Das Altpapier am 24. Juni 2022 Das Berufsverständnis des Journalismus

Die Debatte um die NS-Vergangenheit Henri Nannens sollte sich nicht nur auf eine historische Aufarbeitung beschränken, sondern vor allem ein Anlass sein, sich mit dem strukturellen Grundopportunismus im deutschen Journalismus zu beschäftigen. Außerdem auf der Agenda: mehr Medienkritik von Christian Drosten! Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 24. Juni 2022 Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Was Christian Drosten "sehr besorgnisrregend" findet

Twitter taugt ja immer wieder als Prügelknabe, und das dürfte ein Grund dafür sein, dass der "Spiegel" (€) Christian Drosten gerade Folgendes gefragt hat:

"Auf Twitter macht derzeit die Empfehlung die Runde, man solle sich jetzt im Sommer absichtlich infizieren, um im Winter immun zu sein. Was halten Sie davon?"

Woraufhin Drosten sagt:

"Das ist totaler Nonsens. So viele Menschen können sich im Sommer gar nicht infizieren, dass das im Winter die Coronazahlen niedrig halten würde."

Natürlich trifft es zu, dass dieser "totale Nonsens" bei Twitter "die Runde macht", aber entscheidend ist in dem Fall doch wohl, dass etablierte Medien, also das ZDF oder n-tv.de und viele andere es für angezeigt hielten, auf dieses Schnapsideechen einzugehen. Und Nina Weber hätte für den "Spiegel" vielleicht auch keine Glosse über den Nonsens verfasst, wenn er nur bei Twitter zu finden gewesen wäre.

Lesenswert in dem Interview ist unter anderem eine Passage, in der Drosten mal wieder als Medienkritiker in Erscheinung tritt.

"Was mich (…) wirklich perplex macht, ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass diejenigen in der lauten Minderheit, die alles umdeuten und verdrehen, einfach den längeren Atem haben – vielleicht auch, weil sie sich den lieben, langen Tag offenbar nur damit beschäftigen und nichts Besseres zu tun haben. Während ich und viele andere Wissenschaftler, die viel gute Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben, jetzt langsam nicht mehr können und dringend in den Normalbetrieb zurückmüssen und auch wollen, verstummen diese Leute einfach nicht, sie bekommen immer wieder eine Bühne. Das finde ich sehr besorgniserregend."

Harte Lektüre

Sechs Druckseiten historische Recherchen im Reportageformat, ein vierseitiges Essay und schließlich noch das Editorial - quantitativ hat die Auseinandersetzung des "Stern" mit der Tätigkeit seines langjährigen und gewiss legendären Chefredakteurs Henri Nannen für die SS-Propagandatruppe "Südstern" in der neuen Ausgabe wohl einen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Stefan Schmitz, der Autor der Reportage, hat Gesprächspartner des "Strg_F"/funk-Beitrags, der das Debatten-Revival ausgelöst hat (Altpapier) getroffen, und er kritisiert die eine oder andere Darstellung der NDR-Leute: "'Strg_F' bezeichnet  Nannen als Boss von 'Südstern'", er sei aber "formal" nicht der Chef gewesen, heißt es in dem Text zum Beispiel. Was Schmitz aber auch sagt:

"Trotzdem gibt es keinen vernünftigen Zweifel, dass Nannen genau wusste, was geschah - und an vielem selbst beteiligt war. Das gilt nicht für jedes einzelne Flugblatt (…), aber doch für die Ausrichtung."

Und die bestand darin, "die Art von Antisemitismus, die in Nazi-Deutschland allgegenwärtig war" bzw. einen "frisch konfektionierten Aufguss dieser Standardhetze" zu verbreiten.

Im Editorial schreibt Schmitz’ Nachnamensvetter, Chefredakteur Gregor Peter Schmitz, über den Sechsseiter:

"Es ist eine harte Lektüre, auch für uns beim 'Stern'."

Das gilt auch für eine Passage, die die unmittelbare Nachkriegszeit betrifft:

"Lange bevor der 'Stern' zum linksliberalen Vorreiter von Aussöhnung und Liberalisierung wurde, druckte er auch ganz andere Texte. Artikel, in denen sich die westdeutsche Gesellschaft der Nachkriegsjahre als Opfergemeinschaft wiederfinden konnte: von einer Clique von Nazi-Verbrechern ins Desaster geführt, von den Siegermächten geknechtet. Dem Krieg kommt in dieser Sicht die Kraft einer Naturgewalt zu, an der man eben nichts ändern könne."

Mehr zu diesem Aspekt siehe unter anderem dieses Altpapier.

Dass es noch viel zu tun gibt, schreibt Stefan Schmitz auch:

"20 Jahre ist es mittlerweile her, dass der Journalist Lutz Hachmeister die nach dem Krieg entstandenen Medien ermahnt hat, die eigene Geschichte nicht zu 'verpanzern' und sich ihr zu stellen. Passiert ist seitdem wenig, jedenfalls nicht genug."

Mentale Kontinuitäten

Zum Thema Nannen (und all den damit zusammen hängenden Fragen) ist der erwähnte Lutz Hachmeister zu Gast in der aktuellen Ausgabe von "quoted", dem von Nadia Zaboura und Nils Minkmar präsentierten Medienpodcast der "Süddeutschen Zeitung" und der Civis-Medienstiftung. Hachmeister geht dabei unter anderem auf die Debatte um den gerade frisch in "Stern-Preis" umbenannten "Nannen-Preis" ein.

Bei Gruner+Jahr kamen sie ja erst 2004 auf die Idee, den Preis nach Henri Nannen zu benennen. Bis dahin hieß er Egon-Erwin-Kisch-Preis. Die ersten Nannen-Preisträger wurden dann 2005 gekürt. Die Umbenennung sei "sehr gewagt" gewesen angesichts dessen, dass man wusste, dass Nannen "eine enge Attachierung an das NS-Regime hatte", sagt Hachmeister. Ihm sei "unklar", warum man das "ohne Not" getan habe. Unter Anspielung auf einen Begriff aus dem Tennis, spricht er von einem "unforced error". Zur Zeit der damaligen Umbenennung regierte beim "Stern" eine Doppelspitze aus Thomas Osterkorn und Andreas Petzold.

In dem Podcast nimmt Hachmeister die aktuelle Debatte auch zum Anlass, einen großen grundsätzlichen Bogen zu schlagen:

"Der Journalismus ist ja der einzige Beruf, der die Freiheit hat, auch verfassungsmäßig garantiert, über andere Berufe zu urteilen." Wohingegen "Mediziner oder Architekten ganz selten über Journalisten schreiben". Aus der beschriebenen Sonderstellung müsste eigentlich "ein höheres moralisches Anforderungsprofil erwachsen, was die eigene Vergangenheit anbelangt". Das gebe es aber nicht. Sein Urteil:

"(Der Journalismus) ist ein außerordentlich opportunistischer Beruf, der das macht, was ihm gerade finanziell (und) politökonomisch (…) zupass kommt, aber ansonsten überhaupt keinen moralischen Anker hat (…)"

Deshalb habe er "ja auch immer geschrieben", dass die Fragen "Wie haben sich Journalisten 1933 verhalten?" und "Wie haben sie sich 1945 verhalten?" "im Grunde keine zeithistorischen Fragen" seien. Vielmehr gingen sie "gewissermaßen ins Fundament des Welt- und Berufsverständnis".

Ergo: Es gibt im Journalismus mentale Kontinuitäten, weniger vielleicht, was explizit politische Einstellungen angeht. Sondern es gibt einen Grundopportunismus, der sich oft auch mit Angst paart. Wenn wir über die "Fehler" und "Schwächen" der jüngeren Vergangenheit reden, die unzureichende Berichterstattung über die Gefahren durch die Klimakrise oder über die Bühnenbereitung für eine "laute Minderheit, die alles umdeutet und verdreht" (um noch einmal Christian Drosten zu zitieren) - dann sollten wir berücksichtigen, dass diese unguten Phänomene auch auf den von Hachmeister genannten fehlenden "moralischen Anker" zurückzuführen sind.

Ein Expressionismus-Pionier als brauner Sportjournalist

Ein Aspekt des Podcasts ist auch die nationalsozialistische Vorgeschichte des "Stern". Co-Moderator Nils Minkmar sagt, es müsse langsam mal Schluss sein mit der Erzählung, dass Nannen der "Gründervater" des "Stern" sei. Schließlich habe er seine Zeitschrift "abgekupfert" bei der 1938 und 1939 in Hannover erscheinenden existierenden Film- und Kulturillustrierten, die ebenfalls "Stern" hieß. Siehe dazu zahlreiche Altpapiere (etwa dieses) und auch einen in dieser Woche in der SZ erschienenen Text Minkmars.

Damit gehört der "Stern" ja zu den wenigen überregionalen Medienmarken der Bundesrepublik, die schon während der NS-Zeit präsent waren. Als weiteres Beispiel würde mir da nur noch der "Kicker" einfallen. Zu dessen Zeit im Nationalsozialismus ist kürzlich ein Buch erschienen, das aktuell Martin Krauß für die taz, meinereiner für die "Jungle World" (noch nicht online, Inhaltsverzeichnis hier) und am Wochenende Thomas Jaedicke in der Deutschlandfunk-Kultur-Sendung "Nachspiel" besprochen haben. Vor einigen Wochen habe ich bereits eine kürzere Rezension für "epd medien" geschrieben.

Nach einer 1943 wegen Papiermangel verordneten Fusion mit dem Konkurrenzblatt "Fußball" stellte der "Kicker" im September 1944 das Erscheinen ein, kehrte dann aber 1951 zurück - mit teilweise demselben Personal.

2019 schrieb ich an dieser Stelle:

"Die meisten Journalisten mussten sich nach Weimar nicht völlig verändern, konnten so in den Nationalsozialismus hinüber gleiten und waren auch nach 1945 schnell wieder anpassungsbereit."

Dafür gibt es in "Einig. Furchtlos. Treu. Der 'Kicker‘ im Nationalsozialismus - eine Aufarbeitung" nun zahlreiche Einzelbeispiele. Es sind viele bis dato völlig Unbekanntes darunter. Das gilt auch für eine der "schillerndsten Persönlichkeiten in der Reihe der 'Kicker'-Redakteure der 1930er und 1940er Jahre", wie es die Herausgeber formulieren: Franz Richard Behrens, der vorwiegend unter dem Pseudonym Peter Mohr für das Fachblatt schrieb. Er hatte vorher unter anderem am Drehbuch für den Stummfilm "Hamlet" mitgewirkt und expressionistische Gedichte veröffentlicht. 1995 startete in der renommierten Edition Text+Kritik eine Behrens-Werkausgabe, deren Herausgeber Gerhard Rühm schreibt, die frühen Gedichte des 1977 in Ost-Berlin verstorbenen Autors nähmen "manches von dem vorweg, was als Erfindung von Kurt Schwitters gilt".

Als Peter Mohr schrieb Behrens für den "Kicker" ab 1939 die Kolumne "Hier spricht die Reichshauptstadt", später bekam sie den Titel "Tagebuch von F. Richard". In dieser Funktion rühmte der Dichter Joseph Goebbels’ berüchtigte Sportpalast-Rede als "große Rede" und hetzte über den "Machtdurst der Juden".

Diese Entdeckungen sind durchaus ein kleiner literatur- und mediengeschichtlicher Scoop. Denn bisher war zwar bekannt, dass Behrens unter dem Pseudonym Peter Mohr als Sportjournalist tätig war, nicht aber, dass er unter anderem unter diesem Namen NS-propagandistische Texte verfasst hatte.

Dass die Edition Text+Kritik immer noch behauptet, dass sich Behrens/Mohr 1935 in die "innere Emigration" zurückgezogen habe, ist jedenfalls ein bisschen peinlich.


Altpapierkorb (Maks Levin, Quatschjura, queere Figuren in der deutschen TV-Fiktion)

+++ Die FAZ befasst sich auf ihrer Medienseite mit einem Untersuchungsbericht der Organisation Reporter ohne Grenzen zu den Umständen des Mordes an dem ukrainischen Fotojournalisten Maks Levin am 13. März (siehe Altpapier). Er und sein Begleiter seien von russischen Soldaten "'kaltblütig' hingerichtet wurden, und zuvor seien sie wahrscheinlich verhört und gefoltert worden".

+++ Beispiele dafür, dass "Kritiker mit juristischen Mitteln aber ohne Rechtsgrundlage eingeschüchtert werden", nennt der Anwalt Chan-jo Jun in einem Thread und bei YouTube. Als Opfer dieser "Quatschjura"-Strategie erwähnt er den "Volksverpetzer", den oben heute schon auftauchenden Christian Drosten und den freien Journalisten Matthias Meisner.

+++ Dass das deutsche Fernsehen "leider bis heute ein sehr großes Problem mit Vielfalt" hat, konstatiert Maria Popov in der"10 vor 8"-Kolumne bei Zeit Online: "Eine Studie der Uni Rostock aus dem Jahr 2021 zeigt, dass nur 2,2 Prozent der fiktiven Figuren im deutschen Fernsehen Teil der queeren Community sind. Der tatsächliche queere Anteil in unserer Gesellschaft liegt bei elf Prozent. Meiner Beobachtung nach bedienen schwule Charaktere häufig Stereotype für den schnellen Lacher. Und bisexuelle Lebensrealitäten nehme ich häufig als Ausdruck einer verwirrten Phase der Protagonist*innen wahr oder sie stärken die Spannungselemente der heterosexuellen Hauptfiguren."

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Schönes Wochenende!

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