Das Altpapier am 6. Juli 2022 Hört ihr ihn auch nicht, den Boom?

Heute beginnt die Fußball-Europameisterschaft, aber weil es die der Frauen ist, ist der mediale Rummel übersichtlich. Die Debatte um Henri Nannens Vergangenheit wird von einem Anwaltsschreiben bereichert. Und: Tilo Jungs Interview mit Andrij Melnyk. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 6. Juli 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
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Frauenfußball ist kein Männerfußball

Hat jemand mitbekommen, dass am heutigen Mittwoch die Fußballeuropameisterschaft beginnt? Um 21 Uhr (MESZ) spielen im Old Trafford in Manchester die Teams Englands und Österreichs das Eröffnungsmatch, und hurra!, die deutsche Elf ist auch qualifiziert. Nochmal zum Mittanzen: Die Fußballeuropameisterschaft beginnt. Nicht morgen, nicht gestern, nicht übernächste Woche. Heute.

Auf den Titelseiten der "Süddeutschen Zeitung" (Fernausgabe) und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" steht darüber allerdings heute kein Wort. Auch nicht auf dem Titel der "Welt" oder der überregionalen von "Bild", die für ihre "umfassende Sportberichterstattung" bekannt ist. Im Sportteil berichtet die "FAZ" mit einem Fünfspalter (kleines Foto) unter einem größeren Fünfspalter (großes Foto), der vom FC Bayern München handelt. Die "SZ" bietet einen Zweispalter und einen vierspaltigen Spielplan an, beides unterhalb der Berichterstattung über das deutsch-deutsche Frauen-Tennisviertelfinale in Wimbledon.

In der Mediathek des ZDF (das mit der ARD die Spiele der Europameisterschaft überträgt) musste man sich am Dienstagabend in den Sportbereich (unter "Rubriken", dann Position 6) klicken, bevor man eine Dokumentation zur EM fand. Auf der Startseite der ARD-Mediathek gab es am Dienstagabend zwei Hinweise aufs Sportprogramm, aber der eine galt der Dokuserie "Being Jan Ullrich", der andere dem "ARD Sportsommer" (mit der Zeile "Alles zur Tour de France").

Selbst auf dem Cover des aktuellen "Kicker", einer Fußballfachzeitschrift, ist die Europameisterschaft nur das dritte Thema, klein unten links; in der Titelgeschichte geht es um Borussia Dortmund. Das Fußballmagazin "11 Freunde" hat "die Nacht von Sevilla" auf dem Cover, es geht also um Eintracht Frankfurts Uefa-Cup-Sieg. Allein die "taz" und taz.de vom Dienstagnacht machen mit der Europameisterschaft auf. So wie die "taz" es bei Frauenfußballturnieren oft tut.

Und da hätten wir nun auch die Auflösung dieses Aufmerksamkeitsabwesenheitsrätsels: Die Fußball-Europameisterschaft, die heute beginnt, ist die der Frauen. Was bei Männerturnieren schon vorab an medialem Geschiss veranstaltet wird, muss wohl irgendwo wieder ausgeglichen werden, und nun wissen wir auch wieder, wo. Der Frauenfußball erlebe "einen nie dagewesenen Boom", schreibt "11 Freunde" im aktuellen Heft ("Über 90.000 Fans im Camp Nou, Rekordabsätze beim Ticketverkauf für die kommende EM"). Aber so ein Boom kann halt wohl auch mal etwas leiser ausfallen.

Der "Tagesspiegel" thematisiert den Turnierbeginn auf der Medienseite, auf der es um die Fernsehübertragungspläne von ARD und ZDF geht, um gute Publikumsresonanz bei Spielen mit deutscher Beteiligung, und um die Kommentatorinnen- und Expertenriege. Bastian Schweinsteiger sei zum Beispiel nicht dabei, schreibt Markus Ehrenberg und deutet das so: "Das ist vielleicht auch eine Frage des Stellenwerts, den Frauenfußball abseits deutscher Auftritte medial wirklich hat." Man könnte das unter Umständen so sehen.

Post vom Anwalt in Sachen Nannen

Es gibt einen neuen Protestbrief! Wobei, eigentlich ist es ein Anwaltsschreiben. "Protestbrief", so nennt es nur kress.de, das zuerst daraus zitierte (gefolgt von tagesspiegel.de und z.B. faz.net). Thema: Henri Nannens Biografie und die Berichterstattung darüber.

Der Absender ist kress.de zufolge Medienanwalt Christian Schertz "im Auftrag der Familie von Henri Nannen (Sohn Christian Nannen und seine Enkel Stephanie und Jan-Oliver Nannen)". Der Adressat sei Joachim Knuth, der NDR-Intendant, denn es geht um die NDR-, konkret "STRG_F"-Recherchen über Verleger Henri Nannen.

Darüber wurde in den vergangenen Wochen viel geschrieben. Bei uns im Altpapier wurde die Berichterstattung, die heutige Kolumne inklusive, seit Mai auch schon neun Mal aufgegriffen. "STRG_F" hatte einen Film darüber gemacht, dass der Verleger Nannen, der dem Journalistenpreis und der Journalistenschule seinen Namen gegeben hat, in einer Propagandaeinheit der Nazis tätig gewesen war, die Flugblätter produziert und verteilt hat. Das war nicht neu; "neu waren im NDR die Verweise auf judenfeindliche Flugblätter", so die "FAZ" (wobei "weniger bekannt" wohl korrekter wäre).

Unter anderem darum, ob, wie und in welcher Rolle Nannen in deren Produktion und Verbreitung eingebunden war, geht es jetzt laut kress.de. Dem Branchendienst zufolge schreibt Medienanwalt Schertz: Es gebe "für eine Beteiligung von Henri Nannen an der Gestaltung oder auch Verteilung der im Beitrag gezeigten antisemitischen Flugblätter bis zum heutigen Tag keinen einzigen Beweis. Hierauf weist aber der Beitrag nicht hin." Es werde ein nur "vermeintlicher Beweis" angeführt.

Ein juristischer Vorgang ist mit dem Brief an den NDR in der Form wohl noch nicht verbunden, sondern er steht nun lediglich im Raum. Der NDR will laut kress.de das Schreiben prüfen, aber "generell" an seiner Berichterstattung festhalten, weil ihr "eigene juristisch geprüfte und ausführlich dokumentierte Recherchen" zugrunde lägen.

Gegen eine Klärung von Details spricht nichts, weil Klärungen in der Regel erhellend sind. Aber auf einen bislang hier im Altpapier nur verlinkten, nicht zitierten Text zum Thema von Nils Minkmar möchte ich dann zwecks möglicher weiterer Erhellung noch hinweisen. Minkmar schrieb im Juni in der "Süddeutschen Zeitung", dass in der 1999 erschienenen Henri-Nannen-Biografie von Hermann Schreiber Flugblätter beschrieben seien, auf denen "man die rassistischen Stereotype antisemitischer Karikaturen erkennen" könne.

Auf einem der fraglichen Propagandaeinheit zugeschriebenen Flugblatt sei "ein amerikanischer Straßenkreuzer zu sehen, der mit einem feisten Zigarrenraucher und einer Blondine an Bord vor einer Schlachtenkulisse mit einem Jeep voller Verwundeter dahin braust und an dessen Tür ein Judenstern mit einer Krone darüber aufgemalt ist", zitiert er aus dem Buch. Minkmar weiter: "Schreiber zitiert einen Zeitzeugen, der belegt, dass es Nannen war, der die Ideen für solche Flugblätter hatte."

Zu Tilo Jungs Melnyk-Interview

Vor Kurzem hat Tilo Jung den ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, interviewt. Sehr ausführlich, drei Stunden lang. Meedia schrieb dazu: "Kurz nach dem Erscheinen hat aber vor allem ein knapp 20-minütiger Ausschnitt für internationale Diskussionen gesorgt, in dem Melnyk sich zu dem umstrittenen Nationalistenführer Stepan Bandera äußerte, für eine Beteiligung seiner Anhänger an der Ermordung von Juden und Polen im Zweiten Weltkrieg fehlten demnach Beweise." spiegel.de nannte die Bewertung Banderas "heikel": "So besteht zwischen Historikern weitestgehend Konsens, dass seine 'Organisation Ukrainischer Nationalisten' faschistisch und rassistisch war, als prominenter Anführer übernahm er Verantwortung – gleichzeitig sind persönliche Teilnahmen Banderas am Völkermord nicht belegt, sagte Melnyk."

Das Interview, das zwischenzeitlich bei TikTok ohne Angabe nachvollziehbarer Gründe gesperrt war, hat einige Verwerfungen verursacht, in Polen und Israel und schließlich auch in der Ukraine. Melnyk soll demnächst wohl aus Deutschland abgezogen werden, wie "Bild" meldet und andere, etwa die "FAZ", ebenfalls gehört haben. "Angesichts des absurden Moskauer Narrativs, dass die russische Armee in der Ukraine Faschisten bekämpfe, war die Bewunderung des Botschafters für den umstrittenen Nationalisten gleichwohl kontraproduktiv", schreibt die "Süddeutsche" heute auf den Auslandsseiten.

In der "FAZ" geht es auf der Medienseite aber auch um Tilo Jung, der – so steht es in der Unterzeile – ein "Seltsam-Frager" sei. Ihm wirft Warschau-Korrspondent Gerhard Gnauck vor, er habe Melnyk einem "historischen Verhör" unterzogen, das wenig erhellt habe, und anschließend genau diese Passage in den Mittelpunkt seiner anschließenden Social-Media-Tätigkeiten gestellt, statt zum Beispiel "den heutigen Krieg oder aktuelle Kriegsverbrechen". Und natürlich kann man einem Journalisten eine zettelkastenhafte Interviewführung vorwerfen und seiner Redaktion, dass sie auf ihren Social-Media-Kanälen den Lautstärkeregler aufdreht.

Aber die Rollenverteilung, die Gnauck vornimmt, scheint mir doch etwas übervereinfacht zu sein. Ein Satz wie "Melnyk ist kein Historiker, und so ließ er sich aufs Glatteis führen" im "FAZ"-Text ist jedenfalls schon bemerkenswert. Muss man dem Journalisten wirklich vorhalten, dass ein Diplomat auf Fragen zu einem Thema, das ihn schwerlich überrascht haben kann, so antwortet, wie er antwortet?


Altpapierkorb (Lokalzeitungen in den USA, Matthias Brandt in "King of Stonks", "Cancel Culture"-Debatte)

+++ Über "News Deserts" in den USA, Nachrichtenwüsten, die durch die Einstellung von Lokalzeitungen entstanden seien, schreibt Jürgen Schmieder in der "SZ" (€): "2500. So viele US-Zeitungen sind seit 2005 eingestellt worden, rund ein Viertel von davor knapp 10.000. (…) Lokaljournalismus ist bedeutsam in einem solchen Land, denn: Was hat ein linksliberaler Kalifornier mit dem Republikaner aus Kentucky gemein außer der Übereinkunft, keinen gemeinsamen Nenner finden zu wollen? Wenn es niemanden mehr gibt, der über den Stadtrat oder den Skandal im Schulbezirk berichtet oder aufgrund der Monopolstellung eines Mediums nur so, dass es dessen Förderern gefällt, dann ist die Demokratie wirklich bedroht."

+++ "Vollkommen enthemmt und authentisch" sei Matthias Brandt in der Satireserie "King of Stonks", lobt Heike Hupertz in der "FAZ", nachdem auch Harald Staun in der Sonntagsausgabe, der "FAS", schon nette Worte über ihn geschrieben hatte ("Noch nie hat man ihn in einer solchen Rolle gesehen – und selten überhaupt einen Schauspieler, der sämtliche Eitelkeiten in der Garderobe lässt, um noch das letzte Körnchen Eitelkeit aus seiner Figur zu holen.")

+++ Bei dwdl.de gibt es ein Interview mit ihm, also Matthias Brandt, zu seiner Rolle in der "von Wirecard inspirierten Persiflage".

+++ "Mit Fällen mutmaßlicher Cancel Culture ist es ein bisschen wie mit Haiattacken: Ihre mediale Resonanz übertrifft die reale Gefahr bei Weitem", schreibt Johannes Schneider bei Zeit Online angesichts des jüngsten let’s say Vorfalls, der einen von der Berliner Humboldt-Universität abgesagten Vortrag betrifft. Ein Konfliktthema ist es halt, könnte man von noch einer Ebene darüber aus auch sagen: Es triggert Interaktion, was es zu einem Social-Media-Thema macht; das wiederum macht es für Analysen und Kommentare in nicht-sozialen Medien interessant; was es für Social Media interessant macht; usw.; usf.; tbc.

Neues Altpapier erscheint am Donnerstag.

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