Das Altpapier am 15. Oktober 2021 Gespenstische Neutralitäts-Debatte

Die taz-Redakteurin Ulrike Herrmann schreibt über ihr Karteileichen-Dasein bei den Grünen - und warum einige die Mitgliedschaft plötzlich problematisch finden. Elke Heidenreich hat sich zu ihrem eigenen Schaden an der „Steinigung“ der Grünen-Politikerin Sarah-Lee Heinrich beteiligt. Diese meldet sich ihrerseits mit einem relativ kämpferischen Interview zurück. Ein Altpapier von René Martens.

Altpapier vom 15. Oktober 2021: Porträt Autor René Martens
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Die Fantasien der Neutralitäts-Fans

Rudolf Augstein, einer der einflussreichsten Journalisten der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, hatte ein Parteibuch, er saß sogar einmal für ein paar Monate für die FDP im Bundestag. Ironischerweise Mitglied in derselben Partei ist jener Journalist, der 1993 mit der Gründung eines neuen Nachrichtenmagazins Augsteins Spiegel den Kampf ansagte: Helmut Markwort, der Gründer des Focus, war 1968 in die FDP eingetreten - und schaffte ein halbes Jahrhundert später, in seinem fünften Frühling, noch den Einzug in den bayerischen Landtag.

Dass Pressemenschen Mitglieder in Parteien sind, ist also nicht ungewöhnlich, aber Debatten darüber, ob das denn überhaupt in Ordnung sei, poppen immer wieder auf. Die taz-Redakteurin Ulrike Herrmann, die hin und wieder In Talkshows zu sehen und auch sonst als Interviewpartnerin im Fernsehen gefragt ist - gestern bei "Kontraste" etwa in Sachen CDU -, hat das Thema in ihrer Zeitung nun wieder aufgegriffen. Allerdings, weil es ihr lästig ist:

"Ich bin Mitglied bei den Grünen. Das war nie ein Geheimnis, sondern steht gleich vorn bei Wikipedia. Lange Zeit hat es jedoch niemanden interessiert, dass ich einer Partei angehöre. Ich wurde als Journalistin wahrgenommen. Doch jetzt wird plötzlich zum Thema, dass ich nicht 'neutral' sein könnte."

Anders als die beiden eingangs genannten Alphamännchen war Herrmann nie Funktionsträgerin, sie "war in den vergangenen zwanzig Jahren auf keiner einzigen Versammlung", ist, also, kurz gesagt, "eine Karteileiche". Herrmann schreibt:

"Ich will möglichst verständlich erklären, wie Wirtschaft funktioniert. Diese Arbeit hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren nicht verändert, aber die Rolle der Grünen wandelt sich (….) Die Grünen gelten jetzt als Machtfaktor, und dies setzt Fantasien frei. Mir Unbekannte vermuten plötzlich, dass ich demnächst eine Politkarriere in den Ministerien anstreben könnte. Offenbar wissen viele Menschen nicht, wie es in einer Partei zugeht. Sonst kämen sie gar nicht auf die Idee, dass eine einfache Mitgliedschaft reichen würde, um zu großem Glanz aufzusteigen."

Gewandelt hat sich nicht nur die Rolle der Grünen, sondern auch das Bild, das Leute sich vom Journalismus machen, und das dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass Herrmanns Parteimitgliedschaft "plötzlich" ein Thema wird. Die Forderung, Journalistinnen und Journalisten müssten "neutral" sein, scheint mir jedenfalls beliebter denn je zu sein. Dabei ist "Neutralität" ja eigentlich ein durchsichtiger Kampfbegriff, der von jenen, die sie einfordern, verwendet wird, um für irgendwie links gehaltene Positionen zu diskreditieren. Herrmann betont:

"Neutralität gibt es nicht. Wenn eine objektive Wahrheit existieren würde, wären Kommentare und Meinungsartikel genauso sinnlos wie verschiedene Zeitungen, die auf unterschiedliche Lesergruppen zielen."

Ein bisschen gespenstisch ist es allemal, dass man heute solche Selbstverständlichkeiten aufschreiben muss. Ich bin und war übrigens nie Mitglied in einer Partei und werde auch keiner beitreten.

Um aber noch mal ganz kurz vom Thema abzuschweifen: Dass Herrmann schreibt, ihre Arbeit, "möglichst verständlich (zu) erklären, wie Wirtschaft funktioniert", habe sich "in den vergangenen zwanzig Jahren nicht verändert", wundert mich ein bisschen. Müssen die wenigen kluge Wirtschaftsjournalistinnen und -journalisten nicht gegen ein immer größeres Wirtschaftsunverständnis anschreiben? Müssen sie nicht mehr "erklären" als vor 20 Jahren, weil man immer weniger voraussetzen kann?

Und täglich grüßt die Einöde

Falls ich es mal für ein paar Stunden geschafft habe, über den Zustand des deutschen Politikjournalismus nicht in Trübsinn zu verfallen, bringt mich regelmäßig die "Presseschau" des Deutschlandfunks in meinen Normalzustand zurück. Insofern bin ich Gabriel Yoran dafür dankbar, dass er sich für Übermedien (€) mit diesem Format beschäftigt:

"Die in offiziösem Sound vorgetragenen Kommentare (und es sind ausschließlich Kommentare) sind von so ausgesuchter, so stupender Langeweile, dass man Angst hat, an akutem Konsens zu sterben."

Und die Langeweile wird dann auch noch dadurch befördert, "dass der DLF aus den Kommentarspalten oft ausgerechnet die Sätze zitiert, die weniger Kommentare als Tatsachenbeschreibungen sind".

Das Fazit des Autors:

"Die nationale Presseschau ist so überraschungsfrei, so brav und betulich, man könnte sie zur Beruhigung während eines Flugzeugabsturzes anhören."

Verbesserungsvorschläge macht Yoran auch, aber da es sich um einen kostenpflichtigen Text handelt, sollen die an dieser Stelle mal ungespoilert bleiben.

Das Aufmacherthema in der DLF-"Presseschau" von heute sind übrigens die sich anbahnenden Koalitionen in zwei Bundesländern (eine aus SPD, den Grünen und der Partei Die Linke in Berlin, Rot-Rot in Mecklenburg-Vorpommern), und wer nach nach einem aktuellen Beispiel dafür sucht, dass die Redaktion "jeden Tag die immer gleichen Meinungspuzzleteilchen zu einem immer gleichen Meinungsbild zusammen setzt" (Yoran), findet hier gleich eines. Ein Kommentar (aus der Rhein-Zeitung, Blendle-Link) hat eher beschreibenden Charakter, und vier der fünf zitierten Zeitungen finden diese geplanten Bündnisse überhaupt nicht supi.

Daniel Deckers (FAZ) wütet in seinem in der Presseschau zitierten Kommentar zum Beispiel:

"Wie (Manuela Schwesig) die schwache und sich selbst schwächende CDU wie einen räudigen Hund vom Hof jagt, sagt mindestens so viel über ihren Charakter aus wie über den der SPD."

Ach, die armen deutschen Meinungsführer! Bis zum letzten Blutstropfen haben sie erfolgreich dafür gekämpft, dass Rot-Grün-Rot auf Bundesebene nicht zustande kommt, und jetzt müssen die Erschöpften schon wieder in den Kampf ziehen, um Schlimmes zu verhindern.

Kämpferische Rückkehr

Am Montag teilte die Jugendorganisation der Grünen noch mit, ihre neu gewählte Bundessprecherin Sarah-Lee Heinrich werde sich "aufgrund von massenhaften Morddrohungen über alle Kanäle" aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Die Morddrohungen waren das Resultat einer Kampagne von rechtsradikalen Drüko- und Druko-Publizisten und deren Verbündeten im "Preßwesen" (hier noch einmal analytisch rekapituliert von den Belltower News).

Nun hat sich die 20-Jährige gewissermaßen zurückgemeldet - mit einem Interview bei Zeit Online. Sie spreche "gerade regelmäßig mit den Sicherheitsbehörden über die Situation und meine Sicherheitslage", sagt sie gleich am Anfang, und die Bedrohung ist dann auch noch an anderer Stelle Thema:

"Der Kritik an meinen Aussagen stelle ich mich gerne und finde sie auch wichtig. Aber ein Shitstorm macht eine kritische Auseinandersetzung für alle Seiten unmöglich. Ich kann auf die berechtigte Kritik ziemlich schlecht eingehen, wenn ich gerade dabei bin, zu prüfen, wie gefährlich Morddrohungen sind, und ich Sicherheitsvorkehrungen treffe."

Am Anfang der aktuellen Hetzjagd gegen Heinrich stand ein Zitat, auf das der Interviewer Robert Pausch sie folgendermaßen anspricht:

"Vor zwei Jahren haben Sie von einer ‚ekligen weißen Mehrheitsgesellschaft‘ gesprochen. Warum haben Sie diese Worte gewählt?"

Heinrich sagt dazu:

"Vielleicht ist es gut, hier einmal mit dem Kontext anzufangen. Ich wurde in dem Video gefragt, ob ich glaube, dass Greta Thunberg so gut angekommen wäre, wenn sie nicht weiß wäre. Und ich glaube auch heute noch, dass das nicht der Fall wäre. Weil es in unserer Gesellschaft ein Gefühl von Zugehörigkeit auch über Äußerlichkeiten hergestellt wird, wie zum Beispiel die Hautfarbe."

Was für den Gesamtkontext auch nicht uninteressant ist (und in dem erwähnten Belltower-News-Text ebenfalls beschrieben wird):

"Dass schon vor zwei Jahren rechte Accounts (…) das Video zusammengeschnitten und aus dem Kontext gerissen haben, um einen Shitstorm gegen mich zu starten."

Insgesamt klingt Heinrich hier relativ kämpferisch - was offenbar zumindest den Überschriftenmacher oder die Überschriftenmacherin beim Spiegel, der, wie viele andere Medien, das Interview aufgegriffen hat, überraschte.

Blähungen von gestern

Ein Thema im Zeit-Online-Interview waren natürlich auch die Invektive, die Elke Heidenreich am Dienstag bei Markus Lanz performt hat. Heidenreich habe sich an der "öffentlichen Steinigung" Heinrichs beteiligt und zwar "zum eigenen Schaden", schreibt Constanze von Bullion dazu auf der Meinungsseite der SZ. Denn:

"Leider scheint (Heidenreich) irgendwo (im) bundesrepublikanischen Gestern verblieben zu sein. Was zunächst nur nach Blähungen aus dem Feuilletonsessel roch, steigerte sich einer Wutrede auf eine Gesellschaft, in der Elke Heidenreich fremd geworden zu sein scheint. Sie verstehe nicht, warum sie, eine weiße Deutsche, die schwarze Sarah-Lee Heinrich nicht fragen solle, wo sie herkomme. Das sei doch keine Diskriminierung, 'weil ich sofort sehe, die kommt nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal'. Sie frage doch auch den 'netten, dunkelhäutigen Taxifahrer', woher er komme."

Die Kommentatorin kritisiert das mit folgenden Worten:

"Du fremd, ich deutsch, 'weil man sieht es ja': Elke Heidenreich seien neue Freunde und Gesprächspartnerinnen gewünscht, die nicht weiß sind und - oho! - trotzdem nicht Taxifahrer sind. Vielleicht können sie vermitteln, was Deutschlands Intellektuelle längst wissen sollten: dass Deutschsein, Sprache und Zugehörigkeit, auch akademische Satisfaktionsfähigkeit, nicht durch Haut- und Haarfarben erkennbar sind. Anlassloses und penetrantes Fragen nach der 'Herkunft' mag arglos daherkommen, im Fall Heidenreich ahnungslos. In jedem Fall aber dient es dem Othering, ein feines englisches Wort für die Ausgrenzung aus dem großen Wir."

Birthe Berghöfers Kritik im ND geht eine ähnliche RIchtung:

"Heidenreich hält die Frage nach der Herkunft für positive Neugier, und genau darin liegt ein in unserer Gesellschaft tief verwurzeltes Problem: Der Alltagsrassismus, den so viele BPoC erleben, wird als solcher nicht einmal erkannt. Er ist vielleicht nicht beabsichtigt, wird aber gleichzeitig geleugnet. Nicht selten mit der Bemerkung, man könne heutzutage ja kaum noch etwas sagen."

Sowohl die SZ und das ND als auch der Tagesspiegel, der ebenfalls über die Lanz-Sendung schreibt, bezeichnen Heidenreich übrigens als "Literaturkritikerin". Vielleicht liegt es ja an meiner eingeschränkten Wahrnehmung, aber: Ich kann mich zwar daran erinnern, dass Elke Heidenreich im Fernsehen über Bücher geredet hat, mit Literaturkritik hatte das nach meinem Verständnis allerdings eher wenig  zu tun.


Altpapierkorb (der Unterschied zwischen öffentlich finanzierten Anzeigen und Presseförderung, Facebook-Algorithmen, Pressefreiheit in Rostock)

+++ In einem ausführlichen SZ-Interview (€) betont der Medienwissenschaftler Andy Kaltenbrunner, dass man aus verschiedenen Gründen unterscheiden müsse zwischen den 222 Millionen Euro, die die öffentliche Hand in Österreich 2020 für Anzeigen ausgegeben hat, und dem, was man gemeinhin Presseförderung nennt: "Es gibt zwei Töpfe. In einem liegen die Inserate, die freihändig und intransparent vergeben werden. Es hat sich in der Medienbranche der Begriff eingebürgert, das geschehe ‚nach Gutsherrenart‘. Das sind eben Hunderte Millionen EuroIn einem zweiten Topf liegen die Presse- und sonstige kleine Medienförderungen. Die Presseförderung für Tageszeitungen beträgt aktuell nur rund neun Millionen Euro. Diese wird nach gesetzlichen Kriterien vergeben, die haben zwar ein sehr altmodisches Medienverständnis, aber sind immerhin nachvollziehbar."

+++ "Wenn Facebook Kenntnis davon hat, dass seine Algorithmen strafrechtliche Inhalte befeuern, etwa im Fall von Hass und Hetze, muss Facebook diese Algorithmen umprogrammieren" - so zitiert Die Zeit im Aufmachertext ihres Wirtschaftsteils (€) Nicola Beer, die stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP. In dem Text geht es unter anderem darum, wie "die drei Parteien, die in Berlin gerade Sondierungsgespräch führen", gegen "Hass und Hetze im Internet" vorzugehen gedenken.

+++ Dass der Zweitliga-Aufsteiger Hansa Rostock einem Redakteur der örtlichen Ostsee-Zeitung die Akkreditierung für Heimspiele des Clubs entzogen hat, weil dieser ein Statement des Vereins vermeintlich falsch "ausgelegt" hat, berichtet Oliver Fritsch bei Zeit Online. André Keil, den Vizepräsident des Verbands Deutscher Sportjournalisten (VDS), zitiert er mit folgenden Worten: "Das ist ein Angriff auf die Pressefreiheit. Damit darf Hansa nicht durchkommen."

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag.

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