Kolumne: Das Altpapier am 3. April 2024: Porträt des Altpapier-Autoren Christian Bartels 4 min
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Kolumne: Das Altpapier am 3. April 2024 von Christian Bartels Noch mehr begeistern

Kolumne: Das Altpapier am 3. April 2024 – Noch mehr begeistern

In der großen ARD-Familie gibt's ein Radio mit "Kultur" im Namen weniger. (Aber bald auch wieder eins mit "Kultur" im Namen mehr.) In der bayerischen Kulturradio-Frage wird's ernst.

Mi 03.04.2024 10:32Uhr 03:44 min

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Kolumne: Das Altpapier am 3. April 2024 Noch mehr begeistern

03. April 2024, 09:38 Uhr

In der großen ARD-Familie gibt's ein Radio mit "Kultur" im Namen weniger. (Aber bald auch wieder eins mit "Kultur" im Namen mehr.) In der bayerischen Kulturradio-Frage wird's ernst. Der österreichische ORF zeigt den deutschen Anstalten, wie Transparenz geht. "Austauschbarkeit liegt im Trend" – auch in den Medienmedien? Heute kommentiert Christian Bartels die Medienberichterstattung.

Porträt des Altpapier-Autoren Christian Bartels
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Das Altpapier "Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.

Bei den ARD-Kulturradios geht's hoch her

"Nicht nur ne neue Frisur, eine neue Garderobe", wird im locker-flockigen Eröffnungsgespräch zur neuen bzw. frisch umbenannten Radiowelle des RBB formuliert. Seit dem gestrigen 2. April

"heißt rbbKultur radio3. Jörg Thadeusz hat die neue Morgensendung moderiert. Vieles hat sich verändert: Das musikalische Programm ist ein Neues und es gibt viel mehr Wortbeiträge."

Thadeusz ist, außer RBB-Veteran, ja neuerdings auch ein Mitglied von Gabor Steingarts Pioneers-Brigade, bringt also immerhin eine Perspektive ein, der man im öffentlich-rechtlichen Radio nicht oft begegnet. Radio 3-Wellenchefin Dorothee Hackenberg gab im ebenfalls für den RBB produzierten, linear im Radio Eins gesendeten "Medienmagazin" noch ein Audio-Interview. Da redet sie von "mehr Vielfalt" und davon, "noch mehr Hörer zu begeistern".

Ebd. spricht RBB-Redakteur Jaakko Sirén von einem "sehr offenen Kulturbegriff" und von Jazz, R'n'B und Soul als "Musikanmutung". Der ausführlichen Playlist zufolge gab es in der Radio 3-Start-Morgensendung Musik von Donna Summer und Sting zu hören, deren Fans von den auch im Öffentlich-Rechtlichen zahlreichen deutschen Popradiowellen ja auch bestens bedient werden. Klassische Musik, die das RBB-Kulturradio bislang prägte, sei aber, "wenn man in den Tag hinein geht, nicht verschwunden", trat Dorothee Hackenberg im eingangs verlinkten Gespräch Befürchtungen entgegen, dass "Kulturradio vor der Abschaffung" stehe. So was befürchtet etwa der Landesmusikrat Berlin. Zum Start habe es zwar irritierte Kommentare von Hörern gegeben, sagt Hackenberg. Doch das passiere ja häufig, wenn "jemand im Wohnzimmer die Möbel umstellt".

Womöglich hat das griffige Möbel-Argument ein neues ARD-Kompetenzcenter für Eigenwerbung im Programm entwickelt und allen Anstalten zur Verfügung gestellt. Zumindest verwendet ein anderer Radio-Wellenchef es ebenfalls:

"So wie Sie vermutlich zu Hause hin und wieder ein Regal umstellen, ein neues Bild aufhängen oder eine lieb gewonnene Gewohnheit verändern, so haben wir Bayern 2 einen neuen Anstrich gegeben",

wird Stefan Maier zitiert. Hier geht es also um das BR-Kulturradio, das schon länger eine Zahl im Namen trägt. Die heftigen Diskussionen um die Bayern 2-Reformpläne kamen auch im Altpapier oft vor. Ebenfalls gestern wurden sie wirksam:

"Am 2. April ... startet der Bayerische Rundfunk seine 'Kulturoffensive', die kaum offensiver sein könnte. Der BR schleift alle Kultursendungen im Hörfunk, verbannt die eigenständige aktuelle 'kulturWelt' aus der Primetime und streicht lange Formate. ... ... Die aktuelle 'kulturWelt', bisher werktags 8.30 Uhr mit durchdachter Dramaturgie, fundierten Beiträgen und Interviews, wird zerlegt und die Häppchen ab 6 Uhr morgens in einem dreistündigen Magazin von fachfremden Moderationen serviert. Wer die Solitäre hören will, muss drei Stunden dranbleiben und bekommt sie einmal stündlich zwischen Gartentipps und Nahost im neuen Formatradio mit viel Musik",

klagt in einem faz.net-Gastbeitrag die u.v.a. ehemalige BR2-Redakteurin Cornelia Zetzsche.

Klar, Radiosendungen und Radioprogramme wirken, wenn, dann auf die lange Strecke. Sie müssen länger gehört werden (selbst wenn Songs oder Gartentipps zum Abschalten einladen), bevor valide Einschätzungen getroffen werden können. Und zum vollständigen Bild muss gehören, dass von den zahlreichen öffentlich-rechtlichen Radio-Sendern in Deutschland (69 zählt die Wikipedia) jetzt zwar einer weniger "Kultur-" heißt, aber bald auch wieder einer mehr. In knapp zwei Wochen benennt SWR2 sich in SWR Kultur um. Was dahinter steckt? Dass "die Kulturinhalte des SWR sichtbarer und schneller gefunden werden" und "ein bisher unerreichtes Publikum" gewonnen werden solle, so die "FAZ". Und radioszene.de zitiert den SWR-Intendanten und ARD-Vorsitzenden Kai Gniffke: "Da wo 'K' draufsteht, ist Kultur drin". Also in Südwestdeutschland zumindest.

Der RBB traf in den vergangenen Jahren so einige Entscheidungen, die sich bald darauf als bemerkenswert schlecht entpuppten. Ob es nun ein kluges und richtiges Signal ist, "Kultur" aus dem Sendernamen zu tilgen? Obwohl viele, auch wichtige Zeitgenossen bis hin zum Bundesverfassungsgericht den Kultur-Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen für ziemlich bedeutend halten – manche halten ihn ja sogar für bedeutender als die Aufträge, Unterhaltung, Sportberichte und Krimis bis zum Abwinken zu senden ... –  wird sich zeigen. Und gewiss in die generellen Diskussionen zur Öffentlich-Rechtlichen-Zukunft einfließen.

ÖRR-Transparenz in Österreich

Oh, der ORF. Die österreichische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt muss neuerdings

"jährlich die Listen [ihrer] Top-Verdiener veröffentlichen, das hat das Unternehmen jetzt erstmals gemacht. Das meiste Geld im ORF nimmt ein Moderator mit nach Hause, auf Platz drei folgt der Generaldirektor",

schreibt Timo Niemeier bei dwdl.de. Der "Standard" berichtet ausführlicher und verlinkt auch den 72-seitigen "Transparenzbericht". Veröffentlich werden müssen alle "Spitzengehälter ... von 170.000 Euro jährlich aufwärts". Beim bestverdienenden Moderator handelt es sich weder um Armin Wolf, der unterhalb der Top Ten rangiert, noch um Andy Borg (der überhaupt nicht auttaucht), sondern um einen Radiomoderator:

"Ö3-Wecker-Star Robert Kratky führt die Liste der Spitzenverdiener mit brutto rund 444.000 Euro an. Die Position macht ihn zum Ziel der Empörung, wohl auch jener Empörung, die sich am verpflichtenden ORF-Beitrag aufgestaut hat... Den Vertrag hat noch ORF-General Alexander Wrabetz ausverhandelt. Die Gage bemaß sich damals an einem laut Insidern 'weit höheren' Angebot eines privaten Medienunternehmens, mit dem Kratky abgeworben werden sollte. Kratky ist nicht alleine, aber besonders ein zentraler Erfolgsfaktor für Ö3, die Morgenzone die wichtigste Nutzungszeit für solche Radios",

schreibt der "Standard" in einem weiteren Artikel. Das zeigt schon, dass in Österreich nicht alle über die Veröffentlichungspflicht glücklich sind. Der Zentralbetriebsrat wollte sie vorm Obersten Gerichtshof verhindern. Der ORF will "jegliche rufschädigenden Äußerungen oder gar Drohungen gegen einzelne Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter rechtlich verfolgen", betont Generaldirektor, also quasi Intendant Roland Weißmann (der übrigens auf Platz 3 der Gehalts-Top 10 steht; Platz 2 belegt Hauptabteilungsleiter Strobl, dem das in Deutschland inner- wie außerhalb des Rundfunks unvorstellbare Kunststück gelang, "das 303 Millionen Euro teure Bau- und Sanierungsprojekt ORF-Zentrum ... innerhalb des Budget- und Zeitplans" zu managen ...).

In Deutschland veröffentlichen die öffentlich-rechtlichen Anstalten seit einigen Jahren, auch nicht frewillig, wieviel Geld ihre Intendanten und weitere Spitzenmanager verdienen. Was ihre prominenten Moderatoren bekommen, halten die Anstalten geheim, so gut es geht. Richtig gut geht es nicht mehr. Dass der streitlustige ZDF-Entertainer Böhmermann mutmaßlich deutlich mehr verdient als sein auch schon bestens honorierter Intendant (Altpapier), dass seine Sender-Kollegen Markus Lanz und Horst Lichter wohl sogar jährliche Millioneneinnahmen erzielen (Altpapier), wurde bereits berichtet. Klar, für verdiente Spitzenverdiener kann es ärgerlich sein, wenn ihre Gehälter öffentlich bekannt werden. Noch klarer aber: Auch hierzulande hat die zahlungspflichtige Öffentlichkeit Anspruch, zu erfahren, wie genau ihr Geld ausgegeben wird. Sinnvoll wäre, wenn die Anstalten sich aus eigenem Antrieb zu Transparenz nach österreichischem Muster durchringen könnten. Ansonsten müsste die Medienpolitik die Pflicht in einen Staatsvertrag schreiben. Den gern als Argument dagegen genannten Konkurrenzkampf um teure gute Leute liefern sich inzwischen sowieso oft öffentlich-rechtliche Anstalten untereinander ...

Medienmedien-Vielfalts-Debatte

Gewiss, Medien faszinieren und sind ungeheuer wichtig. Dennoch ist der Medienjournalismus eine Nische, und zwar eine, deren, ähm, Insassen noch mehr als Insassen anderen Nischen zur Überschätzung der eigenen neigen. Jetzt aber scheint eine echte Diskussion über diese Nische aufzukommen.

Anlass ist, dass die umtriebige Mediengruppe Oberauer aus Eugendorf bei Salzburg nun auch noch den traditionsreichen, einst in Walldorf bei Heidelberg gegründeten deutschen Aggregatoren turi2.de übernommen hat. Zu Oberauer gehören etwa schon lange das vor allem gedruckt erscheinende "medium magazin", kress.de und noch nicht so lange das bereits von vielen Eigentümern besessene Portal meedia.de. "Dazu kommen mehrere digitale Jobbörsen, der European Publishing Congress, das PR-Report-Camp, das Medien-Camp und diverse Branchenpreise", ergänzt "epd medien".

"Der Newsdienst turi2 soll mit seiner Website und den werktäglich zwei Newslettern noch stärker auf Branchenthemen fokussiert und mit journalistischen Angeboten der Oberauer-Gruppe verknüpft werden. Die turi2 Themenwochen sollen auch auf anderen Oberauer-Websites publiziert werden, so dass die größte gemeinsame Content-Bühne der Branche entsteht",

steht in der Oberauer-Pressemitteilung. Dazu äußert der Bundesvorsitzende der Journalistengewerkschaft DJV, Mika Beuster, unter der zum Nachdenken anregenden Überschrift "Konzentration ist kritisch" die Sorgen,

"dass den Medienfachtiteln eine wachsende Bedeutung zukomme, seit immer mehr Tageszeitungen ihre Medienredaktionen ausgedünnt oder gar abgebaut hätten: 'Heute informieren nur noch einige wenige Leitmedien mit eigenen Medienjournalisten darüber, was sich bei Zeitungen, Zeitschriften, Online-Portalen und im Rundfunk tut. Deshalb ist publizistische Vielfalt bei den verbliebenen Titeln so wichtig'",

und dass "die Bedeutung der Verlegerfamilie Oberauer am Markt zu dominant" sei. Worauf turi2.de-Chefredakteur Markus Trantow was entgegnete (dass "die Familie Oberauer ... bei bisher allen Zukäufen den Kern der übernommenen Marken gestärkt und weiterentwickelt" habe). Wodurch auf der "FAZ"-Medienseite (Abo) Verwirrung entstand, ob denn auch die DJV-Zeitschrift "journalist" den Oberauers gehört (was sie nicht tut). Am schönsten, nämlich indem sie in die unermesslichen Archive greift, schießt die "Süddeutsche" (Abo) gegen das neue Nischen-Branchendienst-Kartell:

"Vor eineinhalb Jahren stritt Peter Turi ... mit dem aktuellen Verleger von Kress, ... Johann Oberauer ..., darüber, wie man in der sehr speziellen und kleinen Branche der Mediendienste überleben - und auch noch erfolgreich sein kann. Die beiden kennen sich lange und schenkten sich nichts. Er sei, sagte Turi, der 2007 mit turi2 selbst einen Mediendienst gegründet hatte, sehr beeindruckt von der Konsequenz, mit der Oberauer sein Geschäftsmodell durchziehe: 'Wie du deine Partner mit Medienpreisen überhäufst und so ihr Herz und ihre Brieftaschen öffnest. Und die Energie, mit der du 84-Seiten-Blättchen für 35 Euro zuzüglich Versandkosten verkaufst - großes Kino!'"

Schärfer ("Austauschbarkeit liegt einfach im Trend") kommentiert dwdl.de aus Köln, das weiterhin nicht zu Oberauer gehört, und zeigt sich stolz nicht ohne Pathos,

"seit fast 23 Jahren kostenfreien Medienjournalismus für alle anzubieten, damit vom Praktikant bis zur Geschäftsführerin alle den gleichen Kenntnisstand haben - unabhängig vom Gehalt. Proud to be different! So wie - auf ihre Art - übrigens auch die geschätzten Kolleginnen und Kollegen von Übermedien, Journalist, Medieninsider oder eben dem Altpapier, dafür sorgen, dass es neben der jüngsten Marktkonzentration doch noch eine größere Vielfalt gibt als der DJV befürchtet."

Über alle Medienformen hinweg darauf hinzuweisen, dass eine Vielfalt von Markennamen und Marketingmaßnahmen zwar mit Meinungsvielfalt korrelieren kann, aber keineswegs damit identisch sein muss, gehört jedenfalls zu den wichtigen Aufgaben des Medienjournalismus.


Altpapierkorb (Sonntagszeitungen, Radio-Digitalisierung, Presseähnlichkeits-Debatte, Push-Nachrichten, Riefenstahl-Fragen)

+++ Eine relativ unbemerkte Zäsur: das "Ende der Sonntagszeitungen" in Berlin. Sowohl  Holtzbrincks "Tagesspiegel" als auch Funkes "Morgenpost" erschienen mit ihren relativ dicken Sonntagsausgaben zu Ostern letztmals gedruckt. Weshalb die "taz" in großem Bogen ("Vor 100 Jahren waren Sonntagszeitungen eine Selbstverständlichkeit. Die Tagespresse erschien bis zu zwölf Mal in der Woche ...") zurückblickt. +++

+++ Auch "taz", auch lesenswert: die schwierige Radio-Zukunfts-Frage der Digitalisierung, durchdekliniert anhand des Freien, also weder privatwirtschaftlichen noch öffentlich-rechtlichen Radios Fratz aus Flensburg. +++

+++ Der SWR hat (außer einem neuen Kulturradio) auch frisches Öl fürs alte Feuer der überkommenen Presseähnlichkeits-Debatte, und zwar in Form der schon lange und kompliziert juristisch umstrittenen, nun wieder aufgelegten Nachrichten-App namens "Newszone", ärgert/freut sich die "FAZ". +++

+++ Emsig dabei im Wettbewerb der Nachrichten-Apps ist aber auch der Deutschlandfunk. "Eine Zeitlang glich die DLF-App zum Beispiel eher einem Live-Ticker zur Handball-EM der Männer", schildert Antonia Groß bei uebermedien.de (Abo) mit plastischen Beispielen den großzügigen Einsatz von "Eilmeldungs"-Push-Nachrichten. +++

+++ Kürzlich machte Thomas Schuler im KNA-Mediendienst aufs Schicksal des Dokumentarfilms "Zeit des Schweigens und der Dunkelheit" aufmerksam (Altpapier). Der Frage, "wie es Leni Riefenstahl überhaupt gelingen konnte, dass der Film beim WDR für Jahrzehnte verschwand", ging dann die "SZ"-Medienseite (Abo) ausführlich nach. Der Prozess habe der Filmautorin Nina Gladitz "beruflich das Genick gebrochen", wird die ehemalige WDR-Redakteurn Sabine Rollberg zitiert. +++

Das nächste Altpapier schreibt am Donnerstag René Martens.

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