Das Altpapier am 28. Juli 2021 Soll man über Armin Laschet lachen?

Wenn ständig Äußerungen des CDU-Kanzlerkandidaten gerade gerückt werden müssen, droht angesichts des Korrektur-Overkills möglicherweise bald ein Abnutzungseffekt. Die teilweise weichzeichnerische Berichterstattung über Impfgegner*innen erinnert an die medialen Erzählungen von den "besorgten Bürgern". Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 28. Juli 2021: Porträt Autor René Martens
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Liberale mit Humor

Scholzomat lautete einst ein weit verbreiteter Spitzname eines aktuellen Kanzlerkandidaten, und möglicherweise haben sich davon die Macher eines Tools inspirieren lassen, das einem anderem aktuellen Kanzlerkandidaten gewidmet ist.

Beim Lasch-o-mat, so der Name der Kreation, handelt es sich um einen Zufallsgenerator, bei dem man jeden beliebigen Begriff eingeben kann, und als Ergebnis ein täuschend echtes Armin-Laschet-Statement (wie dieses) geliefert bekommt, das aus tatsächlich vom Aachener Rhetorik-Monster stammenden Zitatbausteinen zusammengesetzt ist.

Dass einer der Erfinder des Lasch-o-mats einst Geschäftsführer der FDP-Stadtratsfraktion in Mainz war und ein anderer "Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei der FDP im rheinland-pfälzischen Landtag" ist, das Fun-Projekt aber nicht im Auftrag der Partei entstanden ist, steht in der Berliner Morgenpost. Und dass die liberalen Spaßvögel sich von Bullshit-Bingo-Remix-Wizard Lorenz Meyer inspirieren ließen, berichtet u.a. der Tagesspiegel.

Was wiederum Meyer dazu sagt, hat der "Kompressor" von Deutschlandfunk Kultur folgendermaßen zusammengefasst:

"Meyer findet den Lasch-o-mat lustig, sieht zwischen dem Tool und seinen Parodien aber einen Unterschied wie zwischen Kino und Theater: Seine Tweets lebten von der Spontanität, seien eine Live-Performance, eine Art Improtheater auf Twitter. Der Lasch-o-mat wiederum habe das alles bereits vorbereitet."

Die Frage ob mit der Lustigkeit irgend etwas gewonnen ist, oder ob der Lasch-o-mat nicht eher eine Laschet-Verharmlosungsstrategie fördert, kann man aber auch stellen. Bei Twitter reißt David Naujeck dieses Thema an.

Neben #laschomat trendete zuletzt auch #laschetlügtwieder, und unambivalent ist auch das nicht. Konkreter Anlass für #laschetlügtwieder ist eine Äußerung zum Thema Kohleausstieg. Das Wörtchen "wieder" - das zum Beispiel auf "Armin Laschet lügt, sobald er ein Fernsehinterview gibt" (taz, Ulrike Herrmann, 13.7.) rekurriert - wirft für mich jedenfalls die Frage auf, ob angesichts des Ausmaßes des Korrekturbedarfs bald ein Abnutzungseffekt entsteht - sowohl bei jenen, die Laschets Aussagen zurecht rücken und auf ihre Substanz prüfen, als auch bei jenen, die für solche Kritik empfänglich sind. Was wiederum nicht heißen soll, dass man es lassen soll, schließlich regiert der Mann ein Bundesland und bald vielleicht noch a bisserl mehr.

Das adäquate Mittel für den Umgang mit Laschetismus könnten News-Ticker oder Live-Blogs sein, wie sie aus Breaking-News-Situationen heraus entstehen und die ständig aktualisiert werden, oder Threads, die sich leicht ergänzen lassen - damit man schnell alles zur Hand hat, was man schon wieder vergessen hatte, und den wichtigen vom weniger wichtigen Bullshit trennen kann.

Der Umgang mit Gemeingefährlichen

Mit einer Schieflage in der Berichterstattung über Impfverweiger*innen befasst sich Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Kolumne. Sie kritisiert den "Fokus auf die Argumente überzeugter Impfgegner*innen in den Medien" - unter anderem, "weil damit bisweilen unfreiwillig die Propaganda von Impfgegner*innen mitgetragen wird". Was statt dessen getan werden sollte? "Wir müssen die Zögernden umwerben."

Konkret greift die Kolumnistin einen Beitrag der Deutschen Welle an, in der ein Paar befragt wird, "das sich vehement nicht gegen Covid-19 impfen lassen will". Stokowksi weiter:

"Die Begründung war eine Mischung aus Corona-Verharmlosung, Skepsis gegenüber Medien, Wissenschaft und der Idee, dass man ein geringeres Risiko habe, wenn man nicht 'in irgendwelche Klubs' gehe. Die beiden bekamen reichlich Raum, ihre Bedenken zu formulieren und ihre vermeintliche Wohlinformiertheit darzulegen, wurden aber eine entscheidende Frage nicht gefragt, nämlich ob ihnen klar ist, dass sie sich damit ziemlich sicher für eine Infektion entscheiden."

Guter Punkt. Warum lassen Sie sich infizieren? Warum wollen Sie krank werden? Warum gefährden sie Ihre Mitmenschen? - das sind die Fragen, die Journalist*innen in solchen Fällen stellen müssten, was sie nach meinem Eindruck aber zu selten tun. Der DW-Beitrag wird angeteasert mit der auf die Protagonist*innen bezogenen Frage "Woher kommen ihre Zweifel und wie argumentieren sie?", und das wäre bestimmt nicht der Sound, wenn es um die Mitglieder einer gemeingefährlichen Sekte ginge. Warum aber schreibt man so über Leute, die sich nicht gegen Covid 19 impfen lassen wollen, also eine wesentlich größere Gefahr für die Allgemeinheit darstellen?

Der teilweise weichzeichnerische mediale Umgang mit "Impfgegner*innen" scheint mir vergleichbar zu sein mit den einstigen Erzählungen über "besorgte Bürger" und den anfänglichen Verharmlosungen von Querdenkern als "bunter Haufen" o.s.ä.

Die Obsession, Schwarzen Menschen weh zu tun

Sibel Schick verabschiedet sich nach drei Jahren als Kolumnistin beim Missy Magazine, unter anderem, um "Platz für andere Stimmen zu machen" ("Denn wir wollen es den weißen alten cis Männern, die ihre Stühle nicht freiräumen, ja nicht nachmachen"). Abschiedskolumnen haben ja oft einen Hang zum Grundsätzlichen, und das gilt auch für die von Schick. Sie schreibt:

"Die deutsche Medienlandschaft ändert sich zwar, doch es steht noch nicht fest, ob dies eine nachhaltige Veränderung sein wird oder nur ein Trend. Die taz war die erste überregionale Tageszeitung, die anfing, viele unterschiedlich marginalisierte Kolumnist*innen zu beschäftigen. (Das) ND (…) gewann innerhalb des vergangenen Jahres mindestens fünf neue Kolumnist*innen of Color. Auch bei Angeboten bürgerlicher Medien für junge Erwachsene erscheinen regelmäßig Texte von Schreibenden, die von der weißen deutschen Norm abweichen. Dennoch bleiben diese Beispiele vereinzelt. Die große Mehrheit deutscher Redaktionen gibt sich mit einer einzigen Person, die marginalisiert ist, zufrieden. Diese wird dann plakativ angekündigt als ein Diversitätszeugnis und ist in der Regel gezielt so ausgesucht, dass sie von der Norm nur minimal abweicht."

Gäbe es, um es mit Schick zu sagen, mehr "Kolumnist*innen of Color" (beim Altpapier gibt es, regelmäßige Leser*innen werden es wissen, keine), würde die im Annalena-Baerbock-Kontext neu aufgepoppte N-Wort-Debatte vielleicht etwas anders laufen. Anna Dushime, eine der Kolumnistinnen der taz, auf die Schick anspielt, begründet in einem Beitrag für die heutige Ausgabe der Zeitung, warum die Verwendung des N-Worts auch dann falsch ist, wenn eine kritische Intention dahinter steckt (was bei Baerbock ja der Fall war). Man kann davon ausgehen, dass zumindest Teile des taz-Milieus das anders sehen. Dushime schreibt:

"Viele Schwarze Menschen werden das kennen: Kontext, Satire, Zitat werden oft als Entschuldigung für die Verwendung des Wortes genutzt. Jede Schwarze Person, die ich kenne, zuckt zusammen, wenn sie das Wort aus dem Mund nicht-Schwarzer Menschen hört. Egal in welchem Zusammenhang (…) Das Wort schmerzt, und jedes Gespräch gepaart mit der Bitte, das nicht mehr zu verwenden, fühlt sich so an, als würden wir immer und immer wieder unsere Menschlichkeit verhandeln. Dabei ist es doch wirklich nicht so kompliziert: Wenn du nicht Schwarz bist, benutzt du das Wort nicht. Was ich gerne verstehen würde: Woher kommt diese Obsession mit dem N-Wort? Warum darauf beharren, ein Wort zu verwenden, das so vielen Menschen weh tut?"

Sieht man einmal von Menschen ab, die das N-Wort aus ideologischer Überzeugung aussprechen: Bei unter 30-Jährigen dürfte diese "Obsession" - von der auch am Montag schon in einem weiteren taz-Beitrag von Carolina Schwarz die Rede war - wesentlich weniger ausgeprägt sein. Bei mindestens mittelalten, sich im weiteren Sinne links einordnenden weißen Leuten ist die "Obsession" möglicherweise das Resultat von Renitenz: Sie wollen ihr Redeverhalten nicht mehr ändern, sie wollen an ihrer Sprache nicht arbeiten, weil ihnen das halt zu mühselig ist. Und dann gibt’s im Ironie-Business ja auch noch ein paar Leute, die glauben, dass das N-Wort immer mal wieder für einen "Höhöho"-Moment gut ist. Die Grenzen zwischen den hier sehr grobschlächtig skizzierten Gruppen sind wahrscheinlich fließend.


Altpapierkorb (mit Aydin Engin, Natalie Amiri, Manfred Krupp und Sibylle Berg)

+++ "Pressefreiheit in Gefahr", lautet heute das "Thema des Tages" in der SZ. Mit welchen Mitteln in der Türkei Erdogan und Co. Front gegen "regierungskritische Digitalplattformen" machen - darum geht es in zwei der vier Beiträge (in diesem Seitenaufmacher [€] sowie in einem Interview mit dem 80-jährigen Journalisten Aydin Engin, der eine Zeitlang im Exil in Deutschland lebte)

+++ In den Kontext des Themas Pressefreiheit passt auch, was die ARD-Journalistin Natalie Amiri bei einem Treffen mit der Berliner Zeitung über ihre Arbeit als Korrespondentin im Iran und das "Katz-und-Maus-Spiel" mit den staatlichen Überwachern erzählte: "Es ist eigentlich ein Kunstwerk, am Ende einen Beitrag herauszubekommen, der in der 'Tagesschau' gezeigt werden kann. Bei einem TV-Bericht von 1:30 Minuten hat man das Gefühl, dass man unbedingt mit Preisen überschüttet werden muss, aber für den Zuschauer ist das ein ganz normaler Beitrag.’"

+++ Dass die HR-Sendung "Defacto" von einem Politikmagazin zum Dokuformat umgemodelt wurde, fand vor kurzem bereits im Altpapier im Zusammenhang mit den geplanten Veränderungen bei den Politikmagazinen im Ersten Erwähnung. Die Entwicklung von "Defacto" kommt neben vielem anderen nun auch in einem Interview zur Sprache, das dwdl.de mit HR-Intendant Manfred Krupp geführt hat.

+++ Neues auf der Indie-Magazinwelt: Die Schriftstellerin und Spiegel-Kolumnistin Sibylle Berg bringt die Zeitschrift Reichtum für alle heraus - unterem anderem mit einem Gespräch mit Dietmar Dath und einem Gedicht der heute schon erwähnten Margarete Stokowski. Begleitend zum Erscheinen der Druckausgabe gibt es eine Serie mit weiteren Texten bei den Prinzessinnenreportern. In der ersten Folge kommt dort die Schriftstellerin Koschka Linkerhand zu Wort. Sie sagt unter anderem: "Digitalisierung im Kapitalismus bedeutet zuallererst eine optimierte Elendsverwaltung."

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

1 Kommentar

Stealer vor 7 Wochen

Bezüglich Ihrer Argumentation unter "Die Obsession, Schwarzen Menschen weh zu tun"

Ich kenne persönlich keine mittelalten eher links einzuordnenden "weißen" Leute, die das Wort benutzen und zu faul sind es zu vermeiden. Mag es geben, aber der Satz ist ohne größere Relevanz.

Was die unter 30jährigen betrifft, ist das Wort tatsächlich kaum vorhanden. Umsomehr die englische Variante, die ja auch mit N beginnt. Die ist durchaus verbreitet. Dass könnten Sie wissen, würden Sie nicht nur nicht nur die Medien verfolgen, die in Ihrer Kolumne behandelt werden.

Sicherlich ist es nicht Ihre Aufgabe oder das Konzept dieses Artikels, aber bei manchen Themen gilt es dann doch ein wenig mehr Recherche zu betreiben.