Das Altpapier am 23. Juni 2021 Bitte kommentieren Sie neutral!

Fußballkommentator Tom Bartels sympathisiert in der ARD mit Dänemark, was nicht allen gefällt. Tina Hassel bewirbt sich im Tagesspiegel um die ZDF-Intendanz. Und zu vernehmen ist die These, die Welt wäre eine bessere ohne Facebook. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 23. Juni 2021: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Die Regenbogen-Einsen

Ein Glück, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor 14 Jahren nicht nur ein Foto auf der Seite 1 eingeführt hat, sondern sogar ein Foto in Farbe. In Schwarz-Weiß würde das Bild, das sie heute dort zeigt, nämlich nicht funktionieren. Zu sehen ist eine Meerwalnuss, also eine Qualle, die, wie ein Meeresforscher auf Seite 9 erklärt, als kalorienarme Nahrungsquelle dienen könne. Die Qualle auf dem FAZ-Titel schillert freilich in Regenbogenfarben, womit der Bogen hinterrücks gespannt ist von der Meeresforschung ist zum Nachrichtenthema des gestrigen Tages: Der europäische Fußballverband Uefa untersagt vor dem heutigen Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn die Illumination des Münchner Fußballstadions in Regenbogenfarben.

Es gibt diese Tage, an denen man allein an der Fotoauswahl auf den Einsen sieht, wie unterschiedlich sie sind, obwohl sie alle mit ähnlicher Aussage das gleiche Thema nach vorne holen. Heute ist so ein Tag. Die Süddeutsche Zeitung aus München zeigt die Münchner Arena in Regenbogenfarben. Die taz koloriert ein Foto vom 1954er-Finalspiel zwischen Ungarn und Deutschland in Regenbogenfarben nach. Die Welt tunkt den Wortlaut, mit dem die Uefa das Verbot der Stadionbeleuchtung begründet (sie sei "eine politisch und religiös neutrale Organisation"), in die Farben des Regenbogens. Und die FAZ zeigt die besagte "herausfordernd irisierende" Qualle, die der Uefa, obwohl man sie essen könne, wohl nicht schmecke. Zeitungen. Schon auch schön.

Tom Bartels hat nicht neutral kommentiert

In diesem Internet dagegen waren mal wieder die Kollegen Mauli, Stinki, Miesepetri und Motz am Werk. Wer keinen Soccer Blocker installiert hat, hat es mitbekommen: Gerade ist Fußball-EM. Wenn das ZDF dran ist mit der Übertragung, kriegt es oft Claudia Neumann mit Hatern zu tun, gegen die ihr Sender sie immerhin verteidigt (Meedia).

Als am Montag die Männernationalmannschaft Dänemarks gegen die aus Russland spielte, war allerdings die ARD an der Reihe. Und dort kommentierte Tom Bartels – und wie, das missfiel Mauli und Co. diesmal auch: "Nicht wenige Zuschauer hatten moniert, Bartels habe es bei der Übertragung des mitreißenden EM-Spiels … an Neutralität fehlen lassen, er hätte parteiisch kommentiert, aus seiner Sympathie für Dänemark kein Hehl gemacht", schreibt der Tagesspiegel.

Es stimmt schon. Bartels war in etwas fiebriger Stimmung, nachdem die dänische Mannschaft nach den bekannten unglücklichen Ereignissen (Altpapier) schon halb ausgeschieden war und nun doch noch den Plottwist zu ihren Gunsten hinbekam. Ein dänischer Spieler hatte zu Turnierbeginn einen Herzstillstand erlitten, seine Mannschaft hatte danach, neben der Spur spielend, ihr Auftaktspiel verloren. Und so kommentierte Bartels das jüngste Spiel im Grunde vor der emotionalen Folie des Turniers. Er besprach also nicht nur die sportlichen Aktionen selbst, sondern vor allem die Geschichte der bisherigen Europameisterschaft. Das muss man nicht so machen, definitiv nicht. Ein schlimmes Vergehen, das sich verböte, ist es aber auch nicht, wie Matthias Schwarzer bei rnd.de findet:

"Man mag das manchmal vergessen, aber auch die Fußballberichterstattung ist ein journalistisches Format. Die Menschen an den Mikrofonen heißen nicht ohne Grund 'Kommentatoren' und nicht 'Fußballspielbeschreiber'. Es gehört zu ihrer Aufgabe, Dinge einzuordnen und auch mal mit einer persönlichen Note zu versehen. Und besondere Ereignisse, wie etwa die Tragödie der Dänen, können die Sicht auf die Gesamtlage auch mal verändern."

Weshalb es zumindest erstaunlich ist, wie er meint, dass "die Redaktion der 'Sportschau' ihrem Kommentator wegen ein paar kritischer Twitter-Posts so in den Rücken fällt". Der Wortlaut ihres Tweets: "Tom Bartels kommentiert die Spiele mit besten Wissen und Gewissen aus einer neutralen Perspektive. Dass das in manch einer emotionalen Situation gegebenenfalls nicht immer gelingt, bitten wir zu entschuldigen." In Schutz hat sie ihren Kommentator damit eigentlich nicht genommen, wie es die dpa formuliert. Eher im Gegenteil.

Wie man übrigens einen Sachverhalt neutral kommentiert, wie es Bartels im Anschluss auch selbst als Anspruch formuliert hat, das lernen wir dann hoffentlich alle bei der nächsten Fortbildung.

"Formatsprengende Aufschläge"

Sportartwechsel, kommen wir zum Tennis. Im Tagesspiegel stellt sich Tina Hassel den Fragen von Markus Ehrenberg. Dass die ARD-Frau ZDF-Intendantin werden möchte und bei der Wahl im Juli gegen ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler antritt, ist seit einiger Zeit bekannt. Und sie hat eine Art Tennismetapher dabei: "Es braucht beim klassischen Fernsehen unbedingt formatsprengende Aufschläge im linearen Programm", sagt sie und meint damit, nun: "so was wie mit Joko & Klaas bei ProSieben, mit der Pflegestory zur besten Sendezeit, stundenlang. Das ist mir ganz wichtig. Das müssen wir auch hinkriegen. Ob bei ARD oder ZDF, wir brauchen eine andere Idee von Audience Flow."

Was kaum verkehrt sein kann. Der Ablauf gerade im linearen ZDF ist doch recht eingefahren. Dass sie auf der Suche nach einem Positivbeispiel bei einem Privatsender fündig wird, könnte man freilich beklagen, aber es ist ja nicht alles, was sie anders machen würde. Es soll auch "alles auf den Prüfstand in Sachen Klimaverträglichkeit und Nachhaltigkeit. Auch mit E-Autos bei den Dienstwagen, klimaneutralen Dienstreisen und dem Thema green productions lässt sich viel machen."

Klingt also, als würde sie von einem grünen Freundeskreis im ZDF-Fernsehrat favorisiert. Eigentlich aber soll Hassel die Kandidatin des roten sein, wie die SZ kürzlich schrieb. Davon, dass sie rot sei, will sie aber nichts wissen:

"Es gibt beim ZDF nun mal nur zwei Freundeskreise. Der eine ist angeblich schwarz, der andere angeblich rot. Ich würde Herrn Himmler nie unterstellen, dass er schwarz gepusht ist und erbitte für mich zu akzeptieren, dass ich nicht rot gepusht bin. Gewählt wird von selbstbewussten Fernsehräten. Und zwar das beste Konzept, mit einem hohen Quorum."

Vor allem aber nimmt sie Bezug auf die jüngst vorgestellte gemeinsame Mediathek von ARD und ZDF (Altpapier vom Dienstag), für die Ippens Münchner Merkur gestern das Bindestrich-Wort "Umsonst-Netflix" zu prägen versuchte: Die sei, sagt Hassel, "ein ganz wichtiger Schritt. Aber der sollte noch konsequenter umgesetzt werden, unser non-lineares Schaufenster muss viel interaktiver und kommunikativer werden. Wir müssen uns der Kritik und dem Austausch mit den Zuschauern stellen. Mediathek muss social gehen und interaktiv werden, wir brauchen einen Rückkanal dafür, wie unsere Arbeit ankommt."

Ob das den Vorstellungen eines "Modells Youtube" nahekommt ("Ein Medienangebot, das demokratischen Idealen verpflichtet ist und nach dem Willen von Verfassungsrichtern alle in der Gesellschaft vorhandenen Perspektiven sichtbar machen soll, täte gut daran, sich am Modell Youtube und nicht am Modell Netflix zu orientieren"), die Christian Bartels hier gestern noch einmal zitiert hat, lässt sich freilich nicht ablesen.

Solange es nur kein Modell Facebook ist, würde Scott Galloway vielleicht sagen…

"Die Welt wäre eine bessere ohne Facebook"

Die Frankfurter Allgemeine Quarterly hat Galloway interviewt (Abo), den Autor eines Buchs namens "The Four", das nicht von Smudo und Band handelt, sondern von Facebook, Google, Amazon und Apple, also quasi den vier Reitern der Apokalypse, wie er sie unter anderem nennt. Instruktives Gespräch, allerdings auch erkennbar von Galloways Lust an der starken These getrieben. "Die Welt wäre eine bessere ohne Facebook", sagt er:

"Wir tendieren immer dazu, alle Tech-Firmen als Einheit zu sehen, aber Facebook hat wiederholt bewiesen, dass es praktisch keine Verantwortung spürt für das Gemeinwohl, nicht für mögliche Teenager-Depressionen oder für Gewalt, die durch Gerüchte auf ihren Plattformen ausgelöst wird. Ich bin überzeugt, es gäbe netto einen positiven Effekt, verschwände Facebook. Bei den anderen, Google, Amazon und Apple, laufen einige Sachen vielleicht schlecht, aber sie schaffen unglaubliche ökonomische Werte, viele Jobs, treiben Innovationen voran. Alles in allem, würde ich behaupten, ist unser Leben durch sie – außer Facebook – besser geworden, da sind wir alle Nettogewinner. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, sie genau so streng zu kontrollieren wie andere Unternehmen auch."

Und damit zum…


Altpapierkorb (Conan O’Brien, Joschka Fischer, europäische Kulturzeitschrift, The Continent-Jubiläum)

+++ "Conan O’Brien hört nach fast 30 Jahren als Late-Night-Komiker auf und wechselt zu Streamingportalen und Podcasts", schreibt Jürgen Schmieder in der SZ und erklärt, warum das wohl so sein muss: "Inzwischen ist es … so, dass sich der Late-Night-Show-Dreiklang überlebt hat, weil die einzelnen Elemente jeweils eine neue Heimat gefunden haben: Den bissigen Monolog zum Weltgeschehen gibt es bereits tagsüber, bissiger und vor allem vielfältiger in Podcasts (sowie plumper und böser auf Twitter), die Skits und Stunts sind bei Tiktok zu sehen, und wenn Promis Werbung machen wollen, dann tun sie das auf ihren Social-Media-Kanälen und nicht in weichgespülten und vorher abgesprochenen TV-Interviews".

+++Joschka Fischer sagt im taz-Interview auf die Frage, ob alle gemein zu den Grünen seien: "Die 60er-Jahre-Wahlkämpfe gegen Willy Brandt waren härter. Wenn es um die Macht geht, wird nicht mit Wattebäuschchen geworfen. Es heißt nicht umsonst Wahl-Kampf. Der ist auch heute nicht die Zeit für gepflegte Diskurse, sondern Attacke ist da angesagt, dagegenhalten und nicht wegziehen."

+++ Ein internationales Teams will sich an etwas versuchen, was tatsächlich fehlt: eine "Kulturzeitschrift, die Europas Vielsprachigkeit nicht als Hindernis, sondern als Chance begreift. Alle Texte erscheinen im Original und in englischer Übersetzung" (SZ).

+++ Und die afrikanische Wochenzeitung The Continent, die per Mail und Messenger verschickt wird (Altpapier), hat ihre 50. Ausgabe veröffentlicht und schreibt über ihre Finanzierung – unter anderem wird sie von der konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt: "We are very aware of the pitfalls of funded journalism (and that all our funders are western – we must change this, and welcome your help in doing so). Mega donors drive the direction of so much reporting simply by who they choose to support – it's a problem."

Neues Altpapier erscheint am Donnerstag.

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