Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 8. Mai 2018: Sind Satiriker die besseren Politiker? Jan Böhmermann mit Schild auf dem steht "Reconquista Internet". Hinter sich herziehend ein Trojanisches Pferd mit der Wortcloud "Menschenwürde, Liebe, Vernunft, Gemeinschaft"
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 8. Mai 2018 Flauschangriff im Real Life

Sind Satiriker die besseren Politiker? Glauben jene Journalisten, "die nach Ellwangen den Staatskollaps herbeireden“ wirklich, was sie schreiben? Unterfordert "Weissensee“ Schauspieler und Zuschauer gleichermaßen? Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 8. Mai 2018: Sind Satiriker die besseren Politiker? Jan Böhmermann mit Schild auf dem steht "Reconquista Internet". Hinter sich herziehend ein Trojanisches Pferd mit der Wortcloud "Menschenwürde, Liebe, Vernunft, Gemeinschaft"
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All jene zu ärgern, die den Hajo-Friedrichs-Ausspruch übers Gemeinmachen gern und mutwillig aus dem Kontext reißen bzw. falsch verstehen wollen (siehe viele Altpapiere, etwa dieses, oder auch die taz vor ziemlich genau einem Jahr), schadet ja grundsätzlich nie. Aktuell macht’s Cordt Schnibben:

"Endlich eine Sache, mit der sich jeder Journalist gemein machen sollte“,

twittert er, und das bezieht sich auf die Aktivitäten von "Reconquista Internet“, der jüngst von Jan Böhmermann initiierten losen Gruppierung, die zunächst "wie eine weitere witzige Satireaktion Marke Neo Magazin Royale“ wirkte“, wie Julian Dörr für SZ.de schreibt. Doch das greift "in diesem Fall zu kurz“, so Dörr weiter. Denn:

"Böhmermann meint es diesmal ernst. Und das wirkt. In nur einer Woche haben sich bei der Chat-Anwendung Discord mehr als 50 000 Mitglieder der Gruppe ‚Reconquista Internet‘ angeschlossen. Und die starten nun erste Aktionen. In Dresden hat die Bewegung in der Nacht zum Montag aufmunternde Parolen an die Fassade der Frauenkirche projiziert: ‚Durchhalten, freundliches Dresden! Ihr seid nicht alleine!‘“

Diese Anti-Pegida-Aktion ist der aktuelle Anlass für die Berichterstattung. Oder, um es mit der Berliner Zeitung zu sagen:

"Es hatte als Netzaktivismus begonnen, nun hat #reconquistainternet den Sprung aus dem Internet geschafft.“

#reconquistainternet ist zunächst einmal eine Reaktion auf das rechtsextreme Troll-Netzwerk "Reconquista Germanica“ - siehe dieses und dieses Altpapier sowie diesen und diesen TV-Beitrag -, wobei teilweise auch die Methoden der Trolle imitiert werden (siehe etwa den Twitter-Account @Art1IGG).

Andre Wolf schreibt dazu für Mimikama:

"Eines der Kernziele liegt darin, die Realität ins Netz zurückzuholen. Während bei der RG Narrative bedient und Ressentiments  geschürt werden, um kaum vorhandene Phänomene aufzublasen oder Phantomdiskussionen zu befeuern, geht es bei der RI eben auch darum zu zeigen, dass diese künstlich gepushten Themen in der Realität keine Schwerpunkte darstellen (…) Nicht nur in den Strukturen, auch in Aktionen richtet sich die RI nach dem Muster, wie es von der RG verwendet wird. Der Unterschied liegt hier jedoch im Inhalt: Es geht hier nicht um die Schaffung von Unfrieden oder Wut, sondern prinzipiell um Positivparolen und Zuspruch. Das spiegelt sich bereits in der Namenswahl der Aktionen wider, die als ‚Flauschangriffe‘ tituliert werden.“

Die Anti-Pegida-Aktion war gewissermaßen der erste Flauschangriff im Real Life. Der bereits zitierte SZ-Redakteur Dörr ordnet das Projekt folgendermaßen ein:

“’Reconquista Internet’ ist so etwas wie Böhmermanns trojanisches Pferd. Im Korpus einer Satire-Aktion schmuggelt er ein politisches Anliegen in die gesellschaftliche Debatte. Das Besondere ist nun, dass Böhmermann damit nicht, wie so oft, eine mediale (Schein-)Debatte für die eigene gesellschaftliche Blase anstößt, sondern tatsächlichen Widerhall in der echten, realen Welt findet. Dem Satiriker gelingt, woran gerade vor allem linke Politiker scheitern: die Mobilisierung der Basis.“

Vor zwei Jahren stand für einige Zeit die Frage "Sind Satiriker die bessere Journalisten?“ auf der Mediendebattenagenda - etwa bei 3sat, im DLF und beim Netzwerk Recherche. Aktuell könnte man fragen: Sind Satiriker vielleicht sogar die besseren Politiker? Jedenfalls angesichts dessen, dass zu viele Politiker im allerbesten Fall hundsmiserable Satiriker sind (Seehofer, Dobrindt).

Die immer mal wieder gestellte Frage, ob Medienleutchen auch "Aktivisten“ sein "dürfen“, wird anlässlich "Reconquista Internet“ bestimmt auch bald wieder aufpoppen.

Vorauseilender Gehorsam

Da wir heute bereits Hanns Joachim Friedrichs erwähnt haben: Das von den Stiftern des Friedrichs-Preises - Glückwunsch übrigens an die aktuellen Preisträger! - komponierte Motto lautet bekanntlich: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache - auch nicht mit einer guten Sache.“ Die insgeheime Lebensmaxime der meisten deutschen Journalisten lautet dagegen: 

"Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache - außer mit einer schlechten.“

Die Beiträge in Sachen Ellwangen - siehe Altpapier von Freitag und Montag - haben dafür weitere Belege geliefert. Mit dem "deutschen Diskursversagen“, das in der Berichterstattung zum Ausdruck gekommen ist, befasst sich nun Anne Fromm für die taz:

"Der Rechtsstaat ist (…) nicht in Gefahr, weil sich der Anwalt des Togoers weiter gegen die Abschiebung wehren möchte. ‚Anwalt des Togoers droht mit Verfassungsklage‘ berichtete Welt.de. Schon die Wortwahl ist falsch: Eine Klage ist keine Drohung, sondern ein legitimes Mittel im Rechtsstaat.“

Fromm fasst zusammen:

"Ellwangen steht nicht für Staatsversagen, wohl aber für ein Diskursversagen. Die Vorfälle aus dem Flüchtlingsheim zeigen, wie weit sich die öffentliche Debatte verschoben hat, seit AfD und andere Rechte so laut geworden sind (…) (Einige), die nach Ellwangen den Staatskollaps herbeireden, tun das womöglich aus vorauseilendem Gehorsam. Damit ihnen niemand vorwerfen kann, sie hätten ein unliebsames Thema verschwiegen.“

Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob jene Journalisten, "die nach Ellwangen den Staatskollaps herbeireden“, glauben, was sie schreiben, oder ob sie es aus reinem Opportunismus tun, weil sie glauben, es würden sich all die Likes, die sie von der "AfD und anderen Rechten“ bekommen, für sie irgendwann auszahlen. Das wird es nicht, aber das ist eine andere (tragische) Geschichte.

Für den Verfassungsblog wirft Maximilian Pichl aus juristischer Sicht ein Blick auf das Bild, das nach Ellwangen gezeichnet wurde:

"Erstens zeigt sich (…) wieder einmal, dass es in der deutschen Öffentlichkeit offenbar ein großes Vertrauen in den Rechtsstaat und die Entscheidungspraxis von Behörden gibt, wenn das behördliche Ergebnis für die Schwächsten der Schwachen in der Gesellschaft negativ ausgeht. Offenbar unterstellen viele Politikerinnen und Politiker, dass ablehnende Bescheide des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder Überstellungen in andere EU-Mitgliedstaaten per se richtig getroffen werden, also rechtsstaatlich konform sind. Das Gegenteil ist der Fall. Das BAMF hat in den vergangen drei Jahren unter der eifrigen Mitwirkung von Unternehmensberatungen so viele Fehlentscheidungen produziert, dass fast die Hälfte aller Bescheide vor Gericht wieder aufgehoben wird.“

Pichls Fazit:

"Dass die alltäglichen rassistischen Angriffe auf Flüchtlinge, brennende Flüchtlingsunterkünfte und eine extrem rechte Mobilisierung auf der Straße schon gar nicht mehr von großen Teilen der Öffentlichkeit problematisiert wird, dass es keine Titelstorys wie im Falle von Ellwangen gibt, all das lässt mich jedenfalls mit der Frage zurück: Was hat die deutsche Gesellschaft eigentlich aus dem NSU gelernt? Offenbar nicht sehr viel.“

Zu weit getriebene Cliffhanger

Aktuell ein dominantes Thema in der medienjournalistischen Berichterstattung: die vierte Staffel von "Weissensee“, die heute mit einer Doppelfolge startet. Die Serie ist mittlerweile im Jahr 1990 angekommen, in Treuhandanstaltszeiten.

"Es bleibt dabei: ‚Weissensee‘ ist mit das Beste, was deutsches Fernsehen zu bieten hat“,

schreibt Regina Mönch (FAZ, derzeit nicht frei online). Wohingegen Martin Wolf (im aktuellen Spiegel, Seite 117) meint, Regisseur Friedemann Fromm habe

"offenbar kein allzu großes Vertrauen in die Zuschauer: In vielen Szenen wirken die Schauspieler unterfordert: sie sagen nur, was ohnehin jeder sieht. Die neue Staffel von ‚Weissensee‘ ist hübsch bebilderter Nachhilfeunterricht in Zeitgeschichte, aber auch nicht mehr.“

Die anderen Rezensionen liegen dazwischen. Ein "Aber“ ist in der Regel zur Hand, doch das Gesamturteil fällt positiv aus. Die Berliner Morgenpost schreibt:

"Fromm, Regisseur aller 'Weissensee‘-Folgen, hat (…) die Skripts diesmal selbst verfasst. Dabei hat er es bei den Cliffhangern der einzelnen Folgen ein wenig weit getrieben, scheint auch sonst die Schreibfeder mit härterem Druck zu führen. Aber ihm gelingt das Kunststück, auch komplexe Wirtschaftszusammenhänge verständlich zu machen.“

Und Brigitte Knott-Wolf analysiert in der Medienkorrespondenz:

"Die in 'Weissensee‘ benutzten Handlungsverläufe (sind) – genrebedingt – oft sehr trivial. Allein die vielen zufälligen Begegnungen und zeitlichen Parallelen, die die Handlung in entscheidenden Momenten vorantreiben, sind an Klischeehaftigkeit kaum zu überbieten (…) Was 'Weissensee‘ als Familienserie dagegen qualitativ aufwertet, sind die gewählten Charaktere der Figuren, die sehr differenziert gezeichnet und mit markanten Schauspielerprofilen besetzt sind. Sie alle vertreten ihre jeweils eigene, durchaus glaubwürdige Moral und zeigen sich gleichermaßen verletzbar und mutig.“

Außerdem: David Denk geht in der SZ auf die Arbeit des Szenenbildners Frank Godt ein ("Mehr als 140 Motive haben Godt und seine Mannschaft für die vierte Staffel von 'Weissensee‘ gebaut oder zumindest eingerichtet“). Und: ein hübsches Zitat von Regisseur Fromm (aus dem Tagesspiegel) zu einer inhaltlichen Fortsetzungsoption für "Weissensee“ (das es uns ermöglicht, einen Bogen zu schlagen zur oben erwähnten Aktion von Böhmi und Co. in Dresden):

"Es gibt ja Leute, die waren früher Bürgerrechtler und marschieren heute bei Pegida mit. Das wäre zum Beispiel eine sehr gute Geschichte, die Entwicklung dieser Menschen nachzuzeichnen.“

Altpapierkorb (Erfolg für den Tagesspiegel, Erfolg für fragdenstaat.de, MDR-Rundfunkratssitzung)

+++ Die Berliner Polizei stuft sechs Tötungsdelikte aus den Jahren 1992 bis 2001 "nachträglich als rechts motiviert ein“ - das meldet der Tagesspiegel nicht zuletzt in eigener Sache. Recherchen der Zeitung hatten zur Neueinschätzung der Polizei beigetragen.

+++ Erfolge (II) Der Informationsfreiheitsblog fragdenstaat.de hat die Herausgabe eines "internen Diplomatenberichts zu 'KZ-ähnlichen‘ Verhältnissen in libyschen Flüchtlingslagern“ erzwungen.

+++ Über die gestrige Sitzung des MDR-Rundfunkrats, bei der unter anderem die Vergabe von Studiokapazitäten an ausländische Sender Thema war, berichtet Matthias Meisner im Tagesspiegel. "Ein thüringisches Mitglied des Rundfunkrates“ sagte demnach nach den Beratungen: "Wir brauchen journalistische Maßstäbe. Nur Sender mit unabhängiger Berichterstattung sollten Studiokapazitäten bekommen.“ Anlass der Debatte, so Meisner, war "ein Vorfall im März: Damals war der sächsische AfD-Politiker Maximilian Krah aus dem MDR-Landesfunkhaus Dresden nach Moskau zum russischen Propagandasender Russia Today zugeschaltet worden“.

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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