Das Altpapier am 22. Juni 2022 Mehr Tech wagen

BDZV-Chef Mathias Döpfner und die Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa sind sich einig: Der Journalismus braucht mehr Technologie. Nur so könnten wir den Kampf gegen Propaganda gewinnen, sagt Maria Ressa. Ein Altpapier von Annika Schneider.

Das Altpapier am 22. Juni 2022: Porträt der Altpapier-Autorin Annika Schneider
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Maria Ressa ruft zum Kampf

Diese Woche habe ich zum ersten Mal nach einem Interview um ein gemeinsames Foto gebeten. Das lag nicht nur daran, dass die Interviewte, Maria Ressa, eine Friedensnobelpreisträgerin ist, sondern auch daran, dass sie im Gespräch sehr freundlich, offen und persönlich war. Das Foto, auf dem ich angesichts des gerade absolvierten Interviews breit grinse, täuscht über unser bitterernstes Gesprächsthema hinweg, nämlich die Frage, was seriöser Journalismus der globalen Propaganda diverser Regime und Interessengruppen entgegenzusetzen hat.

"Wir verlieren die Schlacht gegen Desinformation auf der ganzen Welt. Das heißt nicht, dass wir aufgeben. Aber wir müssen allen sagen: Der Kampf findet statt, er findet jetzt statt, und alle, denen Demokratie und die Menschheit am Herzen liegen, sollten sich jetzt beteiligen",

sagt Maria Ressa in dem Interview, das bei @mediasres zu hören ist. In Russland hätten die Journalistinnen und Journalisten diese Schlacht schon verloren.

Das Gespräch fand am Montag beim Global Media Forum in Bonn statt, zu dem die Deutsche Welle jedes Jahr Menschen aus der ganzen Welt einlädt, die sich mit Medien und Journalismus beschäftigen. Es ist eines der ganz wenigen Formate, die das Label "Diversity" tatsächlich verdienen. Ein großer Teil der Teilnehmenden kommt aus dem so genannten globalen Süden, diverse Generationen und Mediensparten sind vertreten. Die Frage, wie man gegen die Übermacht der grassierenden Falschmeldungen ankommt, beschäftigt alle – ob die Senderchefin aus der Ukraine, den Mediengründer aus Nigeria oder die Redakteurin aus Myanmar.

Ganz im Sinne des ebenfalls viel diskutierten lösungsorientierten Journalismus, ging es vor allem um die Frage, was sich gegen Propaganda und Manipulation denn konkret tun lässt. Die philippinische Investigativjournalistin Maria Ressa denkt darüber seit so vielen Jahren nach, dass sie sich manchmal wie "eine Mischung aus Kassandra und Sisyphos" fühle, hat sie schon öfter gesagt. Mit ihrem 2012 gestarteten Nachrichtenportal "Rappler" erprobt sie außerdem ganz praktisch (und unter hohem persönlichem Risiko), was digitaler Journalismus einer pressefeindlichen Regierung entgegensetzen kann.

Wie also lässt sich das Vertrauen der Menschen in Medien zurückgewinnen? Maria Ressa hatte dafür in ihrer Eröffnungsrede drei Schlagworte parat, die aus ihrer Sicht zentral sind: Journalismus, Technologie und Community.

Faktenchecks reichen nicht

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn in vielen Debatten über Desinformation diskutieren wir vor allem über die Waffen des klassischen Journalismus, zum Beispiel Faktenchecks (auf die er keine Lust mehr habe, beklagte sich ein Teilnehmer des Forums – es gibt ja auch spannendere journalistische Arbeit, als den Schmutz anderer Leute wegzukehren). Die anderen beiden Säulen, Technologie und Community, werden dann gerne zusammengeworfen in der Forderung, die großen Plattformen müssten Falschmeldungen, Propaganda und Hassbotschaften besser regulieren. Dass es um mehr geht, wurde in den Panels des Global Media Forums sehr deutlich.

Beispiel Ukraine: Wenn die Sendemasten zerstört sind, nützt die beste Nachrichtenredaktion nichts, weil ihre Arbeit nicht bei den Menschen ankommt, zum Beispiel im Donbass. Oder die großen Plattformen: Solange sie weiterhin nach eigenem Gutdünken entscheiden, wem ein Video überhaupt vorgeschlagen wird, bringt einem Medium auch das beste Storytelling nichts, weil ein Teil des Publikums den Clip nie sieht. Inhalt und Verbreitung müssten deshalb viel mehr zusammen gedacht werden, forderte Maria Ressa: 

"In order to fight tech, you need tech, and we journalists haven’t embraced it enough.”

Interessanterweise hat Noch-BDZV-Präsident Mathias Döpfner (mehr zur Personalie in diesem Altpapier) diese Woche etwas ganz Ähnliches gesagt, als er für mehr digitale Innovationen im Journalismus plädierte. Ihm ging es dabei unter anderem um automatisiert geschriebene Texte, aber ein bei Meedia zu findendes Zitat passt auch zu Maria Ressas Forderungen:

"Wir wollen keine Menschen durch Maschinen ersetzen, aber wir wollen Menschen durch Maschinen stärker machen."

Alle, die an dieser Stelle sagen: "Nein danke, meine Recherchen sind so gut, dass sie auch ohne technischen Schnickschnack ihr Publikum finden", haben wohl noch nicht verstanden, wie sehr seriöser Journalismus im Nachteil ist, wenn er auf sozialen Plattformen mit strategisch gestreuten Lügenmärchen konkurriert. Oder, in den Worten von Maria Ressa:

"Lies spread faster than facts.”

Genau wie beim Rennen zwischen dem Hasen und dem Igel kann der Journalismus gegen Propaganda nur verlieren, weil diese schlicht nicht einzuholen ist. Deswegen liege das Problem auch nicht in der Moderation von Inhalten, betonte Maria Ressa, sondern auf einer viel höheren Ebene, nämlich im Geschäftsmodell der Plattformen. Viel Lob gab es von ihr in diesem Zusammenhang für die geplanten Maßnahmen der EU, um die Plattformen zu mehr Transparenz zu zwingen.

Vorbild Lokaljournalismus

Auch die dritte Säule, die "Community", spielt bei vielen Journalistinnen und Journalisten erst langsam die Rolle, die sie sollte. Um mich selbst als Negativbeispiel zu nehmen: Das "Community Management" übernehmen in den Redaktionen meist eigens dafür zuständige Menschen, meine eigenen Berührungspunkte mit meiner Zielgruppe sind eher begrenzt (gelegentliche Hörermails, ein paar Twitter-Kommentare). Ein Lichtblick ist es, wenn ich den @mediasres-Podcast "Nach Redaktionsschluss" hoste, in dem ich ab und zu länger mit einer Hörerin oder einem Hörer diskutieren kann (und in der Vorbereitung oft mit vielen weiteren spreche).

Enge Kontakte zur Hörer- und Leserschaft zu pflegen und eine langfristige Bindung aufzubauen, wird von vielen in erster Linie als Teil eines erfolgreichen Geschäftsmodells diskutiert, Stichwort Crowdfunding. Maria Ressa sagt: Mindestens ebenso wichtig ist der Austausch mit der Community, um das Vertrauen in die Medien zu stärken.

Es gibt inzwischen schon viele Redaktionen, die genau das umsetzen. Facebook, YouTube, Tiktok und die anderen Plattformen, vor denen Maria Ressa warnt, spielen bei den Austauschformaten immer noch eine große Rolle (mehr über die Problematik in diesem Altpapier), aber es gibt auch andere Ansätze. Eines von vielen Beispielen findet sich im Altpapier-Mutterhaus MDR, das vor kurzem die Menschen im Sendegebiet ausführlich zu ihrer Mediennutzung in der Pandemie befragt und dazu ein ganzes Themendossier geschrieben hat.

Die beste Inspiration bietet meiner Meinung nach der Lokaljournalismus. Das liegt an Projekten wie RUMS in Münster (bei dem Altpapier-Autor Ralf Heimann dabei ist), Karla in Konstanz und den Relevanzreportern in Nürnberg, die sich über ihre Community nicht nur finanzieren, sondern über sie auch Themen generieren. Aber auch der herkömmliche Lokaljournalismus kennt seine "Community" von jeher sehr gut und steht im ständigen Austausch mit ihr – bei jedem Schritt aus der Redaktion läuft man den Menschen über den Weg, über die man schreibt (wenn es das Arbeitspensum und die Größe des Verbreitungsgebiets zulassen). Diese Chance würde ich mir bei meiner Arbeit für überregionale Medien manchmal wünschen.

Um noch einmal auf die drei Säulen zurückzukommen: Guten Journalismus gibt es in Deutschland zuhauf. Beim Thema Technologie sind die Medienhäuser noch dabei, zwischen den "alten" Ausspielwegen und der Fremdbestimmung durch die Tech-Plattformen neue Wege zu ihren Leserinnen und Zuschauern zu etablieren, ob per Newsletter, Podcast oder App. Beim Stichwort Community erlebe ich bei vielen Kolleginnen und Kollegen noch eine gewisse Skepsis, es gehe darum, sich zu rechtfertigen oder sich in seine Profession "reinreden" zu lassen. Dabei ist das Ziel vielmehr, die eigene Arbeit besser zu erklären und die Interessen des Publikums zu kennen. Aber diese Skepsis wird sich mit der nächsten Journalistengeneration vielleicht von allein erledigen.


Altpapierkorb (... über Intendantengehälter)

+++ Es geht also auch anders: Nachdem die "Welt" mit einem Gastbeitrag über angebliche Indoktrinationsversuche in der "Sendung mit der Maus" ziemlich auf die Nase gefallen ist, sind die Öffentlich-Rechtlichen in der heutigen Ausgabe wieder Thema, diesmal allerdings in einem wohltuend nüchternen Text. Christian Meier hat recherchiert, wie viel die ARD-Führungskräfte verdienen. Im Artikel findet sich auch der Hinweis auf ein schon etwas älteres KEF-Gutachten zur Gehaltstruktur der Sender, demzufolge "das Niveau gegenüber dem öffentlichen Sektor 'erhöht' ausfällt, im Vergleich zur kommerziellen Medienwirtschaft 'leicht überdurchschnittlich' liegt und bezogen auf die allgemeine Wirtschaft 'vergleichbar' sei."

Neues Altpapier gibt’s am Donnerstag.

1 Kommentar

Denkender Buerger vor 1 Wochen

Na warten wir erst mal ab, was passiert, wenn die EU erste gegenleistungen von der Ukraine fordert.
Dann wird es dort heißen:
"Ne maju" (ich kann nicht), "Ne snaju" (ich weiß nicht) oder "Ne panamaju" (ich verstehe nicht) - gegebenenfalls auch "Nikawo" (niemand), "Nigdje" (nirgendwo) oder "Nischewo" (niemals).
Wir werden es noch erleben!

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