Das Altpapier am 8. April 2022 Wenn Krieg und Corona in Talkshows konkurrieren

Sandra Maischberger sorgt, kurz bevor sie zum "Markus Lanz" der ARD aufsteigt, auch mit einer Ausladung für Aufsehen. "Mutmaßlich"-Formulierungen sind wichtig, können aber auch übertrieben werden. In Mariupol wurde ein litauischer Dokumentarfilmer offenbar gezielt ermordet. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Das Altpapier am 8. April 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Christian Bartels
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Die Talkshow-Republik ist wieder da

Talkshows stehlen Zeit, und ob ihr  Publikum nach dem ritualisierten Fernsehstreit klüger geworden ist oder eher froh sein sollte, wenn nicht gerade das Gegenteil eingetreten ist – darüber ließe sich gleich wieder streiten. Totzukriegen sind Talkshows aber auch nicht. Innerhalb des Tellerrands, in dem die deutsche Medienöffentlichkeit um sich selber kreist (wie es andere Öffentlichkeiten auch tun), rocken sie die tagespolitische Agenda wieder deutlich mehr als zuletzt.

Vizekanzler Habecks Fernseh-Auftritte, oft mit Krawatte (die, bewusst angelegt, ja doch Gravitas entfaltet), wurden sehr gelobt, unter anderem der bei "Markus Lanz" als "Sternstunde der politischen Kommunikation". Von einem "inzwischen fast legendären Auftritt" schrieb just, leicht überkandidelt die "FAZ". Umgekehrt abolvierte Ministerkollege Lauterbach, der weiten Teilen der öffentlichen Meinung zufolge ja als Talkshowkönig ins Bundeskabinett eingezogen ist, kürzlich einen Talkshowauftritt, der als Karriere-Wendepunkt, aber in die andere Richtung, betrachtet werden könnte. Das war ebenfalls bei "Lanz". So viel Aufmerksamkeit produzieren kann der ZDF-Talker freilich auch, weil er immer noch in der meisten Sendezeit pro Woche die meisten Gäste betalkt.

Die Lanz unserer ARD soll mit mehr Sendungen, nämlich ab Mai zwei statt einer pro Woche (Altpapier), Sandra Maischberger werden. Sie macht aber schon jetzt mehr Schlagzeilen als üblich. Der freie Journalist Enno Lenze twitterte am Mittwoch:

"Ich bin in Rekordzeit aus Kyiv zurück gekommen um heute Abend bei Maischberger als Augenzeuge von den Kriegsverbrechen zu berichten. Gerade wurde ich ausgeladen. Man wolle doch mehr über Corona machen und ich werde nicht mehr gebraucht. Ok."

Madsacks RND holte die Reaktion der Maischberger-Redaktion ein. Sie verstünde Lenzes Enttäuschung und habe am Mittwoch mitgeteilt:

"Die Gräueltaten in Butscha und der Ukraine werden heute Abend auf jeden Fall das zentrale Thema bei uns sein. Aber als multithematische Sendung sehen wir heute auch einen größeren Gesprächsbedarf zur aktuellen Corona-Politik".

Die Entscheidung statt des nicht sehr fernseh-bekannten Reporters lieber auf Zugpferde wie Dampfplauderin Marie-Agnes Strack-Zimmermann und alt-bewährte Haudegen wie Ulrich Wickert und Gabor Steingart zu setzen, dürfte einschaltquotenökonomisch nicht geschadet haben. Und aufmerksamkeitsökonomisch kann auch diese Maischberger-Show Schlagzeilen bis hinein ins Politikressort verzeichnen. Allerdings nicht wegen Corona, sondern wegen des zwar eher bloß wiederholten, aber immer noch deutlichen Botschafter-Vorwurfs der "Lüge" ... Sehr viel mehr als jetzt noch die Sendung aus der Mittwochnacht anzusehen, lohnt aber, den auch bei "Telepolis" veröffentlichten Enno-Lenze-Longread "Ukraine: Kriegsverbrechen als Wimmelbild" zu lesen:

"... Weiter vor Kiew, neben dem Ort Butscha, trafen wir langsam auf die nächsten Journalisten, welche aus Kiew hierhergekommen waren. Ein bizarres Bild, wie Pressevertreter mit Selfiesticks vor zerstörten Fahrzeugen stehen, den besten Winkel für die Leiche und den Panzer suchen, und den Balanceakt zwischen Sicherheit und guten Fotos meistern. Für Ausstehende mag das abgebrüht und emotionslos wirken, doch für diese Menschen ist es Alltag. Und ihre Aufgabe ist es, eine ganze Situation in einem Bild einzufangen. Sie sorgen dafür, dass Menschen zuhause verstehen, was hier passiert. Dazu gehört eben auch, eine Leiche anzudeuten, ohne die ekeligen Details zu zeigen. Man muss die Kriegsverbrechen hier in die Wohnzimmer in Deutschland bringen, ohne dabei pietätlos zu werden."

Die "Mutmaßlich"-Debatte

Paul Ronzheimer kommt, lobend erwähnt von US-amerikanischen Kollegen, ebenfalls in diesem Artikel vor. Was zu einer "Mutmaßlich"-Debatte führt. Angestoßen wurde sie wiederum sozusagen von der ARD. Sie kreist um Formulierungen à la "mutmaßliche Kriegsverbrechen", die vor allem in der "Tagesschau" und anderen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen auftauchen. Das Problem formuliert ein ziemlich langer meedia.de-Beitrag mit allerhand eingebundenen Tweets und Aussagen des Münchener Medienwissenschaftlers Thomas Hanitzsch. Es geht darum, "ob Kriegsverbrechen vorerst 'mutmaßlich' oder 'offenbar' genannt werden dürfen", sollten oder müssen, "und wann von dieser Formulierung Abstand genommen werden sollte".

Ronzheimer zufolge

"zieht das 'mutmaßlich' etwas in Zweifel, 'wo es nach unseren Recherchen keine Zweifel mehr gibt.' In Richtung 'Tagesschau' kritisiert er, dass dort  'sogar von mutmaßlichen Gräueltaten' die Rede sei."

Dagegen hält Udo Stiehl, u.a. "eine Hälfte der @floskelwolke", ebenfalls auf Twitter und in Reaktion auf einen anderen "Bild"-Journalisten:

"'Mutmaßlich' ist vor der unabhängigen Aufklärung der Ereignisse hier der absolut korrekte Begriff in der nachrichtlichen Berichterstattung. Solche Situationen für die strategische Misskreditierung der ÖR-Medien zu instrumentalisisieren, ist schändlich und niveaulos."

Wiederum dagegen hält heute, als wäre es eine (halbwegs funktionierende) Talkshow, vorn im "FAZ"-Feuilleton, Michael Hanfeld:

"... Die Öffentlich-Rechtlichen tun so, als seien sie die Ersten und Besten. Wenn die ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger gestern bei einer Pressekonferenz ins Selbstlob für die deutsche Kriegsberichterstattung 'auch private, kommerzielle Medien' miteinbezieht, ist das gönnerhaft – und falsch. Die Ersten und Besten sind ARD und ZDF mitnichten. Sie sind oft hintendran oder komplett neben der Spur ... "

Mit dem "neben der Spur" meint Hanfeld dann Lanz, der in der Ausgabe seiner ZDF-Show, die wegen Lauterbachs Corona-Auftritt noch mehr Medien-Schlagzeilen machte, auch multithematisch über Butscha und dabei von Berichterstattung als möglichem "Teil von ukrainischer Propaganda" gesprochen hatte ... Zurück zur "Mutmaßlich"-Frage: Jedenfalls sollte auch Nachrichtenjournalismus das Wort nicht inflationär oder floskelhaft verwenden, sondern Formulierungen so abwägen, dass nicht, um mutmaßliche Täter zu schützen, Verbrechen verharmlost werden. Einen guten Kompromiss schlägt Andrej Reisin, bei uebermedien.de inzwischen der Mann für die nicht so vorhersehbaren Meinungsbeiträge, vor:

"Tatsächlich kritisieren kann man beim Streit über die Berichte zu Butscha die Formulierung, es handle sich um 'mutmaßliche Gräueltaten', wie es der 'Tagesschau'-Sprecher sagte. Denn Gräueltaten sind das, was da geschah, ja so oder so – egal, wer sie begangen hat. Besser wäre es, von 'mutmaßlich von russischer Seite verübten Gräueltaten bzw. Kriegsverbrechen' zu sprechen – oder ähnliche Formulierungen zu finden ..."

Die Propaganda-Verbots-Frage

Das Leuchtturm-Flaggschiff "Tagesschau", gibt's seit gestern Abend auch mit ukrainischen und russischen Untertiteln. So lautet einer der Entschlüsse der Intendantinnen-Intendanten-Sitzung in Saarbrücken, meldet der "Tagesspiegel" (der allerdings den ARD-Beschluss für wichtiger hält, "derartige Krisen und Kriege ... nicht länger nach Studio- und damit Senderzuständigkeit" zu bearbeiten, um künftig flexibler mit mehr eigenen Reportern unterwegs sein zu können, wie es der Konkurrenz ja gelingt).

Hilft das? "Das Misstrauen in westliche Medien ist auch in Russland weit verbreitet und eine wichtige Säule der russischen Propaganda", sagt die an der Harvard University forschende und in Berlin lebende russische, Medienwissenschaftlerin Elizaveta Kuznetsova zu Deutschlandfunks "@mediasres"

Zur wichtigsten Säule russischer Propaganda kursieren weiterhin widersprüchliche Meldungen. Die Berlin-Brandenburger Landesmedienanstalt MABB teilte gerade mit, dass "nach den derzeitigen Feststellungen ... die RT DE Productions GmbH ... die Verbreitung des Fernsehprogramms 'RT DE' in Deutschland vollständig eingestellt" habe, und erzielt damit einiges Medienecho. "Russia Today findet immer neue Schlupflöcher", schreibt hingegen der "Tagesspiegel". Es sei "nicht zu stoppen" und "im Netz weiter auf Sendung", meint auch Hanfeld auf seiner "FAZ"-Medienseite (mit weiterer Kritik an der MABB).

Tja. In einem Radiointerview beim Berliner Sender FluxFM (das ich gerade nicht online finde) erzählte Chefredakteur Benjamin Friedrich gestern, dass die Ukraine-Inhalte von "Katapult" inzwischen in vier Sprachen erscheinen, auf deutsch, englisch, ukrainisch und russisch, und dass er am wichtigsten fände, mit russischsprachigen Inhalten nach Russland vorzudringen. Via Telegram – also über den vielgescholtenen Messenger-Plattform-Hybriden – sei das weiter möglich.

Das ist definitiv sinnvoll. Und bedeutet natürlich, dass es umgekehrt russischen Inhalten erst recht möglich bleiben wird, in unterschiedlichen Sprachen und Formen nach Deutschland zu dringen. Eine wesentlich freiere Gesellschaft sind und bleiben wir ja hoffentlich. Insofern: Allzuviel Ehrgeiz darauf zu setzen, russische Propaganda auf möglichst vielen Kanälen zu unterbinden und mit Strafzahlungen zu belegen (die im Vergleich mit allen Summen, um die es in diesem Krieg und bei den täglichen Energieimporten sonst geht, klein erscheinen), sollten die deutschen und europäischen Medienwächter nicht. Nicht allein, weil allerwenigstens "Schlupflöcher" in freien Gesellschaften ohnehin bleiben. Sondern auch, weil es versierter Propaganda, die RT-Medien zweifellos beherrschen, leicht fällt, genau solche Verbote zu instrumentalisieren.

Ein Beispiel für gezielte Mordanschläge

Besser oder sinnvoller bleibt: Möglichst präzise zu berichten und das Schlimme konkret zu schildern und benennen. Auch da hat die "FAZ"-Medienseite, immer noch die beste Medienseite, leider etwas zu bieten. Unter der Überschrift "Litauischer Regisseur in Mariupol hingerichtet" meldet sie:

"Der litauische Filmregisseur Mantas Kvedaravičius ist in der belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol von russischen Soldaten gezielt getötet worden. Er kam nicht, wie es zunächst hieß, bei einem Beschuss ums Leben ..."

Vor wenigen Tagen hatte der u.a. für die "FAZ" tätige Journalist Bert Rebhandl wegen Kvedaravicius' bereits bekannt gewordenem Tod via Twitter ein Interview, das er 2011 für die "taz" mit diesem geführt hatte, verlinkt. Es ging darin – nein: geht darin, denn es ist ja weiter zu lesen – um "die Logik der Folter in Tschetschenien", also an einem anderen Schauplatz eines russischen Krieges.


Altpapierkorb (Neue MDR-Chefredakteurin, Frances Haugen im Bundestag, Editierkriege, eine Software namens Kivi, ein Trend namens Impact-Doku)

+++ Unser MDR bekommt eine neue "medienübergreifende Chefredakteurin": "Julia Krittian, geboren in Karlsruhe, wuchs in Kairo und Toulouse auf" und "begann bereits 2000, während ihres Studiums in Leipzig, für MDR Aktuell zu arbeiten" (Pressemitteilung). Derzeit ist sie MDR-Unternehmenssprecherin. Ist sie nun die "ostdeutsche Chefredakteurin", die der MDR "benötigt", wie u.a. die (sehr westdeutschen) ruhrbarone.de gerade noch forderten? Die "Mitteldeutsche Zeitung" meldet erst mal nur. Zur Vorgeschichte der Chefredaktions-Personalien siehe flurfunk-dresden.de.

+++ Am Mittwoch war die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen im Bundestags-Digitalausschuss und äußerte sich zum Digitale-Dienste-Gesetz der EU, aber auch zum Krieg. "Die Ukraine habe Meta vor dem Krieg gebeten, Facebook resilienter gegen Putins Informationskrieg zu machen, nur um auf taube Ohren zu stoßen. Die Demokratie und Zivilist:innen würden nun den Preis dafür zahlen, sagte Haugen", schreibt netzpolitik.org.

+++ Auf der "FAZ"-Medienseite schreibt Marvin Oppong ausführlich über aus "Netzen deutscher Behörden" geführte "Editierkriege" in Wikipedia-Beiträgen wie "Journalist", "Robert Habeck" und zu James-Bond-Filmen.

+++ Auf der "SZ"-Medienseite geht es um die gerade ausgezeichneten besten Pressefotos des Jahres, die es auf worldpressphoto.org auch frei online zu sehen gibt.

+++ Und im "Tagesspiegel" zeigt sich Joachim Huber zur Öffentlich-Rechtliche/ Unterhaltungs-Frage hin- und hergerissen.

+++ Die nordrhein-westfälische Landesmedienanstalt setzt "bei ihrer Arbeit ab sofort auf künstliche Intelligenz", um "täglich mehr als 10.000 Seiten automatisch auf Rechtsverstöße" zu überprüfen (golem.de). Nur in der epd-Meldung (etwa bei rp-online.de) steht, dass diese Software den "Namen 'Kivi' (aus KI und 'Vigilante')" trägt. "Vigilante" bedeutet "Selbstjustiz" und "Bürgerwehr" bzw. deren Mitglieder. Ob dieser Anglizismus eine sehr glückliche Idee war?

+++ "Es gibt einen ganz klaren Trend nach Impact-Dokus...", sagte dann noch Ufa-Chef Nico Hofmann zu Urgestein Wilfried Urbe, der für die "taz" über die Programm-Messe in Cannes berichtet.

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag. Schönes Wochenende.

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