Das Altpapier am 22. September 2021 Ja, gerade mit denen!

Die CDU nimmt aus einem Werbeclip, in dem es heißt, man müsse mit Klimaschützern „reden“, die eine „kritische Haltung“ haben, die entsprechenden Fridays-for-future-Bilder heraus - und nutzt in der neuen Fassung zur Untermalung des gleichen Wortlauts Bilder, auf denen Armin Laschet und ein Neonazi-Sympathisant zu sehen sind. Der Wahlkampf hat noch mal ein neues Niveau erreicht. Ein Altpapier von René Martens.

Altpapier vom 22. September 2021: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Die Maske als Symbol

Auch die New York Times und die Washington Post haben mittlerweile darüber berichtet, dass am Samstag ein laut dem Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) dem rechtsextremen Milieu zuzurechnender Mann einen 20-jährigen Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein erschossen hat.

Auch angesichts dieser Art von internationaler Aufmerksamkeit bietet es sich an, kurz einen Blick auf die Gewichtung hier zu Lande zu werfen: Die taz hat dem Thema ihre Seite Eins gewidmet, in der gestrigen 20-Uhr-Ausgabe der "Tagesschau" kam die Tat dagegen erst in der Mitte der Sendung vor, nach der Parlamentswahl in Kanada. In der SZ von heute ist der Bericht über die Tat (€) auf der Panorama-Seite platziert, also unter Vermischtes. Man kann beide Platzierungen aber auch differenziert betrachten. Die "Tagesschau" ist mit internationalen Themen in die Sendung eingestiegen, insofern war es schlüssig, diesen Block mit Kanada abzuschließen. Bei der SZ muss man bei aller Kritik an der Einordnung im Vermischten noch dazu sagen, dass das Thema dort auf der Meinungsseite Meinungsseite vorkommt ("Idar-Oberstein - Und wo bleibt Seehofer?").

Widmen wir uns nach den Gewichtungsfragen nun der Kritik an der Berichterstattung. Zum einen der Kritik an der Berichterstattung vor der Tat, die Sebastian Bähr (ND) recht allgemein formuliert:

"Für alle war offen zu sehen, dass (die Querdenken-Bewegung) in den vergangenen Monaten zwar an Mobilisierungsfähigkeit einbüßte, dafür aber in Teilen eine extreme Radikalisierung durchlief (…) Vor allem die Union und die FDP wollten die potenzielle Wählerschaft jedoch nicht verlieren – oder die Bewegung gar für eigene Ziele einspannen. Sie zeigten sich gesprächsbereit und verständnisvoll, wo klare Abgrenzung und Benennung der Gefahr nötig gewesen wären. Einige Medien und Sicherheitsbehörden taten dies ebenso."

Und was wäre über die Berichterstattung nach der Tat zu sagen? "Eine differenzierte Einordnung" der Äußerungen des geständigen Täters finde "in den meisten Fällen (…) nicht statt, obwohl es sich um eine rein subjektive Schilderung" handle, kritisiert Altpapier-Autorin Annika Schneider im DLF-Medienmagazin @mediasres. In diesem Zusammenhang zitiert sie die Magazinredakteurin Bettina Schmieding, die sagt:

"So adelt und beglaubigt undifferenzierte Berichterstattung die Motivlegende des Tatverdächtigen – als wäre die Pflicht, in gewissen Situationen einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, so gravierend, dass sie als ernstzunehmendes Motiv dienen könnte, einen Menschen umzubringen."

Der mediale Umgang mit den Erstäußerugen von Geständigen oder Tatverdächtigen ist in der Tat oft fragwürdig, andererseits geht es hier gar nicht um die "Pflicht, in gewissen Situationen einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen", sondern um die politisch-mediale Aufladung des Maskentragens. Die auf die Analyse von Verschwörungserzählungen spezialilsierte Sozialpsychologin Pia Lamberty sagt im Interview mit der taz:

"In den Telegram-Kanälen, aber auch bei den Aktionen wurde die Maske zum politischen Symbol für ‚den Maulkorb‘, ‚die Unterdrückung‘."

Im Interview mit Bayern 2 formuliert sie es noch etwas ausführlicher:

"Eine Maske ist ja erst mal etwas Unpolitisches, eine Schutzmaßnahme im medizinischen Bereich, und diese wurde ja in den letzten anderthalb Jahren ganz stark durch das verschwörungsideologische Spektrum politisiert, aufgeladen und als scheinbarer Unterdrückungsmechanismus dargestellt. Und so wurde sie eben zum Feindbild."

Eine besonders prägnante verschwörungsideologische Aufladung des Maskenthemas - "Die Maske muss der Maske wegen getragen werden. Als Symbol für Gehorsam den Maßnahmen der Regierenden gegenüber" - stammt übrigens nicht von irgendeinem Telegram-Onkel, sondern vom Herausgeber der Welt (zur Kritik daran siehe meedia.de und Tagesspiegel). Aber da ich ja ein Mann des Ausgleichs bin, hebe ich gleich mal hervor, dass nicht nur das eingangs erwähnte CeMAS den seit 2019 nicht mehr bestückten Twitter-Account des geständigen Täters ausgewertet hat, sondern auch Die Welt (nur für Abonnenten).

Das Hufeisen mal wieder!

Die Erschießung des Studenten in Idar-Oberstein spielt auch eine Rolle in der Debatte um ein Wahlkampfvideo der CDU, das am Montag um 16.35 am Montag auf Armin Laschets Facebook-Account veröffentlicht wurde (und natürlich auch bei CDU.TV). Die Kritik an diesem Video richtet sich dagegen, dass der Querdenker und Neonazi-Sympathisant Thomas Brauner hier zum Vertreter einer "kritischen Haltung" geadelt wird - obwohl die Tat des Querdenkers von Idar-Oberstein zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Videos bekannt war.

Brauner war kürzlich auf bei einem Auftritt Laschets in Erfurt auf die Bühne gestürmt; die entsprechenden Bilder im Video untermalen die folgende Botschaft: "Auch mit denen, die eine kritische Haltung haben", müsse man "reden. Ja, gerade mit denen." Als Brauner aus dem Bild ist, wird der Gedanke noch fortgeführt: "Nächstenliebe" müsse man "zeigen. Auch wenn das altmodisch klingt."

Was auch erwähnenswert ist: Ab 1:24 vergehen drei Sekunden zwischen einem Bild von Christian Drosten und der Szene, in der Thomas Brauner äußerst flink unter der Bühnen-Absperrung hindurch schlüpft. Friedemann Karig kommentiert bei Twitter:

"Wie sie Drosten und seine Bedroher hier hintereinander schneiden: das ist der Stil einer Union in der Defensive."

Karigs Fazit:

"Der Spot ist auch ohne diese Tat eine Frechheit, eine Zumutung für alle, die in dieser Pandemie unter den Querdenkern zu leiden hatten. Der zeitliche Kontext macht ihn nur noch trauriger."

Nun ist das Video aber nicht nur eine "Frechheit" (Karig), weil hier "ein Querdenker mit Kontakten ins Neonazi-Milieu" (SPD-Mitarbeiterin Carline Mohr) eine positive Rolle spielt. Hier muss man einen Blick auf die Überarbeitung des Clips richten. Hintergrund: Der jetzt diskutierte Clip ist - ein Hinweis darauf findet sich in dem Thread unter Mohrs Tweet - in weiten Teilen ein Remix eines Videos, das die CDU bereits im Januar dieses Jahres eingesetzt hat - im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg (man findet es auf dem Facebook-Account von Christine Strobls Mann, der ja ein big shot im Ländle ist) und im Kommunalwahlkampf in Hessen. Diese beiden Wahlen fanden jeweils am 14. März statt.

Der, wenn man so will: Clou ist folgender: Die Haltung, "auch mit denen" bzw. "gerade mit denen" zu reden, "die eine kritische Haltung haben", war in der Erstfassung auf Fridays-for-future-Demonstranten gemünzt.

Der Anfangsteil wurde gegenüber der Erstversion verändert, ab ca. 0:30 geht es dann rund eine Minute so weiter wie gehabt - bis dann statt Klimaschützern und Peter Altmaier, wie er ihnen gegenüber tritt, Brauner und Laschet kommen. Dass das Bild mit Altmaier offenbar von einem Auftrittt des Ministers stimmt, den dieser als "Scheißidee" einstufte, ist vielleicht noch bemerkenswert. Aber gut, das ist Schnee von gestern bzw. aus dem Januar.

Die beachtliche Perfidie, die Laschet neulich in der ZDF-Sendung "Klartext" an der Tag legte, als er leutselig und beschönigend und mit relativ dicker Hose seine Begegnung mit dem Mann vom rechten Rand referierte, wird nun also von dem oder der für das Wahlwerbe-Video Verantwortlichen getoppt, indem er oder sie Querdenker mit Klimaschützern gleichsetzt - auch wenn das nur die Leute bemerken werden, die beide Videos gesehen haben. Die Rechtsextremen wiederum, die erwägen, Laschet zu wählen, werden dadurch angesprochen, dass einem der ihren eine "kritische Haltung" bescheinigt wird. 

"Abstruses Menschenbild"

Die Debatte um Nemi El-Hassan (siehe diverse Altpapiere) bleibt weiterhin ein Thema. Michael Hanfeld bemerkt in der FAZ (Blendle-Link): Sowohl die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen der am Dienstag an dieser Stelle erwähnten Solidaritätserklärung für El-Hassan als auch das ZDF, für das sie für "Frontal" und "Der Fall" im Einsatz ist, machten es sich "zu einfach". Der Sender würdigte El-Hassan auf FAZ-Anfrage als "kritische Journalistin, die sich in ihrer Arbeit immer wieder mit Extremismus, Rassismus und Antisemitismus auseinandergesetzt hat".

Recht instruktiv ist ein Gastkommentar von Nohma El-Haji für die taz. El-Haji ist, wie El-Hassan, Ärztin und Journalistin mit, so El-Haji, "palästinensischen Wurzeln"

"Auch ich suchte damals Demonstrationen auf, um meine Verbundenheit mit Palästina kundzutun (…) Manchmal konnte ich es nicht fassen, wie aus Solidaritätsbekundungen plötzlich Hassbekundungen werden konnten. Manchmal schlich ich mich davon, manchmal blieb ich einfach stehen, weil ich nicht einsehen wollte, warum meine Stimme den aggressiven Stimmen weichen sollte (…) Ich versuchte in einem Umfeld, das nicht für die Fragen meiner persönlichen Konstellation gewappnet war, Antworten zu finden und Ideen einzuordnen. Im Verlauf musste ich gewisse Gedanken als falsch verwerfen. Wenn ich zurückschaue, bin ich froh, vieles hinter mir gelassen zu haben. Zum anderen akzeptiere ich, dass es in meiner Adoleszenz eine Herausforderung war, in einer Gesellschaft, die nicht meinen Kontext komplett widerspiegelt, meinen persönlichen Weg zu finden. Für meine Entwicklung musste ich mich aus einem Netz voller Irrtümer und falscher Glaubenssätze wickeln."

Nach diesem Abgleich mit eigenen Erfahrungen und Verirrungen argumentiert El-Haji im weiteren Sinne moralphilosophisch:

"(El-Hassan) die Chance zu verweigern, Fehler machen zu dürfen und aus diesen zu lernen (…), wäre ein fatales Signal und impliziert ein abstruses Menschenbild: nämlich zum einen das des makellosen Homo sapiens, der die Weisheit erlangte, ohne auch nur einen Schritt in die falsche Richtung gegangen zu sein. Und zum anderen, dass selbst aufrichtige Reue und Abstreifen von Fehlverhalten keinerlei Gnade in uns hervorzurufen vermag (…) Nemi El-Hassan hat gerade wegen ihres Werdeganges einen Platz in der Öffentlichkeit verdient, da sie es geschafft hat, einen eigenen Weg aus der Reflexion heraus zu gestalten. Sie dient als Vorbild, nicht nur für junge muslimische Frauen, sondern für alle, die auf ihre Weise gerade an einem ähnlichen Punkt stehen wie El-Hassan damals. Mit dem Recht, Fehler zu begehen, und der Pflicht, diese bei Erkenntnis zu korrigieren."

Ein Monat Bild-TV

Die These, dass Christian Buß masochistische Neigungen hat, ist möglicherweise etwas steil, aber dass er für den Spiegel (€) "einen Monat in der 'Bild'-Hölle" verbracht bzw. sich über diesen Zeitraum den neuen Sender Bild-TV angeschaut hat, könnte man als Indiz für diese These anbringen.

"Der Sender ist für den heißgelaufenen Politikbetrieb als 24/7-Meinungsschleuder viel zu attraktiv, als dass man ihn ignorieren wollte",

lautet Buß’ Begründung für seinen Arbeitsaufwand. Siehe dazu auch die Eine-Woche-Bild-TV-Bilanz von Cornelius Pollmer in der SZ (€) Ende August sowie beispielsweise dieses Altpapier.

Über Claus Strunz, den sogenannten Programmdirektor von Bild-TV, schreibt Buß, dass dieser "sich bei dem Sat.1-Boulevardmagazin ‚Akte‘ soundtechnisch radikalisierte und offenbar Spaß an der Rolle der Krawallschachtel fand". Eine weitere aktuelle Einschätzung zu Strunz gibt Friedrich Küppersbusch gegenüber dwdl.de ab (in einem Gespräch, in dem Bild-TV allerdings eher ein Randthema ist):

"Ich bin der Letzte, der gegen eine pointierte Aussprache wäre. Aber ich vermag nicht die Not zu erkennen, aus der heraus Claus Strunz sich hinstellt und sagt, Briefwahl sei undemokratisch, und damit zur Cover-Version eines typischen Trump-Themas greift. Da will jemand den Leuten gezielt einen Floh ins Ohr setzen."

Und eine aktuelle Strunz-Attacke auf die "Tagesschau" ordnet der Bildblog unter "schlichte Desinformation" ein.

Was Ökonomisches ließe sich in diesem Zusammenhang auch noch ergänzen: Dass die "Bild Live"-Strecke des neuen Springer-Senders "mittelfristig ein wichtiger Teil unseres Bezahlangebots" werden soll, sagt Springer-Vorstandsmitglied Jan Bayer in einem Interview mit der SZ (€).


Altpapierkorb (Cancel-Culture-Panik, NZZ at its worst, falsche Verwendung von Fachbegriffen in der Unfallberichterstattung)

+++ Was steckt hinter der "Cancel-Culture-Panik"? Nein, nein, jetzt keinen Gähnanfall bekommen an dieser Stelle, sondern kurz lesen, was Michelle Goldberg in der New York Times über mittelalte Panikschieber schreibt, nämlich: "Many people I know over 40 — maybe 35 — resent new social mores that demand outsized sensitivity to causing harm. It has been jarring to go from an intellectual culture that prizes transgression to one that polices it. The shame of turning into the sort of old person repelled by the sensibilities of the young is a cause of real psychic pain." Letzterer Satz gehört zu den treffendsten, die ich zu dem Thema bisher gelesen habe.

+++ "In certain cases, the facts are just really clear, and we want to make sure that we are amplifying the facts and not muddying the facts. So Covid vaccines are safe. Climate change is real. There was no widespread fraud in the U.S. election. Those are not political positions; those are fact-based positions” - unter anderem mit diesen, etwa von der New York Times zitierten Worten ist Julie Pace Anfang September als neuer "executive editor and senior vice president" bei der Nachrichtenagentur AP angetreten. Ihr Statement ziele "letztlich in eine gefährliche Richtung", schreibt nun die NZZ. Jene, die zum Beispiel "die gängigen Thesen zum Klimawandel nicht unhinterfragt nachbeten", also den Stand von drei Jahrzehnten Klimaforschung ignorieren, adelt der NZZ-Autor zu Personen, die "Fragen stellen". Ich vermute, dass Pace bisher in der segensreichen Situation war, diese Schweizer Bastion der Anti-Aufklärung nicht wahrnehmen zu müssen, aber jetzt hat sie immerhin einen Beleg dafür, dass sie in die richtige "Richtung" zielt.

+++ Dass Journalist*innen in der Berichterstattung über Unfälle oft "medizinische Ausdrücke unreflektiert verwenden, offensichtlich missinterpretieren oder falsch verstehen" (etwa "Trauma" und "Schock") - darauf geht der Rettungssanitäter Lars Rewald bei Übermedien (€) ein.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

1 Kommentar

Frank von Broeckel vor 4 Wochen

Ist das Ganze nun Satire oder kann das weg!

Selten solch einen groben Unfug gelesen!