Das Altpapier am 5. Juli 2021 Gelebte Rundfunkdemokratie oder Machtdemonstration?

Beim ZDF wurde ein neuer Intendant gewählt: Norbert Himmler gewinnt gegen Tina Hassel. Himmels Wahl sei "eine hervorragende Nachricht", finden die einen. Die anderen fragen sich, welche Absprachen getroffen wurden. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 5. Juli 2021: Porträt Autor Klaus Raab
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Der Pumuckl ist wieder da

Medienjournalismus in Zeitungen ist Hintere-Seiten-Journalismus. Mindestens drei Medienthemen landeten am Wochenende aber auch auf den Titelseiten ernstzunehmender überregionaler Blätter. Und das, obwohl gar nicht das 100. "Tatort"-Jubiläum anstand. Nun natürlich die Preisfrage: Welche sind diese drei Themen?

Auf Seite 1 der Süddeutschen ging es zum Beispiel um einen kleinen Kobold: "Über viele Jahre blieb die Frage ungeklärt, ob der Fernsehsender RTL jemals eine Sendung zeigen würde, die einen Hauch von Sinn erkennen ließe", steigt die SZ vom Samstag in ihr berühmtes Streiflicht ein, um alsbald zur Pointe zu gelangen, dass RTL, wie um die Kritiker Lügen zu strafen, eine Neufassung vom hochwertigen Pumuckl zu zeigen plane. Hurra, hurra!

Wieder ein Vorwurf der Einseitigkeit

Das zweite Einserthema: Auf der Titelseite der Welt am Sonntag war das Foto einer Frau zu sehen, neben der steht: "Debatte über Rundfunkgebühr: Diese Frau zahlt nicht mehr für ARD und ZDF. Warum?" Da es sich um die WamS handelt, die im Anprangern von vermeintlicher Einseitigkeit öffentlich-rechtlicher Berichterstattung nicht ungeübt ist, blätterte man mit einer gewissen Vorahnung hinein. Und sie wurde erfüllt: Eine Berliner Wirtschaftsjuristin wirft den Öffentlich-Rechtlichen in einem Interview vor, einseitig über den jüngsten Israelkonflikt berichtet zu haben:

"Oft ist es die Reihenfolge, in der erzählt wird. Zuerst wird über die Raketen berichtet, die Israel abgefeuert hat. Erst im Nachgang wird gesagt, was von palästinensischer Seite kam. Ich glaube, wenn man eine Nachricht schon so aufbaut (…), macht das etwas in den Köpfen der Zuschauer. Außerdem wird, wenn es um Israel geht, das Wort 'Regime' benutzt. Das ist politisch falsch, Israel ist eine Demokratie. Dann ist von palästinensischen Flüchtlingen die Rede, aber völkerrechtlich sind das keine Flüchtlinge, die leben ja dort, wo sie geboren sind."

Sie ist an dieser Stelle noch nicht fertig, aber ich kann nicht das ganze Interview zitieren. Ich glaube der Frau natürlich, dass Antisemitismus in ihrer Lebenswelt zunimmt, wie sie im weiteren Verlauf des Interviews sagt. Es gibt dafür so viele Beispiele, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass wir von einem wachsenden Problem sprechen. Ich glaube ihr auch, dass sie sich ärgert über Berichte, die sie gesehen hat.

Nur frage ich mich, ob eine Redaktion, die eine wirklich problematische Berichterstattung bei ARD und ZDF vermutet und nicht nur eine weitere Chance wittert, sich gegen die Öffentlich-Rechtlichen zu wenden, solche Vorwürfe nicht besser mal prüfen sollte. Ich habe versucht, die Kritik auf tagesschau.de zu verifizieren (und auch nur da, weil es nicht mein Job ist, Nadeln in Heuhaufen zu suchen) – es ist mir nicht gelungen. Reden wir hier überhaupt über tagesschau.de? Reden wir über irgendeinen Beitrag von funk? Reden wir vom "heute journal"? Von der Nachtsendung eines Hörfunksenders? Worauf beruht diese Kritik, die es auf Seite 1 der WamS schafft?

Es geht hier ja nicht um den Vorwurf, in dieser oder jener Sendung sei grenzwertig israelkritisch berichtet worden. Sondern um den Vorwurf der Einseitigkeit, der impliziert, die Öffentlich-Rechtlichen würden im Großen und Ganzen so und nicht anders berichten. Der Vorwurf kommt immer wieder, und er kommt immer wieder von den gleichen Leuten oder Medienhäusern, die sich im Zweifel nicht zu schade sind, ihre Wahrnehmung mit den Berufen von Mördern im "Tatort" als zu bestätigen, die aber alle öffentlich-rechtlichen Inhalte zu verpassen scheinen, die nicht in ihr Bild passen würden. Mit diesem Interview ist es der WamS jedenfalls einmal mehr nicht gelungen, den Vorwurf einseitiger Berichterstattung zu belegen.

Norbert Himmler wird ZDF-Intendant

Und dann stand auf mehreren Samstagstitelseiten, etwa denen von SZ oder FAZ, die Nachricht, Norbert Himmler werde ZDF-Intendant. Das war das Thema, das so gut wie alle medienjournalistischen Redaktionen der Republik bearbeitet haben. Sie hatten sogar einiges und durchaus Unterschiedliches, auch in der Bewertung, zu sagen. Kein Vergleich zu Intendanz-Wahlen bei vielen ARD-Sendern, für deren Vermeldung vielerorts auch mal eine aufgebohrte Agenturnachricht als ausreichend erachtet wird.

Man könnte daraus eine besondere öffentliche Bedeutung der ZDF-Intendanz im Vergleich zu den ARD-Intendanten lesen und läge vielleicht so falsch damit nicht. Der ZDF-Chef (und nein, gendern ist hier nach wie vor nicht notwendig, wie die taz anmerkt) verfügt nicht nur über das größte Einzelbudget des monatlichen Rundfunkbeitrags, sondern hat auch, anders als die ARD-Führungsriege, keine anderen Intendantinnen und -en neben sich, mit denen er sich arrangieren müsste. Man könnte die breite Berichterstattung aber auch darauf zurückführen, dass Beobachter auf vergleichsweise gute Bedingungen der Öffentlichkeitsherstellung trafen. Es war nämlich etwa möglich, die Wahl im Livestream zu verfolgen, wie Uwe Mantel von DWDL betont – der die Gelegenheit nutzt, die ARD (unter deren Dach dieses Blog erscheint) in die Pflicht zu nehmen:

"Alle ARD-Anstalten sollten sich nochmal genau ansehen, wie offen jeder per Web-Stream den Geschehnissen folgen konnte. Wenn sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk so gerne Transparenz auf die Fahnen schreibt, dann muss sie dort beginnen, wo eine neue Senderspitze gewählt wird. Wahlprogramme und Bewerbungsreden gehören an die Öffentlichkeit. Denn wenn sich schon nur wenige wirklich in den Fernseh- und Rundfunkräten repräsentiert fühlen dürften, dann hat doch jeder Beitragszahler zumindest ein Recht darauf zu erfahren, aufgrund welcher Vorstellungen eine neue Intendantin oder ein neuer Intendant gewählt wurde und woran man sie oder ihn künftig messen kann."

Und damit rein in die Berichterstattung über die Wahl, die erstaunlich knapp endete. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler, dem Michael Hanfeld aus der Videodistanz einen durchgeschwitzten Anzug ansah, wurde erst im dritten Wahlgang gegen ARD-Hauptstadtjournalistin Tina Hassel gewählt, die zwar vorab einige Aufmerksamkeit bekommen hatte, sich aber eigentlich "wenig Chancen" ausrechnen durfte, wie Claudia Tieschky in der SZ schreibt. Zwei Personen, ein knappes Ding – und trotzdem wurden in der Berichterstattung so gut wie keine Sportmetaphern bemüht. Lediglich Hassel selbst brachte eine ein, nachdem sie vor dem dritten Wahlgang ihre Kandidatur zurückzog; mit dem Satz, "sie reite erhobenen Hauptes vom Hof", wurde sie dann freilich vielerorts gerne zitiert. Immerhin: Das Bild entstammt dem Beritt des königlichen Pferdesports, mal nicht dem des Fußballs.

Und es passte zu einem anderen royalen Bild, das Christian Buß bei spiegel.de aufbrachte: Auch wenn "die geordnete Thronfolge" durch Hassels ernstzunehmende Kandidatur "ein paar Wochen lang so schön durcheinandergeraten" war, gelte beim ZDF nach wie vor die "Kronprinzenregelung", schrieb er, womit er meinte, dass Programmdirektoren dort "seit vielen Jahren" danach an die Senderspitze aufsteigen. Was nun die Frage aufwirft, wer nach Himmler (ein Porträt hat naheliegenderweise die Rheinpfalz) die Programmdirektion in Mainz übernimmt. Bei Buß, und da ist er nicht der erste, fällt der Name Bettina Schaustens.

Wichtiger aber: wie die Kandidaturen, das Prozedere und das Wahlergebnis bewertet werden. Hassel – und da unterscheiden sich die Deutungen nicht so sehr – habe diese Wahl zwar nicht gewonnen, gehe aber dennoch nicht als Verliererin daraus hervor. Schließlich zog sie selbst zurück und "begründete ihren Verzicht damit, dass sie aus einer kleinen Mehrheit für ihren Konkurrenten eine große machen wolle. Das sei ganz im Sinne eines starken öffentlich-rechtlichen Rundfunks, den sie schließlich beide wollten" (Steffen Grimberg in der taz). Würde sie, nur mal zum Beispiel, auf einen anderen öffentlich-rechtlichen Posten – in Köln oder so – spekulieren, hätte sie sich mit diesem Move wohl kaum etwas kaputt gemacht.

Himmler aber hat auch nicht verloren dadurch, dass er nicht haushoch gewonnen hat; denn was zählt im Fußball und auch im Pferdesport, ist bekanntlich "auf dem Platz" (Markus Ehrenberg im Tagesspiegel – okay, eine Sportmetapher). Claudia Tieschky von der SZ meint in ihrem Kommentar, die Wahl des derzeitigen Programmdirektors zum Intendanten sei sogar nicht weniger als "eine hervorragende Nachricht":

"Die Karriere von Himmler ist geprägt davon, dass er das ZDF-Programm nicht durch 'Traumschiff'-Gefilde, sondern durch die erste Welle der Digitalisierung, den großen Umbruch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gelotst hat. Wenn das ZDF heute in vielem moderner wirkt und technisch oft weiter ist als die ARD-Sender, hat das auch viel mit Strategien des Duos Bellut/Himmler zu tun. Man traut der Anstalt mit ihm eine ähnlich ruhige, aber radikale Entwicklung zu."

Und Christian Buß meint bei spiegel.de:

"Als Chef von ZDFneo zeigte Himmler ein gutes Gespür, schlank und schnell neue Formate auszuprobieren, auch Böhmermann konnte hier seine Zugkraft entwickeln. Der ZDF-Manager weiß neue Kanäle aufzubauen und Synergien zu nutzen; bei der gerade angeschobenen Vernetzung zwischen der ARD- und der ZDF-Mediathek spielte er eine wichtige Rolle."

Buß ist allerdings fürs Erste skeptischer als Tieschky, was Himmlers Fähigkeiten im Bereich strategische Kommunikation betrifft:

"Sein Vorgänger Bellut führte die Anstalt rundfunkpolitisch recht geschmeidig durch die Finanzierungs- und Legitimierungsdebatten der letzten Zeit. Er konnte seine Sparbemühungen gut verkaufen, aber auch klare Ansagen gegen jene richten, die seinen Laden am liebsten abwickeln wollen. Belluts Hintergrund als politischer Journalist mag bei solchen öffentlichen Kontroversen geholfen haben. Auf diesem Gebiet aber ist Himmler bislang blank."

Andere Kommentatoren legen besonderes Augenmerk auf das Wahlprozedere und die berühmten Freundeskreise im Fernsehrat, den roten und den schwarzen. War diese recht offene Wahl ein "Beweis für gelebte Rundfunkdemokratie", wie Michael Hanfeld in der FAZ fragt? Oder doch "eine Machtdemonstration und der Beweis dafür, dass die alten Zeiten, in denen die politischen Parteien im ZDF und in der ARD den Ton angaben und vor allem über Personalpolitik ihre Macht ausübten, nicht vorbei sind"? Nun, es ist interpretierbar.

Auch wenn weder Hassel noch Himmler sich "als Kandidaten eines Freundeskreises betrachtet" hätten, wie Himmler in der SZ zitiert wird, bleibt ja die Frage, ob Hassels Rückzug, der eine  "Hängepartie" (taz – okay, okay, noch eine Sportmetapher) wie seinerzeit bei der Wahl Markus Schächters verhindert hat, mit anderweitigen Zusagen verknüpft war: "Nach dem zweiten Wahlgang wurde die Sitzung unterbrochen, und die weder im ZDF-Staatsvertrag noch in der Fernsehrats-Geschäftsordnung vorgesehenen parteinahen Klüngelkreise traten zusammen. Mit dem Ergebnis, dass Tina Hassel vor dem dritten Wahlgang ihre Kandidatur zurückzog und so den Weg für Himmler frei machte", schreibt der dieser Kolumne verbundene MDR-Mitarbeiter, ehemalige ARD-Sprecher und Gewerkschafter Steffen Grimberg in der taz, der die Möglichkeit also nicht ausschließt. Und Alexander Kissler fragt in der NZZ spitz: "Ob man je erfahren wird, welche Gespräche stattfanden, welche Zusagen gegeben wurden an diesem Freitag in der Mainzer Rheingoldhalle?"

"In den vergangenen Wochen war auch immer wieder spekuliert worden, ob der Preis dafür, dass der rote Freundeskreis Himmler am Ende passieren lasse, politische Einflussnahme auf die Besetzung der nächstes Jahr anstehenden Nachfolge von ZDF-Chefredakteur Peter Frey sein könnte", schreibt Claudia Tieschky in der SZ. Der eine oder andere Beobachter dürfte mit beiden Augen genau hinschauen, denn mit beiden Augen sieht man noch besser als nur mit dem zweiten.


Altpapierkorb (Sportwetten, "Day of Rage", "Love Life", "Traut the Kraut", Maaßen)

+++ Die SZ schreibt, warum sie es für gefährlich hält, dass es in der ARD Sportwettenwerbung und -sponsoring geben soll.

+++ Willi Winkler lobt in der SZ den Film "Day of Rage" der New York Times über den Sturm aufs Kapitol.

+++ Heike Hupertz rezensiert in der Montags-FAZ die Prime-Serie "Love Life".

+++ Und Manfred Riepe bespricht im Tagesspiegel die ARD-Doku "Traut the Kraut" über den deutschen Torwart Bernd Trautmann, der nach dem Weltkrieg in England spielte.

+++ Hans-Georg Maaßen, CDU-Kandidat in Thüringen für die Bundestagswahl, hat eine neuerliche Stinkbombe geworfen, die vor allem etwas über ihn und seine Fans sagt, und in einem Interview mit dem Fernsehsender tv.berlin den öffentlich-rechtlichen Sendern, vor allem der "Tagesschau", "Meinungsmanipulation" vorgeworfen und brachte einen "NDR-Untersuchungsausschuss" ins Gespräch (faz.net, Tagesspiegel u.v.a.). "Konkrete Belege oder Namen nannte Maaßen nicht", schreibt u.a. DWDL, und der NDR hat die Vorwürfe sowieso deutlich zurückgewiesen. Deutliche Kritik an Maaßen kommt auch aus der CDU, wenn auch nicht von ganz oben. Es folgte eine Art "kleines Zurückrudern" (turi2) von Maaßen, aber eine Stinkbombe stinkt halt weiter, wenn sie erstmal geworfen ist, das ist ja der Witz.

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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