Das Altpapier am 14. Oktober 2021 Diverse Diversität bei der ARD

Nach der Wahl ist vor der Rundfunkreform – prompt äußern sich die üblichen Verdächtigen. Während SPD-Medienpolitikerin Heike Raab vorsichtshalber die Erwartungen dämpft, wirbt der Noch-ARD-Vorsitzende Tom Buhrow um verlorene Schafe. Ein Altpapier von Annika Schneider.

Teasergrafik Altpapier vom 14. Oktober 2021: Porträt Autor Annika Schneider
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Rundfunkrefom I: Diversität "in alle Richtungen"

Achtung: Der folgende Beitrag steht in Rein- und Höchstform für die typischen Meta-Verschachtelungen des Medienjournalismus. Als Journalistin, die hauptsächlich für öffentlich-rechtliche Sender arbeitet, schreibe ich in einem öffentlich-rechtlichen Format über öffentlich-rechtliche Reformbestrebungen. Regelmäßige Altpapier-Leserinnen und -Leser sind solche selbstreferenziellen Schleifen natürlich gewöhnt, abseits medienjournalistischer Fachkreise ruft diese Form der Berichterstattung hingegen öfter mal Skepsis hervor ("Und es sagt dir wirklich niemand, was du schreiben sollst?"). Aber das nur vorab aus Gründen der Transparenz.

Nachdem die Bundestagswahl überstanden ist, soll es nun mit der Reform der öffentlich-rechtlichen Sender weitergehen. Zur Erinnerung: Die Rundfunkkommission der Länder, die dafür zuständig ist, will das Thema in zwei Schritten angehen. Erst soll der Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen angepasst werden, anschließend geht es ums Finanzielle, um den Rundfunkbeitrag.

Ein Entwurf für den neuen Programmauftrag, also für einen geänderten Medienstaatsvertrag, liegt schon seit längerem auf dem Tisch, bei einigen Punkten gehen die Meinungen der Länder aber weiterhin auseinander. Schon in den kommenden Wochen wollen sie sich nun einigen, und zwar anlässlich der Jahreskonferenz der Ministerpräsidenten vom 20. bis 22. Oktober, berichtete vergangene Woche die Medienkorrenspondenz.

Passend dazu hat WDR-Intendant Tom Buhrow, der noch bis Ende des Jahres den ARD-Vorsitz innehat, im Streit-Ressort der Zeit (€) einen Text veröffentlicht, der den Titel tragen könnte: "Hört doch mal auf, uns Öffentlich-Rechtliche fertigzumachen – wir machen Fehler, aber geben uns auch echt Mühe und sind einfach wichtig!" Stattdessen heißt der Artikel "Wir brauchen mehr unbequeme Haltungen!" und wirbt offensiv um diejenigen, die den Öffentlich-Rechtlichen vorwerfen, zu teuer, einseitig, elitär und/oder überflüssig zu sein. Buhrow sieht die ARD hingegen als "Plattform für eine gute Streitkultur":

"Wir grenzen dabei niemanden aus, der an einem echten und respektvollen Austausch interessiert ist. Und wir wollen dabei nicht die überempfindlichen und oft auch sehr elitären Sensoren übernehmen, die in den Echokammern gehegt und gepflegt werden. Diese verengen den Diskurs und steigern die Gereiztheit im Land."

Mit dieser Kritik an "Echokammern" mit "elitären Sensoren" zielt Buhrow vermutlich auf Debatten, die von gewissen Gruppen gerne intensiv bei Twitter geführt und von anderen Gruppen genauso intensiv als "links-grün-versifft" verunglimpft werden. Eine altbekannte Forderung, die sich in den Auseinandersetzungen immer wieder findet, ist die nach mehr Diversität in den Medienhäusern im Hinblick auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (gerade auch wieder Thema bei Übermedien). Und tatsächlich fordert auch Buhrow mehr Diversität – allerdings "wirklich in alle Richtungen", wie er schreibt:

"Uns muss immer bewusst sein, dass die Lebenswirklichkeit von vielen studierten Redakteurinnen und Redakteuren, die dazu noch häufig in Großstädten leben, nicht der alleinige Maßstab ist."

Damit beschreibt er ein sicherlich wichtiges Problem, allerdings zeichnen sich dazu aus meiner Sicht bisher wenige Lösungsansätze ab. Solange die großen Sender und Medienhäuser ihre Hauptsitze in großen deutschen Städten haben, wird die Mehrheit der dort beschäftigten Journalistinnen und Journalisten in und um diese Städte wohnen und arbeiten.

Und solange Volontariate so genanntes "Allgemeinwissen", Arbeitsproben sowie gar nicht oder schlecht bezahlte Praktika voraussetzen, werden sich Menschen ohne bestimmte Privilegien auch in Zukunft erfolglos oder gar nicht erst bewerben. Ja, in dem Bereich hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, aber eben noch nicht genug. Die gute Nachricht: Natürlich hat die von Buhrow "auch hinsichtlich sozialer Schichten oder der Wohnsituation von Menschen" geforderte Diversität Überschneidungen mit vielen anderen Dimensionen von Vielfalt – wer Hürden auf dem Weg in den Journalismus abbaut, baut sie hoffentlich für alle ab.

Auch mit Blick auf das Publikum, zeichnet Buhrow in seinem Text das Bild einer "ARD für alle", die Raum für kontroverse Debatten bietet. Das kann gelesen werden als Konter auf die in die Reformdiskussion eingebrachte Idee, die öffentlich-rechtlichen Sender zu "Sachlichkeit" zu verpflichten – was auch immer dieser Begriff konkret bedeuten mag. Laut Medienkorrespondenz könnte eine solche Verpflichtung zu Sachlichkeit in Frage stellen,

"ob es bei den Anstalten dann noch Kommentare oder Meinungsbeiträge, etwa in den ARD-'Tagesthemen' oder im ZDF-'Heute-Journal', geben darf."

Buhrow plädiert ausdrücklich für das Gegenteil: einen meinungsstarken und meinungsvielfältigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Rundfunkreform II: Das liebe Geld

Indes dämpft diejenige, die Rundfunkpolitik der Länder koordiniert, schon einmal die Erwartungen an die geplante Reform: Die SPD-Medienpolitikerin und rheinland-pfälzische Medienstaatssekretärin Heike Raab fordert in der FAZ (und in einer ausführlicheren Version bei medienpolitik.net), dass auch die einzelnen Bundesländer ihre Mediengesetze und Staatsverträge anfassen, um zum Beispiel die Zahl der Hörfunkangebote zu reduzieren.

Raabs Äußerungen zeigen, dass sich die Auftragsdiskussion letztendlich kaum von der Beitragsdebatte trennen lässt – die Frage "Was bekomme ich denn für mein Geld?" taucht zuverlässig in jedem Gespräch zum Thema auf. Unter anderem fordert Raab "noch engere und verbindlichere Kooperationen" der Sender, um Geld zu sparen. Zu diesem Thema hat wiederum die Medienkorrespondenz gerade eine Bilanz vorgelegt, die eher ernüchternd ausfällt. Die ARD hatte 2017 angekündigt, bis 2028 mit Strukturreformen – vor allem durch Kooperationen mit ZDF und Deutschlandradio – 588 Millionen Euro einzusparen. Die bisher umgesetzten Projekte entsprechen im ganzen Zeitraum allerdings erst 6,5 Prozent der geplanten Einsparungen.

Von der ARD-Pressestelle hat die Medienkorrespondenz erfahren:

"Die einzelnen Landesrundfunkanstalten setzten (…) weiterhin auf ‚Effizienz- und Einsparmaßnahmen‘ wie etwa Nullrunden bei den Verwaltungsetats, Reduzierungen von Planstellen, den Einsatz smarter Produktionstechnik und den Verkauf von Immobilien."

Das klingt nun nicht nach sonderlich viel Spielraum für all das, was sich inhaltlich ändern soll und muss. Ob man die Kombination aus Spardruck und Reformbedarf, die die Öffentlich-Rechtlichen gerade in die Zange nimmt, nun als Gegensatz oder doppelte Chance sieht, ist Ansichtssache. Tom Buhrow erwähnt die Beitragsdebatte in seinem Text jedenfalls nur am Rande.


Altpapierkorb (Irreführende Berichterstattung über Impfdurchbrüche, Todeswünsche auf Facebook und ein falsches Bild des Bogenschützen von Kongsberg)

+++ Irreführende Schlagzeilen zu Impfdurchbrüchen bei diversen Medien beobachtet Max Roser, Forscher an der University of Oxford, der Abschlüsse unter anderem in Philosophie, Geowissenschaften und Ökonomie vorweisen kann. In einem Twitter-Thread kritisiert er Überschriften, denen zufolge die Zahl der Impfdurchbrüche stark gestiegen sei. Die Wortwahl suggeriert, dass die Impfung nicht ausreichend wirkt. Aber dass die absolute Zahl der Impfdurchbrüche wächst, liegt unter anderem daran, dass es insgesamt mehr Geimpfte gibt (mehr dazu in diesem Faktencheck der Deutschen Welle). Aufgegriffen hat die Kritik Samira El Ouassil im Deutschlandfunk bei @mediasres (das Medienmagazin, für das ich auch tätig bin). Sie schreibt: "Für Impfgegner ist die reine Headline natürlich reine Bestätigung, für Impfunentschlossene eine Entmutigung, sich impfen zu lassen."

+++ Journalistinnen und Journalisten sollen bei Facebook bald einen besseren Schutz genießen, berichtet der Spiegel. Am konkreten Beispiel liest sich das allerdings etwas zynisch: Auf der Plattform darf in Zukunft nicht mehr ihr Tod gefordert werden. Möglich macht das eine neue Einstufung von Medienschaffenden als "unfreiwillige" Personen des öffentlichen Lebens – ein Status, der sie dann von anderen Prominenten unterscheidet und mit besonderen Schutzmaßnahmen einhergeht.

+++ Nachdem ein Mann im norwegischen Kongsberg fünf Menschen mit Pfeil und Bogen ermordet hat (siehe Tagesschau), hagelt es auf Twitter Medienkritik, weil internationale Online-Portale ein falsches Täterfoto gezeigt haben. Wie t-online-Redakteur Lars Wienand twittert, ist auf dem Bild wohl der wegen Beleidigung und Körperverletzung verurteilte YouTuber Rainer Winkler zu sehen, auch bekannt als "Drachenlord" (Aktuelles von ihm beim BR). Das Foto stammt möglicherweise aus diesem Tweet, der es in falschem Kontext verbreitet hat. In deutschen Medien habe ich das Bild bisher nicht gesehen und auch sonst scheint der Fehler inzwischen größtenteils korrigiert worden zu sein.

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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