Das Altpapier am 30. August 2018 Danke, Twitter!

Journalisten sollten "eher nicht in Parteien" sein – nicht mal in der AfD. Die geht in einem Posting wieder einmal über die Grenzen. Der MDR wird für seine Chemnitz-Berichterstattung kritisiert. Die Bild sitzt keineswegs "zwischen allen Stühlen". Und ein Loblied auf Twitter. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 30. August 2018: Lachende Jugendliche zeigen auf ein Twittervögelchen mit Trump-Tolle.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Kann ein Parteifunktionär noch ein unabhängiges Fernsehgesicht sein? Radio Bremen hat zur Causa Hinrich Lührssen beraten, über jenen freien Mitarbeiter, der sich nun im Landesvorstand der Bremer AfD zu engagieren gedenkt. Und: "Solange er im Parteiamt ist, wird er als freier Journalist keine Aufträge mehr von Radio Bremen bekommen", schreibt die Süddeutsche Zeitung.

"In einer Mitteilung stellte der Sender klar, dass man das generell so handhabe, dass er also 'keine journalistischen Auftritte von Funktionären politischer Parteien' zulasse: 'Dies gilt für alle politischen Parteien gleichermaßen.'"

Tatsächlich ist solch eine Regelung gut denkbar, auch wenn die AfD Bremen das nicht einfach so zur Kenntnis nehmen wird – auch Helmut Markwort ist derzeit nicht mehr für den Bayerischen Rundfunk tätig, weil er für die FDP kandidiert. Hinter einer solchen Regelung steht laut SZ sogar Matthias Matussek, "einst preisgekrönter Spiegel-Reporter, heute wegen seiner rechtslastigen Journalismus-Auslegung eine Reizfigur". Der wird zur Sache Lührssen zitiert: "Journalisten sollten eher nicht in Parteien sein".

Begriffsverwirrung durch die AfD

Nicht gerade weniger nachvollziehbar wird es, dass man keinen AfD-Funktionär beschäftigt, wenn man liest, was andere Partei-Leute mal wieder so von sich geben. Matthias Thieme, Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, hat auf der Facebook-Seite der AfD im Hochtaunuskreis eine unverhohlene Drohung entdeckt:

"Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt ist es zu spät!"

Das Posting ist mittlerweile gelöscht bzw. editiert, die Polizei sieht laut Frankfurter Rundschau bzw. epd "keine strafrechtliche Relevanz" (aha soso). Aber falls es tatsächlich jemand noch nicht wusste, weiß er vielleicht jetzt, was da so los ist in der AfD. "Die AfD verwirrt die Begriffe, wie wir es von ihr kennen, und testet aus, wie weit sie gehen kann", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ unter Bezug auf den Revolutionsbegriff.

Es ist sicher kein Zufall, dass gerade Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Neue Presse und Frankfurter Rundschau (sowie der in Frankfurt sitzende epd) das Posting aufgreifen. Der Hochtaunuskreis ist dort ja ums Eck. Was uns zum Zusammenhang von regionaler Nähe und überregionaler Relevanzeinschätzung führt.

"Sächsische Sitten"

Holger Stark wundert sich im Leitartikel (frei derzeit für Abonnenten) auf Seite 1 der Wochenzeitung Die Zeit über die Chemnitz-Berichterstattung regionaler Medien, vor allem auch die des MDR, unter dessen Dach auch diese Kolumne erscheint:

"Dass der MDR am Montagabend keine Sondersendung ansetzte, sondern eine olle Defa Kamelle im Abendprogramm brachte, und die Sächsische Zeitung sich am Morgen nach den Krawallen ausführlich auf die Suche nach dem 'sächsischen Wort des Jahres' begab, aber nur am Rande aus Chemnitz berichtete, zählt zu den speziellen sächsischen Sitten im Umgang mit rechts außen, die außerhalb des Bundeslandes nur schwer zu verstehen sind."

Nun hat der MDR durchaus über die Chemnitzer Krawalle vom Montag berichtet – hier etwa, nur zum Beispiel, der Film von "Fakt" (vom Dienstag) –, aber: eben nicht mit einer schnellen Sondersendung im Regionalprogramm.

Was sagt das tatsächlich aus? Sind hier wirklich "sächsische Sitten" am Werk? Eine andere Hypothese wäre: Es sind öffentlich-rechtliche Sitten. Bei ARD (also im "Ersten") und ZDF gab es ja auch keine Sondersendungen; keinen "Brennpunkt" in der ARD und kein "ZDFspezial". DWDL griff das am Mittwochnachmittag nochmal auf:

"Aus der ARD-Programmdirektion heißt es: 'Wir haben ausführlich in unseren Informationssendungen wie 'Tagesschau' und 'Tagesthemen' über die Ereignisse in Chemnitz berichtet.' Zudem wird auch auf die heutige Maischberger-Sendung verwiesen."

Denn: Bei "Maischberger" wurde dann doch nicht, wie geplant, über den "Plastikfluch" gesprochen. Stattdessen wurde in der ARD-Talkshow am Mittwochabend über "Chemnitz und die Folgen" diskutiert. Aber es fällt einem sofort die Berichterstattung und Kritik der vergangenen Tage ein. Joachim Huber hat etwa im Tagesspiegel – gestern hier im Altpapier verlinkt – geschrieben, "der Eindruck beginnt sich zu verfestigen, dass die Talkshows sich an der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbeizudrücken beginnen". Als eines von drei Beispielen diente ihm Maischbergers ursprüngliche Themenwahl.

Da sind die Talks ihrem Tod durch Vorbeidrücken also womöglich gerade nochmal von der Schippe gesprungen.

Die Bild – zwischen allen Stühlen?

Nochmal zurück in den Zeit-Leitartikel von Holger Stark:

"Die permanente sprachliche Zuspitzung, wie sie Gauland und Co. betreiben, verdreht nicht nur an vielen Stellen die Fakten, sie träufelt Gift in die Gesellschaft – auch in manche Medien, die sich in ihrer Tonalität dem Sound der Rechtspopulisten angenähert haben und hysterisch Alarm schlagen",

schreibt er.

Die Bild-Zeitung kann er allerdings nicht meinen. In einem Interview mit einem Veranstaltungs-Blog der Rheinischen Post sagt der ehemalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf den Anwurf, Bild würde Kritikern zufolge "Ängste vor Zuwanderung" schüren:

"Der Vorwurf ist alt, aber deshalb noch lange nicht wahr: 'Bild' hat schon immer Defizite bei der Integration von Ausländern beklagt, beispielsweise den mangelnden Zwang zur gemeinsamen Sprache Deutsch auf dem Schulhof, aber auch den überproportionalen Anteil von ausländischen Jugendlichen in der Kriminalstatistik. Gleichzeitig haben wir – zum Beispiel mit der Aktion 'Refugees welcome'– Solidarität eingefordert, wenn es darum ging, Fremden Schutz zu gewähren, die, um das eigene Leben fürchtend, aus ihrer Heimat fliehen mussten. Für diese klare Haltung wird 'Bild' – im ersteren Fall – schon immer von links diffamiert, der Hass der Rechten gilt Letzterem. 'Bild' sitzt in dieser Frage zwischen allen Stühlen – genau da gehört unabhängiger Journalismus hin."

Die Definition von "Zwischen allen Stühlen sitzen" würde man jetzt freilich gerne noch hören.

Stefan Niggemeier, dessen Kritik sich Diekmann im Interview wie einen Orden anheftet ("Der schreibt letzte Woche über mich: ''Bild' hat unter Diekmann gelogen, gehetzt, gespalten. 'Bild' war unter Diekmann laut, brutal, hemmungslos.' Mehr Güte-Siegel geht kaum, oder?"), hat dieser Tage (siehe auch Altpapier) geschrieben:

"Die große 'Bild'-Aktion" – gemeint ist die von Diekmann genannte "Refugees welcome"-Aktion – "hatte einmal mit Überschriften begonnen wie: 'Darum muss jeder helfen'. Und mit Sätzen wie: 'Und natürlich wollen wir über unsere Grenzen ein weiteres wichtiges Zeichen setzen: Dass Menschen, die Hilfe brauchen, die knapp mit dem Leben davongekommen sind, auch auf unsere bedingungslose Hilfe vertrauen können.' Das ist davon übrig geblieben: Ein gelegentlicher Kommentar, der für einen kurzen Moment das tägliche Beschreien des 'Asyl-Irrsinns' und des 'Abschiebe-Wahnsinns', das fortwährende Schüren von Wut auf Flüchtlinge und Furcht vor Flüchtlingen in 'Bild' unterbricht."

Niggemeier hat recht. Diekmann nicht. Bild schürt selbstverständlich sehr wohl Ängste vor Zuwanderung. Aber am Ende glaubt Diekmann vielleicht trotzdem jemand. Oder findet es lustig, dass er es wagt, so etwas zu sagen.

Twitter ist toll-toll

Vergleichbar den Jugendlichen, die in The Atlantic über Donald Trumps Tweets reden. "Trump Has Changed How Teens View the News" lautet die Horror-Überschrift.

"In interviews with The Atlantic, teens expressed great skepticism about the accuracy of the mainstream media, reiterated Trump’s biased characterization of many news sources, and said the president’s outrageous tweets have become so much a part of everyday life that they’ve morphed into catchphrases."

Danke, Twitter!

Wobei, nee, nee, Twitter ist super, schreibt der künftige vice.com-Chefredakteur Felix Dachsel im "Entdecken"-Teil der Zeit, "weil es Ihr Leben spannender macht". Und lustiger. Und alles.

"(J)e größer das Netzwerk wird, je mehr Menschen sich entscheiden, per Twitter am Diskurs teilzunehmen, laut Twitter um die zwölf Millionen in Deutschland, desto befremdlicher wirkt das Naserümpfen der Skeptiker. Ob man als Zeitung Twitter ernst nehmen soll? Unbedingt."

Laut einer Studie geben bei Twitter "Männer um die 40 mit einem Hang zum Narzissmus den Ton" an (Altpapierkorb vom 23. August), aber, schreibt Dachsel, der "Schluss kann doch nicht sein, dass man Twit­ter igno­riert." Stimmt. Wobei Gefahr, dass die Nichtachtung überhand nimmt, derzeit auch nicht übertrieben groß ist.

Unter dem Zeit-Text steht: "In der kommenden Woche antwortet an dieser Stelle Charlotte Parnack: Twitter ist nicht die Welt!" Wir spoilern schon mal: Die Wahrheit liegt in der Mitte. Und zwar in diesem Fall tatsächlich.


Altpapierkorb (Spiegel-Chefredaktionswechsel, SRG, Jay Rosen über Umgang mit AfD, Jan Böhmermann im ZDF)

+++ Warum wurde die Spiegel-Chefredaktion ausgetauscht? Eine Seite (für Abonnenten) in der Zeit von Götz Hamann. "Misstrauen ist Teil der Spiegel-Kultur. Manche nennen es den bösen Blick und meinen damit eine maximal übersteigerte Kritiklust. (…) Es passt zur verbreiteten Bereitschaft im Unternehmen, stets das Schlechte vom anderen anzunehmen, und so wurde jede Äußerung Brinkbäumers seither darauf abgetastet, ob er eine Machtübernahme von Print über Online anstrebe. Und Brinkbäumer war wohl blind dafür." Prominews: Christoph Schwennicke vom Cicero sei ein ernster Kandidat für die Klaus-Brinkbäumer-Nachfolge gewesen.

+++ "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz soll sein Programm stärker vom Angebot der Privatsender abgrenzen. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) solle künftig mindestens die Hälfte der Gebühreneinnahmen für Informationsangebote ausgeben, entschied die schweizerische Regierung" (FAZ). Siehe auch watson.ch.

+++ Dem New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen, der für einige Monate zu Forschungszwecken in Deutschland weilte, ist die Unsicherheit deutscher Journalisten im Umgang mit der AfD deutlich aufgefallen, wie er zum Abschluss seines Deutschland-Aufenthaltes in einem Interview mit @mediasres vom Deutschlandfunk sagte: "Ich glaube, es herrscht allgemein Konsens darüber, dass die Medien der AfD nicht zu viel Raum geben sollten. Dadurch werden Tabus gebrochen, die der AfD wiederum weiteren Zulauf bescheren. (…) Auf der anderen Seite können sie die AfD nicht ignorieren, weil sie mit 12, 13 Prozent und mit etwa 90 Abgeordneten gewählt worden sind. Also sind sie von den Medien auch wie eine normale politische Partei zu behandeln. Auf der anderen Seite aber auch wieder nicht. Als ich deutsche Journalisten danach fragte, wie sie diesen Konflikt lösen wollen, kam es zu keinem Konsens unter ihnen. Sie wissen wirklich nicht, wie sie damit umgehen sollen."

+++ Endlich steht eine Annäherung an eine Antwort auf die ewige Frage bevor, was lustiger ist: Überwachung oder Steuerverschwendung? Jan Böhmermann bekommt seine erste Samstagabendshow, "Lass dich überwachen", im ZDF-Hauptprogramm (goldenekamera.de via SpOn) – allerdings nicht wirklich zu Familienfernsehzeiten. Und die Show von Mario Barth, in der es befürchtlich wieder um knallhart recherchierte Beispiele für angebliche Verschwendung öffentlicher Gelder gehen soll, läuft bei RTL "früher als zunächst geplant" (DWDL). Make your choice!

+++ Michalis Pantelouris nimmt sich in seiner Magazinkritik-Kolumne bei Übermedien – frei zunächst nur für Abonnentinnen und -en – "Fliegenfischen – Das internationale Magazin für Flugangler" vor: "Das ist großartig nerdig und wirkt, als hätte da eine Truppe von Flugangel-Verrückten Spaß an der Sache". Wer das Magazin jetzt nicht abonniert, ist wahrscheinlich kein Fliegenfischer.

+++ Über das Ende von "Big Bang Theory" schreibt die FAZ. Und die SZ und der Tagesspiegel besprechen "Sharp Objects" (Sky).

Frisches Altpapier gibt es morgen.