gerne mit unterhaltsamen kurzen Videos, die man einbinden kann. Klaas Heufer-Umlauf hat zudem das erste Video in einem Tweet gelobt, was der Aufmerksamkeitsvergrößerung auch nicht geschadet haben dürfte. Dass Florida Entertainment, seine und Joko Winterscheidts Produktionsfirma, die Kampagne umgesetzt hat, erfuhr man freilich erst einen Tag später.

Falls jedenfalls die Veröffentlichungsstrategie des Bundespresseamts darin bestand, viele Reaktionen hervorzurufen, um die Sonntagsdienste der journalistischen Medien dazu zu bewegen, sie nachrichtlich aufzugreifen und später noch einen Kommentar draufzusatteln: Dann ist sie sogar sehr gut aufgegangen. Die Videos wurden von Nordkurier bis faz.net, von BR bis SWR und von Spiegel bis Tagesspiegel von zahlreichen Redaktionen weiterverbreitet, eingebettet in zunächst nachrichtliche Texte über die Meinungen, die dazu geäußert wurden: Viele Reaktionen sind auch eine Meldung. Jonas Leppin hat es in einem Spiegel-Kommentar erfasst: "Und während noch diskutiert wird, ob dieses Video die richtige Zielgruppe erreicht oder andere Zielgruppen ausschließt, verbreitet es sich bereits schneller im Netz als jede gut gemeinte Kampagne der Bundeszentrale für politische Bildung. Damit wurde das Ziel eigentlich schon erreicht – und wir alle, auch dieser Kommentar, haben daran mitgewirkt. Denn an der Grundbotschaft gibt es bisher wenig Kritik: Bleibt zu Hause!"

Trump aus dem Zentrum rücken

Nur, und jetzt kommen wir zu etwas völlig anderem, greifen die vielen Medienrädchen auch  dann ineinander, wenn es um ganz andere Themen geht. Meinungen bringen weitere Meinungen hervor, viele Meinungen sind ein Nachrichtenthema, Nachrichten- werden Kommentarthemen, die weitere Meinungen hervorbringen, und irgendwann heißt der US-Präsident dann Donald Trump. Gut, das war nun eine leicht verkürzte Zusammenfassung der jüngeren Geschichte. Achim Baur hat vor der US-Wahl aber einen lesenswerten Thread verfasst, in dem er den Gedanken, dass Unterhaltungslogik Politik stechen kann, etwas ausführlicher formuliert:

"Viele Dinge, die Trump macht, ergeben aus der Sicht des politischen Systems keinerlei Sinn. Zu unserer Verblüffung schaden sie ihm aber kaum. Denn sie folgen der Logik seines Systems: maximale Konfrontation und Emotion. Wer am meisten Aufmerksamkeit generiert, gewinnt. Wir alle halten sein System am Laufen. Der traditionelle Zeitungsmarkt hat sich durch Trump saniert. TV und Social Media feiern es ab. Trump ist wie ein car crash oder der Tiger King. Man kann nicht wegsehen".

In den USA läuft nun die Debatte, wie mit dem Phänomen Trump künftig umzugehen sei, nachdem es auch über Medien – wenn auch nicht nur über journalistische – groß wurde. Der auch in Deutschland wohlbekannte US-amerikanische Journalismusforscher Jay Rosen fordert etwa, Donald Trump nicht (nur) zu widerlegen oder zu entlarven, sondern ihn aktiv aus dem Zentrum ihrer Berichterstattung zu nehmen. Er hat am Wochenende zur Bestätigung seiner These sieben Minuten CNN gepostet, wo Anderson Cooper unter dem Schlagwort "What really matters" darüber sprach. What really matters wäre demnach zum Beispiel nicht: was Donald Trump bis 2024 plant.

Ein Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis geht nach London – aus Gründen

Bei der BBC gibt es auch eine Art Trump-Problem, eines, das für die Medienlandschaft in Deutschland noch relevanter sein dürfte als der Umgang von US-Sendern mit ihrem künftigen Ex-Präsidenten:

"Nur zwei Tage nachdem Boris Johnson im Dezember 2019 die Wahl gewonnen hatte, begann sein Regierungsapparat aus allen Rohren gegen den Sender zu feuern. Der Finanzminister erklärte, man müsse den ‚Zwangscharakter‘ der BBC-Gebühren neu überprüfen, Johnson selbst hatte bereits im Wahlkampf gefragt, ob die BBC nicht privatisiert werden solle, die Kulturministerin setzte nach. Auftakt einer Kampagne gegen den Sender, die bald deutlich schriller wurde als viele der vorherigen. An Kritik von Regierungsseite, egal welche Partei am Ruder war, ist die BBC seit vielen Jahren gewöhnt. Aber diesmal geht es ums Ganze."

So ARD-Korrespondentin Annette Dittert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (bei Blendle €). Sie schreibt als Mitglied der Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises, der in diesem Jahr unter anderem an Emily Maitlis von der BBC verliehen wird. Der ehemalige BBC-Journalist Misha Glenny, der in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung am Samstag einen "Notruf aus London" absetzte, sieht es ähnlich wie Dittert: "Weder Thatcher noch Blair wollten die BBC demontieren. Das ist jetzt anders."

Preise sind politisch, manche weniger, dieser mehr. Es ist sicher eine gute Entscheidung, den Friedrichs-Preis in diesem Jahr nach London zu schicken. Dittert:

"Als die Briten den Deutschen nach dem Krieg das öffentlich-rechtliche System als ein föderales verordneten, stellten sie sicher, dass der zentrale Zugriff auf ein nationales Rundfunksystem durch die Politik nicht mehr möglich sein sollte. Bei sich zu Hause hielt man solche Überlegungen damals für nicht nötig. Und so kann man es durchaus als feine Ironie der Geschichte sehen, dass der nach Hanns Joachim Friedrichs benannte Preis nun zu einer Zeit zurück nach London geht, in der die Unabhängigkeit der BBC, des eigentlichen Vorbilds der diktaturgeschädigten deutschen Nachkriegsgeneration, so bedroht ist wie nie."


Altpapierkorb (Regierungskommunikation, Leo Kirch, Medienmäzen Google, "Baywatch Berlin")

+++ Kommen wir noch einmal zurück zur Regierungskommunikation. Die Videokampagne ist das eine. Das andere ist, dass die Regierung auch im journalistisch aussehenden Beritt verstärkt auf eigene Kanäle zurückgreife. Für die taz hat sich Daniel Bouhs dazu umgehört: "'Wenn wir Interviews anfragen, heißt es schon mal, der Minister habe sich schon im eigenen Kanal geäußert, da könnten wir uns doch bedienen', sagt Shakuntala Banerjee vom ZDF. Aber: "Wir sind nicht die Abspielstationen der Regierungs-PR." Neben Banerjee kommt auch Tina Hassel zu Wort, die das Hauptstadtstudio der ARD leitet, unter deren Dach auch dieses Blog erscheint: "Der Podcast der Kanzlerin, aber auch die Newsrooms der Parteien sind natürlich auch der Versuch, die üblichen Spielregeln zu umgehen." Der Text geht noch weiter, Grautöne inklusive.

+++ Mal wieder ein Leo-Kirch-Artikel im Spiegel (€): "Um den Nachlass tobt ein erbitterter Streit vor bayerischen Gerichten. (…) Die 'Bild'-Zeitung hatte bereits im Sommer 2017 erstmals über die Anfänge der Fehde berichtet. Nun liegen dem SPIEGEL Tausende Seiten Gerichtsunterlagen vor…"

+++ netzpolitik.org kümmert sich in einem Interview mit dem Medienwissenschaftler Christopher Buschow (zuletzt in diesem Altpapier) noch einmal um den "Medienmäzen Google".

+++ Und Peer Schader nimmt sich in seiner DWDL-Kolumne anlässlich der 50. Folge des Podcasts "Baywatch Berlin" an.

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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