Das Altpapier am 9. Juli 2021 Personen sind Programme

Die Debatte über Annalena Baerbocks Buch geht weiter. Und das ist gut so. Denn die Kandidatin selbst ist ein wichtiger Wahlkampf-Inhalt. Und transparent ist das alles nicht. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 9. Juli 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
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Tricks und Ablenkungsmanöver

Sprechen wir noch einmal über den Bundestagswahlkampf. Hier ist etwas kommunikativ sehr Interessantes passiert, für das auch gestern auch im Altpapierkorb ein Beispiel zu finden war. Springer-Chef Mathias Döpfner hatte den "Bild"-Journalismus in einer internen Runde verteidigt, wie Klaus Raab schrieb. Allerdings war er dabei auf das, was gegen das Blatt vorgebracht wird, gar nicht eingegangen. Er hatte geantwortet, als wäre der Vorwurf ein ganz anderer – als ginge es um eine Kritik an Boulevard-Medien generell. Das ist ein gängiger Trick im Medien- und Politikbetrieb, denn wer auf Kritik eingeht, erkennt sie sie damit schon an.

Davon könne auch anderen Berufe lernen. Angenommen, Sie sind Taxifahrerin, und jemand wirft Ihnen eine rücksichtslose Fahrweise vor, dann antworten Sie: "Na ja, gut. Ohne Taxis müssten die Menschen eben nachts alleine durch die Dunkelheit laufen." Oder für den Fall, dass Sie Koch sind und jemand Ihr Essen kritisiert: "Wenn es uns nicht gäbe, müssten Sie nach der Arbeit noch selbst in die Küche stehen."

Annalena Baerbock und die Grünen müssen nun ebenfalls mit Vorwürfen umgehen, die sich kaum von der Hand weisen lassen. Und auch am Donnerstag und Freitag sind dazu weiterhin Beiträge in der SZ und in der FAZ erschienen, wie auch im Spiegel, in der Zeit oder bei Übermedien. Warum hält sich das Thema so hartnäckig, wo es sich doch um Vorwürfe handelt, die gar nicht so schwer wiegen? In diesem Punkt sind die meisten sich ja einig.

Ein wichtiger Teil der Antwort ist: Weil die Grünen weiterhin mit Tricks und Ablenkungsmanövern versuchen, die Aufmerksamkeit von der Sache wegzulenken, statt mit Transparenz und Offenheit zu reagieren, um alles ein für alle Mal zu klären.

Das gelingt teilweise auch ganz gut, und damit noch einmal zum eingangs erklärten Beispiel. Auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung stand am Donnerstag die Schlagzeile: "Baerbock übt Selbstkritik." Viele andere Medien, zum Beispiel das ZDF, schrieben: "Baerbock räumt Fehler ein."

In Wirklichkeit hatte Annalena Baerbock in die Trickkiste gegriffen und etwas eingeräumt, was ihr gar nicht vorgeworfen worden war – und was in ihrer Formulierung auch tatsächlich wie eine Lappalie erscheint. Sie sagte: "Rückblickend wäre es sicherlich besser gewesen, wenn ich doch mit einem Quellenverzeichnis gearbeitet hätte."

Das klingt, als hätte sie aufgrund einer falschen Einschätzung auf irgendeine lässliche Formalität verzichtet.

Tatsächlich wäre ein Quellenverzeichnis gar nicht nötig gewesen. Es hätte das Problem auch nicht an allen Stellen gelöst. Es ist eben ein Sachbuch, wie die Menschen, die ihr Vorgehen verteidigen, ja nun selbst betonen. Da erwartet niemand ein Quellenverzeichnis. Eine vage Angabe in der Art von "wie die taz im August 2017 schrieb" hätte schon ausgereicht. Teilweise wäre nicht mal das nötig gewesen, wenn sie die Dinge einfach in eigenen Worten ausgedrückt hätte. Wie hätte sie das Problem, dass sie Formulierungen aus dem CDU-Parteiprogramm oder einen Reisebericht der Deutschen Welle übernommen hat, mit einem Quellenverzeichnis lösen können? Hätten sie die übernommen Formulierungen aus der Reisebeschreibung in Anführungsstriche setzen sollen? Hätten sie in eine Fußnote schreiben sollen: "Quelle: CDU"?

Nein. Der Vorwurf ist nicht: Sie hat keine Quelle genannt. Der Vorwurf lautet: Sie hat fremde Formulierungen als eigene ausgegeben. Es war der Versuch, den Vorwurf anders zu framen. Und viele Medien haben tatsächlich mitgespielt.

Das Quellenverzeichnis soll nun tatsächlich kommen, wie die "Bild"-Zeitung berichtet. Damit dürfte das Thema für viele Medien erledigt sein.

Das Problem ist der Gesamteindruck

Nun aber noch einmal zur Frage, ob sich Medien hier nur von den Menschen instrumentalisieren lassen, die eine Kampagne gegen Annalena Baerbock führen wollen – die also einfach jede schlechte Nachricht über sie in den Nachrichtenstrom geben, um damit ihr politisches Ziel zu erreichen, die Grünen-Kandidatin zu schwächen.

Dafür gibt es auch Beispiele. Ich will den Medien gar nicht unterstellen, dass sie sich wissentlich an dieser Kampagne beteiligen. Aber ich kritisiere schon, dass sie die Meldungen nicht so sehr reflektieren, wie es nötig wäre. Ein Beispiel wäre die Berichterstattung über Annalena Baerbocks Promotionsvorhaben.

Die Geschichte hier ist schnell erzählt. Annalena Baerbock hat eine Promotion begonnen, dafür ein monatliches Stipendium erhalten. Dann haben sich offenbar ihre Pläne geändert. Sie hat ihr Vorhaben abgebrochen. Das Geld, insgesamt ungefähr 40.000 Euro, musste sie nicht zurückzahlen.

Zu recherchieren, ob hier tatsächlich alles so gelaufen ist, wie es sollte, ist eine journalistische Aufgabe. Jost Müller-Neuhof hat das für den Tagesspiegel übernommen. Er beantwortet nüchtern die Fragen, die sich stellen. Aber ein großer Klickerfolg würde dieser Text natürlich nicht werden, wenn der Tagesspiegel gleich in der Überschrift verraten würde, dass es hier im Prinzip gar kein Problem gibt.

Hier greift die Redaktion daher mit den üblichen Instrumenten der Aufmerksamkeitssteuerung ein. Im Teaser steht die Frage, warum Annalena Baerbock ihr Promotionsvorhaben abgebrochen hat, die der Text gar nicht beantwortet. So klingt es interessant. Und ja, das ist üblich, so einen Teaser zu schreiben. Das aber in diesem Kontext in dieser Form zu machen, stützt vor allem den Eindruck: "Da war also auch noch etwas."

Wie man diesen Eindruck noch etwas verstärken kann, zeigt die in Syke erscheinende Kreiszeitung mit ihrer Überschrift: "Annalena Baerbock: Stiftung steckte 40.000 Euro in abgebrochene Promotion".

Das suggeriert, die Stiftung habe ihr das Geld noch zugeschoben, als schon klar war, dass aus der Promotion nichts mehr wird. Und diese eine Überschrift ist für sich genommen natürlich eine Kleinigkeit. Aber wenn mehrere Medien so arbeiten, ist es wie mit den Dinge, mit denen Annalena Baerbock sich nun herumschlägt: Der Gesamteindruck macht es.

Und um diesen fälschlichen Eindruck geht es auch in einem anderen Fall, der ebenfalls im Zusammenhang mit der Promotion steht. Damit beschäftigt sich heute Roland Preuß heute in der Süddeutschen Zeitung. An derselben Hochschule, an der Annalena Baerbock ihr Promotionsvorhaben abbrach, erschien später eine Dissertation zum gleichen Thema, allerdings mit einem politikwissenschaftlichen Ansatz, nicht mit einem völkerrechtlichen, wie Baerbock ihn plante.

Preuß schreibt:

"Die Mutmaßungen, schon im Juni aufgebracht durch die österreichische Online-Nachrichtenseite Exxpress.at, befeuern das Jagdfieber und die Fantasie der Plagiate-Sucher und Baerbock-Kritiker auf deren Foren im Netz. Existierte eine heimliche Co-Autorenschaft, reichte Baerbock ihre Arbeit weiter an jemanden, der sie dann abschloss? Irgendwie scheint das auch zu der Kritik zu passen, Baerbock habe jahrelang ein Promotionsstipendium der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Anspruch genommen, ohne ihre Promotionsschrift je zu beenden."

Den raunenden Verdacht, dass hier irgendetwas nicht stimmen könnte, widerlegt Preuß recht überzeugend. Er schlussfolgert:

"Tatsächlich illustriert die vermeintliche Parallele der Dissertationen nur, welch windige Behauptungen nun in die Debatte geworfen werden."

Wählen nach Gefühl

Das ist der zweifelhafte Teil der Berichterstattung. Wir müssen uns nun aber noch einmal mit der Frage beschäftigen, ob Medien denn jetzt nicht endlich wieder über etwas anderes berichten sollten. Und ich spoilere das schon mal: Ja, durchaus. Aber es ist ja nicht so, als wenn das nicht parallel passieren könnte – und als würde das nicht längst geschehen.

Ulrich Schulte hat in dieser Woche bei Markus Lanz gesagt:

"Ob Annalena Baerbock ihren Lebenslauf aufgehübscht hat, das sagt nichts über die Richtigkeit oder die Falschheit von grünen Konzepten aus. Und da verzweifle ich ehrlich gesagt schon manchmal ein bisschen an der Art der Debatte, dass also seit Wochen Annalena Baerbocks Unzulänglichkeiten diskutieren – und (…) die Probleme sind so groß wie nie."

Das stimmt. Hinzu kommt noch etwas anderes, das Samira El Ouassil in ihrer aktuellen Spiegel-Kolumne behandelt. Der Effekt der asymmetrischen Demobilisierung. Damit gemeint ist der Versuch, das eine politische Lager zum Wählen zu bringen und gleichzeitig das andere davon abzuhalten.

Das erklärt Samira El Ouassil ganz wunderbar am Beispiel von Angela Merkel, die in Wahlkämpfen nur mit Themen gearbeitet habe,

"die keine Angriffsfläche und keine Abgrenzungsmöglichkeiten boten, und näherte sich zugleich der SPD und den Grünen in entscheidenden politischen Fragen an (…). Deshalb gab es für viele Wählerinnen und Wähler kaum Gründe, nicht einfach weiterhin die eine Partei zu wählen, die sowieso schon an der Macht war."

Das Stichwort ist: keine Angriffsfläche bieten. Die CDU unternimmt aus verständlichen Gründen nicht den Versuch, die Grünen inhaltlich anzugreifen, denn dann würde sich an vielen Stellen womöglich herausstellen, dass es eben doch nicht so weitergehen kann wie bisher. Mit diesem Grundgefühl bestreitet die CDU schließlich ihren Wahlkampf. Samira El Ouassil schreibt:

"Deutschland wählt jetzt offensichtlich einfach noch mal vier Jahre Merkel, nur halt mit weniger Wissenschaftsverständnis."

Das ist ihre Wertung, die CDU setzt relativ offensichtlich auf den ersten Teil des Satzes. Die Grünen haben es in den ersten Wochen des Wahlkampfes versäumt, die CDU in diesen inhaltlichen Punkten anzugreifen. Und wenn sie nun in dieser Situation, in der sie in Schwierigkeiten sind, darauf verweisen, wirkt das wie ein ungeschicktes Ablenkungsmanöver.

Die Zeit hat in dieser Woche den Versuch unternommen, die Debatte auf die Inhalte zu lenken. Sie hat mit allen Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten Interviews über die wichtigen Themen geführt, vor allem eben über das Klima.

Das sind sehr interessante Gespräche. Aber sie machen auch das Problem deutlich. Um diese Debatten verfolgen und um die Positionen der Parteien einschätzen zu können, braucht man sehr viel Wissen. Und es sind teilweise sehr technische Diskussionen, an denen sich nicht alle beteiligen können.

Zudem ist es wohl leider nicht mehr als ein schöner Wunsch, dass Menschen in der Art eines Homo Oeconomicus vorgehen, sich die inhaltlichen Argumente zurechtlegen und dann rationale Entscheidungen treffen.

In Wirklichkeit ist es wahrscheinlich so, wie ich es einmal Edmund Stoiber bei einer Podiumsdiskussion auf der re:publica in Berlin sagen hörte: "Eine Debatte gewinnen Sie nicht mit Argumenten."

Nils Minkmar schreibt in einem Beitrag für Übermedien:

"Medien profitieren davon, Menschen in den Fokus zu stellen, denn dem Publikum fällt es leichter, sich eine Meinung über eine Person zu bilden, als sich durch den Wust an politischen Vorschlägen durchzuarbeiten. Der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman hat das gut untersucht: Wenn wir ein komplexes Problem, etwa die Frage, ob man dieses oder jene Auto kaufen soll, nicht lösen möchten, ersetzt unser Gehirn die schwere durch eine leichte Frage: Wie gefällt mir der Wagen optisch? Oder wie finde ich den Verkäufer?"

Es ist das Tinder-Prinzip. Man versucht einen Partner oder eine Partnerin zu finden, indem man die Auswahl zunächst auf das Merkmal des Aussehens reduziert. Und diesen Mechanismus nutzen nicht nur Medien, das macht auch die Politik selbst.

Nils Minkmar macht zu Recht darauf aufmerksam, dass wir den Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin nicht direkt wählen, sondern die CDU, die SPD oder die Grünen, die sich dann später zu Bündnissen zusammentun und über die Regierungsführung entscheiden. Allerdings machen sich auch die Parteien eben den Vorteil zunutze, dass Menschen sich leichter für einen Menschen entscheiden können als für Inhalte.

Wollten sie, dass im Wahlkampf vor allem über Inhalte gesprochen wird, würden sie sagen: Wer die Regierung führt, entscheiden wir nach der Wahl.

Die Parteien adressieren so auch die Menschen, die sich für politische Inhalte überhaupt nicht interessieren, und das dürften nicht wenige sein. Sie inszenieren ihre Kandidatin oder ihren Kandidaten so, dass er oder sie sich auch einfach nach Gefühl wählen lässt.

Armin Laschet erscheint nicht ganz zufällig als farbloser, aber solider Normalo im Anzug, der dafür steht, dass im Grunde alles einfach so weiterläuft wie bisher. Annalena Baerbock steht inhaltlich für Veränderung, aber eben auch als Person für eine sich wandelnde Gesellschaft, in der es auch als Frau möglich ist, Familie und Karriere locker unter einen Hut zu bekommen. Und sie gilt als eine Person, die es geschafft hat, sich ohne Ellenbogen durchzusetzen, einfach nur mithilfe ihrer Kompetenz.

Das mag in beiden Fällen so stimmen. Aber die Wahlkampf-Inszenierung hebt die Teile hervor, die dieses Image stützen. Diese Inszenierung zu hinterfragen, ist genauso eine Aufgabe von Medien wie das Hinterfragen von Programmen, denn auch durch diese Inszenierung gewinnen Parteien Wahlen.

Nils Minkmar schreibt in seinem Übermedien-Text:

"Und wenn im Herbst die legendäre Angela Merkel aus dem Amt scheidet, werden wir über die Frau, die so lange die Richtlinien der Politik bestimmt hat, ungefähr genau so viel wissen wie bei ihrer ersten Wahl 2005: Physikerin, geschieden und in zweiter Ehe lebend, fleißig, intelligent und nicht korrupt. Alles andere? Keine Ahnung."

Das ist in diesem Zusammenhang ein Argument dafür, dass es nicht um die Personen gehen soll. Minkmar nennt als Beispiel skandinavische Ländern, in denen die Menschen an der Spitze von Staaten oft ganz unauffällig regieren. Aber man könnte die Passage auch als Argument dafür verwenden, mehr auf die Personen zu schauen – nicht auf ihre Hobbys, Vorlieben, Klatsch oder Tratsch, sondern eben auf die Frage, ob die Inszenierung sich mit der Wirklichkeit deckt. Die Frage ist dann zum Beispiel: Ist die Person wirklich glaubwürdig und integer? Im Falle von Angela Merkel hat es daran nie größere Zweifel gegeben.

Auch im Falle von Annalena Baerbock ist das Thema aktuell eben nicht ihr Privatleben. Auch hier geht um eine wichtige inhaltliche Frage. Es geht um den Inhalt, den die Partei den Menschen zur Wahl anbietet, die nicht aufgrund von politischen Themen wählen. Hier ist der Inhalt die Figur Annalena Baerbock, die sich aus bestimmten Eigenschaften zusammensetzt. Die Frage ist: Ist das, was die Partei hier bewirbt, auch das, was die Menschen später bekommen werden?

Und um das Argument aufzugreifen, dass man dann auch über die anderen Kandidaten sprechen müsste. Hier spielt sicher auch eine Rolle, dass Olaf Scholz keine nennenswerten Chancen hat, Bundeskanzler zu werden. Und hinter Armin Laschet liegt eine Zeit, in der es wochenlang nur um seine Person und seine Befähigung ging.   

Geht es wirklich um Fehlertoleranz?

Nun noch einmal zu einem Interview mit dem Politikberater Johannes Hillje und dem Plagiatejäger Stefan Weber, das die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlicht hat.

Hillje vertritt die bekannte Position, man halte sich mit Nebensächlichkeiten auf, statt über die wichtigen Dinge zu sprechen. Er wiederholt noch einmal, dass es hier nicht um ein wissenschaftliches Buch gehe. Er tut Bücher wie dieses als "banale Wahlkampfinstrumente" ab. Er sagt: "Was wir seit Beginn des Wahlkampfs erleben, ist eine Entsachlichung des Diskurses. Es geht nur noch um Nebenschauplätze." Weber wirft er vor, sich an einer Kampagne zu beteiligen. Er stellt den Fall als persönliche Auseinandersetzung dar, als "Kleinkrieg". Er sagt: "Es bleiben Kleinigkeiten." Die Strategie dahinter ist, den Fall als Bagatelle zu framen. Das entspricht der Kommunikationsstrategie der Grünen. Und Hillje hat auch gute Argumente. Er sagt etwa:

"Sie haben die Funde scheibchenweise publiziert. So wird die Debatte künstlich über Tage gestreckt und die Aufmerksamkeit im Endeffekt viel größer, als es die Substanz der Vorwürfe hergibt."

Umgekehrt gelingt es Weber nicht überzeugend, sein Motiv für die Veröffentlichung darzustellen, vor allem nicht das für die Art der Veröffentlichung. Er hatte seine Fundstellen immer wieder exklusiv an die "Bild"-Medien weitergeleitet, gleichzeitig aber von einem wissenschaftlichen Interesse gesprochen. Und man darf wohl in Frage stellen, dass die "Bild"-Zeitung mit diesen Information so umgeht,und sie so ausgewogen und einordnend darstellt, dass dies dem wissenschaftlichen Interesse gerecht wird. Mit seinen Äußerungen hatte Weber tatsächlich den Eindruck befeuert, dass auch ihm daran gelegen sei, Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin zu schwächen.

Das wiederum ändert nichts daran, dass er die richtigen Fragen stellt. Unter anderem eben:

"Warum klärt Frau Baerbock nicht endlich auf, wie ihr Buch entstanden ist? Solange sie das unterlässt, fühle ich mich herausgefordert."

Sogar Hillje sagt:

"Aus meiner Arbeit mit Politikern kenne ich deren Pensum und würde daher ausschließen, dass Frau Baerbock das Buch komplett selbst verfasst hat."

Das Dilemma ist: Es ist offensichtlich, dass es kurz vor diesem Wahlkampf nebenbei kaum möglich gewesen sein dürfte, so viel Zeit für dieses Buch zu erübrigen, wie es in Anspruch genommen hat. Aber anfangs hat Baerbock behauptet, ihr Co-Autor habe lediglich die Transkripte geliefert, sie habe das Buch dann selbst geschrieben. Auch die Aufmachung des Buches vermittelt diesen Eindruck. Später hat sie eingeräumt:"Niemand scheint so ein Buch allein." Würde sie jetzt einräumen, dass sie das Buch zu großen Teilen gar nicht selbst geschrieben hat, müsste sie zunächst einräumen, gelogen zu haben.

Der eigentliche Gegenstand spielt hier längst keine Rolle mehr. Es geht nicht um die Frage, ob es ein Sachbuch ist, eine wissenschaftliche Arbeit oder ein Blogbeitrag – sondern um die Frage, ob hier jemand die Wahrheit sagt oder versucht, etwas zu verbergen.

An einer Stelle des Interviews kommt auch wieder der Trick zum Einsatz, um den es am Anfang schon ging. Hillje benennt das Problem als "mangelnde Fehlertoleranz in der Gesellschaft". Doch darum geht es in der Debatte gar nicht. Dafür, dass so ein schludriges Buch unter diesen Umständen entstanden ist, dass dabei Fehler passieren, dafür hätten wohl viele Menschen Verständnis – für das Feuerwerk aus Nebelkerzen, das dann folgte, wohl eher nicht. Es geht nicht um die Fehler selbst, sondern um die Frage, ob man offen mit diesen Fehler umgeht oder ob man versucht, sie zu verschleiern.

Redaktionsbesuch in Wien

Schließlich noch zu einem ganz anderen Thema.

In Wien ist Ende Juni ein 13-jähriges Mädchen unter Drogen gesetzt, misshandelt und getötet worden. Die Leiche legten die Täter in einer Straße an einem Wohnviertel auf einem Grünstreifen ab. Es war eine fürchterliche Tat, die Berichte darüber haben in den vergangen Tagen die Zeitungen und Online-Medien gefüllt, vor allem natürlich den Boulevard. Drei der vier mutmaßlichen Täter sind inzwischen gefasst.

Unter anderem das der "Bild"-Zeitung sehr ähnliche Boulevardblatt Oe24 hat darüber berichtet, dass es sich um Asylbewerber aus Afghanistan handelt. Und aus diesem Grund ist eine Gruppe aus Aktivistinnen, am Donnerstag zum Sitz der Redaktion marschiert, um dort sehr laut dagegen zu protestieren. Laut der "Presse" handelt sich um die Wiener Einsatzgruppe Feministische Alarmabteilung (WEFA). Statt in der Redaktion sind sie allerdings ein Stockwert weiter oben in der Anzeigenabteilung gelandet. Dort kommt es zu einer hitzigen Konfrontation. Und dort tragen die Frauen einen Text vor. 

Das alles ist in einem Video zu sehen, das man bei Twitter ohne große Mühe findet, das ich hier aber nicht verlinken möchte, weil es von einem Hetz-Account verbreitet wird.

Die ersten Wörter des Textes sind nicht gut zu verstehen, aber es geht um die Tat selbst. Dann heißt es:

"(…) und alles, was euch dazu einfällt, ist die Staatsangehörigkeit und den Asylstatus des angeblich Verantwortlichen zu betonen – und ihre anscheinend kulturell veranlagte Kriminalität hervorzuheben, denn die Ausländer sind ja nun mal so. Damit lenkt ihr eigentlich vom Thema ab, von der Ursache, weshalb Leonie ermordet wurde – weil sie ein Mädchen war, weil sie ein Opfer von patriarchaler Gewalt wurde."

Die Kritik ist auf den ersten Blick vollkommen berechtigt. Denn so schrecklich die Tat auch sein mag, es gilt die Unschuldsvermutung. Was passieren kann, wenn Medien selbst ein Urteil in Form eines großen Fotos auf der Titelseite fällen, war vor einigen Tagen nach dem Attentat in Würzburg zu sehen, als die "Bild am Sonntag" einen falschen Mann auf der Titelseite abbildete (Altpapier).

Auch die Zeitung Oe24 hat sich in der Vergangenheit eher durch das Gegenteil von sensibler Berichterstattung und solider Recherche hervorgetan. Und auch in diesem Fall lässt sich viel daran kritisieren, wie das Blatt mit seiner Berichterstattung Vorurteile so bedient, dass am Ende der Eindruck bleibt, von diesen Menschen sei im Prinzip auch gar nichts anderes zu erwarten.

Nur spielen Herkunft und Asylstatus hier tatsächlich eine Rolle. Das erklärt Eva Konzett in einem Video für den Falter. Darin sagt sie, die Männer hätten eigentlich längst ausgewiesen werden sollen. Sie waren offenbar noch in Österreich, weil das Bundesverwaltungsgericht sich zu viel Zeit ließ. Es fehlt an Personal. Und das betrifft auch viele andere Verfahren. "18.000 Fälle harren einer Entscheidung", sagt Eva Konzett.

Das bedeutet: Die Perspektive dieser Männer, die in diesem Land nichts mehr zu gewinnen haben, kann die Hemmschwellen durchaus senken. Das soll die Tat nicht relativieren, sondern nur helfen, einen Risikofaktor identifizieren. Und um zu bewerten, wie die Perspektive aussieht, kann auch die Nationalität eine Rolle spielen. Das herauszuarbeiten, ist allerdings in der Regel nicht der Inhalt von Boulevard-Berichterstattung. Insofern trifft die Kritik der Aktivistinnen dann doch wieder zu.

Aber was könnte die Berichterstattung zumindest theoretisch leisten? Hier gibt Eva Konzett schon gleich eine Antwort auf den Standard-Vorschlag in der rechtskonservativen Boulevard-Berichterstattung in so einem Fall:

"Es gilt nun, nüchtern die Fehler zu analysieren, es gilt nun praktikable Lösungen für schnellere Entscheidungsfindungen auszuarbeiten. Kann man die Typen nicht einfach ins Flugzeug setzen und nach Kabul fliegen? Das wäre die kurzsichtigste Antwort. Der Großteil der abgeschobenen Afghanen versucht sofort, nach Europa zurückzukehren."

Damit zum…


Altpapierkorb (Gendern, Erk Acarer, ARD-Programmumbau, Weltspiegel)

+++ Altpapier-Kollegin Jenni Zylka und Steffen Grimberg haben für die MDR-Redaktion Medien360G, unter deren Dach auch das Altpapier erscheint, in einem Beitrag mit der Frage beschäftigt, wie deutsche Medien gendern.

+++ Der im Exil lebende türkische Journalist Erk Acarer ist vor seinem Haus in Berlin zusammegeschlagen worden. Auf der taz-Medienseite steht der Artikel dazu direkt über dem Beitrag, in dem es um den den Mordanschlag auf den niederländischen Journalisten Peter de Vries geht (Altpapier).

+++ Daniel Bouhs kommentiert für das NDR-Medienmagazin "Zapp" die Debatte über Christine Strobls Programmumbau bei der ARD (Altpapier). Bouhs: "Diese Reform dürfte in den Redaktionen wenige glücklich machen. Ihr fehlt ein journalistischer Geist."

+++ Claudia Tieschky schreibt auf der SZ-Medienseite speziell über die Debatte um das Auslandsmagazin "Weltspiegel", und zwar: "Was den Weltspiegel angeht, ist das besonders gefährlich. Er soll zwar nicht abgeschafft, sondern nur in die 'Todeszone' verlegt werden – so nennen die Unterzeichner der Stellungnahme den späteren Montagabend (noch nie übrigens ist über diesen Sendeplatz so viel Klartext gesprochen worden, den das Erste für Dokus schönredete). Das Auslandsformat liegt dann nicht mehr im großen öffentlich-rechtlichen Schaufenster. Damit gibt man die Ausstattung der Korrespondentenbüros für die anstehenden Diskussionen um Kosten und Einsparungen frei. Wenn das mit Profilschärfung begründet wird, muss man sich um dieses künftige Profil wirklich Sorgen machen."

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Neues Altpapier gibt es am Montag.

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