Das Altpapier am 30. Juni 2022 Was wird aus dem "Rappler"?

Auf den Philippinen hat Investigativjournalistin Maria Ressa vom "Rappler" wieder großen Ärger. Donald Trump ist womöglich zum hundertsten Mal zu weit gegangen, diesmal aber wirklich. Also vielleicht. Und: schon wieder eine Art Offener Brief sowie harte Kollegenschelte von Friedrich Küppersbusch. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 30. Juni 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
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Maria Ressas "Rappler" – geschlossen

Auf den Philippinen steht ein Präsidentenwechsel bevor, und was passiert? Kurz zuvor wird der "Rappler" geschlossen. Das ist die Investigativplattform, für die – neben vielen anderen – Maria Ressa arbeitet, die den Friedensnobelpreis erhalten hat, nachdem sie sich mit der Duterte-Administration angelegt und über den "Drogen-Krieg" des Präsidenten berichtet hatte; einen "Krieg", "in dem bis zu 30 000 Menschen unter dem bloßen Verdacht getötet worden sein sollen, sie könnten Rauschgift konsumiert oder verkauft haben" ("Frankfurter Allgemeine" heute). Nun tritt Duterte ab. Und der "Rappler" wird gerade noch rechtzeitig mit einer nicht sonderlich zwingend wirkenden Begründung von einer Behörde stillgelegt. Wer an Zufälle glauben mag, kann das tun. Aber "der Zeitpunkt für den Behördenerlass ist auffällig", fasst die "FAZ" das Naheliegende zusammen.

Wie es weitergeht mit dem "Rappler", ist nun so ungeklärt wie die Frage, ob Dutertes Nachfolger, Ferdinand Marcos jr., der Sohn des früheren Diktators, ebenso autoritär vorgehen will wie seinerzeit sein Vater. "Immerhin, es gibt ein paar politische Beobachter, die sich vorstellen können, dass es unter Marcos jr. ein wenig besser wird als unter Duterte", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Was immer das dann heißen würde.

Mal wieder eng für Donald Trump

In den kommenden Tagen wird es womöglich mal wieder einmal eng für Donald Trump, nachdem Cassidy Hutchinson, eine Mitarbeiterin seines ehemaligen Stabschefs, bei einer Anhörung über sein Verhalten rund um den Kapitol-Sturm am 6. Januar 2021 ausgesagt hat. Deutsche Redaktionen haben während Trumps Amtszeit allerdings schon so oft gemutmaßt, dass es eng für ihn werden könnte, dass man eine ganze Kolumne ausschließlich mit entsprechenden Schlagzeilen füllen könnte. Ich würde ihnen hier glatt eine ausführliche Sammlung anbieten, wenn Sascha Lobo nicht schon vor zwei Jahren in einer "Spiegel"-Kolumne und Altpapier-Kollege Ralf Heimann weitere drei Jahre zuvor im "Bildblog" welche zusammengestellt hätten.

"Wird es jetzt eng für Donald Trump?" twitterte Ralf Heimann gestern nun, das war allerdings weniger eine Frage als ein Zitat. Wie eng es für Trump wirklich wird, werden wir jedenfalls auch diesmal nicht wissen, bis sich der Staub gelegt hat. Denkbar ist, dass auch diesmal wieder jemand die Besen versteckt.

PS: Sollten Sie Lust bekommen haben, zu erfahren, wie die Zukunft aussieht, dann ist Ihnen die Lektüre des Mittwochs-Newsletters von Gabor Steingart zu empfehlen. Darin geht es um einen Mann, der aus der republikanischen Nachwuchsgarde herausrage. "Zögern Sie nicht, einen ersten Blick auf den möglichen nächsten Präsidenten der USA zu werfen", schreibt er. Sie könnten stattdessen natürlich auch zum Pferderennen gehen.

Ein weiterer Appell vieler Einmischer

Aufmerksamkeit, zumindest in den Social Media, hat am Mittwochabend ein "Appell" generiert, der in der "Zeit" erschienen ist. "Waffenstillstand jetzt!" ist er überschrieben, es geht also um Russlands Krieg in der Ukraine. Verfasst oder unterzeichnet wurde er von prominenten Einmischerinnen und Einmischern von A wie Jakob Augstein über F wie Flaßpöhler, K wie Kluge und P wie Precht bis Z wie Juli Zeh (von denen einige vor kurzer Zeit schon einmal einen Offenen Brief unterschrieben haben).

Man fragt man sich angesichts des Titels als erstes, an wen sich ein solcher Appell richten könnte. An Russland? Als ob Putin auf einen Appell von deutschen Publizisten, Philosophinnen, Politikwissenschaftlern und Schriftstellerinnen in einer deutschen Wochenzeitung gewartet hätte. Nein, als Appell an die russische Führung gelesen, wäre dieser Text sinnlos und wichtigtuerisch. (Was ihm selbstredend auch vorgeworfen wird.) Den Formulierungen im Appelltext selbst nach richtet er sich freilich auch nicht an die russische Führung:

"Wirtschaftliche Sanktionen und militärische Unterstützung müssen in eine politische Strategie eingebunden werden, die auf schrittweise Deeskalation bis hin zum Erreichen einer Waffenruhe gerichtet ist", heißt es.

"Bislang ist kein konzertierter Vorstoß der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der großen westlichen Akteure, erfolgt, um Verhandlungen auf den Weg zu bringen. Solange dies nicht der Fall ist, kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine Verständigung unmöglich ist und insbesondere Putin nicht verhandeln will."

Und: Nur eine diplomatische Großoffensive kann aus der momentanen Sackgasse herausführen."

Der Adressat des Formats "Appell" wäre demnach die internationale Gemeinschaft. (Was dem Text ebenfalls vorgeworfen wird, da nun mal Russland der Aggressor ist.)

Ich sitze allerdings offensichtlich etwas meinungsschwächer vor dem Text als einige andere. Die Verantwortungslosigkeit, die manche unterstellen, vermag ich in Forderungen wie der, man müsse Wirtschaftssanktionen und Waffenlieferungen in eine politische Strategie einbetten, nicht zu entdecken.

Noch ratloser sitze ich nur vor den auf Twitter geposteten Reaktionen (auch vieler Medienleute) auf den Text. Ich würde sie, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wie folgt zusammenfassen:

  • Da steht ja gar nichts Konkretes drin!
  • Diese immer gleichen Forderer nerven!
  • Gebt doch einfach gleich ein Monatsmagazin "Der Offene Brief" raus!
  • Aber Russland verhandelt ja eh nicht!
  • Wie eitel kann man sein?!
  • Da steht ja immer noch nichts Konkretes drin!
  • Kumbaya!

Was aber, wenn sich dieser Appell genannte Text weder an Russland noch an die internationale Gemeinschaft richtet, sondern an die deutsche Öffentlichkeit? Und wenn er vor allem ein Diskursbeitrag mit dem Ziel sein wollte, weitere Beiträge zu generieren – eine Aktivierung also, um den Fokus weg von der Frage zu lenken, wie viele Panzer Deutschland denn nun genau geliefert habe?

Eigentlich müsste man nach einem solchen Text darüber diskutieren, ob es stimmt, was als Grundannahme darin mitschwingt: dass es in Deutschland eine nicht von ausreichender Sachkenntnis flankierte Stimmung für Waffenlieferungen an die Ukraine gibt, die dazu beiträgt, dass viel weiter gar nicht erst gedacht wird. Ich selbst habe den Eindruck, die vorhandenen Dilemmata werden mittlerweile durchaus diskutiert. Aber das ist nur ein Eindruck, und natürlich kann man einen anderen haben.

Harte Kollegenschelte von Friedrich Küppersbusch

Der Fernsehproduzent und Medienjournalist Friedrich Küppersbusch ist jedenfalls wohl auch der Ansicht, der Diskurs habe Leerstellen. Er hat dem "Freitag" ein auf zwei Seiten gedrucktes Interview gegeben und kritisiert an der deutschen Kriegsberichterstattung ein "sensationell geringes" Interesse am "Gesamtbild":

"Die deutsche Medienlandschaft ist ja kritisch. Punkt. Sie kritisiert zu wenig Waffen, zu wenig Sanktionen, zu wenig Boykott, zu wenig Geld."

Allerdings werde der Kanzler "immer nur" gefragt: "Wann kommen denn die Leos? Und warum kommen nicht mehr?" – was natürlich eine Zuspitzung ist. "Gibt es eine Debatte über weniger Waffen, weniger Sanktionen? Nein, gibt es nicht, denn da fängt eigentlich schon die Putin-Versteherei an." So Küppersbusch.

Ist das nun allerdings eine Forderung, keine Waffen zu liefern oder die Sanktionen auszusetzen? Das müsste man ihm schon gezielt so auslegen wollen. Er argumentiert anders, mit journalistischen Aufgaben: dass man zweifeln und alle Positionen hören müsse; und das berühmte Hajo-Friedrichs-Zitat vom "Sich-nicht-gemein-machen" (über dessen Bedeutung man wohl immer weiter streiten wird) fällt auch. Ihn erschrecke "eine Medienlandschaft – das ist jetzt harte Kollegenschelte, aber einer muss es machen –, die so tut, als wäre sie schon zum Wehrdienst eingezogen", sagt er. "Manchmal hülfe es doch, vor der 'Senden'-Taste noch mal zu schauen, was die NATO-Pressestelle an diesem Werkstück anders gemacht hätte."

Und ja, er hat Recht: Das ist harte Kollegenschelte, und ein-, zweihundert Konkretisierungen würde man ganz gerne noch nachgereicht haben.

Als Anlass, die (auch eigene) Berichterstattung zu reflektieren, müssten solche Interviews und Appelle in Redaktionen aber eigentlich willkommen sein. Falls man dabei dann feststellt, dass die Kritik unberechtigt ist oder nur andere gemeint sein können: umso besser.


Altpapierkorb (MDR-Jubiläum, Talibanvergleiche, Fernsehzukunft)

+++ "Steinmeier würdigt MDR als 'Stimme für die Demokratie'" (mdr.de) und "Steinmeier bezeichnet MDR als 'Bastion der Pressefreiheit‘" (mdr.de): Unser MDR hat gestern seinen 30. gefeiert, und der Bundespräsident war auch da. Da sagen wir heute einfach mal: okay, weitermachen! Andere haben übrigens auch berichtet, auch darüber, dass Frank-Walter Steinmeier nicht nur gratuliert, sondern auch gemahnt habe.

+++ Lesenswert ist Dunja Ramadans Analyse der Selbstgerechtigkeit, mit der das Abtreibungsurteil des US-Supreme Courts diskutiert wird. In der "Süddeutschen Zeitung" beklagt sie, dass der in den USA heimische religiöse Fundamentalismus als talibanesk kommentiert werde – gerade so, als könnte es antiemanzipatorische Politik in einer westlichen Gesellschaft per se nicht geben: "Seit Monaten ziehen US-Prominente ähnliche Vergleiche, darunter Bestsellerautor Stephen King, der twittert: 'Die Taliban würden Texas' Abtreibungsgesetz lieben'. Oder die zweifache Oscar-Gewinnerin Barbra Streisand, die schreibt: 'Dieses Gericht sind die amerikanischen Taliban.' Auch in sozialen Medien, auf Kundgebungen oder in Talkshows werfen Kritiker der verschärften Abtreibungsgesetze den Republikanern vor, die Scharia in den USA einführen zu wollen."

Das Kritikwürdige daran ist der latente Chauvinismus, das binäre Denken in vorne (wir) und hinten (die): Wenn Unterirdisches passiert, befinden wir uns plötzlich "in der Steinzeit" oder "bei den Mullahs". Dabei kriegen "wir" das ja schon alles ganz alleine und in der Gegenwart hin. Ramadan weiter: "Selbstgezüchteter Moralismus? Kann doch nicht sein. Stattdessen führt die USA die Scharia ein. Christliche Bigotterie? Lieber rasch auf die Talibanisierung/Islamisierung/Schariasierung der USA hinweisen. Dabei müsste man sich nur anhören, wie der ehemalige US-Präsident Donald Trump auf das Urteil reagiert hat – nämlich mit den Worten: 'Gott hat das entschieden!'"

+++ "Das oft, aber offensichtlich zu früh totgesagte Teufelsmedium Fernsehen hat eine interessante, vielleicht sogar fabelhafte Zukunft – trotz des berechtigten Siegeszugs sozialer Medien", schreibt Sascha Lobo in der "Zeit".

+++ Andere These: im "Tagesspiegel" unter der Überschrift "Wird lineares Fernsehen bald aussterben?"

(Transparenzhinweis: Ich arbeite frei für den "Freitag".)

Neues Altpapier erscheint am Freitag.

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