Kolumne: Das Altpapier am 24. Januar 2023 Milliardäre, die sich für Medien interessieren

Springer-Chef Mathias Döpfner generiert neue Springer-Diskussionen. Bertelsmann kann sich freuen, dass eher übers Dschungelcamp als über die Gruner+Jahr-Abwicklung diskutiert wird. Außerdem: Braucht der RBB Compliance-Compliance und kann KI Medienberichterstattung kommentieren? Heute kommentiert sie erst mal noch Christian Bartels.

Das Altpapier am 24. Januar 2023: Porträt des Altpapier-Autoren Christian Bartels
"Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Autor Christian Bartels kommentiert im aktuellen Altpapier die wichtigsten Medienthemen des Tages. Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Das Altpapier "Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.

Diskussionsstoff von Dr. Döpfner

Als hätte er bloß noch die Bestätigung abgewartet, dass er (anders als z.B. Berlins Regierende Dr. Giffey ...) seinen Doktortitel behalten kann, gab Mathias Döpfner nun mal wieder ein großes Interview, und zwar dem Top-Multiplikator dpa. Wie es beim wortgewaltigen Springer-Chef meist gewiss nicht aus Versehen passiert, mangelt es darin weder an Ehrgeiz, noch an sonstigen Diskussionsanregungen, die jeder nach seiner Façon weiterdrehen kann. "Make Springer great again", überschreibt der "Tagesspiegel" seine Zusammenfassung und legt einen Fokus darauf, dass Springer vom derzeit nach eigenen Angaben viertgrößten zum dritt- und vielleicht sogar mal größten Verlag der USA werden möchte. "Axel Springer will Amerikas größter Verlag werden", heißt gar die meedia.de-Version. Die eher Springer-freundliche "FAZ" hatte zunächst eine ähnliche Überschrift.

Was diese USA-Fixierung für Deutschland, wo Springer mit "Bild" und "Welt" ja nurmehr zwei Zeitungen besitzt, bedeutet?

"Auf die Frage, ob es Entlassungen bei den beiden Marken geben werde, sagte Döpfner: 'Personalumschichtung auf jeden Fall. An der einen Stelle wird es weniger, an der anderen mehr. Das bedeutet auch Trennungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.' Eine Größenordnung und den Zeitpunkt nannte er nicht."

Unter diesen Aspekt stellt die weniger Springer-freundliche "Süddeutsche" ihre kürzere Interview-Zusammenfassung (und nimmt dann noch die Antwort Döpfners, der seinen Dr. ja als Musikwissenschaftler machte, auf die anderswo unbeachtete Frage "Wie heißt der Song, der Ihren derzeitigen Gemütszustand am besten beschreibt?" zum Anlass für einen weiteren Onlinebeitrag mit eingebundenem Youtube-Video und der attraktiven Überschrift "Dunkeldöpfner"). Den gleichen Dreh wählte tagesschau.de, das nicht zu den engeren Freunden des Hauses Springer zählt:

"Einen Zeitpunkt für das Ende der Druckerzeugnisse nannte Döpfner nicht. 'Wann, weiß ich nicht. Aber es ist völlig klar, dass es eines Tages keine gedruckte 'Bild'-Zeitung, keine gedruckte 'Welt' und überhaupt keine gedruckte Zeitung mehr im Hause Axel Springer geben wird. Außer vielleicht Sondereditionen.'"

Was dann sozialen Medien zu starken Thesen führte wie dieser von Christoph Kappes bei Mastodon:

"Mit diesem Döpfner-Interview sollte nun auch dem letzten klar sein, dass die Tage von BILD und WELT gezählt sind (meine Vermutung: Funke-Gruppe, aber wer weiss)".

Was macht Bertelsmann?

Was macht eigentlich "Was macht eigentlich?"? Die uralte Interview-Reihe, die diese Frage mal neckisch, mal provokant an früher Prominente, von denen seit längerem wenig zu hören ist, richtete und richtet, läuft immer noch. Der "Stern" ist ja auch der letzte Rest des einst stolzen Verlags.

Was Gruner+Jahr macht: nix mehr. Es gibt es nicht mehr. Die Nachricht, dass alles außer eben dem "Stern", der es ja auch zu einer Fernsehmarke gebracht hat, zum Verkauf steht, versteckte Bertelsmann geschickt im Zwischen-dem-Jahren-Loch (Altpapier). Vielleicht spekulierte der Konzern sogar darauf, dass sich jetzt im Januar kleinere Medienressorts gerne mit einer von Bertelsmanns erfolgreichsten deutschen Produktionen befassen, zu der RTLs Presseabteilung üppig Inhalte bereitstellt ...

Zuletzt befasste sich das "manager magazin" mit dem Thema, das schon deswegen gut informiert ist, weil es ein bisschen (mit den 25,5 Prozent der Spiegel-Verlags-Anteile, die früher G+J besaß) selbst zu Bertelsmann gehört. Außerdem verdient ein "Erhalten Sie das publizistische Schwergewicht"!-Appell Aufmerksamkeit:

"Was nach der 'Portfolioanalyse' im Lauf der nächsten Wochen ansteht, ist aller Wahrscheinlichkeit nach so düster wie erwartbar: Titel, die direkte Mitbewerber wegkaufen, aber nicht weiterführen; und Titel, die zwar andere Verlage übernehmen, aber aus den eigenen Redaktionspools bedienen und bei denen künftig Renditeziele über allen anderen stehen – also über journalistischer Qualität, Genauigkeit, Originalität in Text und Bild. Wir wissen genauso wenig wie alle anderen (außer vielleicht Thomas Rabe), wer am Ende den Deal machen wird, aber er wird nur für eine Seite Gewinn bringen: für die kaufmännische Führungsriege und die Aktionär:innen von Bertelsmann. Verlieren werden alle anderen: die fest angestellten Redakteur:innen, die Leser:innen, der journalistische Nachwuchs ... ",

schreibt mit schönem Symbolfoto die kleine Freie-Journalisten-Gewerkschaft Freischreiber [zu deren Mitgliedern ich auch zähle] . Klar führten da eigene Interessen die Feder. G+J-Magazine zahlen auch freien Journalisten relativ hohe Honorare. Dass die Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, belegt die "FAZ". Da berichtet Jürg Altwegg von G+Js und RTLs Frankreich-Geschäften, die der Gütersloher Konzern teils auch noch loswerden will, teils schon loswurde. Zur Fernsehsender-Gruppe hat er die harte Neuigkeit, dass "der tschechische Milliardär Daniel Krětínský den Zuschlag für M6 zu bekommen" scheint. Hierzulande wurde Krětínský u.a. durch Geschäfte rund um Braunkohle sowie die "Saturn"- und "Media Markt"-Ketten bekannt. Außerdem schaut Altwegg aufs "Chaos" beim franzöischen Zeitschriftenverlag, den Bertelsmann schon 2021 verkaufen konnte, weil es in Frankreich allerhand Milliardäre, die sich für Medien als Anlageobjekt interessieren, gibt: Prisma Media wurde

"... an den Meistbietenden vergeben: Den Zuschlag bekam der Konzern Vivendi, kontrolliert von dem Investor Vincent Bolloré. Der Herrscher über das Imperium von Vivendi – unter anderem mit dem Bezahlsender Canal+ – ist für seine brutalen Management-Methoden und für seine Einmischung in redaktionelle Belange berüchtigt. Er hat dem Rechtsextremen Éric Zemmour für dessen Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl eine Plattform gegeben. Bolloré kippt Texte und hievt Artikel über die Köpfe der Chefredakteure hinweg in seine Magazine. Der radikale Bruch mit der Bertelsmann-Tradition, solches zu unterlassen, hat Folgen: 183 von 395 Journalisten im Prisma-Verlag haben gekündigt und von den großzügigen Ausstiegsklauseln nach dem Besitzerwechsel profitiert."

Der RBB hört sich im RBB-Rundfunkrat um

Vom RBB (AP gestern) gibt's stundenaktuell nichts Neues – bloß einen empfehlenswerten Inhalt.

Für die jüngste Ausgabe des Radio-"Medienmagazins" (ARD-Audiothek) machte Jörg Wagner das Beste daraus, dass sich zur gespannt erwarteten Rundfunkrats-Sitzung am Freitag zwar zu wenige Ratsmitglieder einfanden, um sie staatsvertraglich gültig abhalten zu können, aber doch immerhin dreizehn pünktlich und ganz gut vorbereitet.

Wagner befragte halt die Anwesenden und hörte etwa sowohl Ärger über den vom RBB (womöglich) ausgestellten "Blankoscheck" für teure Anwälte, als auch über durch RBB-Recherchen (angeblich) "in die Welt gesetzte" "Ungereimtheiten". Dann hat er noch Intendantin Vernau am Mikrofon. Die macht unter anderem, zurecht, darauf aufmerksam, dass mit der Compliance-Chose, für die teure Anwälte angeheuert wurden, das Justiziariat des RBB ja nicht beauftragt werden konnte, weil die (wie alles RBB-Spitzenpersonal bestens bezahlte!) Juristische Direktorin selber Gegenstand solcher Untersuchungen war und vermutlich noch ist.

Schließlich spricht er beim hörbaren Blättern in ihren vielen Unterlagen

mit Gabi Probst, die die inzwischen hier häufig zitierten Recherchen im eigenen Haus anstellte. Die Anwälte haben ja "jede Mini-Tätigkeit protokolliert und im Stundensatz abgerechnet", sagt Wagner. "Nicht nur jede Mini-Tätigkeit, auch doppelte Tätigkeiten", präzisiert Probst: Eine "stetig wachsende" Anzahl von Anwälten hätte die vielen Gespräche, in denen sie sich sich gegenseitig "immer wieder" auf den Stand bringen müssen, zu Stundensätzen teilweise von 500 Euro berechnet. Schließlich fragen die beiden, ausdrücklich mit Fragezeichen, ob vergaberechtlich ein "Compliance-Fall bei der Compliance-Untersuchung" vorliegt.

Compliance-Compliance beim RBB? Da sollten Europas teuerste Kanzleien sicher schon mal Initiativbewerbungen ins Haus des Rundfunks schicken ... Ein Beweis, dass der RBB an manchen Stellen ausgeprochen gute Inhalte herstellt, liegt aber außerdem vor.

Setzt sog. KI Google unter Druck?

Könnte Künstliche Intelligenz à la ChatGPT (Altpapier), das auch tagesaktuell durch frische Milliardeninvestions-Ankündigungen des Datenkraken Microsoft Schlagzeilen macht, eine lange und oft gar noch (zu) lange Sätze enthaltende Nearby-Echtzeit-Meta-Medien-Kolumne wie das Altpapier generieren? Also sogenannte Künstliche Intelligenz, wie die betreffende KI zumindest in in meinem Stil gehaltene Texten bitte öfters einfügen müsste? Vorläufig nicht, antwortet ein Bot im "medium magazin"-Interview ("Mein Wissensstand ist auf 2021 beschränkt ...").

Trotzdem verdient der theverge.com-Beitrag "Inside CNET’s AI-powered SEO money machine" Aufmerksamkeit. Er gilt dem US-amerikanischen Portal cnet.com ("Your Guide to a better Future"), das in den 10er Jahren für eine größere Milliardensumme von CBS gekauft und 2020 für eine halbe Dollar-Milliarde weiterverkauft wurde. Der aktuelle Eigentümer Red Ventures setze inzwischen KI/AI ein, die unter dem Namen eines echten Journalisten täglich neue Artikel über Hypothekenzinsen veröffentlicht, schreiben die Autoren mit zahlreichen gut gesetzten Links. Die Aufgabenstellung für die KI lautet sozusagen, gute Googlebarkeit zu garantieren:

"Das Geschäftsmodell von Red Ventures ist unkompliziert und eindeutig: Es veröffentlicht Inhalte, die darauf ausgelegt sind, in der Google-Suche für 'High-Intent'-Suchanfragen ... einen hohen Rang einzunehmen, und monetarisiert diesen Verkehr dann mit lukrativen Affiliate-Links. Insbesondere hat Red Ventures eine große Nische bei Kreditkarten und anderen Finanzprodukten gefunden ... Diese Art von SEO-Farming kann enorm lukrativ sein",

lautet eine [von mir mit KI-Unterstützung aus dem Englischen übersetzte] Passage des "Verge"-Artikels. Der Suchmaschinen-Begriff "High-Intent" steht für hohe Kauf-Intention bzw. Geld-Ausgeben-Bereitschaft. Also leistet sog. KI sozusagen einen Beitrag dazu, mit Unterstützung des Google-Konzerns und natürlich auch zu dessen Profit Geldströme auszulösen und das Internet noch schlechter zu machen als es sowieso schon ist? So könnte eine Anschlussfrage lauten. Vielleicht nicht mehr sehr lange, könnte eine Antwort lauten. Bzw.:

"Google steckt in einem klassischen Innovators-Dilemma. Die verdienen so viel Geld mit Werbung und dem Beschneiden der Privatsphäre, dass es für sie sehr schwierig sein dürfte zu sagen, statt fünf Werbelisten zeigen sie einfach eine coole App, die direkt die Antwort gibt und hilfreich ist",

Das sagte nun Richard Socher in einem Interview des "FAZ"-Wirtschaftsressorts. Der deutsche Informatiker, der in Leipzig und Saarbrücken studierte, hat in den USA KI-Techniken mit entwickelt, die nun sowohl mit ChatGPT als auch den Heerscharen von für Google arbeitenden Wissenschaftlern konkurrieren, und die neue, besonders KI-basierte Suchmaschine you.com mitgegründet. Klar wirbt Socher da auch für seine eigenen Produkte (die auf deutsch noch kaum funktionieren). Aber dass selbst hyperdominanten Datenkraken wie dem Google-Konzern Konkurrenz im Nacken sitzen könnte, ist dennoch eine gute Nachricht.


Altpapierkorb (ARD-Hauptstadtjournalist wird Ministersprecher, Panzer-Kommentar, Journalistenfolter im Jemen, "Angst vor der Klimakrisenangst" )

+++ "Künftig: Sprecher Verteidigungsministerium Bislang: Korrespondent ARD-Hauptstadtstudio", steht derzeit in Michael Stempfles Twitter-Account @mijoste. Wenige Tage, nachdem der von ihm verfasste tagesschau.de-Artikel "Ein Vollblutpolitiker, der anpackt" zur Berufung des neuen Verteidigungsministers Pistorius Aufsehen erregte, griff Pistorius zu und machte den "gut vernetzten Medienprofi" (so zitiert dwdl.de ihn) zu seinem Sprecher. Alle, die die Öffentlich-Rechtlichen und besonders die "Tagesschau" ohnehin für ein Sprachrohr der Regierung halten, freut's. +++

+++ Kommentatorin Rommy "Arndt und der MDR, dessen Chefredaktion sich zu einer seichten Distanzierung veranlasst sah, stehen einer Verbots- und Diffamierungskampagne gegenüber, in der sich vieles von dem bricht, was in der deutschen Medienlandschaft schiefläuft; die zeigt, wie destruktiv Polarisierung wirkt", meint "Telepolis" zu gestern hier erwähnten Aufregung um einen im MDR gesendeten Kampfpanzer-Lieferungs-kritischen Kommentar. +++

+++ Zur Deidesheimer Rundfunkkommissions-Tagung, die ebenfalls gestern Altpapier-Thema war, hat die "FAZ"-Medienseite vor allem bei den anwesenden CDU-Vertretern nochmal nachgehorcht und sich sagen lassen, dass entgegen ihrem Eindruck doch allerhand Fortschritte erzielt worden seien. +++

+++ Als gedruckte Medienseite mit dem größten Überblick greift die "FAZ" außerdem eine Reporter ohne Grenzen-Meldung über die extrem finstere Lage für Journalismus im Jemen auf, wo sich seit Jahren von den selber verfeindeten Schurkenstaaten Saudi-Arabien und Iran unterstützte Parteien bekämpfen. +++ Im Iran selbst wurden "die Journalistinnen Melika Hashemi, Saidi Shafii und Mehrnush Sarei in das berüchtigte Ewin-Gefängnis in der Hauptstadt Teheran gebracht" ("Standard").

+++ Um "Angst vor der Klimakrisenangst" in den Medien geht es in Samira El Ouassils neuer uebermedien.de-Kolumne "Die Klimakrise als die Katastrophe denken, die sie ist – ohne apokalyptisch zu werden".

+++ Und der neue Volker Heise-Film "Berlin 1933" heute abend auf Arte wird in der "taz" gelobt, in der "FAZ" als "zwiespältiges Erlebnis" empfunden. +++

Neues Altpapier schreibt am Mittwoch René Martens.

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