Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 22. Mai 2018: Kurt Kistner, Chefredakteur der Südeutschen Zeitung erklärt die Gründe für die Trennung von dem Karikaturisten Dieter Hanitzsch.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/dpa/sueddeutsche

Das Altpapier am 22. Mai 2018 Megatrend Entschuldigungen-Fordern

Manche Karikaturen sind doof. Sind SZ-Karikaturisten sogar "unfassbar unterdurchschnittlich"? Und was genau sind Stereotype? Andererseits: Suis-je Hanitzsch? Die Lage um die Süddeutsche Zeitung und ihren Ex-Zeichner ist verfahren – und betrifft auch die ARD. Und das ZDF will sich (wegen etwas völlig anderem) auch nicht entschuldigen. Außerdem: Zuckerberg im EU-Stream. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 22. Mai 2018: Kurt Kistner, Chefredakteur der Südeutschen Zeitung erklärt die Gründe für die Trennung von dem Karikaturisten Dieter Hanitzsch.
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Topthema der Medienmedien vor Pfingsten (Altpapier): Streit um den richtigen Umgang mit einem nicht besonders ge- oder sogar krass missglückten Exemplar der alten, besonders interpretationsoffenen Kunst- und Medienform Karikatur. Am Samstag äußerte sich die Chefredaktion der Süddeutschen, die ihren Karikaturisten Dieter Hanitzsch nach Jahrzehnten wegen einer als antisemitisch kritisierten Karikatur vor die Tür gesetzt hat.

Nicht illustriert außer mit einem kargen SZ-Logo, stand Kurt Kisters Text unscheinbar unterm Strich auf der zweiten Feuilleton-Seite (und online in der selten genutzten Rubrik "Ihre SZ", in der zuvor 2016 was über Reporter in Pakistan erschienen und davor der Herbert Riehl-Heyse-Preis 2015 ausgeschrieben war ...). Wortgewalt besitzt Kister natürlich:

"... Es erschreckt mich, wenn ich eine Karikatur sehe, auf der zweimal mithilfe des Davidsterns nahegelegt wird, dass der ESC irgendwie israelisch (nein: jüdisch) ist und Netanjahus Raketen oder Bomben auch. Dies sind Stereotype, egal wie sie gemeint sind. Der Davidstern muss für einen Karikaturisten in diesem Land etwas anderes sein als 'nur' ein Nationalsymbol wie der Union Jack oder die Stars and Stripes. Das hat entscheidend mit unserer Geschichte zu tun: Wir Deutsche haben bis 1945 diesen Stern zur rassistischen Typisierung benutzt und missbraucht; die Juden mussten ihn sich von 1941 an in allen Teilen des Nazi-Imperiums an ihre Kleidung als Erkennungszeichen nähen. Der Weg führte in den Holocaust."

Das überzeugt, schon lange bevor Kister noch auf seine Kindheit im KZ-Gedenkort Dachau zu sprechen kommt, klar mehr als Hanitzsch' schlicht-schnödes

"Wenn ich den Davidstern nehme als heraldisches Symbol für Israel – wieso ist das antisemitisch?"

im Interview bei t-online.de, an dessen Ende er weiterhin ausdrücklich nicht um Entschuldigung bittet.

Was die konkreten Abläufe betrifft, geht der Punkt indes eher an den gefeuerten Zeichner. Kister schreibt, leicht zerknirscht womöglich:

"An jedem Tag wird die Karikatur noch einmal vom diensthabenden Chef oder einem Vertreter 'abgenommen'. Ausgerechnet an dem bewussten Montag erfolgte dies nicht, was einer Mischung aus Arbeitsbelastung, Termindruck und Abwesenheiten geschuldet war."

Da wurde Harald Staun in seiner FAS-Kolumne "Die lieben Kollegen" gerne (Im überkommenen Qualitätstageszeitungen-Schema ist die Frankfurter ja der große Rivale der Süddeutschen ... ) etwas konkreter: Hanitzsch habe

"das Bild an die Zeitung geschickt, bei der es, weil die Chefs gerade auf dem jährlichen Politikerempfang der Zeitung in Berlin mit dem Kabinett Risotto, Krabben-Sandwiches und Ananaseis essen, an sämtlichen Blicken vorbei ins Blatt rutschte."

Hanitzschs Sicht:

"Ich habe zunächst einen Entwurf eingereicht, der wurde von der Redaktion begutachtet, für gut befunden und die Zeichnung wurde in Auftrag gegeben. Die fertige Zeichnung habe ich eingereicht. Da hieß es: 'Danke, prima' ... (...) Der Chefredakteur hat sich nun sehr geärgert. Das verstehe ich. Aber mich ohne vorherige Abmahnung einfach vor die Tür zu setzen. Das ist schon ein starkes Stück. Ich habe die Zeichnung nicht in den Druck geschmuggelt."

Um rasch einen Schritt zurück zu treten: Am einfachsten ist, die Karikaturen der Süddeutschen an sich und besonders Hanitzschs einfach doof zu finden, wie es etwa Timur Vermes bei Spiegel Online (Hanitzsch "ist kein Antisemit. Er ist nur hoffnungslos überschätzt", und "so tickt ... vor allem der ältere Hanitzsch: Das erstbeste Bild, das einem einfällt, wird genommen, zack, fertig, aus"). Und genau: Vernes ist der, der mit "Er ist wieder da" eine (Text-)Satire von unvergleichlicher Raffinesse geschaffen hat. Bei uebermedien.de fordert Jakob Hein die Süddeutsche sozusagen auf, alle ihre "unfassbar unterdurchschnittlichen Karikaturisten" zu entlassen und irgendeinen ehemaligen Titanic-Chefredakteur neue ranholen zu lassen.

Und der Tagesspiegel hat im Rahmen seiner großen Umschau, wer was zum Thema sagte, auch bei seinem Karikaturisten nachgefragt:

"'Hanitzsch hat hier kein antijüdisches Stereotyp benutzt, er würde das niemals tun, ich kenne ihn', sagt Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann. 'Er hat Netanjahu allerdings nicht wirklich treffend karikiert, wodurch diese Interpretationen leider erst möglich wurden.' Für Stuttmann als Karikaturisten sei das Thema israelische Politik/Netanjahu kaum noch behandelbar. 'Das rühre ich zur Zeit nicht an. Egal, was ich dazu zeichne, ich kriege einen Shitstorm, mit den Vorwürfen des offenen oder versteckten Antisemitismus.'"

Was genau Stereotypen an sich und aktuell sind und ob man sie überhaupt bewusst benutzt (oder eher: nur unbewusst), das ist ein Kern des Problems. Zurück zu Kurt Kister:

"Und warum haben wir uns nun von Dieter Hanitzsch getrennt? Ich will nicht aus Gesprächen zitieren, die wir mit ihm geführt haben. Dennoch ist seine Auffassung über Stereotype und Klischees so grundsätzlich anders als die von mir geschilderte, dass wir dies in der Chefredaktion für höchst problematisch halten, weil es den Kernbereich der Zusammenarbeit betrifft. Das Entscheidende aber war, dass der Gang der Gespräche zu einem Vertrauensverlust führte. Wenn sich Menschen über einen Text, eine Zeichnung oder andere Dinge zerstreiten, kann man dies oft durch Debatten, manchmal durch Kompromisse und hin und wieder nur durch eine Trennung lösen. Letzteres vor allem dann, wenn man Vertrauen verletzt oder gar zerstört sieht. Das ist so im Beruf, aber auch im Privatleben."

Natürlich hat der SZ-Chefredakteur seine Worte klug genug gewählt, um Wohlbefinden im überschaubaren Meinungsspektrum, in dem sein Blatt sich längst bewegt – die SZ-Meinungsseite, auf der die Karikaturen immer erscheinen, dürfte eine der überraschungsfreiesten Seiten sein, die überhaupt noch gedruckt werden – wenig zu beeinträchtigen. Kisters Argumentation ist auch mit dem Schlenker in die private Lebenserfahrung in sich stimmig.

Was all die laufenden und noch kommenden Diskussionen darüber, was Satire alles darf (was ja längst nicht nur das sein darf, das man selbst nicht doof findet), und über die Meinungsfreiheit der Andersdenkenden, über deren – möglichst weite – Grenzen transparent gestritten werden müsste, hat die Süddeutsche den Leit- (oder: Mainstream-)Medien im Umgang mit einer missglückten Karikatur einen Bärendienst erwiesen, scheint mir. So ein "Vertrauensverlust", wie Kister ihn eloquent umschreibt, betrifft privat wie öffentlich ja selten nur eine Seite und kann auch weit mehr als nur zwei Seiten betreffen. Alle, die aus welcher Richtung auch immer argumentieren, in deutschen Debatten würde mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen, haben ein gutes neues Argument. Die Phrase "Das wird man wohl noch sagen dürfen..." kann künftig weniger verlacht werden als in den letzten Monaten und Jahren.

Um eines solcher Argumente zu verlinken: Ruth Gabriel schreibt in ihrem Blog pique-dame.de, gleich nachdem sie sich bemüht hat, "möglichen Applaus von der falschen Seite sogleich auszusperren":

"Die meines Erachtens völlig überzogene und feige Entscheidung der SZ, einen links-liberalen Zeichner hinauszuwerfen, der seit Jahrzehnten gleichsam zum Inventar der Zeitung gehört, befeuert eine ohnehin bereits hysterische Stimmung und Debatte, die zunehmend aus dem Ruder läuft."

Die Überschrift "Je suis Hanitzsch" muss sich niemand unbedingt zu eigen machen. Physisch bedroht wird der Karikaturist ja nicht. Aber maximalen Schaden hat die Süddeutsche angerichtet, auch für sich selbst. Die Kritik geht jedenfalls weiter.

"Die Chefredaktion der 'SZ' sollte nicht glauben, dass sie mit dem Rausschmiss ihres über so viele Jahre für sie tätigen Karikaturisten aus der Verantwortung entlassen ist", kommentierte jedenfalls gleich Springers Welt, in der Richard Herzinger dann u.a. Äußerungen Hanitzschs über den Iran auseinandernimmt ("... dass der Iran und die ihm hörigen Milizen seinerseits in Syrien seit Jahren einen grausamen Krieg gegen die Zivilbevölkerung führen ..."), was absolut in Ordnung ist oder sogar öfter geschehen müsste. Bloß sieht bekanntlich die Politik der Bundesregierung gegenüber dem Iran ganz anders aus als es Springers Welt gerne hätte. Während der gerade erst bestimmte Antisemitismus-Beauftragte der Regierung ja zu den ersten scharfen Kritikern der Hanitzsch-Karikatur gehörte ...

Ob das für Felix Klein ein guter Start ins ganz neue Amt war, ist eine der Fragen, die noch lange diskutiert werden wird. Und weiterdiskutiert werden wird die Causa Hanitzsch – schon weil sie auch in die ARD hinein reicht, wie das schärfste Sturmgeschütz der Springer-Presse schon mit all seinem Fingerspitzengefühl (und einer deutlich übleren Hanitzsch-Karikatur als der, die all die Aufregung entfachte), schon twitterte. Hanitzsch gehört auch zum Team einer Fernsehshow des Bayerischen Rundfunks. Deren

"Redaktion sagte dem Tagesspiegel auf Anfrage: 'Die Entscheidung der 'SZ', sich von Dieter Hanitzsch zu trennen, ist eine Angelegenheit der 'Süddeutschen Zeitung' und betrifft eine ganz bestimmte Karikatur, die in der 'SZ' erschienen ist.' Mit der Sendung 'Sonntags-Stammtisch' im BR Fernsehen habe das nichts zu tun, 'deshalb sehen wir auch keine Veranlassung, auf die Entscheidung der 'SZ' zu reagieren'",

ließ sich der Tsp. dazu bereits sagen. Wäre gut, wenn es dabei bleibt. Bekanntlich hat der Intendant des BR, der zuvor auch mal Sprecher der Bundesregierung war, gerade den ARD-Vorsitz inne.

Stereotypen unter Royalisten

Wo bleibt das Positive? Im englischen Königshaus?

"Volle 236 Minuten #RoyalWedding sind es geworden! Wir hoffen es hat Euch gefallen ...",

twitterte das ZDF, dessen Social-Media-Team viele tolle Emoji-Symbole beherrscht, am Samstag. Doch den Kritikern hat's natürlich nicht gefallen.

Während Hans Hoff bei dwdl.de noch ganz im alten Dualen System befangen sein Fernsehkritiker-Handwerkszeug hervorholte (Der Vergleich habe gezeigt, "wie viel besser die das bei RTL hinkriegen. Im ZDF wirkt alles ein bisschen hüftsteif, einen Hauch zu devot. Es fehlt halt diese unbedingte Bereitschaft, sich selbst in Champagnerlaune zu brabbeln, komplett Nichtiges zur Größe hochzureden ..."), schauten andere einfach in die sog. soz. Medien: Aus diesem Blickwinkel waren die 236 Minuten

"... voll Glamour und Romantik – und gespickt mit Fettnäpfchen. Mit ihrer kommentierlichen Begleitung der 'Royal Wedding' lösten Moderator Norbert Lehmann, 'Gala'-Unterhaltungschefin Luise Wackerl, 'Welt'-Journalist Thomas Kielinger und Adelsexpertin Julia Melchior bei vielen Zuschauern Empörung aus",

fassen die Dumont-Medien zusammen. Am empörtesten ist Frederik Schindler in der taz, der unter der Überschrift "Rassismus auf allen Kanälen" in der Unterüberschrift gar "rassistische und sexistische Stereotypen" sowie den Aufreger "Das ZDF will sich nicht entschuldigen" anteasert.

Gewiss sind die Adelshochzeiten-Übertragungen gaga, wie am eindrücklichsten Boris Rosenkranz' Videozusammenschnitte bei uebermedien (RTL, ZDF) zeigen, und ich selbst bin überhaupt nicht dafür, dass so was in solchem Ausmaß im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen muss. Aber noch gaga-er ist, würde ich sagen, der augenblickliche Trend, für alles, was schärfere Kritik verdient, eine Entschuldigung einzufordern.

Altpapierkorb (EU-Parlament streamt Zuckerberg; bei Grundversorgung "geht es um dich"!; Podcast als Talkshow-Inspiration?)

+++ Immerhin haben ARD und ZDF die "Royal Wedding" nicht beide zugleich übertragen (Tagesspiegel).

+++ Kennen Sie die Internetadresse Ihres EU-Parlaments? Europarl.europa.eu lautet sie, und dort wird heute so ab 18.20 Uhr Mark Zuckerbergs Anhörung vor der "Conference of the Presidents", "wie die Runde der Fraktionsvorsitzenden im Europaparlament großspurig heißt" (SPON), doch live gestreamt.

+++ Norbert Schneider war bis 2010 Chef der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, also einer der Medienwächter, die aus nur noch historisch verständlichen Gründen ausschließlich privaten Rundfunk kontrollieren. Aktuell ist er mit diskussionswerten Reformideen am Start, gerade im Tagesspiegel. "Niemand hat sich bemüht, dem Publikum das Wort 'Grundversorgung' als ein tua res agitur zu erklären – als ein: es geht um dich! Du zahlst ein – auf dein eigenes Konto!", lautet einer der zentralen Gedanken. Ein noch etwas längerer (und, mit fünf Thesen am Ende, schärfer fokussierter) Text von ihm zur gleichen Gemengelage ist bei epd medien verfügbar.

+++ Hey! Auf dem "Digital Economy and Society Index 2018" der EU liegt Deutschland einen Platz höher als auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit, auf Platz 14 – allerdings nur unter den 28 Mitgliedsländern statt unter 180. Netzoekonom.de Holger Schmidt analysiert.

+++ Auf der SZ-Medienseite geht's (außer natürlich um Neues auf Netflix) um den Podcast "Lage der Nation", dessen 100. Folge bevorsteht. "Vielleicht sollten es die Verantwortlichen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch als Zeichen sehen, dass sie ihrem Publikum Alternativen zu den immergleichen Talkshows zutrauen können". +++ Außerdem wird eine ARD-Doku über Mesale Tolu heute am späten Abend empfohlen.

+++ Ist Twitter gar nicht mehr nur für Politiker, Journalisten und Psychopathen, sondern "eine offizielle Bühne von Politik und Gesellschaft"? Das hat Alexander Fanta (netzpolitik.org) zumindest in einer Studie gelesen.

+++ Und eine frische Reformidee zum Rundfunkbeitrag gibt's: ihn nach Einkommen zu staffeln. Sahra Wagenknecht formuliert sie im Spiegel (frei online zusammengefasst bei abendblatt.de).

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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