Das Altpapier am 9. August 2021 Mit der Zeit gehen

Der Rundfunkbeitrag ist nun aber wirklich im Bundestags-Wahlkampf angekommen. Ein altehrwürdiger Presseverlag nimmt auf dem Beifahrersitz (oder der Rückbank) eines Fernsehsenders Platz. Und verzwergerlt sich der sog. Westen auch in chinesisch koproduzierten Tierfilmen? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 9. August 2021: Porträt Autor Christian Barthels
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Raunen rund um den Rundfunkbeitrag

Seltsame Stimmungsmischung gerade: Krisenbilder, Urlaubsgefühl (sogar Markus Lanz pausiert für zwei Wochen), Wahlkampf.  Dass den bisherigen Bundestags-Wahlkampf gute Argumente oder wenigstens kraftvoller Austausch von Argumenten kennzeichnen, würde wohl niemand behaupten. Insofern passt wie die Faust aufs Auge, dass das Bundesverfassungsgericht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Thema gemacht hat. Bekannte Argumente aller Seiten kommen seit Tagen (Altpapier vom Freitag) mit zunehmender Wucht.

Dass Friedrich Küppersbusch, der mit probono tv ja auch Auftragnehmer der Öffentlich-Rechtlichen ist, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff in der wöchentlichen taz-Interviewrubrik "Chefohrfeigensammler beim Bundesverfassungsgericht" nennt, überrascht so wenig wie Joachim Hubers freundliches Wunschdenken im Tagesspiegel ("Der Markenkern hieß und heißt Information, Bildung, Unterhaltung, daraus muss sich die Priorisierung des Auftrags ableiten ...") erstaunen konnte. Das ZDF nutzt die kurze Lanz-Sommerpause übrigens, um sein Profil als Krimisender durch eine neue "True Crime-Doku-Reihe" zu schärfen.

Dass Springers Welt vielstimmig scharf schießt, ist auch normal. Zuletzt schoss sie in Form eines raunenden ("Doch das Blatt wird sich wenden", "Karlsruhe hat es de facto unmöglich gemacht, künftige  Gebührenerhöhungen zu stoppen. Aber die Menschen werden sich dagegen zur Wehr setzen") Welt am Sonntag-Editorials (€) von Johannes Boie. Schon eher kann überraschen, wie ähnlich der entsprechende Artikel im aktuellen Spiegel-Heft (€) klingt. "Ein Sieg, der ARD und ZDF noch schaden könnte", heißt er:

"Vor allem in der Union herrscht die Sorge, dass der Verdruss über ARD und ZDF ihre Wählerschaft nach rechts treiben könnte. 'Wir müssen aufpassen, dass das im Wahlkampf kein Thema wird', sagt ein Spitzenmann der Union."

Da haben die Unionsparteien ja Glück, dass das Aufpassen, dass vieles kein Wahlkampfthema wird, zu ihren relativen Kernkompetenzen gehört. Boie zitiert ebenfalls ungenanntes Spitzenpersonal ("Hinter vorgehaltener Hand klagen selbst Spitzenjournalisten der ARD ...") und bündelt sonst bekannte Detail-Argumente gegen öffentlich-rechtliche Programme, darunter gute (etwa gegen das omnipräsente Gendern: "Von 'Kommandeurinnen' der Hamas war bei der 'Tagesschau' zu lesen. Die Terrorgruppe würde freilich nie Frauen als Chefs dulden"; diesem Beitrag gilt das...). Sein Hauptargument jedoch zielt darauf, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk an sich überholt sei:

"Irgendwann wird selbst Karlsruhe nicht mehr helfen. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit."

Dieses "Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit", bei dem das zweite "geht" betont werden muss, ist ein altes Medienwandels-Argument, das leider oft zutrifft, aber (auch: leider) besonders oft Titel trifft, die ihre große Zeit als gedruckte Medien hatten und den Vorteil automatisch von allen fließender Einnahmen eben nicht besitzen. Womöglich können sie bei der Welt, deren Verlag ja knapp zur Hälfte einem New Yorker Finanzinvestor gehört, davon Lieder singen, die sie nicht in eigene Blätter schreiben würden ...

Rückgang, Rückbank, "Riesenschande": G+J & RTL

Wer und was nun ein ganzes Stück weit geht: der traditionsreiche Presseverlag Gruner + Jahr (Altpapierkorb). Er geht in RTL, der inzwischen wesentlich stärkeren Marke des Bertelsmann-Konzerns, auf. Auch dazu kommen immer noch mehr Einschätzungen. Schließlich ist G+J für viele ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger, die in den meisten älteren Medien ja den größten Teil des Publikums stellen, ein klangvoller Name.

"Die Kulturen beider Häuser sind sehr unterschiedlich. RTL stand bisher für seichte Unterhaltung, G+J für gehobene Zeitschriften", argumentierte Caspar Busse in der Samstags-SZ von der Fallhöhe her. "Das immer noch von mildem hanseatischen Dünkel geprägte Verlagshaus von der Elbe darf beim Privatfernsehmoloch vom Rhein zudem nur auf den Beifahrersitz", notierte Steffen Grimberg bei t-online.de – und sieht's damit ziemlich freundlich. Von der Rückbank ließe sich auch sprechen. Die erwähnten "branchenüblichen Muster" umriss Bertelsmann-Chef Thomas Rabe in der vielbeachteten Video-PK laut dwdl.de so: Er

"bezifferte den strukturellen Rückgang im Print-Geschäft auf sechs Prozent im Jahr – und es gebe aus seiner Sicht auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich das ändere".

Michael Hanfeld verband wie viele Beobachtende seine FAZ-Einschätzung mit einem Nachruf auf den kurz zuvor gestorbenen Ex-G+J-Manager Gerd Schulte-Hillen, unter dem G+J "gigantischen wirtschaftliche Erfolge" hatte, und  meint:

"Bertelsmann will im internationalen Wettbewerb gegen die Plattform-Giganten bestehen und mutiert selbst zur Netz-Plattform, auf der es alles gibt, was zum Konzern gehört: Fernsehen, Radio, Bücher, Presse. Das machen andere auch, in Deutschland der Springer-Konzern."

Tatsächlich hegt ja Springer den erstaunlichen Ehrgeiz, "zum führenden Medienunternehmen für Audio-Journalismus" zu werden. Das Wirtschaftsressort der FAZ sieht dasselbe Bertelsmann-Manöver bemerkenswert ausgangsoffen:

"Der inneren Logik hinter der Entscheidung zur Fusion kann man sich nur schwer entziehen. Die Konsolidierung der Medienlandschaft läuft seit Jahren und führt zur Konzentration in größeren Einheiten. Genau da aber liegt das Risiko. Wie schafft man es, größere Organisationen zu schaffen und gleichzeitig Vielfalt und die Identität der einzelnen Marken zu sichern? Die journalistische Vielfalt bei den Regionalzeitungen zum Beispiel ist dramatisch zurückgegangen, seitdem statt vieler Korrespondentenbüros nur noch ein paar Netzwerke für viele Blätter aus Berlin berichten."

Wobei diese "paar Netzwerke" regionaler Zeitungen, also Madsacks "Redaktionsnetzwerk Deutschland" oder das der Funke-Zeitungen, inzwischen den seit jeher überregionalen Zeitungen Konkurrenz machen ... Kritischere Reaktionen sammelt ein Foto-basierter Beitrag von sueddeutsche.de. Erwartbar mag noch sein, dass Helmut Thoma, der Chef in RTLs wilder Jugend, und Manfred Bissinger, immer noch ein Inbegriff des Gedrucktes-Verlegertums, die Sache jeweils aus ihrer Sicht skeptisch bis verheerend (Thoma: "Man kann diese zwei Welten, Print und TV, nicht vereinen", Bissinger: "Riesenschande und ein herber Rückschlag für die freie Publizistik in Deutschland") sehen.

Brisanter ist, worauf Hans Mahr, der als Ex-RTL-Chefredakteur ein eher noch härterer Hund war, sowie Medium Magazin-Herausgeberin Annette Milz jeweils ebenfalls konträr abheben: dass außer dem Corporate-Publishing-Anbieter namens "Territory" auch G+Js gut 25-prozentige Beteiligung am Spiegel nicht an RTL gehen, sondern irgendwo anders im Bertelsmann-Konzern verbleiben soll. Während Milz sich darüber freut ("der Unterschied zwischen RTL und dem Stern ist nicht mehr groß. Für den Spiegel ... wäre ein Zusammenschluss mit RTL viel schädlicher gewesen"), sieht Mahr das Problem des neuen Bertelsmann-Plans genau darin, dass

"das Lead-Medium von Gruner nicht zu RTL kommt. Die Spiegel-Redakteure wollten partout nicht unters gemeinsame Dach RTL – dabei wäre diese Fusion diejenige gewesen, die am meisten Sinn macht: Die Spiegel-TV-Kanäle als seriöser Teil des RTL-Imperiums ... Damit könnte der von Bertelsmann-CEO Thomas Rabe zu Recht herbeigesehnte 'National Champion' tatsächlich entstehen."

Was ein Grund ist, noch in den Spiegel, der davon gekommen ist, von RTL eingemeindet zu werden, und von der großen RTL-Video-Pressekonferenz natürlich auch berichtete, reinzuschauen. Tatsächlich frotzelte er online einerseits als teilweiser Noch-G+J-Bestandteil (etwa über eine E-Mail "vom Account des G+J-Chefs Stephan Schäfer", "in der von der 'einmaligen Chance' die Rede ist, das 'erste vollintegrierte Medienunternehmen Deutschlands' zu werden"), andererseits von außerhalb:

"... Der Tag der Pressekonferenz ist zugleich Rabes 56. Geburtstag. Sein G+J-Deal wirkt auch wie ein Geschenk an sich selbst. Ob RTL und G+J wirklich so gut zusammenpassen, wie er sich das ausgedacht hat? Die Mehrheit der Fusionen scheitert an Unterschieden in der Hauskultur. Wie viele Journalisten unter den 1700 G+J-Leuten seien, die nun Teil von RTL werden, will jemand wissen. Rabe sagt zunächst etwas von 500, bekommt jedoch offenbar eingeflüstert, es seien mehr. Ungefähr 800. Als komme es darauf nicht mehr so genau an."

Neue Eskalationen (und schöne Tierfilme) aus China

Wie sagt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im auch lesenswerten Welt-Interview (das oben im Altpapierkorb folgt)? "Aber international gesehen sind wir ja alle Zwergerl ..."

Diese Verzwergerlung klassischer Medien geschieht natürlich vor allem durch digitale US-amerikanische Konzerne, von denen Wrabetz einige nennt. Doch der größte und/oder am schnellsten wachsende Markt und Treiber ist China. Und das ist tagesaktuell ein großes Medien-Thema, vor allem dank Hinnerk Feldwisch-Drentrup. Bei uebermedien.de stellt er die schwierige Frage nach dem Umgang privatwirtschaftlicher Verlage mit bezahlten Anzeigen, deren Inhalt konträr zu dem steht, was im redaktionellen Bereich drum herum steht.

Namentlich kritisiert er das Handelsblatt, das "eine achtseitige Sonderbeilage im Zeitungslook namens 'China Watch' veröffentlicht" hat, und die FAZ, die "eine ganzseitige Anzeige mit sehr viel Text, Überschrift: '100 Jahre Kommunistische Partei Chinas'" veröffentlichte. Und das, während in China nicht mehr allein kritische einheimische Journalistinnen und Journalisten und solche aus dem mehr oder weniger annektierten Hongkong unterdrückt und eingesperrt, sondern außerdem ausländische Berichterstattende attackiert werden. Von dieser "neuen Eskalationsstufe" berichtet noch ausführlicher die taz:

"Im zentralchinesischen Zhengzhou, Epizentrum der jüngsten Jahrhundertflut, kam es zu einer regelrechten Hetzjagd auf ausländische Korrespondenten. Es fing damit an, dass die örtliche Jugendliga der Kommunistischen Partei seine 3 Millionen Follower auf der Onlineplattform Weibo dazu aufrief, einen BBC-Korrespondenten in der Stadt ausfindig zu machen. Dieser habe sich angeblich in einem pietätlosen Fernsehbeitrag über die Todesopfer der Naturkatastrophe lustig gemacht. Für den nationalistischen Mob war dies genug, um sich auf die Jagd zu begeben. Am Ende traf es den deutschen Fernsehjournalisten Mathias ­Bölinger, der ebenfalls in der Stadt unterwegs war, um über die Fluten zu berichten, und scheinbar für die Menschenmenge eine gewisse Ähnlichkeit mit dem BBC-Reporter aufwies."

Anschließend zitiert Korrespondent Fabian Kretschmer auch aus den sog. soz. Medien, die in China mutmaßlich deutlich schärferen Kontrollen unterworfen sind als hierzulande – und dennoch ausdrückliche Lynchmord-Aufrufe enthielten.

Auf der SZ-Medienseite dreht Feldwisch-Drentrup heute die Frage nach dem "Umgang mit dem Filmmaterial einer staatlichen chinesischen Firma" (Altpapier im Juni '20) anhand Tierfilme dieses Jahres weiter. Auch nachdem "Wildes China" aus der ARD-Mediathek verschwunden ist, sei es wegen Kritik an der Tibet-Folge, sei es, um Lizenzkosten zu sparen (wie wiederum Feldwisch-Drentrup im Mai bei uebermedien.de fragte), laufen bei Phoenix ähnliche Filme über Tibet und die uigurische Region Xinjiang. Die privatwirtschaftliche ZDF-Tochter ZDF Enterprises beteuere: "Alle Verträge mit Koproduzenten enthielten Klauseln, mit denen sie sich etwa zur Einhaltung dokumentarischer Standards verpflichteten" – was fast nach den Lieferketten-Gesetzen der Groko-Bundesregierung klingt.

"Werden einige der Sender künftig aufmerksamer für einen womöglich propagandistischen Hintergrund von Filmmaterial aus China agieren? Einige Statements schließen eine solche Möglichkeit nicht aus. Die Reaktionen des NDR oder von ZDF Enterprises deuten allerdings nicht daraufhin, dass diese künftig gänzlich auf problematische Ko-Produktionen verzichten wollen. Vor dem Hintergrund ihrer weltweiten Versuche der Einflussnahme dürfte der chinesischen KP das gefallen."

Das Argument, dass für öffentlich-rechtliche Medien mit ihrer sicheren Finanzierung im Zweifel andere Ansprüche gelten müssen als für privatwirtschaftliche Wettbewerber, dürfte auch an dieser Stelle passen.

Altpapierkorb (Wrabetz, Strafprozesse im Radio, Popmusik im Radio, Apple-Streit, "seltene Gemme")

+++ Wie gesagt: Schöner bis interessanter Lesestoff ist auch das Welt-Interview (€) mit Alxander Wrabetz, der zwar schon lange im Amt des ORF-Generaldirektors, also -Intendanten ist ("Sebastian Kurz ist der siebte Bundeskanzler, mit dem ich zeitgleich arbeite"), es aber auch bleiben, also wiedergewählt werden möchte. Schön nicht nur, weil Wrabetz Pferde-Metaphern benutzt, als sei er an der Hofreitschule ausgebildet worden, sondern weil er auch sowohl speziell österreichische Medien-Probleme ("... fast die Hälfte der TV-Nutzung entfällt auf einstrahlende deutsche Sender, das verzerrt natürlich den Markt massiv") als auch gemeinsame benennt wie das oben bereits zitierte.

+++ Noch länger, aber ebenfalls lesenswert: was Jochen Meißner in der aktuellen Medienkorrespondenz über "Strafprozesse im dokumentarischen Hörspiel" seit den 1960ern (oder noch länger) schreibt.

+++ Über Popmusik im Radio im Lauf so ziemlich derselben Jahrzehnte bis zur Gegenwart, in der "keiner genau [weiß], wie viele Songs jede Woche bei Spotify hochgeladen werden, die Schätzungen gehen ins Fünfstellige", schrieb Jochen Rausch bei dwdl.de: "Die schiere Masse an Musik, die übers Netz in den Markt gedrückt wird, hat für das Radio noch verschiedene andere Effekte. Besonders unangenehm: die Geduld der HörerInnen ist auf ein Mindestmaß geschrumpft ..."

+++ Die Datenkraken Google und auch Microsoft sind weiter erfolgreich dabei, den Browser Firefox zurückzudrängen (futurezone.at).

+++ "Überfälliger Schritt oder Beginn der lückenlosen Überwachung?" (SZ). Eine Ankündigung Apples, automatisiert nach kinderpornografischen Bildern zu suchen, bietet Anlass für Diskussionen – und mal wieder blog.fefe.de zu verlinken.

+++ Und zum sehr traurigen Anlass noch einen schönen Nachruf auf Martin Perscheid, der "im schummrigen Diskurstempel der Medien ... als eine seltene Gemme" "funkelte", hat Klaus Ungerer für uebermedien.de geschrieben.

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.

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