Das Altpapier am 1. August 2023: Porträt der Altpapier-Autorin Jenni Zylka
"Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren im aktuellen Altpapier die wichtigsten Medienthemen des Tages. Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Kolumne: Das Altpapier am 1. August 2023 Das war wohl niX

01. August 2023, 12:06 Uhr

Die X-Süchtigkeit Elon Musks inspiriert Journalist:innen auf der ganzen Welt. Die Themen des Milliardärs erinnern zudem immer mehr an Spy-Film-Parodien aus den 90ern. Heute kommentiert Jenni Zylka die Medienberichterstattung.

Das Altpapier "Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.

Die längste Rakete

Man verzeihe mir bitte die möglicherweise pubertäre Albernheit. Aber: Fallen einem zu Elon Musks Raider-heißt-jetzt-X-umbenannten Nachrichtendienst (siehe u.a. Altpapier hier), und seiner dadurch mal wieder bezeugten Obsession mit dem Buchstaben X, die sich zum Beispiel auch in dem Namen seines Raumfahrtunternehmen SpaceX, ehemaligen und zukünftigen Projekten wie X.com und xAI und der Namensgebung seiner Töchter (das ältere Mäuschen heißt  "X AE A-XII Musk", das kleine heißt "Exa Dark Sideræl Musk") nicht SOFORT irre gackernde Vorzeigebösewichte wie "Dr. Evil" aus Austin Powers ein?!

Denn: Wenn man sich hier Dr. Evils Flucht in den Weltraum in seiner langen, dicken, glänzenden Rakete anschaut (verklemmt-anzügliches Kichern), und sich dazu den Elon Musk-Jeff Bezos-wer-hat-die-längste-Rakete-Battle vor Augen führt (noch anzüglicheres und noch verklemmteres Kichern) dann kann man nur unterstreichen, was Paul Krugman letzte Woche in der New York Times wirtschaftslinguistisch Launiges dazu schrieb:

"So what was wrong with Twitter as a brand name? Nothing, as far as I can tell. It was friendly-sounding and a bit funny, and resonated with the role of the platform as a place for people to chatter about a variety of subjects. The Twitter logo was also fine — distinctive, instantly recognizable and without any obvious negative connotations. But Musk has nonetheless ditched all of that in favor of X, a harsh-sounding name with no relationship to what the platform does. Furthermore, the new logo — a slightly embellished version of the letter X — is problematic in several ways. It probably can’t be trademarked, because it’s more or less indistinguishable from a lowercase x in an existing font. Many TAFKAT users say that they’re embarrassed by the logo, which makes them feel as if they’re visiting a porn site. My reaction was a bit different. To me, and I’m sure others, the new logo has the vibes of an authoritarian political symbol, like the Z emblem of Russians invading Ukraine — or some other historical symbols I’m sure you can think of.”

Das X gibt 10 Punkte

(Wobei mit TAFKAT natürlich "The App Formerly Known As Twitter” gemeint ist. Auch andere Menschen kämpften schließlich schonmal mit urigen Umbenennungen, wenn auch aus anderen Gründen.)

Krugman diagnostiziert dem X-süchtigen Milliardär in seinem Text des Weiteren ein "Tech Bro Syndrome", und das wiederum sei

"that weird combination of hubris and conspiracy theorizing so prevalent in his social set. He accused Twitter of censoring conservatives, ignoring the reality that in a MAGA-ridden nation any attempt to limit the spread of dangerous misinformation will hit the right harder than the left. He purchased Twitter in the belief that his personal brilliance could easily make the company profitable, no need for hard thinking about business strategy.”

Aber schon haben wir alle wichtigen Dr. Evil-Themen vereint, auf denen die Bond-Filme genauso basieren wie die Bond-Parodien eines Austin Powers: Sexuell konnotierte, männliche Megalomanie meets politische Allmachtsfantasie meets Bro Power. Ich sag’s ja nur. Vielleicht geht’s ihm auch einfach darum, den vielen Scrabble-Freund:innen eine Freude zu machen: Das X ergibt im Deutschen 10 Punkte, im Englischen immerhin satte acht. (Allerdings sind nach den klassischen Scrabble-Regeln Namen und Markennamen nicht zulässig!!)

Es wird weitergekübelt

Der im Silicon Valley ansässige Medienjournalist Marcus Schuler fasst die Chose im letzten RadioEins-Medienmagazin, nachzuhören hier, jedenfalls folgendermaßen zusammen:

"Musk ist fasziniert, zu Millionen Followern und Followerinnen kommunizieren zu können, direkt und ungefiltert. (…)  Viele wichtige Menschen tummelten sich dort, von Staatschefs über Sternchen, Promis, bis hin zu allen wichtigen Medien dieser Welt. (…) Er (Musk) gab sich als Verfechter der Meinungsfreiheit aus. (…) Er hat unter anderem den blauen Zertifizierungshaken eingestampft, jetzt kann sich jeder auf Twitter als New York Times oder als BBC ausgeben und ein Fake-Konto eröffnen."

All das beweise in den Augen vieler Musks Unfähigkeit, die Plattform zu führen – zumal sich die ganzen großen Brands zurückgezogen hätten, weil sie nicht im Umfeld von wieder erlaubten Neonazi-Accounts und Verschwörungstheorien vermarktet werden wollten. (Passend dazu wurde vorgestern bekannt, dass auch Kanye West wieder tweeten darf, ach nee, das heißt jetzt ja posten. Vielleicht wäre dafür eh ein neues Wort angebracht, ich schlage "kübeln" vor.) Weiter heißt es im RBB-Medienmagazin:

"Millionen Userinnen und User haben nach Beobachtungen der Firma Cloudflare (…) den Dienst ebenfalls verlassen, Twitter oder X befindet sich sozusagen im freien Fall."

Die vom Kollegen Schuler angesprochene Cloudflare-Untersuchung über die zurückgegangene Twitter-Nutzung nach Musk findet sich hier, zusammen mit Vergleichen mit anderen Plattformen (Thread, Mastodon), die als Twitter-Alternative wichtiger werden könnten, oder auch nicht. Truth Social, Donalds Trumps Elefantentröte, spielt übrigens keine Rolle.

Der Letzte macht das X aus

Aber es sind nicht nur die User:innen, die flüchten, und die Neonazis, die herbeiströmen. Unter anderem der Spiegel berichtet von einem ganz und gar undigitalen und vor allem im energetischen und Insomnia-Bereich wichtigen Faktor: Das riesengroße Neon-X auf dem Dach von Elon Musks Unternehmenszentrale in San Francisco "nervt die Nachbarschaft", heißt es hier:

"Der strahlend helle Buchstabe kommt in der Nachbarschaft nicht gut an. Mehrere Nutzer luden bei X Videos hoch, die die unregelmäßig blinkende Leuchtwerbung zeigen. Andere Bilder vom Dach des Bürogebäudes legen nahe, dass die Leuchtwerbung nur sehr nachlässig verankert und mit Sandsäcken gesichert wurde."

Welch eine Geschichte! Weil den melatoninsensiblen kalifornischen Nachbar:innen nicht zugemutet werden kann, den ganzen Abend passende Heiße-Milch-mit-Honig-Rezepte für ihren gesunden Schlaf zu finden, musste das X jetzt schnell wieder abgebaut werden, wie die Tagesschau heute Nacht berichtet:

"Nachdem Elon Musk Twitter den neuen Namen 'X' gab, wurde ein leuchtendes Logo in der Form des Buchstaben auf der Firmenzentrale in San Francisco platziert - jetzt ist es wieder entfernt worden. Für die Konstruktion gab es nicht die nötigen Genehmigungen, wie die Gebäudeaufsicht der Stadt feststellte. Einer ihrer Inspektoren beobachtete den Abbau des Logos am Montag von der Straße, wie aus Unterlagen der Behörde hervorgeht. Der Zugang zum Dach war ihren Inspektoren mehrfach verweigert worden."

Na besser als wenn es medienwirksam herunterfallen wäre… (Und apropos Blenden - ich weiß, wovon ich spreche: In meinem Kreuzberger Kiez befindet sich seit einer Weile ein Imbiss, dessen Neonreklame quasi bis Potsdam zu sehen ist, und sämtliche Anwohner:innen von der Notwendigkeit befreit, abends das Licht anzumachen. Stattdessen essen, googlen, lesen, kübeln und lieben die Nachbar:innen zum blauweißen, kalten Schein der überdimensionalen Lettern des Wortes "HÄHNCHENHAUS". Ich warte noch auf eine Gegeninitiative von Vegetarier:innen.)

Und als allerletztes schnell noch eine kleine Marvel-Assoziation: In der großartigen Serie "Daredevil" lebt der namensgebende Held, der im richtigen Leben unter dem Namen "Matt Murdoch" mit einer Menge unrentabler "pro bono"-Fällen als Rechtsanwalt arbeitet, in einem Loft im New Yorker Stadtteil Hells Kitchen. Das Apartment ist so billig, weil eine Neonreklame in sein Fenster hineinstrahlt– was die meisten Menschen nerven würde. Matt Murdoch ist allerdings blind

Jessica Jones: "So you wanna tell me how a pro bono lawyer can afford a loft like this in New York City?"
Matt Murdoch: "You can't tell now, but there's a neon billboard across the street. Keeps most people up at night. Not me."


Altpapierkorb (mit Frauen in medialen Führungspositionen, Gruner & Jahr und Trump vs CNN)

+++ Nach einer Studie von "ProQuote Medien” ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen deutscher Leitmedien leicht gestiegen, allerdings gäbe es noch keine Geschlechtergerechtigkeit, berichtet die Süddeutsche hier. Die taz führt die Auswertung mal wieder an.

+++ Nämliche taz bringt uns hier nochmal auf den neuesten Stand über die "Zerschlagung von Gruner & Jahr", die angeblich schon lange VOR der Übernahme des Konzerns durch RTL im Jahr 2021 begann.

+++ Unter anderem die FAZ berichtet hier vom gescheiterten Versuch Donald Trumps, CNN zu verklagen. Trump hatte magere 475 Millionen Dollar Schadenersatz gefordert, die Klage wurde abgewiesen. Laut Trumps Darstellung hatte der Sender ihn durch die angeblich mit Goebbels assoziierte Bezeichnung "große Lüge" mit dem NS-Regime in Verbindung gebracht. Das Ganze war, so schreibt die FAZ, eine weitere von vielen Klagen Trumps gegen große Medienhäuser.

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