Das Altpapier am 6. April 2018 Mark Zuckerberg weiß das

Facebook kann das Datensammeln nicht lassen, Facebooknutzer das Nutzen von Facebook aber auch nicht. Die blöde Presse soll endlich aufhören, die redlichen Strukturplanänderungen öffentlich-rechtlicher Sender zu hinterfragen. Warum das Autoradio ab Mittwoch schweigen könnte. Auf junge Ärzte folgen junge Krankenschwestern. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 6. April 2018: Facebook kann das Datensammeln nicht lassen, Facebooknutzer das Nutzen von Facebook aber auch nicht. Die Presse soll endlich aufhören, die redlichen Strukturplanänderungen öffentlich-rechtlicher Sender zu hinterfragen.
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Man sollte dieser Tage (sonst auch, aber das vergisst man ja ständig) vorsichtig sein, was man ins Internet schreibt. Schließlich besteht die Gefahr, dass am Ende Menderes daraus vorliest und sich über den falschen Gebrauch des Plusquamperfekts echauffiert.

So wiederfahren ist es Fernsehkritiker Glenn in der gestrigen Ausgabe des "Neo Magazins Royal", genauer gesagt einer Sonderausgabe des Formats "PRISM is a Dancer" mit dem schönen Untertitel "Lass Dich überwachen", aus der sich lernen lässt, dass a) Böhmis Redaktion sehr schöne Wortspiele zu machen vermag, b) das Internet wirklich jeden peinlichen Scheiß aufbewahrt, auch ein Engagement für einen Mülleimer an der Bushaltestelle, c) die Aufdeckung von PRISM jetzt auch schon wieder fünf Jahre her ist, und an den meisten Nutzern die Erkenntnis, dass Geheimdienste den oben bereits angesprochenen Scheiß mitlesen, völlig folgenlos vorbeigezogen ist, so wie es das nun offenbar im Falle Facebridge Analytica wiederum tut, was nicht nur das Ende eines langen Satzes, sondern auch eine Überleitung ist.

Facebooknutzer will be Facebooknutzer, beweisen auch Umfragen

Denn. (Trommelwirbel, Auftritt der Statistik-Kompetenzen von Infratest dimap für den ARD-DeutschlandTrend, vorgetragen von Ellen Ehni bei tagesschau.de):

"59 Prozent der Internetnutzer in Deutschland geben an, dass sie überhaupt kein Facebook-Konto besitzen. 27 Prozent sagen, dass sie Facebook genauso nutzen wie vor der Berichterstattung rund um Cambridge Analytica. Nur zwölf Prozent erklären, dass sie Facebook aufgrund des Datenskandals weniger nutzen als vor dem Bekanntwerden des Datenlecks. Zwei Prozent nutzen Facebook deshalb gar nicht mehr."

Bzw. (Befragung des Marktforschungsinstituts Impact & Emotions für Horizont unter deutschen Facebook-Nutzern in den Worten Ingo Rentzes):

"Immerhin 32 Prozent der Befragten geben an, dass sich ihre Einstellung zur Datensicherheit auf Facebook aufgrund der Enthüllungen der vergangenen Wochen verändert hat. Im Umkehrschluss heißt das aber eben auch, dass der Großteil der Befragten (68 Prozent) wegen des Datenskandals seine Einstellung gegenüber dem sozialen Netzwerk offenbar nicht ändert.

Das wird vor allem dann deutlich, wenn es um die ultimative Konsequenz geht – die Löschung des eigenen Facebook-Profils. Nur knapp 6 Prozent der Facebook-Nutzer geben an, diesen Schritt ernsthaft zu erwägen. Weitere 12 Prozent können sich immerhin vorstellen, dass dieser Schritt nötig sein könnte. Die restlichen 82 Prozent jedoch wollen auf Facebook bleiben."

Leute, die sich bei Facebook zu Facebook befragen lassen, wollen Facebook also lieber nicht verlassen, während etwa 700 auf dem Festnetz und 300 auf dem Handy angerufene vorwiegend Westdeutsche (für diese Angaben bei tagesschau.de bitte ganz nach unten scollen) in der Mehrzahl gar nicht erst bei Facebook sind. Was zum einen gut zur Reliabilität und Validität der Meldung von gestern früh stammt, dass bis zu 87 Millionen Menschen, darunter über 300.000 Deutsche, vom Datenabfluss von Facebook an Cambridge Analytica betroffen sind. Die Daten hat Facebook selbst durch eine Umfrage ermittelt, an der sich ganze "65 Nutzer aus Deutschland" beteiligten. Und zum anderen in etwa so gesichert beweist, dass diese Sache mit den Daten den meisten Leuten völlig schnurps ist, wie ich es Ihnen oben schon basierend auf einer Fernsehsendung als Erkenntnis untergejubelt habe.

Auch Private Messages sind nicht privat

Eine Information, die allen in Zukunft zu Befragenden egal sein kann, ist die, dass Facebook die offensichtlich doch nicht so privaten Nachrichten mitliest, wie Mark Zuckerberg in einem Nebensatz des langen Interviews mit Ezra Klein für Vox.com bereits Anfang der Woche unterbrachte, in seinem Gesamtausmaß aber erst Bloomberg erklärt:

"The company told Bloomberg that while Messenger conversations are private, Facebook scans them and uses the same tools to prevent abuse there that it does on the social network more generally. All content must abide by the same 'community standards.' People can report posts or messages for violating those standards, which would prompt a review by the company’s 'community operations' team. Automated tools can also do the work.

'For example, on Messenger, when you send a photo, our automated systems scan it using photo matching technology to detect known child exploitation imagery or when you send a link, we scan it for malware or viruses,' a Facebook Messenger spokeswoman said in a statement. 'Facebook designed these automated tools so we can rapidly stop abusive behavior on our platform.'"

Zuckerbergs Plattform, Zuckerbergs Regeln, also: selbst Schuld! Würde zumindest Ralph Sina sagen, wenn ich diesen seinen Kommentar bei tagesschau.de richtig verstehe, in dem er schöne Sachen schreibt wie

"Denn der Facebook-Nutzer wusste zu jedem Zeitpunkt, dass seine persönlichen Daten und Profile Zuckerbergs Gold und Öl sind. Es musste immer klar sein, dass Online-Plattformen wie Facebook nur deshalb kostenlos sind, weil sie mit den Daten der Nutzer Milliarden Dollar machen"

oder

"Wenn der Nutzer sich selber weiter als offenes Buch auf Facebook und Co. präsentiert, darf er sich über die Entmündigung nicht wundern – und über das Regiertwerden durch Unternehmer wie Marc Zuckerberg."

Das ist natürlich ziemlicher Quatsch, findet hier aber Erwähnung, damit Sie ein lupenreines Beispiel für Victim Blaming zur Hand haben, falls Sie mal eines benötigen.

Selbst will Facebook selbstredend weiter Daten sammeln

Aber, und nun kommen endlich die guten Nachrichten: Alles wird gut! Denn Politik und Rechtsstaat sind dran an der Sache. In Australien wird schon ermittelt, ob Facebooks Datenweitergabe gegen Gesetze verstieß, meldet futurezone.at, und auch die EU-Kommission hat "für die kommenden Tage Gespräche mit dem US-Konzern angekündigt. Derzeit werde der Kontakt auf höchster Ebene vorbereitet, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Donnerstag" (dpa/Heise).

Vermutlich bin nur ich es, die bei Kontaktvorbereitung auf höchster Ebene an irgendwas mit Alf oder E.T. denkt.

Wichtig in jedem Fall, dass etwas passiert, denn von alleine tut sich Facebook eher schwer mit Veränderungen im Nutzersinne, wie Patrick Beuth für Spiegel Online aus einer Telefonkonferenz von Mark Zuckerberg mit US-amerikanischen Journalisten herausgelesen hat:

"Aber an keiner Stelle war bisher die Rede davon, dass das Unternehmen selbst auf Daten verzichtet. (…) Denn keiner der bisher verkündeten Schritte – darunter auch die beendete Zusammenarbeit mit bestimmten Datenhändlern – tut dem Unternehmen weh."

Jedoch:

"Dem Unternehmen Nutzerdaten wegzunehmen, die es längst hat, oder es zu zwingen, WhatsApp oder Instagram abzuspalten, obwohl die Übernahmen schon vor Jahren genehmigt wurden, dürfte praktisch unmöglich sein. Mark Zuckerberg weiß das."

Die Facebookseite des Altpapiers, die wir seit zwei Wochen versuchen, loszuwerden, ziert aktuell aus Admin-Sicht übrigens der rot markierte Warnhinweis "Altpapier soll in 3 Tagen gelöscht werden. Löschen abbrechen."

Nö. #ausgründen

Das neueste Mimimi öffentlich-rechtlicher Sender

Es ist spät und Sie haben sich den Altpapierkorb redlich verdient. Aber das Selbstmitleid bei gleichzeitiger Selbstgerechtigkeit, das Lorenz Wolf, Vertreter der katholischen Kirche im und Vorsitzender des Rundfunkrats des Bayerischen Rundfunks in der aktuellen Ausgabe epd medien (leider derzeit nicht online) an den Tag legt, muss man gesehen haben.

Zum Beispiel, wenn er sich über die Herausforderungen einer Strukturreform beschwert:

"Dabei wird den Mitarbeitenden einiges zugemutet, wovon sie erst überzeugt, wozu sie erst motiviert werden müssen. Und dazu gibt es noch erheblichen Gegenwind: Konkurrierende Unternehmen melden Bedenken an, Gutachter und Gegengutachter werden eingeschaltet, Entscheidungen werden in der Presse hinterfragt, Kosten werden beziffert und öffentlich bewertet, oftmals ohne Berücksichtigung der jeweiligen Zeiträume, für welche die Infrastruktur ausgelegt ist."

Presse, die Entscheidungen hinterfragt: Wo kämen wir hin, wenn das Schule machte!

Oder, wenn er formuliert, wie aus seiner Sicht private und öffentlich-rechtliche Medien miteinander die Zukunft Letzterer debattieren sollen.

"Das oberste Gebot heißt dabei, dass angesichts der Meinungsmacht der beteiligten Akteure alle 'ehrlich' miteinander umgehen müssen und die auf dem Spiel stehenden Dinge ernst nehmen, um eine freie Meinungs- und Willensbildung zu ermöglichen."

"Ehrlich".

Oder, wenn er catchy Suggestivfragen wie

"Es ist zu fragen, ab wann Wirtschaftlichkeitsabschläge bei der Bedarfsermittlung unter Umständen unmittelbar oder auch nur mittelbar in (unzulässige, da die Programmautonomie der Anstalten berührende) Programmkürzungen umschlagen"

an die KEF formuliert, um dann zu behaupten, "(s)elbst mit Gewissheit die Antwort auf all diese Fragen geben zu wollen, wäre überheblich."

Tja. Ich habe zwei Theorien: Wolf weiß mit ziemlicher Gewissheit sehr genaue Antworten auf seine eigenen Fragen, und dem öffentlich-rechtlichen System tut er mit solchen Texten keinen Gefallen.

Nun aber:

Altpapierkorb (Drohende Radio-Abschaltung, ARD ist uneins, Spiegel-Noch-Chef)

+++ "(W)egen eines Streits zwischen den Betreibern von UKW-Antennen und Sendernetzen droht in großen Teilen Deutschlands die Abschaltung des Sendebetriebs", meldet Springers Die Welt zum Radio in Deutschland.

+++ "(G)ravierende Mängel formeller und inhaltlicher Natur" begründen die Klage gegen die im August vergangenen Jahres vom Bundesinnenministerium verbotene Internetplattform linksunten.indymedia.org, so die taz.

+++ Die ARD-Anstalten sind sich nicht eins, wie ihre "Wir sind deins"-Kampagne zu laufen hat, kolumniert Ulrike Simon bei Spiegel Daily.

+++ "Klaus Brinkbäumer, das ist der Tenor des Flurfunks an der Ericusspitze, ist ein Chefredakteur auf Abruf", meint Marvin Schade bei Meedia.

+++ Ob Geld wirklich keine Tore schießt, und wer in der kommenden Saison welche Champions-League-Spiele wie überträgt, ist evangelisch.de-Kolumnen-Thema von Altpapier-Kollege Christian Bartels.

+++ Aus Mangel an einer neuen, deutschen Wired-Ausgabe bespricht Michalis Pantelouris in seiner Kolumne bei Übermedien halt die aus den USA.

+++ 30 Jahre "RTL aktuell": Für @mediasres schaut Michael Borgers zurück.

+++ David Denk gefällt, was Das Erste heute Abend zeigt (Medienzeite der SZ): "Mit 'Opa wird Papa' zeigt die ARD-Tochter Degeto auf ihrem Freitagssendeplatz nach Filmen wie 'Mein Sohn Helen' über eine transsexuelle Jugendliche und 'Besuch für Emma' über eine einsame Supermarktkassiererin mal wieder eine Produktion, die den Anspruch einlöst, zeitgemäße Geschichten zu erzählen, berührend, aber nicht rührselig, um das durch etliche Heile-Welt-Schnulzen verdiente Image der 'Süßstoff-Fabrik' vielleicht einmal endgültig abzuschütteln."

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht es um die Verlagerung des Schweizer "Tatorts" von Luzern nach Zürich () und "Falco", die französische Version von "Der letzte Bulle", die ZDFneo nun zeigt ().

+++ Die neusten Steaming-Serien-Zugänge von "Westworld" bis "Bosch" hat Kurt Sagatz im Tagesspiegel.

+++ Aus der Reihe "Man kann es sich nicht ausdenken": "Mit den 'Jungen Ärzten' hat die ARD-Krankenhausserie 'In aller Freundschaft' seit Anfang 2015 bereits einen Ableger im Vorabendprogramm. Im Herbst wird man noch ein weiteres Spin-Off testen. Im Mittelpunkt stehen dann junge Krankenschwestern." (DWDL)

Neues Altpapier erscheint am Montag.

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1 Kommentar

07.04.2018 19:21 Tomix 1

Ihr Lieben, vielen Dank zum WDR-Link "Facebook abmelden". Ich dachte, schon das geht nicht.