Das Altpapier am 17. November 2021 Fragen des Überblicks

Die EU bringt ihre Digitalgesetzes-Pläne ein wichtiges Stückchen voran, und (fast) niemand berichtet darüber. Eine Zeitschriften-Chefredakteurin thront vorn auf einem angesehenen Zeitungs-Feuilleton, weil sie so oft in Talkshows sitzt. Und was der Bedeutungsschwund von Zeitschriften für Journalistinnen bedeutet. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 17. November 2021: Porträt Autor Christian Bartels
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Schwierig drüber zu berichten, aber wichtig: EU-Digitalpolitik

"Wir müssen jeden Tag abwägen, ob heute das nächste Versagen einer Kontaktverfolgungs-App wichtiger ist als die Internetzensur in Usbekistan" –  gut, das mag leicht konstruiert-gespreizt klingen. Onlinemedien wie netzpolitik.org, die weder auf Bezahlschranken-Abos oder Tracking-Werbung setzen, noch vom Rundunkbeitrag finanziert werden und weiterhin nicht mal auf die (vielleicht demnächst kommende) Gemeinnützigkeit von Journalismus bauen können, müssen bei ihren Spendenkampagnen halt auf die Werbepauke hauen: "Ob du uns zwei Euro im Monat überweist ... oder uns das Erbe Deiner Oma vermachst, jeder Betrag zählt", bzw. #1MillionForDigitalRights.

Allerdings liegt im eben verlinkten Artikel unter den Worten "Internetzensur in Usbekistan" tatsächlich ein Link zu einem aktuellen eigenen Beitrag über Zensur im zentralasiatischen russischen Einflussbereich, einem der blinderen Flecken in der noch immer umfangreichen deutschen Auslandsberichterstattung. Und gleich noch plastischer wird der Ansatz, wenn ein weiterer Artikel auf ein Dokument in hierzulande auch selten zu hörendem und erst recht zu lesendem Rumänisch verlinkt. Dieser Artikel ist brisant. Er listet auf, wie Vodafone – das britische Mobilfunkunternehmen, dem in Deutschland aber auch das Fernsehkabelnetz der einstigen Bundespost gehört – in ganz EU-Europa wegen der DSGVO Bußgelder in unterschiedlichster Höhe bezahlen muss. In Rumänien waren es gerade umgerechet 2915 Euro. Deswegen würde kein Sack Reis umfallen, doch summieren sich die Datenschutz-Bußgelder auf "mehr als 9,5 Millionen Euro" in diesem Jahr. Das "vermittelt das Bild eines Konzerns, der mit aller Macht neue Kund:innen sucht und dabei offenbar immer wieder Rechtsverletzungen in Kauf nimmt oder sie zumindest nicht wirksam unterbinden kann", lautet netzpolitik.orgs durchaus vorsichtige Interpretation.

Umso wichtiger sind solche Artikel, wenn zur selben Zeit anderswo, in Wirtschaftsressorts oder hier, ebenfalls Artikel mit vielen Zahlen rund um Vodafone stehen – aber die üblichen Agentur-getriebenen Meldungen zu neuen Geschäftszahlen der deutschen Niederlassung ("Im ersten Halbjahr konnte der Anbieter 54.000 neue Vertragskunden und 143.000 neue Prepaidkunden hinzugewinnen ..."). "Der Grund sind fast immer unsaubere Vertriebsmethoden des Mobilfunkanbieters" steht, in klar anderem, aber doch in einem Zusammenhang bei netzpolitik.org.

Kurzum, netzpolitik.org ist wegen des Überblicks über eines der allerwichtigsten, in Politik wie klassischen Medien aber auf unterschiedliche Ressorts verteilte Themenfelder, die Digitalisierung, verdammt wichtig. Dass am heutigen Mittwoch ein ambitioniertes "Zwillingsvorhaben" der EU, die Kombination aus Digitale-Märkte- und Digitale-Dienste-Gesetz, ein wichtiges Stückchen vorankommen dürfte, steht eigentlich auch nur auf netzpolitik.org. Zwar dürfte das bloß bedeuten, dass für 2022 dann "langwierige Verhandlungen im sogenannten Trilog-Verfahren zwischen Rat, Parlament und Kommission über einen endgültigen Text praktisch vorprogammiert" sind, wie Alexander Fanta aus Brüssel berichtet. Und eine Einschätzung bleibt offenkundig schwierig, schon weil von allen Ecken des Trilogs "laufend neue Vorschläge für Änderungsanträge ..., die noch entscheidenden Einfluss auf das Gesetzespaket haben könnten", kommen, sowohl aus dem EU-Parlament als auch auf anderen beteiligten Ebenen (nur zum Beispiel hat das größte EU-Mitglied derzeit ja gerade gar keine richtige Regierung). Doch die schwierige Berichterstattung deshalb auf irgendwann später zu verschieben, wenn es einfacher sein könnte oder wegen Zeitdrucks, der plötzlich allen bewusst wird, die Aufmerksamkeit steigt, wie deutlich größere Medien als netzpolitik.org es tun, ist ja erst recht keine Lösung.

Zeitschriften wirken nicht mehr so, aber Talkshows

Zeitschriften reißen schon länger, ungefähr seitdem der Landlust-Trend sich durch jede Menge Me-Three-Magazine erledigte, nicht mehr viele Menschen vom Hocker. Zwar werden immer wieder noch neue angekündigt, aktuell das "weniger esoterisch" als üblich angelegte Heft myself Astrologie der Funkes, aber außer Nischen-Geschäften und kurzzeitiger Nischen-Belustigung auf Twitter dürfte wenig dabei rumkommen.

Insofern beachtlich, was für Wirbel das Philosophie Magazin macht. Am Sonntag führte die Zeitschrift in einem ausverkauften Berliner Theatersaal eine Reihe von Fernseh-artigen Talks mit relativer Prominenz wie Juli Zeh und Gert Scobel (3sat) auf (philomag.live). Das Veranstaltungsgeschäft wird für gedruckte Medien wichtiger. Und am Montag rockte Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler die nächste Talkshow, "hart aber fair", und trendete deutlich über die unmittelbare Echtzeit hinaus auf Twitter. Wobei solche Trends natürlich selten auf Sympathie oder Zustimmung basieren. Vielmehr wurde sie so heftig angefeindet wurde, dass Laura Hertreiter und Nele Pollatschek als offenkundig gute Kennerinnen, nicht aber Anhängerinnen der Philosophin ("Sie schreibt Sachbücher, die steil argumentieren und dabei nahezu ohne Belege auskommen") sich kurzfristig zu einer relativen Verteidigung der Attackierten ("Menschen, die über sie schreiben, wischen die Fakten beiseite") genötigt sahen  – und Svenja Flaßpöhler heute im Talkshowsessel vorn mittig auf dem SZ-Feuilleton (€) thront.

Hertreiter/Pollatschek problematisieren natürlich die Flut der Talkshows an sich, wie es ja schon viele Feuilletonisten folgenlos taten, als auch deren Einladungspolitik und Flaßpöhlers offenkundige Freude daran, sich offensiv zu Themen zu äußern, die nicht zu den Themen, von denen sie am meisten versteht, gehören:

"Und natürlich kann man sich auch fragen, warum sie das macht. Geltungsdrang? Mediengeilheit? Vielleicht aber ist es tatsächlich so, dass sie sich in Talkshows zu Themen setzt, in denen sie kein Experte ist, weil sie es für wichtig hält, dass jemand eine Gegenposition vertritt. Weil das ihrem Demokratieverständnis entspricht. Weil es zur Zeit, ganz konkret, schwer ist, jemanden zu finden, der kein Querdenker ist, der geimpft ist, und dennoch bestimmten Maßnahmen gegenüber öffentlich eine kritische Haltung zu vertreten bereit ist ..."

Vor allem verteidigen sie Flaßpöhler gegen Tagesspiegel, der sie als "Impfskeptikerin, wenn nicht Impfverweigerin" bezeichnet habe, wovon zumindest letzteres offenbar nicht stimmt. Unklar, worauf genau sich das bezieht. Joachim Hubers "Die Impfskeptiker in den Talkshows befeuern das neue Mittelalter" enthält dieses direkte Zitat nicht und ist ein Kommentar, der sowohl leicht philosophisch über oder neben der konkreten Sendung schwebt ("Die Daueralarmgesellschaft bekommt Futter, jeder und jede darf sich mit seiner Meinung vertreten fühlen. Aber zum Hurra reicht das nicht ...") als auch zugleich das für Onlinemedien wichtige Publikumsbedürfnis nach Talkshow-Besprechungen bedient (176 Kommentare um 7.58 Uhr heute).

Tagesaktuell macht übrigens noch eine jüngere Talkshow-Ausgabe Corona-halber leichte Zeitungs-Furore: eine "Markus Lanz"-Ausgabe aus der vorigen Woche (ohne Flaßpöhler übrigens, die hatte acht Abende zuvor dort gesessen). Lanz setzte eingangs das altertümliche Stilmittel, Grafiken bildschirmfüllend einblenden und besprechen zu lassen, ein, "was schon wegen der Kleinteiligkeit der Bilder allenfalls mittelgut gelang und wegen der hohen Erklärungsbedürftigkeit des Gezeigten auf Twitter scharfe Kritik nach sich zog" (wie ich selbst in einer Nachtkritik dazu schrieb). Wie der dazu verlinkte Tweet (und der Tweet im Tweet) zeigten und zeigen, waren die Grafiken schlecht bis falsch visualisiert. "Die Redaktion bedauert die irreführende Interpretation dieser Statistik", habe das ZDF nun verlauten lassen, meldet etwa die FAZ via dpa unter der Überschrift "Impfchaos im ZDF". Wobei die ZDF-Redaktion Bedauern bloß "auf Anfrage" ausdrückt, nicht öffentlich. Als "Korrektur" weiter unten auf der textarmen, dafür sehr videolastigen "Markus Lanz"-Webseite des Senders, steht es nicht. Da steht weiter eine Korrektur, die die deutsche Starbucks-Niederlassung im Dezember 2020 wünschte.

Heißt: Talkshows wirken immer noch, auch über ihre unmittelbare Dauer hinaus. Umso mehr wäre sinnvoll bis dringend nötig, dass die Redaktionen frische Ideen für neue Formen (über den Einsatz von bildschirmfüllenden Grafiken hinaus) und neue Ansätze, relative Vielfalt nicht nur durch die Besetzung mit sehr oft denselben Rollenclowns abzubilden, entwickeln.

Was der Zeitschriften-Bedeutungsschwund für Journalistinnen bedeutet

Was macht eigentlich Silke Burmester, die langjährige Medien-"Kriegsreporterin" der taz? Palais Fluxx macht sie, weiß die Zielgruppe der "Frauen ab 47", die sonst selten so umrissen und bei dwdl.de über einem Burmester-Interview noch mal benannt wird.

Sie "möchte nicht mehr journalistisch schreiben", sagt sie, die durchaus angefragt wird und wurde (auch übrigens von gewissen Online-Medienkolumnen), dort. "Weil es für mich nicht mehr ok ist, nicht adäquat bezahlt zu werden", geht der Satz weiter. Vor allem bedauert Burmester damit den Bedeutungsschwund von Zeitschriften, die als sie wichtig waren, Journalismus tatsächlich gut bezahlten:

"Die Presselandschaft hat sich komplett verändert. Es gibt kaum noch gesellschaftspolitischen Printmagazine und dann auch nur noch sehr wenige, die freie Journalist*innen beschäftigen. Journalistinnen sind viele Auftraggeber weggebrochen. Was bleibt ist der Bereich der Frauenzeitschriften. Die richten sich im Gros aber an eine jüngere Zielgruppe. Das Problem ist: Als Journalistin mit Mitte 50 gilt man für viele Geschichten als zu alt."

Und da ist "Journalistinnen" nicht gegendert, also sind männliche Journalisten ausdrücklich nicht mitgemeint. Ansonsten wirft das Interview Fragen auf wie: Ist es besorgniserregend, wenn Burmester "Wolfgang Schäuble bei seiner Abschiedsrede" Recht gibt? Erfrischend, wie scharf sie relative Online-Leitmedien, an die viele sich mangels Alternativen gewöhnt haben (bei spiegel.de "ist das sprachliche Niveau mitunter auf eine Ebene gerauscht, die hätte der 'Spiegel' nicht mal einer Schülerzeitung durchgehen lassen. Genauso bei 'Zeit Online'..."), kritisiert? Wie sinnvoll sind die ziemlich zahlreichen Studien zur "audiovisuellen Diversität" im einzelnen? Und hilft es der Aufmerksamkeit, wenn ein sonst aus Reichelt/Bild-Zusammenhängen bekannter Begriff wie "Fuckability" fällt und daher die Überschrift bilden kann? Aufmerksamkeit verdient das Interview jedenfalls ... 


Altpapierkorb ("Diversity", Philosoph übers "Metaverse", Themenstücke, "Die letzten Reporter", halber Kultursender Arte, "Faltenfrei")

+++ "Diversity in deutschen Fernsehnachrichten" heißt die neueste Medien-Diversitäts-Studie und wird von Susan Vahabzadeh in der SZ zusammengefasst.

+++ Ob Katastrophen oder andere Berichterstattungs-Anlässe sehr groß oder vergleichsweise kleiner sind: Die Berichterstattung schwillt wieder ab. Auch übers Ahrtal wird überregional immer weniger berichtet. Dabei, zitiert Deutschlandfunks "@mediasres" eine "Helferin im staubigen Anorak", bräuchte es "Berichterstattung, damit Fachkräfte merken, dass sie kommen sollten. Es wäre Berichterstattung nötig, um kurze Wege für Gelder zu ermöglichen, damit Leute nicht ewig warten müssen, bis sie zu Geldern kommen."

+++ Noch ein Philosoph, der in Mediendingen zitiert wird: Thomas Metzinger, Professor für theoretische Philosophie an der Universität Mainz. Die taz fragte nach seiner Einschätzung der neuen Pläne des Facebook-Konzerns. "Der Aufbau eines 'Metaverse' wäre niemals gemeinwohlorientiert, dahinter steht kein prosozialer Impuls", sagt er unter anderem.

+++ "Themenstücke bildeten in den 1970er und 1980er Jahren einen Schwerpunkt der Filmproduktion im deutschen Fernsehen. Bei aller Kritik an den geschilderten Folgen, die das Aufschlüsseln von Themen für die filmische Erzählung hat, sei aber noch eines positiv in Erinnerung gerufen, was auch für 'Die Welt steht still' gilt: Wird das Thema ernst genommen, wird es historisch richtig und angemessen geschildert, wird es nicht durch Genrekonventionen verkitscht, dann halten solche Filme die Erinnerung an etwas wach, das eine Gesellschaft in einer bestimmten Zeit durchlebte ... ": Da bespricht Dietrich Leder in einer Nachkritik (nicht aber: Nacht-) den Corona-Fernsehfilm des ZDF, um dessen Drehbuchautorin Dorothee Schön es gestern hier ging (medienkorrespondenz.de).

+++ Den gestern hier in Form eines Interviews mit Regisseur Jean Boué vorgestellten Dokumentarfilm "Die letzten Reporter" bespricht heute auch die SZ, ganz ohne drauf hinzuweisen, dass er um Mitternacht im linearen Fernsehen lief, aber mit Link zur Mediathek.

+++ "Nicht zufällig durchweht dieses Porträt eine Mischung aus morbidem Totenkult und Melancholie": Da bespricht Manfred Riepe im Tagesspiegel kenntnisreich ein neues Hanna-Schygulla-Porträt auf Arte. Wobei übrigens typisch für den verdrucksten halben Kultursender Arte ist, dass er das neu gefilmte Porträt nicht mit irgendeinem Schygulla-Film, es hätte ja auch einer der guten, selten zu sehenden von Fassbinder sein können, flankiert.

+++ Und den heutigen ARD-Film "Faltenfrei" bespricht außer diversen Tageszeitungen auch Silke Burmester auf palais-fluxx.de.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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