Das Altpapier am 13. Juni 2022 Der wichtigste journalistische Bildungsauftrag

Was die Programmdirektorinnen der Öffentlich-Rechtlichen (Männer mitgemeint) wissen sollten. Warum Klicks kein Ausdruck von User-Zufriedenheit sind. Inwiefern der Nachkriegs-"Stern" nationalsozialistisches Gedankengut verbreitete. Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 13. Juni 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Die medienhistorisch besondere Rolle des Klimajournalismus

Wie viele "Pflichtveranstaltungen" für "alle Chefredakteur:innen/ Programmdirektor:innen" es in der vergangenen Woche bei der re:publica gab, vermag ich nicht zu sagen. Eine davon könnte Wolfgang Blaus Vortrag unter dem Titel "Klimakrise: Das lange Warten auf den Journalismus" gewesen sein. So sieht es jedenfalls Jürgen Döschner, der als WDR-Redakteur vermutlich einige Erfahrungen mit Hierarchinnen und Hierarchen hat machen dürfen, denen eine solche Veranstaltung nicht geschadet hätte.

Blau, Mitgründer des gelegentlich im Altpapier schon erwähnten Oxford Climate Journalism Network, befasst sich unter anderem damit, welche medienhistorische besondere Bedeutung Klimajournalismus hat:

"Journalismus ist primär eine rückblickende Tätigkeit. Über 90 Prozent der journalistischen Ressourcen (…) setzen wir (dafür) ein, zu verstehen und zu berichten, was gerade passiert ist oder was jetzt gleich unmittelbar passieren wird - (und) dann zu interpretieren, was das bedeutet. Die Klimakrise zwingt uns aber, Ereignisse und abzuwendende Ereignisse im Jahr 2030 zu diskutieren, gegen die jetzt schon Steuergelder investiert werden oder gern die Unternehmen investieren (…) Oder im Fall der EU 2050 oder 2045. Oder im Fall indischer und chinesischer Klimaversprechen (…) 2060, 2070. Mir fällt kein einziges Beispiel aus der Journalismusgeschichte ein, in der Journalismus gezwungen war, so weit in die Zukunft zu schauen."

Der Journalismus sei "darauf nicht vorbereitet", weil das zwangsläufig auch "ein Maß an Spekulation, an Unschärfe" mit sich bringe. Der Vortrag endet mit einem Aufruf an das Publikum und einem Blick nach vorn:

"Was Sie und ihr alle tun könnt: (…) euer Nachrichtenmedium, das ihr ohnehin nutzt, konstruktiv unter Druck setzen (…) Und, mehr als alles sonst, (…) eure öffentlich-rechtlichen Medien ARD und ZDF an ihren bestehenden journalistischen Bildungsauftrag erinner(n)."

Weil konstruktives Druckmachen bei den Öffentlich-Rechtlichen zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehört, sei Blaus Erläuterung dazu hier noch ausgeführt:

"Das Etablieren von allgemeinem Klima-Grundwissen, den wichtigsten Emissionsquellen, dem Zeitraum, der uns zur Verfügung steht, der Rolle nicht nur der Energiewirtschaft, sondern beispielsweise auch der Landwirtschaft, der Bauwirtschaft, der Zementindustrie, der Textilwirtschaft, der Mode - dieses Grundwissen zu vermitteln, ist der mit Abstand wichtigste journalistische Bildungsauftrag dieser nächsten Jahre, und die Öffentlich-Rechtlichen haben dort eine wirklich große Verantwortung (…)."

Zur Klickgetriebenheit im Lokal- und Sportjournalismus

Dass "bei einigen Regional- und Lokalzeitungen zumindest online eine schleichende Boulevardisierung, Verblaulichtung und Skandalisierungsbereitschaft zu erkennen ist" - das hat Benjamin Piel, den Chefredakteur des "Mindener Tageblatts", dazu bewogen, sich im Medienmagazin "journalist" kritisch mit der Rolle zu befassen, die die Datenauswertung journalistischer Inhalte mittlerweile in Medienhäusern spielt. Schließlich sind solche Auswertungen eine maßgebliche Ursache der skizzierten Trends.

"Verblaulichtung" ist im Übrigen ein schaurig-schöner Neologismus, und er beschreibt ja Entwicklungen, die nicht nur im Regionalen und Lokalen stattfinden. Es nimmt ja auch überregional beispielsweise die Berichterstattung über Gewaltverbrechen zu, die früher lediglich für regionale Medien von Belang gewesen wären. Piel meint:

"Das Verkaufbarkeitsdenken darf schon allein deshalb nicht auf die Spitze getrieben werden, weil es zu trügerischen Ergebnissen führen kann. Wer meint, die hohe Anzahl von Kunden auf einem Artikel sei zwangsläufig Ausdruck von Zustimmung, liegt falsch. Vieles spricht dafür, dass Blaulicht-, Skandal- und Spektakelgeschichten zwar effektvoll Reflexe bedienen, die Mehrheit der Leserinnen und Leser sich aber gerade kein Angebot wünscht, das mehrheitlich aus dem entsprechenden Mix besteht. Wäre es anders, müssten Boulevardmedien nur so florieren, was nicht der Fall ist. Das zu ausgeprägte Starren auf die Klicks und die Lesedauer der zahlenden Kunden kann dazu führen, dass das Zuschnappen der Effektfalle mit Zufriedenheit verwechselt wird. Doch wer in die Falle gegangen ist, muss noch lange nicht damit einverstanden sein."

Das "zu ausgeprägte Starren auf die Klicks" ist zumindest einer der Gründe dafür, dass sich der Sportjournalist Marko Schumacher - der bei der "Stuttgarter Zeitung" gearbeitet hat, die wiederum zur Südwestdeutschen Medienholding, der "Unternehmensberatung unter den Medienverlagen" (Altpapier) gehört - im Alter von 51 Jahren entschlossen hat, den Journalismus zu verlassen und in Stuttgart ein Café zu eröffnen. Im Gespräch mit Andreas Lesch für dessen Blog "Veränderung" sagt Schumacher:

"Wenn ich eine möglichst tiefgehende Analyse schreibe, einen hintergründigen, auch mal längeren Text, dann kriegt der online nur einen Bruchteil der Klicks, die ich erhalte, wenn ich beispielsweise eine Bildergalerie über die Spielerfrauen des VfB Stuttgart mache. Auch deshalb habe ich mich schon seit längerem mit dem Gedanken getragen, mich beruflich zu verändern."

Die Persönlichkeitsrechte der Kriegsopfer

"Wie hat sich das politische Gespräch in Deutschland durch Russlands Krieg verändert, Markus Lanz?" - so lautet der Vorspann eines Interviews, das Peter Unfried und Harry Welzer für den taz-Spinoff "Futurzwei" mit dem ZDF-Moderator geführt haben. Gedruckt umfasst das Gespräch sieben Seiten, und es geht um wesentlich mehr Kriegsthemen als der Vorspann andeutet. Zum Beispiel um den Umgang mit Opferbildern, der, um noch einmal auf dem Benjamin-Piel-Artikel zurückzukommen, bei einigen Medien auch dem Wunsch geschuldet sein könnte, "effektvoll Reflexe zu bedienen". Das Thema kam in anderen Kontexten u.a. in diesem Altpapier oder bei "Übermedien" vor. Der Fall, auf den Lanz in dem Gespräch eingeht, ist die "Hand von Butscha". Der ZDF-Mann sagt dazu:

"Ich habe als Medienschaffender ein Problem mit diesen wirklich harten, expliziten Bildern, weil auch Tote Persönlichkeitsrechte haben. Und vielleicht gerade sie! Ich habe ein Problem mit dem Foto dieser armen Frau, deren Hand aus nächster Nähe fotografiert wurde, mit dem Fokus auf ihrem abgesplitterten Nagellack, der Handrücken im Schlamm der Straße. Erst später haben wir erfahren, dass sie Irina hieß und offenbar mit dem Fahrrad vom Einkaufen nach Hause fuhr, als sie um die Ecke bog und von einem russischen Panzer vom Fahrrad geschossen wurde. Das erste Bild erzählte aber von alledem nichts, trotzdem wurde es überall gezeigt (…) Ich frage mich: Wem nützt das? Die Frau war auf Titelseiten ohne, dass ihre Identität klar war. Da wurden Opfer ein zweites Mal zu Opfern, sie wurden in gewisser Weise benutzt. Aber Menschen haben eine Würde. Grauen kann man auch anders dokumentieren."

Lanz kritisiert darüber hinaus, dass "so getan (wird), als wäre das Zeigen dieser Bilder sogar moralisch geboten".

Eine der gestellten Fragen (in einem anderen Abschnitt des Interviews) verdient noch Erwähnung. Vermutlich hat der Harry sie gestellt und nicht der Peter:

"Durch die Wokeness-Diskussion der letzten Jahre gibt es eine sehr große Prominenz der Perspektive des Opfers. Auch ich führe mit meinem Sohn Gespräche, und was ich bei den Twentysomethings beobachte, ist eine Wichtigkeit der Opferperspektive, gegen die man kaum noch argumentieren kann."

So viel Selbstbezogenheit ist auch schon wieder eine Kunst. Es geht in dem Gespräch um verschiedene, vor allem mediale Aspekte des Krieges in der Ukraine, aber die eigene Betroffenheit von der "Wokeness-Diskussion" muss unbedingt mit rein. Aber vielleicht muss man ja schon froh sein, dass nicht die NZZ oder die "Welt" die Fragen gestellt haben. Deren Interviewer hätten es wahrscheinlich hinbekommen, beim Thema Krieg den Bogen zu Transmenschen zu schlagen.

Der "Stern"-Journalismus in den 1940er und 1950er Jahren

Am 10. Mai hat das NDR/funk-Format "Strg_F" die Debatte um die nationalsozialistische Vergangenheit des langjährigen "Stern"-Chefredakteurs Henri Nannen neu belebt – unter anderem, indem es antisemitische und rassistische Flugblätter zeigte, für die Nannen als Mitglied einer SS-Propagandakompanie mindestens mitverantwortlich war (siehe unter anderem dieses Altpapier). Seitdem wird über diesen Film diskutiert - und was er für Folgen haben könnte. Das wird auch mindestens noch bis zum 22. Juni so bleiben, denn dann wird TPCNANP verliehen - the prize currently known as Nannen-Preis. Bis dahin dürfte der "Stern"-Eigner RTL eine Entscheidung darüber getroffen haben, ob der Preis auch künftig so heißen wird.

Mindestens ebenso relevant wie die Frage, welche Funktionen einflussreiche Nachkriegsjournalisten in der NS-Zeit hatten, ist die, inwiefern sie auch in demokratischen Zeiten noch nationalsozialistisches Gedankengut verbreiteten beziehungsweise, sofern sie leitende Positionen inne hatten, entsprechende Redakteure und Autoren verpflichteten.

Diesen Aspekt rückt nun Tim Tolsdorff - er hatte in seiner Dissertation ausführlich beschrieben, wie der "erste" "Stern", der während der NS-Zeit erschienen war, Vorbild für den "zweiten" war (Altpapier) - in einem langen "Gastbeitrag" für die FAZ (€) in den Fokus:

"Wie tickte Nannen, bevor er sich in den Sechzigerjahren zum sozialliberal geprägten Blattmacher mit politischem Sendungsbewusstsein wandelte? Wer machte mit ihm den 'Stern' der späten Vierziger und frühen Fünfziger? Welche Themen prägten das Blatt auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene? Der Blick in die Quellen zeigt: Ab 1948 fanden beim 'Stern' zahlreiche Redakteure zusammen, die Erfahrungen in der NS-Propaganda gesammelt hatten. Dazu zählten der hochtalentierte Pressezeichner und Nannen-Vertraute Günter Radtke, vor dem Krieg unter anderem mit antisemitischen Illustrationen für NS-Rundfunkmagazine aufgefallen und später Mitglied der 'Höheren Berichter', einer Elite-Propagandaeinheit der Wehrmacht. Ab 1951 an Bord war Nannens Intimus und langjähriger Textchef Victor Schuller, der an der Ostfront propagandistisch im Einsatz war."

Tolsdorff erwähnt auch, dass es in der Nachkriegszeit keineswegs ungewöhnlich war, dass "Belastete", wie er es formuliert, in den "Redaktionen der jungen Bundesrepublik" eine wichtige Rolle spielten. Das war auch bei zahlreichen anderen Medien der Fall, und davon profitierten Personen, die wesentlich stärker "belastet" waren als Nannen. Aber zum Beispiel nach Georg Wolff - SS-Hauptsturmführer sowie Offizier des NS-Geheimdienstes SD, später Ressortleiter, Autor von rund 80 Titelgeschichten und stellvertretender Chefredakteur beim "Spiegel" - ist heute halt kein Journalistenpreis benannt (und auch keine Journalistenschule).

2014 haben die Preisträger Jacob Appelbaum und Laura Poitras schon einmal ihre Irritation darüber zum Ausdruck gebracht, dass einer wie Nannen angesichts seiner Vergangenheit Namensgeber eines Journalistenpreises ist. Wir haben deshalb damals die Frage in die Runde geworfen, wie der Nannen-Preis denn künftig heißen könnte. Scheint nun gerade ein guter Anlass zu sein, diese Frage zu revitalisieren. Die hohen Herren bei RTL freuen sich bestimmt über Anregungen.


Altpapierkorb ("Gladbeck", "Generation Africa", "The American Führer")

+++ Rezensionen zu Produktionen, die bei Streaming-Plattformen zu sehen sind, erscheinen nicht immer geballt, sondern verteilen sich über einen längeren Zeitraum. So ist es auch bei "Gladbeck - Das Geiseldrama", nach "Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt" (2020) und der Corona-Chronik "Schockwellen" (2021) eine weitere ausschließlich aus Found Footage kompilierten Dokumentation des Berliner Produzenten und Regisseurs Volker Heise. Die erste längere Kritik erschien meiner Wahrnehmung nach in der FAS vom Pfingstwochenende, am Donnerstag folgten dann beispielsweise "Spiegel" und KNA-Mediendienst (€), am Samstag die "Süddeutsche". "In 'Gladbeck – Das Geiseldrama' weitet sich der Blick auf die Monstrosität des Geschehens auf eine dermaßen erschütternd intensive Weise, wie es Dokumentationen oder Filme nur selten schaffen. Wer wegen des Spektakels hierherkommt, wird nicht auf seine Kosten kommen, im Gegenteil. Wer gafft, wird nur seine sensationsgeile Visage im Spiegel sehen", schreibt Oliver Kaever im "Spiegel". Auf diesen Aspekt geht auch Tobias Kniebe in der SZ ein. Er schreibt des weiteren: "Die Erkenntnis, dass offenbar niemand gegen die absurde Dynamik des Sehens und Gesehenwerdens, des Gaffens und Im-Zentrum-aller-Aufmerksamkeit-Stehens gefeit ist, fällt heute, mitten im Instagram- und Tiktok-Zeitalter, vielleicht leichter als damals. Die Reporter (hörbare Regieanweisung: 'Halt ihr mal die Pistole an den Kopf!') sind es natürlich in keinster Weise, ebenso wenig die Täter, die der Selbstdarstellung bald mehr Zeit widmen als der Fluchtplanung."

+++ Aus ganz anderen Gründen ein Fernseherereignis: der Arte-Schwerpunkt "Generation Africa" mit 25 Dokumentarfilmen und Dokumentationen, die Geschichten rund um das Thema Flucht nicht aus einer westlichen Perspektive erzählen, sondern aus der afrikanischer Filmemacherinnen und Filmemacher, die teilweise selbst Auswanderungserfahrungen haben. Sieben dieser Filme laufen am Dienstag und Mittwoch im linearen Fernsehen, zwei davon habe ich gesehen: "Geld für Mutter nach Simbabwe" und "Neue Boote, leere Netze". Es sind mittellange, beobachtende Dokumentarfilme, die ohne Off-Text auskommen. In beiden Filmen spielt, ähnlich wie in anderen für den Schwerpunkt entstandenen Produktionen, auch innerafrikanische Migration (die in europäischen Medien gemeinhin wenig Aufmerksamkeit bekommt) eine Rolle - in "Geld für Mutter nach Simbabwe" die von Simbabwe nach Südafrika, in "Neue Boote, leere Netze" die von Sierra Leone nach Guinea. Die Deutsche Welle, deren Akademie "Generation Africa" finanziell unterstützte, hat das Projekt vor einigen Monaten vorgestellt.

+++ Zur Dokumentation "The American Führer - Hitlers unliebsamer Doppelgänger", heute spät im Ersten Programm und bereits jetzt in der Mediathek, kann ich aus eigener Anschauung nichts sagen. Harald Hordychs SZ-Rezension verspricht aber viel. Von "einer kurzweiligen wie erhellenden Lehrstunde über vergessenen, kaum wahrgenommenen deutsch-amerikanischen Faschismus" ist die Rede, auch von einer "beeindruckenden historischen Wucht, die nie erdrückt, sondern aufklärt". Der "Tagesspiegel" und die "Stuttgarter Nachrichten" empfehlen den Film ebenfalls.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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