Collage zur Medienkolummne Das Altpapier vom 13. Febuar 2018 zum Thema: Bloggen statt Facebooken und Karneval statt Anne Will
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia/dpa/NDR

Das Altpapier am 13. Februar 2018 Mixed-Reality

Neuer, heißer Internet-Trend: Bloggen statt Facebooken. Wenn sie sonntagabends talkt, erntet Anne Will selten viel Lob, aber wenn sie mal aussetzt! Angela Merkel kratzte im ZDF an ihrem eigenen Einschaltquoten-Rekord. Hat die ARD-"Mordkommission Istanbul" was mit Deniz Yücel zu tun? Hatte Gabor Steingart kurz, aber standardmäßig Hausverbot beim Handelsblatt? Außerdem: Springers neueste was-mit-Journalismus-Geschäftsidee. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolummne Das Altpapier vom 13. Febuar 2018 zum Thema: Bloggen statt Facebooken und Karneval statt Anne Will
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Sind eigentlich die "Tagesthemen" besser oder ist es das "heute-journal"? Die Antwort könnte, wie häufig bei suggestiven Entweder-Oder-Fragen, in der Mitte liegen. Schon rein zeitlich: Sofern Fußball, Fasching oder einfach einschaltquotenoptimierendes Nacheinandersenden von zwei Krimis oder Schmonzetten nicht dagegen sprechen, beginnt die ZDF-Sendung um 21.45 Uhr und die der ARD um 22.15 Uhr. Und das vielleicht beste Nachrichtenmagazin im deutschen Fernsehen heißt "ZiB 2" und läuft auf 3sat meistens um 22.00 Uhr (natürlich nicht am heutigen Faschingsfeiertag – Mainz alaaf! –  aber morgen wieder).

Zwar kann "ZiB 2" sich als nicht deutsche, bloß deutschsprachige Sendung nicht so gründlich mit der deutschen Innenpolitik befassen wie es die genannten tun. Aber dass gründliche Beobachtung der deutschen Politik nicht automatisch zu guten Sendungen führt, haben spätestens die vergangenen Tage, Wochen und Monate ja gezeigt. Aktuell verdient "ZiB 2"-Moderator Armin Wolf auch aus anderen Gründen Lob, und zwar wegen dieses Posts an seine gut 294.000, äh, Fans auf ... einem Blog! Unter der Überschrift "Weniger Facebook, mehr Blog" schreibt er auf arminwolf.at:

"Der klassische Business Plan auf Social Media lautet ja seit jeher: If you’re not paying for it, you’re the product being sold. Das wusste ich und damit habe ich kein Problem. Ich habe für die enorme Reichweite meiner Postings eben nicht mit Geld bezahlt, sondern mit meinen Inhalten und meinen Abonnenten – und die hat Facebook an seine Werbekunden weiterverkauft. Faires Geschäft. Aber das Produkt zu sein, das verkauft wird, und trotzdem zu bezahlen – das ist kein fairer Deal, finde ich. ... Meine Texte schreibe ich künftig hier im Blog. Das hat viele Vorteile, wie zum Beispiel, dass sie mir gehören und nicht Facebook. (In den Geschäftsbedingungen überlässt man FB ja jegliche Rechte an allen Texten, Fotos und Videos, die man hochlädt. ...). Es hat auch den Vorteil, dass keine Texte mehr plötzlich verschwinden. Als ich für diesen Blog alte Postings sichern wollte, habe ich bemerkt, dass etliche davon auf Facebook gar nicht mehr auffindbar sind, warum auch immer",

Der Entschluss hängt gewiss damit zusammen, dass Facebook-Skepsis in Österreich, aus dem mit Max Schrems ja auch der wichtigste deutschsprachige Facebook-Kritiker kommt, weiter entwickelt ist als hierzulande, wo renommierte Rundfunkanstalten weiterhin um Facebook-Fans buhlen, was das Zeug hält.

Immerhin hat gerade auch ein deutsches Landgericht, das in Berlin, Facebook ein bisschen ge-"rüffelt" (SPON) oder sogar "in die Schranken gewiesen" (FAZ). Das hat einstweilen noch keine konkreteren Folgen als einen Folgeprozess in einer höheren Instanz, den Facebook wie der klageführende Verbraucherzentralen-Bundesverband anstreben. Es ist aber ein Signal. Am ausführlichsten über die zentrale Frage des Klarnamenzwangs sowie weitere Details informiert Ingo Dachwitz bei netzpolitik.org:

"Demnach ist es unzulässig, dass Facebook im Messenger standardmäßig den Standort seiner Nutzer an ihre Kommunikationspartner übermittelt. Auch die von Beginn an eingestellte Auffindbarkeit von Facebook-Profilen durch öffentliche Suchmaschinen erklärte das Gericht für rechtswidrig ..."


Anne Will wird umso mehr geschätzt, wenn sie mal fehlt

Wenn sonntagsabends nach dem Krimi Anne Will auf Sendung geht, hat sie ziemlich viele Zuschauer. In den sog. sozialen Medien wird aber selten viel Lob für ihre Talkkunst, sondern eher jede Menge Häme ausgeschüttet. Wann mal allerhand Lob für die Talkerin geäußert wird: wenn sie sonntagsabends nach dem Krimi nicht auf Sendung geht.

Von Michael Hanfeld in der FAZ bis zur Bild-Zeitung ("prestigeträchtigste Talk-Sendung im deutschen Fernsehen"!) äußern viele indirekt Lob für Will, indem sie ihrer Enttäuschung darüber, dass sie am "spannendsten Politik-Wochenende des Jahres" (dies.) aussetzte, freien Lauf lassen. Wobei das nicht Wills Schuld war, wie als erstes meedia.de feststellte:

"Tatsächlich hätte Will wohl trotz Fasching und Krimi-Programmierung gerne gesendet. Allerdings fand die Redaktion keine Gesprächspartner, die eine Sondersendung gerechtfertigt hätten. So antwortet die ARD auf eine MEEDIA-Anfrage: 'Eine Ausgabe von ‚Anne Will‘ war am Sonntag im Programm des Ersten nicht vorgesehen. Gleichwohl hat die Redaktion ‚Anne Will‘ natürlich intensiv daran gearbeitet, außerplanmäßig zu senden. Allerdings hatten sich potenzielle Gäste für eine einstündige Gesprächssendung an diesem Sonntag offenbar Zurückhaltung auferlegt.' Heißt wohl, dass vor allem im SPD-Lager seit dem Schulz-Rückzug Sprachlosigkeit vorherrscht."

Was dafür spricht, dass die ARD sogar ziemlich fest damit gerechnet hatte, eine Sonder-Talkshow einschieben zu können: das stattdessen vorgesehene Ersatzprogramm. Zu sehen war nicht einmal irgendeine Bütten-Show, sondern ein Eskapismus-Krimi aus dem Jahre 2010! Dabei hat die ARD doch frische Krimis en masse auf Halde liegen. Am Rande: Selbstverständlich haben "Mordkommission Istanbul"-Filme rein gar nichts zu bedeuten; jegliche Ähnlichkeiten mit etwas, das es wirklich gibt, wären unbeabsichtigtste reine Zufälle. Aber den Eindruck, "die faszinierend schöne türkischen Metropole" Istanbul läge in einem Rechtsstaat und nicht in dem, in dem tausende Oppositionelle sowie aktuell 157 Journalisten – darunter heute seit genau einem Jahr Deniz Yücel – eingekerkert sind, jubeln sie ihrem Publikum natürlich doch unter.


Merkels Marktanteil steigt!

Hätte denn nicht die Bundeskanzlerin bei Anne Will gastieren können? Oder hat sie sich mit Absicht bloß für ein Viertelstündchen beim strukturell einfacher als die ARD gestrickten ZDF "selbst eingeladen", wie am späten Freitagabend bild.de behauptet hatte?

"Wahrscheinlich hätte die Bundeskanzlerin diese Fernsehbühne gesucht. 'Anne Will' läuft immer nach dem 'Tatort'. Der Weimarer Krimi 'Der kalte Fritte' hatte am Sonntag 9,89 Millionen Zuschauer, da wären für Angela Merkel bei Anne Will noch ein paar mehr Zuschauer drin gewesen als bei 'Berlin direkt'",

mutmaßt Joachim Huber, der im Tagesspiegel aber vor allem die guten Einschaltquoten der "Berlin direkt"-Sendung mit Angela Merkel (5,25 Millionen Zuschauer, 16,4 Prozent Marktanteil) analysiert. Beinahe hätte sie sogar den "Berlin direkt"-Allzeitrekord aus dem Januar 2000 (5,74 Millionen, 18,4 Prozent) geknackt.

"Auch damals war übrigens Angela Merkel zu Gast, als CDU-Generalsekretärin zum Thema Spendensumpf."

Während der unermüdliche Michael Hanfeld aus diesem Anlass einen weiteren Rundum-Leitartikel für faz.net ableitete, kommt die mit Abstand beste Fernsehkritik dazu aus Österreich:

"Merkels Auftritt im ZDF-Format Berlin direkt hatte denn auch keinen Endzeitblues. Nach wie vor gibt sie eine Skulptur sachlicher Heiterkeit. Bedauern und Verständnis werden zur rhetorischen Würze; Schmunzeln wird zum Ornament des Satzes, keine weiteren 'zwölf Jahre Kanzlerin bleiben zu wollen'",

schreibt Ljubiša Tošić im Standard.


Brandbrief, zweistelliger Millionenbetrag, Flugzeugfoto (Steingart)

Womöglich wäre der frisch freigestellte Gabor Steingart, der im Normalfall ja keine Talkshow scheut, am Sonntag zu haben gewesen. Zumindest ist jetzt der Brief bis "Brandbrief" der Handelsblatt Media Group-Chefebene an ihren Verleger Dieter von Holtzbrinck, von dem Chefredakteur Sven Afhüppe in seinen Äußerungen am Freitag (siehe Altpapier) schrieb, nun zu haben. Und zwar bei kress.de. Bülend Ürük feuert nicht nur zum fröhlichen Weiter-Interpretieren der "offenen Worte, die es in sich haben" und der Worte Afhüppes ein:

"Wer zwischen den Zeilen liest, könnte annehmen, er [Afhüppe] wollte die knallharte Abrechnung oder zumindest seine Unterschrift unter dem Brief am liebsten sofort zurückzunehmen oder ungeschehen machen",

sondern fächert separat weitere saftige Details der Trennungsgeschichte, vom "zweistelligen Millionenbetrag", den Steingart wohl bekommen dürfte, bis zum vorübergehend über ihn verhängten "Hausverbot im Verlag" auf. Das sei aber "nur 'aus Versehen' ausgesprochen worden, eine Formulierung in einem Muster-Trennungs-Anschreiben sei ohne entsprechende Korrektur durchgewunken worden."

Steingart, der also jedenfalls nicht ins Nichts fällt, hat die Zukunft unterdessen mit einem farbenfröhlichen Flugzeuge-Foto begrüßt. (Oder sind das Air-Berlin-Maschinen, und die Bedeutung ist eine völlig andere?)


Mixed-Reality-Brille mit Springer-Beteiligung

Wenn wir bei digital-dynamischen Verlagshäusern sind, darf schließlich Axel Springer nicht fehlen. Dieser umtriebige, immer noch auch im Journalismus investierte Konzern kündigte gerade wieder etwas an: eine Investition in

"Magic Leap One: Dabei handelt es sich um eine Mixed-Reality-Brille und einen leichten, tragbaren Personal Computer. Die Kombination der beiden ermöglicht, es mittels Lichtfeldtechnologie digitale Inhalte nahtlos in reale Umgebungen einzufügen"

und habe

"Potenzial ..., um journalistische Inhalte und Rubrikenangebote in neuen Darstellungsformen und Umgebungen zu präsentieren."

Das wird gerne weitervermeldet. Wie stark ist Springer denn beteiligt? Schwer zu sagen. Schließlich besteht eine der Stärken des deutschen Onlinejournalismus in der korrekten Wiedergabe von Pressemitteilungen, und in Springers steht nichts davon. "Nach Informationen der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX handelt es sich bei dem Investment um eine überschaubare Summe im einstelligen Millionen-Dollar-Bereich", meldet immerhin heise.de. Bei insgesamt "1,9 Milliarden US-Dollar", die dieses Magic Leap bislang insgesamt einsammelte, kein irre großer Anteil.

Aber dass eine Mixed Reality, die das laufend reinkommende Echtzeit-Geschehen digital nahtlos und real erscheinend in subjektive Perspektiven einfügt, ein faszinierendes Was-mit-Journalismus-Geschäftsmodell sein dürfte, liegt auf der Hand.


Altpapierkorb (schlimmer Yücel-Jahrestag, Kritik an Chrome, "Gemütlichkeitsfernsehen", Neid auf Zeitungsjournalisten!)

+++ Heute also sitzt Deniz Yücel seit einem Jahr in türkischen Gefängnissen (siehe Altpapier gestern). "Diese lange Haft ohne Anklageschrift, ohne Einleitung eines ordentlichen Gerichtsverfahrens, ist natürlich eine Belastung der Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei", zitiert dpa/welt.de dazu Regierungssprecher Steffen Seibert. Der hatte zu dem Fall auch schon kraftvollere Aussagen gemacht. Aber er weiß natürlich gerade auch nicht, wer nächster Außenminister werden könnte und ob dieser dann die Teetrinken-Strategie seines Amtsvorgängers forstsetzen wird.

+++ Wer angemessene Worte findet: die Reporter ohne Grenzen ("Politische Geiselhaft von Deniz Yücel beenden"). +++

+++ "Angeklagt wegen Pazifismus" (epd medien) ist der ukrainische Journalist Ruslan Kotsaba, der aber immerhin die Anklage kennt und einstweilen frei ist. +++

+++ Österreich ist nicht nur in der Facebook-Skepsis weiter, sondern auch in der Google-Skepsis. Über Kritik am neuen Adblocker des Datenkraken-Browsers Chrome, des "mit einem Marktanteil von rund 56 Prozent ...  mit Abstand meistgenutzten Browsers weltweit", berichtet futurezone.at. "Kritiker fürchten, dass Google mit seinem Filter seine ohnehin schon mächtige Stellung im Werbegeschäft weiter ausbaut." +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite (0,45€ bei Blendle) gibt Michael Hanfeld einen Überblick über die tristen Deutsche-Serien-Offensiven des Privatfernsehens. "Einstein" auf Sat.1 sei "zwar alles andere als originell, aber einigermaßen unterhaltsam, nur zum Teil erschreckend schlecht gespielt. Das Dumme ist nur: Vor mehr als zehn Jahren war Sat.1 schon mal weiter." Und noch ein Satz zum Einrahmen: "ARD und ZDF produzieren mit merkelschem Gleichmut weiter Gemütlichkeitsfernsehen für die älteren Generationen. Das hat seine handwerkliche Qualität und seine Berechtigung, ist allerdings so prickelnd wie ein abgestandenes Glas Wasser." +++

+++ Hilft es der gerade wieder zu 90 Prozent verkauften Frankfurter Rundschau, wenn Richard Meng als Kuratoriumsvorsitzender der (weiterhin zehn Prozent an der FR besitzenden) Karl-Gerold-Stiftung mit "Wir haben keine Anzeichen dafür, dass..." und "nach unserer Kenntnis" beteuert, es werde schon nicht schlimm? Siehe meedia.de. +++ Immerhin zeigt sich Zeitungsforscher Horst Röper im Interview mit Deutschlandfunks "@mediasres" geradezu als Fan des "Selfmademan" und Käufers Dirk Ippen. +++

+++ Hajo Seppelt ist trotz allem (was am Freitag im Altpapier stand) von der ARD überzeugt, zeigt das Wochenend-taz-Interview mit u.a. ihm, das inzwischen frei online steht. "Was ich Ihnen versprechen kann, ist, dass es niemanden in der ARD gibt, der sagt, dass ich irgendwas nicht machen dürfte, weil es mit den Sportrechten kollidieren würde. Hat es noch nie gegeben, wird es auch nie geben", sagt er – und äußert gegenüber Jürn Kruse dann auch noch Neid auf Zeitungsjournalisten! +++

+++ Die dänische Dokumentation "Die Fifa-Familie", die Arte nun ausstrahlt, empfiehlt Thomas Gehringer im Tagesspiegel. +++

+++ Das fast schon vergessene, aber vom Bundesgerichtshof bestätigte Rechts-"Instrument der Netzsperren" spielt wegen der Filmfirma Constantin und des Münchener Landgerichts nun wieder eine Rolle (netzpolitik.org). +++

+++ Wie die ARD nach einem "sehr umfangreichen Punktesystem", das nicht besonders transparent erscheint, an Produzenten ihrer Sendungen Prämien verteilt, dröselt dwdl.de mit Helfried Spitra, seines Zeichens "Leiter Hauptabteilung Programmmanagement Fernsehen beim WDR", auf. +++

+++ U.a. noch auf der FAZ-Medienseite: die Meldung, dass Amazon "nach dem Rauswurf von Roy Price aufgrund von Vorwürfen wegen sexuellen Fehlverhaltens" mit der bisherigen NBC-Unterhaltungs-Chefin Jennifer Salke "bewusst eine Frau an die Spitze seiner Filmstudios" berief. +++ Und die epd-Meldung, derzufolge Regisseurinen Filmförderungs-Subventionen effizienter ausgeben als Regisseure (siehe auch hier). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.