Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 3. Dezember 2018: Stefanie Tücking und das Formel Eins Logo in einem schwarzen Bilderrahmen und Trauerflor.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 3. Dezember 2018 Erfüllt "funk" einen Bildungsauftrag?

Viva und "Kulturpalast" teilen das Schicksal der endgültigen Einstellung. Die Tage der Medienpolitik beginnen aufs Neue. "funk" wird zwei. Der ORF derweil schaltet viele seiner Facebook-Seiten ab. Und Stefanie Tücking ist gestorben. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 3. Dezember 2018: Stefanie Tücking und das Formel Eins Logo in einem schwarzen Bilderrahmen und Trauerflor.
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Der Musiksender Viva wird am 31. Dezember endgültig eingestellt. Das ist eine Information, die epd Medien zu entnehmen ist. Schade drum? So mittel. Viva, schreibt Thomas Gehringer, sei "ein seelenloses Gefäß" geworden, sein Programm "dürftig und unbedeutend".

Dass sich Erstaunen in die Lektüre mischt, liegt weniger daran, dass es verwunderlich wäre, dass der Musiksender den Betrieb einstellt. Es liegt eher daran, dass er es erst jetzt tut. Es gab schließlich vor ein paar Monaten schon eine ganze Batterie von Nachrufen. Das war aber, teilt das Internet mit, als die Nachricht von der Einstellung zum Jahresende gerade bekannt wurde.

Wenn dereinst, in einem fernen Nachrichten-Zeitalter im Jahre 2020, die "Lindenstraße" (für die ARD-Programmdirektor Volker Herres, ebenfalls in epd Medien zu lesen, eine Rückkehr übrigens ausgeschlossen hat) tatsächlich vom Sender gehen wird, könnte es vereinzelt eine ähnliche Irritation geben, die sich aus der Logik der zwei Nachrichtenwellen speist – erst Verkündung, dann, viele Monate später, Vollzug: Wie, die gibt es noch?

Also, Viva:

"In seinen besten Momenten war Viva mehr als eine Abspielstätte für Produkte der Musikindustrie, es spiegelte auch den popkulturellen Zustand der Republik wider, etwa in dem mit einem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichneten Format 'Fast Forward' mit Charlotte Roche. In Sarah Kuttners Show 'Interaktiv' wurde fleißig mit der Community kommuniziert, doch mit dem Erfolg des Internets änderte sich alles."

So Gehringer in epd Medien. Was letztlich schon deshalb ins Altpapier des heutigen Montags gewoben wird, weil es hier heute auch um die ehemalige Musikfernsehmoderatorin Stefanie Tücking gehen muss, eine Vorgängerin von Roche und Kuttner.

Stefanie Tücking ist gestorben

Die SWR-Radiomoderatorin war vor allem eine "Radiofrau", wie Hans Hoff heute in der Süddeutschen Zeitung schreibt,

"ein Produkt der legendären Kaderschmiede SWF 3, dem Sender, bei dem von Anke Engelke über Frank Plasberg bis hin zu Claus Kleber viele ihr Handwerk lernten. Bei SWF 3 durfte man mehr als anderswo, man wurde als Moderator aber auch gefordert, was man der heute unter dem Kürzel SWR 3 firmierenden Nachfolgestation nicht immer anmerkt."

Tücking ist nun 56-jährig am Wochenende überraschend, wie es heißt, gestorben (tagesspiegel.de mit der Nachricht, faz.net mit Reaktionen, der WDR mit einem Fernsehnachruf, Kondolenzbuch auf swr.de). Und damit die

"Frau, die den Jugendlichen hierzulande die Pop- und eben auch Rockmusik schon näherbrachte in einer Zeit, als MTV noch ein Flimmern am Horizont und von VIVA noch gar keine Rede war. (… In Nachfolge von Ingolf Lück moderierte Tücking von Januar 1986 bis zum Dezember 1987 'Formel Eins', insgesamt 80 Sendungen. Zu einer Zeit, als ein öffentlich-rechtlicher Sender wie die ARD tatsächlich – wenn auch zunächst 'nur' in seinen Dritten Programmen – noch seinem popkulturellen Bildungsauftrag nachkam."

So Arno Frank im Spiegel-Online-Nachruf.

In diesem letzten "noch" schwingt Wehmut mit, und wer einen Vorwurf an die Öffentlich-Rechtlichen darin entdeckt, liegt vielleicht nicht falsch. Tatsächlich könnten die Öffentlich-Rechtlichen ja theoretisch leisten, was Viva – Stichwort "Erfolg des Internets", siehe oben – längst nicht mehr möglich war: Musik zeigen, Trends abbilden, Bewegungen nachvollziehbar machen, ordnen, auch: gegen den Musikjournalismusmarkt agieren.

Die Frage ist: Ergäbe eine öffentlich-rechtliche Popkultursendung Sinn in einer Zeit, in der Musikmagazine eingehen wie nichts Gutes (siehe z.B. dieses Altpapier)? Gäbe es, anders gefragt, ein Publikum, das es überhaupt bemerkt, wenn irgendwo im linearen Programm ein neues "Formel Eins" liefe? Oder, nochmal anders gefragt: Warum fällt das Ende des "Kulturpalasts", der ein Ort auch für Beiträge zur Popkultur von Drangsal bis zuletzt AnnenMayKantereit gewesen ist, dessen letzte Ausgabe aber am Samstag bei 3sat lief, eigentlich nicht weiter auf?

Bzw., nochmal anders gefragt: Wenn man ganz genau hinschaut, gibt es sie vielleicht sogar – die Erfüllung eines popkulturellen Bildungsauftrags, z.B. bei "funk"? Das ist keine rhetorische Frage.

"Funk" wird zwei

Ich habe "funk" nicht besser auf dem Schirm als die meisten anderen Journalistinnen und Journalisten, die über Fernsehen schreiben. Aber beim Youtube-, äh, beim öffentlich-rechtlichen Jugend-Onlinesender gibt es zumindest Formate wie "Hookline", die mit Sätzen wie "Hi Leute, wir reden heute über ein ganz wichtiges Thema: Jeder dritte Song in der Popmusik handelt von Drogen, was ist da los?" eingeleitet werden. Oder den Games-Kanal "GameTwo".

Die Frage bei "funk" bleibt freilich auch nun, zum zweiten Geburtstag, zu dem der Tagesspiegel der Kanal- und Playlist-Sammlung einen Text widmet, wer es überhaupt kennt – und ob es von denen, die es kennen, unter Umständen sogar als öffentlich-rechtlich wahrgenommen wird:

"Ausgespielt wird ausschließlich über das Internet, vorrangig über Drittanbieterplattformen wie YouTube. Im Oktober 2016 machten die Öffentlich-Rechtlichen dafür ein jährliches Budget von 45 Millionen Euro frei. ZDF Kultur und EinsPlus wurden eingestellt. Das Millionenbudget bringt das Netzwerk immer wieder in Rechtfertigungszwänge. Auch, weil sich der Publikumszuspruch kaum zufriedenstellend interpretieren lässt. Laut von 'Funk' veröffentlichten Zahlen kennen rund 66 Prozent der 14- bis 29-Jährigen 'Funk’ oder mindestens ein 'Funk'-Format. Das lässt jedoch noch keine Schlüsse darauf zu, ob ein Kanalangebot tatsächlich auch als öffentlich-rechtlich wahrgenommen wird oder wie intensiv die Formate geschaut werden – ob etwa nur eine einzige, durch virale Verbreitung besonders erfolgreiche Episode gesehen wurde oder User regelmäßiger Zuschauer und Fans sind."

Auf ein Neues: Tage der Medienpolitik

Mit all dem, was bisher nun angerissen wurde – mit den "nochs", den Profil- und den Auftragsfragen, wären wir mitten in der Debatte, die in dieser Woche weitergehen wird, wenn sich die Ministerpräsidenten in Berlin treffen, um medienpolitische Angelegenheiten durchzukauen und vielleicht, wer weiß, sich nicht zu vertagen. Sie wollen, schrieb der Tagesspiegel vergangene Woche,

"darüber beraten, ob der Rundfunkbeitrag von derzeit 17,50 Euro pro Haushalt angehoben werden soll. Eine Erhöhung setzt einen einstimmigen Beschluss unter den 16 Regierungschefs voraus. Nach Tagesspiegel-Informationen ist diese Einstimmigkeit pro Erhöhung derzeit nicht gegeben, insbesondere unter den Ministerpräsidenten der ostdeutschen Länder gibt es starke Vorbehalte gegen eine Anhebung." (Wobei auch Bayern zu den Ländern mit Vorbehalten zu rechnen wäre, wie der Tagesspiegel ausführt.)

Geld, ja, okay. Andere hätten bekanntlich gern, dass in der Diskussion die Geldfrage nicht am Anfang steht, sondern am Ende. Tabea Rößner, Medienpolitikerin und Bundestagsabgeordnete der Grünen, schreibt – wiederum bei epd Medien (S. 3ff., derzeit nicht frei online) – in einem Text, der zu einer Serie gehört:

"Statt über die Höhe des Haushaltsbeitrags zu diskutieren – was leider zurzeit vornehmlich passiert, bedarf es zunächst einer grundsätzlichen Überprüfung des Auftrags. Danach richtet sich alles andere, auch die Finanzierung. Denn: Der Beitrag folgt dem Auftrag und nicht umgekehrt."

Sie bringt aber, um beim Thema zu bleiben, auch ein Argument, das man gegen "funk" in seiner heutigen Ausspielweise lesen kann:

"Vor allem junge Menschen informieren sich fast ausschließlich im Internet über Plattformen wie Youtube und andere soziale Netzwerke. Daher suchen schon heute viele öffentlich-rechtliche Angebote auf diesen Plattformen ihr Publikum. Der Nachteil ist, dass viele Nutzerinnen und Nutzer diese Angebote nicht als öffentlich-rechtliche wahrnehmen. Ein öffentlich-rechtliches Angebot muss also als 'Marke', die für Qualität, gute Recherche und Wahrhaftigkeit steht, erkennbar sein. Zugleich individualisiert sich die Medienrezeption immer mehr. Den intransparenten Selektionsprozessen und Fragmentierungstendenzen von Plattformen wie Facebook und Youtube muss das öffentlich-rechtliche Angebot entgegenwirken und darf den Weg der Individualisierung und Verspartung nicht noch verstärken. Die Gewährleistung eines vielfältigen Meinungsbildes muss daher Schwerpunkt des zukünftigen Auftrages sein. Das öffentlich-rechtliche Angebot muss alle Menschen erreichen können und einen gemeinsamen Kommunikationsraum bieten, damit gesellschaftliche Debatten nicht isoliert stattfinden."

Interessant in dem Zusammenhang ist, dass es auch ohne Facebook zu gehen scheint: Der ORF etwa hat zum 1. Dezember "die Anzahl seiner Facebook-Seiten von 70 auf rund 20 eingedampft", wie DWDL berichtet. "Ganze Beiträge oder Sendungen sollen künftig" – bei wenigen Ausnahmen – "nicht mehr bei Facebook hochgeladen werden."

Es ist alles bekanntlich nicht ganz unverworren in der deutschen Medienpolitik. Was fordert Rößner angesichts der Schwierigkeit der Länder, sich medienpolitisch auf irgendetwas zu einigen? Eine "unabhängige Expertenkommission":

"Sie muss den Auftrag hinsichtlich der Aufgaben in einer durch Desinformation, Missbrauch und Manipulation gefährdeten digitalen Welt neu bewerten und Vorschläge für strukturelle Veränderungen machen. Soziologen, Medienwissenschaftler und Medienrechtler können am ehesten die Fragen beantworten, welche Leistung der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer netzbasierten Welt erbringen muss, und auch, welche Altangebote nicht mehr zeitgemäß und verzichtbar sind. Darin sehe ich im Moment die einzige Möglichkeit, die verfahrene Situation aufzulösen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk endlich einen zeitgemäßen Auftrag zu erteilen."

Das Problem könnte sein, sich auf die Schaffung einer solchen Kommission und ihre Besetzung zu einigen.


Altpapierkorb (Seeßlen über die Presselandschaft, Ukraine-"Konflikt", der neue Lamby, Hajo Seppelt über Biathlon, "Holocaust"-Wiederholung, Peter Freys Gehalt)

+++ Ergänzend zur Frage, ob "funk" als Facebook- und YouTube-Angebot gut positioniert ist: Georg Seeßlen konstatiert in einer Betrachtung, der, "wie man so sagt: 'Presselandschaft' in Deutschland" für das Neue Deutschland "das allmähliche Verschwinden der traditionellen Medien der bürgerlich-demokratischen Mitte, wie man sie einst verstand. Der technische Aspekt dabei ist die Wanderung der Konsumenten von Print-Formaten zu digitalen Angeboten, vom Fernsehen als Programm zu den ausufernden audiovisuellen Angeboten des Netzes, oder, um es noch allgemeiner zu formulieren: Vom 'linearen' zum wolkig-selektiven Empfang von Bildern, Erzählungen und Begriffen. Der ökonomische Aspekt dabei ist überdeutlich: Die 'werbetreibende Industrie' beschleunigt und radikalisiert diesen Prozess, da ihre Sucht nach Subjektivierung und Deregulation ihrer Botschaften im Netz wesentlich einfacher zu befriedigen ist als in den alten, linearen Medien."

+++ Über den Krieg in der Ukraine bzw. den Ukraine-Konflikt schreibt der auf der Krim geborene Autor Nikolai Klimeniouk auf der Medienseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Krieg oder Konflikt? Darum geht es. "Konflikt" heiße es "zumindest in Deutschland", schreibt er. "In der Ukraine wird dieser Sprachgebrauch gern mit harten Metaphern verspottet. Eine Vergewaltigung, heißt es, sei letztendlich auch nur ein Interessenkonflikt: Das Interesse der einen Konfliktpartei ist sexuelle Befriedigung, das Interesse der anderen körperliche Unversehrtheit."

+++ Wie praktisch immer Erwähnungen auf den Medienseiten bzw., wie mitunter, in Politikressorts bekommt der neue Lamby (20.15 Uhr, ARD) – er und Kollegen haben den "Machtkampf" der drei Vorsitz-Kandidatinnen und -Kandidaten in der CDU beobachtet (Tagesspiegel, SZ, FAZ, SpOn).

+++ Ebenfalls der Tagesspiegel widmete am Wochenende der jüngsten Arbeit von Doping-Rechercheur Hajo Seppelt einen Text, der die ganze Sonntags-"Sportschau" bekommen hat – auch um seine Recherchen aus dem Biathlon-Umfeld zu zeigen: "Wohl am ungewöhnlichsten ist aber, dass auch die Auswirkungen des russischen Dopingskandals auf Deutschlands populärste Wintersportart angesprochen werden – Biathlon, die am Wochenende in ihre neue Saison startet und dabei wieder stundenlang im Fernsehen zu sehen ist. Das überrascht. ZDF und ARD machen mit Biathlon-Übertragungen seit Jahren sehr gute Quote."

+++ Die taz widmet sich zum zweiten "funk"-Geburtstag einem Einzelprogramm und stellt die neue queerfeministische funk-Produktion "Softie" vor.

+++ Drei ARD-Sender wiederholen Anfang 2019 die Serie "Holocaust" von 1978 (etwa DWDL).

+++ Gestorben ist der ehemalige BR-Journalist Dagobert Lindlau. FAZ und SZ rufen ihm nach.

+++ Und was ZDF-Chefredakteur Peter Frey verdient, ist nun auch bekannt (Tagesspiegel).

Das nächste Altpapier kommt am Dienstag.

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