Das Altpapier am 24. Januar 2022 Hyperfokussierung auf einen Tennisstar

Die Einreiseformalien von Novak Djokovic haben die Medien tagelang beschäftigt. Offen bleibt, welche Themen dadurch aus den Nachrichten verdrängt wurden – und wer von dem Hype profitiert. Ein Altpapier von Annika Schneider.

Teasergrafik Altpapier vom 24. Januar 2022: Porträt der Altpapier-Autorin Annika Schneider
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Tennisdrama vs. Klimakrise

Ich spiele kein Tennis und interessiere mich nicht für Profiturniere. Den Sportteil der Zeitung nutze ich, um nasse Schuhe auszustopfen, und wenn die abendlichen Nachrichtensendungen beim Sport angelangt sind, schweift meine Aufmerksamkeit zuverlässig ab. Umso erstaunlicher ist es, wie geläufig mir der Fall eines gewissen Tennisspielers ist, der es tagelang in die Schlagzeilen schaffte, weil er nicht zu einem Turnier antrat.

Die Rede ist von dem serbischen Spitzensportler Novak Djokovic und seinen vergeblichen Einreise-Bemühungen in Australien, wo er eigentlich an den Australian Open hätte teilnehmen sollen. Dafür hatte er wegen fehlender Corona-Impfung eine medizinische Ausnahmegenehmigung erwirkt, wurde aber nach einigem Hin und Her trotzdem ausgewiesen.

Die Berichterstattung war dermaßen omnipräsent, dass Einzelheiten selbst an mir nicht vorbeigegangen sind. Von einigen Medienhäusern wird die Geschichte auch weiterhin ausgeschlachtet: Die "Bild"-Redaktion generiert inzwischen Klicks mit an Banalität nicht zu überbietenden Überschriften wie "Djokovic lacht über Federer-Witz".

Ich erwähne die Causa Djokovic deshalb, weil der Tübinger Medienwissenschaftler und -erklärer Bernhard Pörksen sie am Wochenende in der "Süddeutschen Zeitung" für eine ausführliche Analyse medialer Aufmerksamkeitsmechanismen genutzt hat. Die ausführliche Berichterstattung über den Tennisstar sieht Pörksen als ein Beispiel für

"die Kannibalisierung von Aufmerksamkeit, die andere, eigentlich wichtigere Themen verdrängt und erdrückt".

Aus seiner Sicht gehen die vielen Meldungen und Updates rund um den Fall "zu Lasten von realpolitischer Brisanz und existenzieller Relevanz", ein Phänomen, das Pörksen "mediale Hyperfokussierung" nennt.

Ein wichtiger Faktor dafür ist erstens die Geschichte an sich, ein "perfektes Medienmärchen", das vom Promi-Faktor bis zum aktuellen Reizthema Impfen eine ganze Reihe klickträchtiger Eigenschaften aufweist. Zweitens zeigen detaillierte Analysetools den Redaktionen inzwischen bis ins letzte Detail, welche Themen online gut ankommen – das erschwert Entscheidungen für weniger eingängige, komplexere Recherchen:

"Die primäre und praktische Konsequenz der Sofort-Sichtbarkeit von Publikumsinteressen besteht für Medienunternehmen viel zu oft einfach darin, den allmählich entstehenden Hype aufzugreifen und ihn zu verstärken, also im allgemeinen Aufmerksamkeitspoker auf das ohnehin bereits Populäre zu setzen. Bis am Ende des Tages so ziemlich alle Zeitungen und Fernsehsender endlos über das Djokovic-Drama berichten."

Pörksen kommt zu dem Schluss, dass eine konstante Krise wie der Klimawandel in unser aktuellen Medienlandschaft womöglich immer den Kürzeren ziehen wird, wenn eine Promi-Saga mehr Reichweite verspricht.

And the winner is…

Das ist an sich schon deprimierend genug. Hinzu kommt aber die im Artikel nicht erwähnte Gefahr, dass genau diese Mechanismen von Menschen und Organisationen für ihre eigenen Interessen instrumentalisiert werden können. Auch dafür ist der Fall Djokovic ein geeignetes Beispiel, wie Pascal Siggelkow bei "Übermedien" zeigt. Denn nicht nur über den Profisportler, auch über ein Biotechnologie-Unternehmen in Dänemark wurde in den vergangenen Tagen vermehrt berichtet. Es entwickelt angeblich eine Technologie gegen Corona-Viren, Djokovic soll investiert haben. Fazit des "Übermedien"-Artikels:

"Das Unternehmen QuantBioRes ist plötzlich in aller Munde – zusammen mit dem heldenhaften Djokovic, dem Kämpfer gegen das Coronavirus."

Bei diesem Framing lohnt ein zweiter Blick. Der Wissenschaftsjournalist Ludger Wess schätzt die Aussagen des Unternehmens als "esoterisches Geschwafel" ein, was ihn am Donnerstag auf Twitter zu der Warnung veranlasste:

"Wir werden gerade Zeugen des Komplettversagens des #Journalismus in Europa. Kein einziges Medium, nicht eines, macht sich die Mühe, dem Quantenresonanzgeschwurbel des angeblichen Biotech-Unternehmens von #Djokovic auf den Zahn zu fühlen."

Die Kritik ist so nicht mehr aktuell: Inzwischen haben verschiedene Medienhäuser berichtet, die zum Teil auch bei "Übermedien" verlinkt sind. Aber noch einmal zurück zu Pörksens Kritik, dass banale und irrelevante "Stories" die wirklich wichtigen Themen ausbooten. Denn offen bleibt natürlich die Frage, wer oder was diesen Mechanismus verändern oder stoppen könnte – wie also Redaktionen den Blick von der kurzfristigen Hyperfokussierung aus nachhaltig weiten können.

Ein erster Schritt könnte es sein, die Logiken der Aufmerksamkeitsökonomie immer wieder transparent zu machen und die Interessen aller Akteure aufzudecken. Dann lässt sich Djokovic nicht nur als Opfer darstellen, an dem Australien angeblich ein Exempel statuieren wollte, sondern auch als Profiteur der globalen Berichterstattung. Das ändert natürlich nichts daran, dass auch dann redaktionelle Ressourcen für Themen aufgewendet werden, die andere Fragestellungen verdrängen.

Noch schöner wäre es deshalb, wenn sich Redaktionen öfter gegen solche Seifenblasen-Themen entscheiden und dafür mehr Ressourcen in relevantere Recherchen stecken. Und an dieser Stelle lässt sich Pörksens Artikel durchaus auch als ein Plädoyer für öffentlich-rechtlichen Journalismus lesen. Denn natürlich finden sich die beschriebenen Dynamiken mehr oder weniger ausgeprägt in allen Medienformen, ob privatunternehmerisch, gemeinwohlorientiert oder beitragsfinanziert. Aber Pörksen beschreibt einen wirtschaftlichen Druck, von dem sich wohl nur Angebote lossagen können, deren Einkommen nicht unmittelbar von der generierten Reichweite abhängt (auch wenn Öffentlich-Rechtliche natürlich Reichweite brauchen, um ihre Relevanz zu belegen, und somit unter einem anderen Druck stehen).

Zwischenrufe vom Spielfeldrand

Damit möchte ich keinesfalls zu einem Loblied auf die Öffentlich-Rechtlichen überleiten (bei denen auch diese Kolumne erscheint), sondern vielmehr zu einem Text von Peter Weißenburger in der "taz". Er zeigt mit einem Gedankenexperiment, wie wichtig der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerade in Krisenzeiten ist.

Für Weißenburger steht aber auch außer Frage, dass bei den Sendern Reformbedarf besteht. Anlass seines Textes ist der "Reformvorschlag" der CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt, das "Erste" in seiner jetzigen Form langfristig abzuschaffen (siehe Altpapier). Dieser Vorstoß hätte aus Weißenburger Sicht durchaus Beachtung verdient,

"wenn er denn mit einem Konzept daherkäme und sich nicht zu bequem wäre, auch intelligent die Folgefragen zu stellen. Welche Einsparungen sind durch den Vorschlag zu erwarten und sind diese angemessen? Könnte der gesellschaftliche Auftrag der Sender unter diesen Bedingungen noch erfüllt werden? Entspricht der Vorschlag dem Bedarf von abgehängten Regionen ebenso wie dem eines jungen, vernetzten, weltpolitisch interessierten Publikums? 'Öffentlich-rechtlicher Rundfunk zu groß und zu teuer' rufen ist dagegen nicht schwer."

Im Idealfall würden Reformen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so stärken, dass er die Lücke füllen kann, vor der Pörksen in seinem SZ-Beitrag warnt – was an vielen Stellen schon geschieht, aber wohl noch nicht genug.

Kurze Stichprobe auf "tagesschau.de": Auch dort war in einem längeren Stück in der Rubrik "Ausland" erst letzte Woche ein Djokovic-Update zu lesen (in Paris darf er vielleicht auch nicht spielen). Am Freitag fand sich bei der "Sportschau" aber auch ein langer Beitrag über Djokovics Verbindungen zu der Firma in Dänemark und die Technologie, mit der sie wirbt.


Altpapierkorb (Dubiose Kleinanzeigen, AfD "ein digitaler Scheinriese", good news aus Chicago, Personalien)

+++ Wenn Firmen, Parteien oder Organisationen ihre Inhalte in die Zeitung bringen wollen, dann können sie es entweder im redaktionellen Teil versuchen, indem sie die Redaktion von einem Thema überzeugen, oder aber sie schalten eine Werbeanzeige. Eher ungewöhnlich hingegen ist die Einflussnahme mit Hilfe privater Kleinanzeigen, die jetzt der RBB aufgedeckt hat. Reporter Andreas Rausch telefonierte 18 Annoncen ab, in denen ungeimpftes Personal aus dem Gesundheitswesen einen neuen Job suchte – und bekam keine einzige Person ans Telefon. Handelt es sich bei den geballten Anzeigen um "gezielte Aktionen aus speziellen Telegram-Gruppen", die Rausch im Text erwähnt? Leider ist der Journalist dieser Frage nicht auf den Grund gegangen. Inzwischen gibt es ähnliche Fälle auch in anderen Regionen, zum Beispiel beim "Fränkischen Tag" (BR-Bericht). Wer dahintersteckt, harrt noch der Recherche.

+++ Die erfolgreichste deutsche Partei auf Facebook ist die AfD. Man könnte daraus schließen, dass das ausschließlich an besonders emotionalen und zugespitzten Inhalten liegt, die passgenau auf die Logik des Plattform-Algorithmus zugeschneidert sind. Oder man macht es wie ein Team vom "Spiegel" und zeigt mit einer Datenauswertung, dass die Partei womöglich nur ein "digitaler Scheinriese" ist: Ein guter Teil der Fan-Accounts lässt sich demnach keinen real existierenden Personen zuordnen. Das Beispiel zeigt, dass Followerzahlen zwar leicht zu recherchieren sind und deswegen in journalistischen Beiträgen gerne erwähnt werden, um die Relevanz eines Accounts zu belegen – ohne Einordnung ist ihre Aussagekraft allerdings gering.

+++ Vom US-amerikanischen Zeitungsmarkt sind wir vor allem Katastrophenmeldungen gewöhnt. Zweitgrößter Zeitungsverlag dort ist inzwischen ein Hedgefonds: Alden Global Capital hat schon mehr als 200 Zeitungen aufgekauft, um daraus kurzfristig Kapital zu schlagen, und sich so den Spitznamen "Sensenmann des US-Journalismus" erworben. In seiner Hand sind inzwischen so prominente Titel wie die "Chicago Tribune". Mit umso mehr Freude reiche ich hier eine Nachricht aus der "Süddeutschen Zeitung" weiter: Die "Chicago Sun-Times" gehört ab sofort einer gemeinwohlorientierten Non-Profit-Organisation, die wiederum zu "National Public Radio" gehört. Die Zeitung wird somit "Teil eines Konglomerats, das bekannt dafür ist, sich von politischen Strömungen nicht beeinflussen zu lassen, gelassen Fakten zu berichten und dazwischen Jazz zu spielen", wie Jürgen Schmieder schreibt.

+++ Dass das ehemalige deutsche "Buzzfeed"-Rechercheteam seinen aktuellen Arbeitgeber "Ippen Investigativ" geschlossen verlässt, war am Freitag hier im Altpapier schon Thema. Nun steht auch fest, wo der Rest des Teams in Zukunft arbeiten wird: Daniel Drepper und Marcus Engert wechseln zum Recherchekollektiv aus NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", wie am Freitag der NDR bekanntgab. Drepper fängt am 1. April an, Engert am 1. Juni.

+++ Und noch eine Personalie, wenn auch eher aus der Kategorie Geraune und Gemunkel: Unter der schönen Dachzeile "Milliardär sucht Krawall" hat Lars Wienand am Freitag bei "t-online.de" berichtet, dass er Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt beim Essen mit dem Unternehmer Frank Gotthardt gesehen hat. Gotthardt besitzt die Fernsehsender "Westerwald-Wied TV" und "TV-Mittelrhein", Wienand schreibt über ihn: "Aus Meetings mit der Redaktion ist von ihm die fast mantraartige Forderung überliefert, die Sender sollten jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben." Laut Artikel kommentierten weder Gotthardt noch Reichelt das Treffen.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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