Das Altpapier am 8. Januar 2021 Der Beginn einer unglaublichen Reise

Der Sturm des Kapitols am Mittwoch kam keineswegs überraschend. Verschiedene Effekte haben begünstigt, dass kaum jemand die Ankündigungen ernst nahm. Und allem Anschein nach handelt es sich hier nicht um ein Finale, sondern um einen Startschuss. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 8. Januar 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
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Er ist wieder da

Es hat dann doch nur ein paar Stunden gedauert, bis Donald Trump wieder zurück war, nachdem Twitter ihn, wie auch die übrigen Plattformen, vorübergehend ausgesperrt hatte (Altpapier gestern). In einer knapp drei Minuten langen Rede, die Trump ungefähr um 2 Uhr mitteleuropäischer Zeit bei Twitter veröffentlichte, gesteht er zum ersten Mal seine Niederlage ein, allerdings nicht direkt, sondern indem er ankündigt, dass eine neue Regierung am 20. Januar vereidigt werden wird. Die SZ titelt zwar: "Präsident mit plötzlicher Einsicht". Doch das gibt die Wirklichkeit sehr wahrscheinlich nicht richtig wieder. Karl Doemens, US-Korrespondent für das Redaktionsnetzwerk Deutschland schreibt bei Twitter:

"Ist natürlich inhaltlich unfassbar verlogener Müll. Aber näher an das Eingeständnis seiner Niederlage wird Trump wohl nicht kommen. Er trägt die Rede vor wie eine Geisel, die eine Erklärung vorlesen muss. Irrer Kontrast zu seiner aufrührerischen Wahn-Rede gestern morgen." (Sic!)

Roland Nelles schreibt für den Spiegel, es sei ein "kurzer, scheinbar demütiger Video-Aufsager". Es wirkt nach allem, was man in den vergangenen Tagen, Wochen, Monaten und Jahren gesehen hat, jedenfalls wenig glaubwürdig. Aber so widersprüchlich es auch erscheinen mag, es folgt doch einem Muster, das lange bekannt ist. In diesem Muster sind Worte nicht dazu gedacht, wahrhafte Absichten zu bekunden, sondern eher  dazu, Gesagtes zu relativieren und Rechtfertigungen im Nachhinein möglich zu machen. Wer Gewalt anstachelt und sie am folgenden Tag verdammt, kann so einerseits darlegen, dass er sich distanziert hat. Gleichzeitig bietet er auch der Gegenseite eine Projektionsfläche. Und auf der finden auch die von Trumps Lügen verblendeten Anhänger das, was sie suchen.

In diesem Fall hat das Statement möglicherweise einfach den strategischen Sinn, das Allerschlimmste zu verhindern, nachdem am Mittwoch alles völlig aus dem Ruder gelaufen war. Und das könnte vor allem Trumps Ambitionen für die Zeit nach der Wahl betreffen. Klaus Brinkbäumer erklärt in einem Interview für den MDR, dass es genau darum auch in der gegenwärtigen Diskussion um eine mögliche Amtsenthebung noch vor dem 20. Januar geht. Würde Trump das Amt jetzt noch verlieren, könnte er kaum gleich wieder seine Kandidatur für die Wahl in vier Jahren ankündigen. Und das hätte nicht nur politische Folgen, sondern auch ganz persönliche für ihn selbst mit Blick auf die Plattformen, die ihn vor die Tür gesetzt haben. Einen völlig abgedrifteten Ex-Präsidenten dauerhaft zu sperren, wäre unter Umständen durchaus möglich. Aber einen zukünftigen Präsidentschaftskandidaten? Das wäre womöglich doch nicht so leicht.

Lose-Lose-Situation für die Demokratie

Bleibt die Frage, ob die Plattformen es tatsächlich ernst meinen – oder ob die Ankündigung gerade lediglich günstig erscheint, um richtig zu stehen, wenn das Licht angeht. Darauf hindeuten würde, dass etwa Mark Zuckerberg die Entscheidung über konsequente Sanktionen so lange vor sich her geschoben hat, bis sein Unternehmen von der Trump-Regierung nichts mehr zu befürchten hatte.

"Drei Jahre, elf Monate und 17 Tage lang durfte Donald Trump fast ungehindert Lügen verbreiten (…)"

schreibt Simon Hurtz in einem Beitrag für die SZ. Der Artikel endet mit der Feststellung:

"Um zu verhindern, was in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag geschah, kommt dieser Schritt drei Jahre, elf Monate und 17 Tage zu spät."

In Absätzen dazwischen erklärt Hurtz unter anderem, was passiert war, bevor Zuckerberg eine Entscheidung traf.

"Auch Angestellte der Tech-Konzerne fordern die Plattformen auf, endlich konsequenter durchzugreifen. Dutzende Facebook-Mitarbeiter sollen an Mark Zuckerberg appelliert haben, Trumps Konto dauerhaft zu sperren – woraufhin Facebook die Kommentare unter den Diskussionen in seinem internen Forum abschaltete."

Dass Zuckerberg schließlich tatsächlich durchgriff, spricht zwar für die Absicht, die Richtung der bisherigen Unternehmenspolitik nun zu ändern. Doch vieles spricht auch dagegen. Was am Mittwoch passierte, kam alles andere als überraschend. Und dennoch kosteten die Plattformen zunächst aus, was Donald Trump ihnen bescherte, nicht nur Facebook. Damit beschäftigt sich Lisa Hegemann in einem Beitrag für Zeit Online (€).

"Nachdem der US-amerikanische Präsident den Menschen, die gerade das Kapitol angriffen, in einem Twitter-Video sein Verständnis für ihren Ärger ausgesprochen hatte, sie als 'very special' bezeichnet hatte. Nachdem er seine Lügen zu den Ergebnissen der US-Wahl wiederholt hatte und Öl in das längst lodernde Feuer der Gewalt im Herzen Washingtons gegossen hatte. Nachdem mehrere Millionen Menschen dieses unerträgliche Video gesehen hatten. Erst dann kündigte Twitter an, dass dieser Beitrag gegen die hauseigenen Richtlinien verstoße."

Das zugrunde liegende Dilemma ist bekannt:

"Eine Win-win-Situation für die Plattformen: Je mehr Menschen mit Inhalten auf ihrer Plattform interagieren, desto mehr Werbung spielen die Klicks und Views ein – und desto mehr Geld können sie verdienen. Eine Lose-lose-Situation allerdings für alle, denen an einer möglichst differenzierten Darstellung von Ereignissen gelegen ist und an einem zivilisierten Diskurs."

Aber ein wichtiger Gedanke ist der folgende, und der betrifft das Grundverständnis der Plattformen, die ihrem Selbstverständnis nach einfach arglose Ermöglicher von Meinungsfreiheit sind, sich damit allerdings aus der Verantwortung winden, für die von ihnen verbreiteten Inhalte verantwortlich zu sein. Lisa Hegemann schreibt:

"Es ist daher (…) zu kurz gedacht, wenn Menschen sagen, die Plattformen würden in die Meinungsfreiheit eingreifen, wenn sie Beiträge löschen. Denn sie greifen längst in Debatten ein, indem sie bestimmte Beiträge, bestimmte Meinungen prominenter anzeigen als andere. Damit formen sie die Debatten unserer Gesellschaft. Und unsere Demokratien."

Was aber könnte daraus der Schluss sein?

"Die Plattformen müssen aufhören, so zu tun, als könnten sie nichts ändern. Sie können. Indem sie ihre Algorithmen fundamental überdenken. Das mag falsche Informationen oder Verschwörungsmythen nicht aus der Welt schaffen. Aber es verschafft ihnen eine sehr viel geringere Reichweite."

Wobei die Reichweite, also die Verfügbarkeit der Informationen über die Pläne für Mittwoch, in diesem Fall auch dazu hätte führen, dass irgendwer einschreitet. Aber das passierte nicht.

Memetische Kriegsführung

Eike Kühl geht in einem Beitrag für Zeit Online (€) der Frage nach, warum das nicht passierte. Schaut man zurück, könnte man das für überraschend halten. Kühl schreibt:

"Im Forum von TheDonald, einer der führenden Communitys der Pro-Trump-Bewegung, wurde schon seit Wochen auf den 6. Januar hingearbeitet. ‚Sei dort, es wird wild‘, steht bis heute auf einem großen Banner, dass die Besucherinnen und Besucher begrüßt – ein Zitat aus einem Tweet von Donald Trump. Wie das Onlinemagazin Buzzfeed berichtet, finden sich in dem Forum mehrere Beiträge, die auf eine gewaltsame Auseinandersetzung hindeuten und empfehlen, das Kapitol zu stürmen, sollte der Kongress den Wahlsieg von Joe Biden anerkennen."

Aber auch hier muss man wieder den Kontext betrachten. Wenn ein abgewählter Präsident die wahnwitzigsten Lügen und Verschwörugsmythen verbreitet, führt das nicht unbedingt dazu, dass wahnwitzige Ankündigungen im gleichen Zusammenhang real erscheinen. Wenn Ereignisse eingetreten sind, verändert das im Rückblick ihre gefühlte Wahrscheinlichkeit. Das ist der Rückschaufehler.

Um die Gefahr deutlich zu machen, hätte vermutlich die Regierung selbst die Gefahr in irgendeiner Weise kenntlich machen müssen. Kühl:

"Vielleicht wollte sie niemand ernst nehmen, denn solange die Trump-Regierung im Amt ist, entscheidet sie darüber, was eine Bedrohung ist und was nicht."

Und möglicherweise hat noch ein weiterer Effekt begünstig, dass die Ankündigungen nicht ernst genommen wurden: In Teilen sahen sie aus, als wären sie nicht ernst gemeint. Eike Kühl zitiert den Medienforscher William Merrin, der diese Vorgehensweise "memetische Kriegsführung" nennt. Die Kampagne habe zunächst vor allem aus "Memes und Shitposts" bestanden. Im Forum TheDonald finde man etwa "vor allem jede Menge Pepe-der-Frosch-Memes". Und: "Das hinterlässt den Eindruck, dass Nutzerinnen und Nutzer es gar nicht so ernst meinen, wie sie schreiben".

Wenn nicht mehr zu erkennen ist, was ein Witz und was ernst ist, wenn auf eine Aussage immer auch direkt die gegenteilige Aussage folgt, wenn absurde Lügen immer und immerzu wiederholt werden, weiß am Ende niemand mehr, woran er sich halten kann und soll. Die Wahrheit wird beliebig, wie Wolfgang Blau es im Oktober bei den Münchener Medientagen erklärt hat. Und dann zählt die Wahrheit eben auch nicht mehr, dann zählt nur noch die Macht.

Fanal für die Radikalopposition

Dieses Bemühen setzt sich nun fort in dem Versuch der Trump-Apologeten bei Fox-News, die imaginäre Organisation der Antifa für den Sturm aufs Kapitol verantwortlich zu machen.

"Aber könnte es nicht, hüstel, also könnte es nicht vielleicht sein, dass das gar nicht Trump-Anhänger gewesen sind, sondern als Trump-Fans verkleidete Mitglieder der Antifa?",

schreibt Jürgen Schmieder in einem Beitrag für die SZ. Auf Fox News setzte der Gedanke gleich den üblichen Mechanismus in Gang. Ist der Glaube erst da, finden sich immer auch Hinweise.

"Sofort sprang (Fox-Moderatorin Laura) Ingraham auf Twitter zur Seite und zitierte einen Artikel der rechtspopulistischen Zeitung Washington Times, in dem behauptet wurde, dass eine Gesichtserkennungs-Firma analysiert haben wolle, dass die Demonstranten unterwandert worden seien von Antifa."

Patrick Gensing hat sich für den ARD-Faktenfinder mit der Behauptung beschäftigt, die sich in der Folge natürlich auch auf den Plattformen verbreitete. Gensing:

"Während des Sturms auf das Kapitol lief die digitale Propagandamaschine umgehend auf Hochtouren. Das Schlagwort ‚Antifa‘ist bei Twitter in den Trends, obwohl es sich um einen rechtsextremen Umsturzversuch gehandelt hat, weil Trumps Anhängerschaft – auch in Deutschland – den Hashtag massenhaft twittert."

So bringen neue Erklärungsmuster mögliche kognitive Dissonanzen bei Trump-Anhängern sogleich wieder ein Einklang. Wie lässt sich die Forderung nach Recht und Ordnung mit den Bildern aus dem Kapitol vereinbaren? Na ja, es waren ja nicht die eigenen Leute, sondern die anderen, die Linksextremen. Und wenn diese Erklärung von bestimmten Medien aus vermeintlich unerfindlichen Gründen unterdrückt werden, dann müssen wohl böse Mächte im Spiel sein. So führt der Weg neuen Plattformen, auf denen sich das alles fortsetzen wird, auch nach dem 20. Januar. Patrick Gensings Ausblick klingt denn auch nicht sehr optimistisch. Er schreibt:

"(…) die rechtsradikalen Desinformationskampagnen werden weitergehen, da sich Trump und seine Mitstreiter sowie Anhänger eine ganz eigene ‚alternative‘ Realität geschaffen haben. In dieser Welt werden Falschmeldungen, Hetze und auch Gewalt offenkundig als ein Instrument im politischen Kampf gesehen. Der Sturm auf das Kapitol könnte somit ein Fanal gewesen sein für eine radikale, militante Fundamentalopposition, die die Demokratie in den USA weiter attackieren wird."

Oder wie Donald Trump es in seiner jüngsten Twitter-Ansprache sagte:

"(…) ich will auch, dass ihr wisst, dass unsere unglaubliche Reise gerade erst beginnt."


Altpapierkorb (Zahlungserinnerungen, Höllental, Schule daheim, Jugendliche und Nachrichten)

+++ Steffen Grimberg bedauert in seiner taz-Kolumne, dass die Zahlungserinnerungen vom Beitragsservice der öffentlich-rechtlichen Sender so lieblos verfasst sind.

+++ Die sechsteilige True-Crime-Serie "Höllental" beschäftigt sich mit dem Verschwinden der damals neunjährigen Peggy Knobloch vor fast 20 Jahren. Olaf Przybilla bemängelt auf der SZ-Medienseite zwar, dass ein inzwischen freigesprochener Mann mit vollem Namen genannt wird, findet die Reihe aber dennoch "außerordentlich". Bert Rebhandl schreibt auf der FAZ-Medienseite (75 Cent bei Blende): "Marie Wilkes sehenswerter Sechsteiler ordnet die Aspekte des Mordes an Peggy Knobloch souverän und lässt gleichzeitig erkennen, dass vieles offenbleibt, über die Schuldfrage hinaus." Zu sehen sind die ersten beiden Teile der Serie heute Abend um 23.15 Uhr im ZDF. Alle Teile stehen ab heute in der ZDF-Mediathek.

+++ Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen mehr Schulfernsehen senden. Ab dem 11. Januar räumt der Bildungskanal ARD-alpha an Werktagen für drei Stunden sein Programm für das Lernformat "Schule daheim" frei, wie unter anderem beim Spiegel nachzulesen ist.

+++ Junge Menschen interessieren sich nicht sonderlich für Nachrichten, konsumieren sie aber trotzdem, um mitreden zu können. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung, das Menschen im Alter von 14 bis 24 Jahren befragt hat.

+++ ARD-Programmdirektor Volker Herres wehrt sich mit einer Pressemitteilung gegen einen Spiegel-Artikel zur Berichterstattung während des Sturms aufs Kapitol (Altpapier gestern). Christian Buß, Anton Rainer und Alexander Kühn hatten in ihrem Beitrag mit dem Titel "Bedingt sendefähig" geschrieben: "In Hamburg, wo Tagesschau und Tagesthemen entstehen, habe man sich noch früher für eine Unterbrechung eingesetzt, heißt es aus der Redaktion – der Flaschenhals liege in der Münchner Programmdirektion." Herres antwortet: "Dass diese angebliche Aussage anonym ist, verwundert nicht, denn sie ist schlichtweg falsch." Daniel Bouhs kommentiert bei Twitter: "Willkommen bei der ARD."

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Neues Altpapier gibt es am Montag.

1 Kommentar

achterblad vor 7 Wochen

"Würde Trump das Amt jetzt noch verlieren, könnte er kaum gleich wieder seine Kandidatur für die Wahl in vier Jahren ankündigen." – Es ist sogar so, dass er nach einem erfolgreichen Impeachment kein öffentliches Amt mehr besetzen darf. Das wäre auch für Republikaner eine Option, sich ohne diesen Trump neu aufzustellen. Allerdings lauern Laura, Don Jr. und Ivanka angeblich auf ihre Chancen.