Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 11. Dezember 2018: Zwei Chat-Bots-Roboter
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Das Altpapier am 11. Dezember 2018 1968 ging ja auch ohne Internet

Alles, was einem nicht passt, sogenannten Social Bots in die Schuhe zu schieben, ist auch keine Lösung, sondern "unterkomplex". Nutzen Sie bitte Firefox (damit der Google-Konzern sich nicht das ganze Internet unter den Nagel reißt)! Außerdem: "Staatsfernsehen" par excellence in Österreich. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 11. Dezember 2018: Zwei Chat-Bots-Roboter
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Ein Artikel mit alarmierender Überschrift machte gestern die Runde in der Nische (jedoch bis zu Claus Kleber im "heute-journal"). "Roboter mobilisieren gegen Migrationspakt" hieß er, steckte online im bezahlpflichtigen Angebot des Springer-Mediums Welt, wurde aber andernorts oft gratis zusammengefasst, am besten vielleicht von APA/ Standard:

"In der Debatte um den Uno-Migrationspakt haben einer Untersuchung zufolge außergewöhnlich viele sogenannte Social Bots Stimmung gegen die internationale Übereinkunft gemacht",

berichten die Österreicher unter Berufung auf die Welt unter Berufung "auf eine Analyse der Firma Botswatch, für die hunderttausende Twitter-Botschaften ausgewertet wurden".

Gut zu beobachten war dann, wie dieser Kern mit ein paar aktuellen Bundesregierungs-Meinungen, die bekanntlich schnell zu haben sind, angereichert wurde. Etwa in den Funke-Medien ("Justizministerin Katarina Barley hat in einer Reaktion auf die Nachricht zu einem verstärkten Kampf gegen Lügen im Internet aufgerufen. 'Manipulative Meinungsroboter, sogenannte Social Bots, sind eine Gefahr für die Demokratie', sagte die SPD-Politikerin unserer Redaktion ..."). Der eigentliche Spin hier lautete:

"Gestreut worden seien zum Beispiel Behauptungen, wonach die Bundesregierung versuche, die Öffentlichkeit beim Migrationspakt bewusst zu täuschen: Das Abkommen sei rechtlich bindend."

Andererseits steht heute sogar auf der Meinungsseite der Süddeutschen, die gegen den Migrationspakt selbst nun wirklich gar nichts hat, dass in der Pakt-"Geschichte des kommunikativen Versagens" "die irrwitzigste Idee" gewesen sei, ihn "mit dem Hinweis zu verteidigen, dass er juristisch doch unverbindlich sei." Was schnell zeigt, dass es eben unterschiedliche Meinungen gibt, bei denen es sich ohnehin oft um Behauptungen handelt. Zumindest sind die Grenzen fließend, womöglich sind sogar sämtliche Aussagen über künftige Auswirkungen dieses Paktes einstweilen notwendig Behauptungen.

Kritik am "Roboter mobilisieren ..."-Alarmismus kam ebenfalls schnell auf, am ersten wohl (auf Englisch) vom Altenbekener Experten Luca Hammer (@luca):

"This paywalled article claims 28% of all Tweets about #migrationspakt were posted by bots and therefore the debate was significantly influenced by bots. I don't believe that and here ist why",

postete er zum Auftakt eines Twitter-Threads. Oft zusammengefasst wurde das ebenfalls, etwa bei meedia.de.

Als Deutschlandfunks "@mediasres" dann am Nachmittag Markus Beckedahl von netzpolitik.org anrief, ging es eigentlich um ein anderes Thema – die Frage, ob die Gilets Jaunes / "Gelbwesten"-Proteste in Frankreich vor allem von Facebook angestachelt wurden (wie zuerst buzzfeed.com meinte). Das sei eine "unglücklich monokausale Feststellung", antwortete Beckedahl: "Auch '68 hat ohne das Internet und ohne Facebook stattgefunden". Es sei derzeit allerdings so, dass alle Algorithmen, nicht nur bei Facebook, "wütenden Beiträgen größere Sichtbarkeit geben".

So kam Anrufer Michael Borgers auch aufs Social-Bots-Thema zu sprechen. Dazu äußerte sich Beckedahl (dessen netzpolitik.org auch mit dem erwähnten Luca Hammer kooperiert) skeptisch: Bots hätten "viel kleineren Einfluss auf die Meinungsbildung im Netz haben als es öfters dargestellt wird". 

"Alleine angesichts der Einflussmöglichkeiten menschlich betriebener Accounts, ist es schlichtweg unseriös und unterkomplex soziale Bewegungen oder hart umkämpfte gesellschaftliche Diskurse mit Bots erklären zu wollen",

formulierte es dann Markus Reuter in schriftlichem Text bei netzpolitik.org. Menschlich gelenkte Accounts, "echte und falsche Influencer" und international aktive staatlich kontrollierte Medien seien insgesamt deutlich einflussreicher, wovon die aktuell auf-trendende Debatte ablenke.

"Der Vorwurf der äußeren Einflussnahme kann aber auch zur Diskreditierung von Bewegungen genutzt werden", schließt er und zitiert dann noch, was in deutschen Debatten selten geschieht, aus einem weder deutsch-, noch englischsprachigen Beitrag, sondern einem französischen liberation.fr-Beitrag.

Was der Artikel "Roboter mobilisieren gegen Migrationspakt" jedenfalls anschaulich zeigte: Derzeit gehört unvermeidlich zum Medien-Geschäft, dass jede halbwegs attraktive Nachricht von allen, denen sie halbwegs ins eigene Bild passt, in Nearby-Echtzeit weiter- bzw. neu vermeldet wird. "Other media outlets write about the claims without checking them", formulierte es Luca Hammer.

Dabei weiß die Welt eigentlich natürlich schon deshalb gut, dass nicht nur Bots gegen den Pakt mobilisierten, weil sie es ja auch selbst tat. Der Welt am Sonntag-Beitrag "Der Migrationspakt – eine Einladung an alle?" (€) ihres Herausgebers Stefan Aust, dem sich gewiss einiges vorwerfen lässt, nicht aber , ein Bot zu sein, von vor gut zwei Wochen war ein sehr kräftiges Plädoyer gegen den Pakt – und ist, welche Meinung auch immer man sich nun selbst gebildet hat, durchaus lesenswert. Schließlich ...

Öffentlichkeit als "überwachungskapitalistisches Nebenprodukt"

Schließlich setzt

"eine kritische Öffentlichkeit ... die Kritikfähigkeit der Meinenden voraus, die Bereitschaft, seinen eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen und sich mit anderen Argumenten und Positionen auseinanderzusetzen. In den schalldichten Echokammern, die die Sozialingenieure zimmern, finden die Argumente der Gegenseite aber kein Gehör".

So heißt es in Adrian Lobes Süddeutsche-Beitrag zum aktuellen Stand der Filterblasen-Debatten, der gestern hier bereits kurz im Korb vorkam und rasch noch mal Beachtung verdient, da darin gleich mehrere der eben genannten Punkte auch vorkommen.

Zum Beispiel die Belohnung, die Facebook oder Youtube ("keine Debattierklubs, sondern Werbeplattformen, in denen Öffentlichkeit als eine Art überwachungskapitalistisches Nebenprodukt anfällt") wütenden und/oder wütend machenden Beiträgen aller Art geben:

"Die 'medialen' Ökosysteme prämieren Affekte, die vernunftgeleiteten Debatten abträglich sind: Aufregung, Emotionen, zuweilen auch Hass. Ein Verschwörungsvideo, das millionenfach geklickt wird, ist eben auch ein ökonomischer Erfolg. Die Konzerne verdienen also daran, dass die Axt an die demokratischen Wurzeln angelegt wird. Ein schier unauflösbarer Konflikt. Und ein solches System korrumpiert letztlich auch die Nutzer, die von solchen Metriken gesteuert werden."

Wie gesagt, auf böser Augenhöhe mit Facebook wird auch Googles Youtube genannt. Und apropos ...

Mit Firefox ein weiteres Google-Monopol verhindern 

"Google stehe vor der kompletten Kontrolle des Internets" bzw. "Google übernimmt die Kontrolle im Web". War gerade auch an einigen allerdings nicht sehr ins Auge springenden Stellen in diesem Internet zu lesen (in dem schließlich längst viele Medien viel Sorgfalt und Arbeit für Suchmaschinen-, also Google-Optimierung aufbringen).

Bei der Formulierung handelt es sich, zugegeben, um die Paraphrasierung eines Zitats von deutlich befangener Seite. "Microsoft hands over control of even more of online life to Google", steht auf blog.mozilla.org, also im Internetauftritt u.a. des Browsers namens Firefox. Es stand dort aber aus gut nachvollziehbaren Gründen, die dann etwa der Standard und der WDR-Blog Digitalistan auch auf deutsch schilderten: Microsoft, einer der ganz großen Digital-Konzerne und Datenkraken, hat angekündigt, die Entwicklung seiner eigenen Browser (die einst "Explorer" hießen und inzwischen "Edge" heißen) aufzugeben. Zwar nicht für seine Kunden, die auf Geräten mit Microsoft-Betriebssystem unter dem vielfältig vorinstallierten Bullshit auch weiterhin Microsoft-Browser vorfinden werden, aber hinter/ unter der Oberfläche, die ja Microsofts Stärke ist.

"Microsoft will seinen Browser auf Basis von Chromium neu aufbauen. Dabei handelt es sich um die Open-Source-Grundlage von Chrome, die bisher fast zur Gänze von Google entwickelt wird",

schreibt der Standard, und:

"Microsoft ist nicht das erste Unternehmen, das die eigene Rendering Engine zu Gunsten von Chromium aufgibt. So verwendet etwa Opera schon seit einigen Jahren die Google-Basis. Und selbst Apple ist mit seinem Webkit nicht weit von Chromium entfernt ... Als komplett unabhängiges Projekt bleibt somit eigentlich nur mehr Firefox mit seiner Rendering Engine Gecko übrig,"

Was also bedeutet, dass Googles Marktanteil bei Browsern noch weiter steigen wird – in Dimensionen hinein, die die Suchmaschine Google überall (und in Deutschland leider ganz besonders), die Google bei Online-Werbeeinnahmen, Googles Youtube bei Videoportalen und erst recht Googles Android bei Mobilfunk-Betriebssystemen auch schon angenommen haben. Jörg Schieb schrieb bei Digitalistan:

"Nun steuert Chromium auf einen Marktanteil von mehr als 70 Prozent zu. Eine Monokultur, die uns allen nicht gefallen kann. Eine derartige Dominanz hat sich noch nie bewährt: Sie bremst Innovationen, beschleunigt Malware und birgt jede Menge andere Risiken. Wer das nicht unterstützen möchte, hat nun also keine andere Wahl mehr als Firefox zu nutzen. Die einzige Alternative weit und breit."

Wie man sich Firefox runterlädt, lässt sich natürlich googeln (oder duckduckgo-en oder qwant-en). Hier wäre aber auch der Link.

Altpapierkorb ("Österreichs Heldinnen und Helden", DSGVO, Redaktionsfusionen, Crump-Karrenbouwha, coolster Sänger, wer vom Brexit profitiert)

+++ "Lebensretter 2018 – Österreichs Heldinnen und Helden" heißt die inzwischen auch auf orf.at angekündigte Fernsehsendung, die in "Kooperation zwischen Bundeskanzleramt, Kronen Zeitung und ORF" entsteht und noch ein Standard-Thema ist. In der Jury, die "die besten Einsatzkräfte von Flugrettung, Bergrettung, Wasserrettung, Polizei und Feuerwehr" kürt, saßen Regierungssprecher Peter Launsky-Tieffenthal, "seine Mitarbeiterin Lilly Kunz aus dem Bundeskanzleramt" sowie der Kronen-Zeitungs- und der ORF-Chef. Wer die Auszeichnung dann fernsehöffentlich vornimmt: Bundeskanzler Kurz.

+++ Ebenfalls in Österreich entwickelt sich eine so diffenzierte wie spannende DSGVO-Diskussion, in deren Zentrum der heute hier besonders oft verlinkte Standard steht. Es geht um eine Datenschutz-Entscheidung der Datenschutzbehörde (DSB), die auch EU-weit wichtig werden dürfte, da DSB-Leiterin Andrea Jelinek bis 2023 auch den Vorsitz im Europäischen Datenschutzausschuss innehat. Ins Thema hinein führt ein gut gegeneinander gesetztes Pro und Contra im Standard selbst, der freilich auch viel Kritik erfährt (Aktivist Wolfie Christl auf Twitter: "Da werden Nutzungsdaten völlig unkontrolliert an irgendwelche Firmen überall in der Welt rausgeblasen. Natürlich betrifft das nicht nur derstandard.at, sondern fast alle Medien, Websites, Apps und den gesamten Adtech/RTB-Wahnsinn").

+++ In allerhand Altpapierkörben, zuletzt diesem, wurden die laufenden Personalien und Redaktions-(Teil-)Fusionen bei Spiegel- und Zeit-Verlag gestreift. Christian Meier von Springers Welt, die ja schon allerhand Ummodelungen hinter sich hat, hat sich auf den Weg an Ericusspitze und Speersort gemacht und einen guten Artikel dazu verfasst. Auch bei wöchentlich gedruckten Medien, wie es die beiden genannten ja sind, dürften sich solche Redaktions-Zusammenlegungen "als eine von der Digitalisierung getriebene Notwendigkeit erweisen. Weil zunehmend klar wird, dass Print zwar überleben wird, aber eher als ein exklusives, möglichst anspruchsvoll gemachtes Produkt für spezielle Zielgruppen".

+++ Wie Fernsehreporter aus aller Welt AKK aka "Ännegreat Crump-Karrenbouwha" aussprechen, hat die SZ-Medienseite aufgeschrieben und Boris Rosenkranz für uebermedien.de ... verfilmt.

+++ Heute abend auf Sat.1 spielt "Tatort"-Recke Dietmar Bär einen "sinistren Generalbundesanwalt", und "einige Betrachter zum Erbrechen" reizende Kalkleichen spielen auch große Rollen. Kurt Sagatz hat sich den Spielfilm "Zersetzt – Ein Fall für Dr. Abel" und die anschließende Doku für den Tagesspiegel angesehen. +++ Micha Hanfeld  (FAZ) hätte gern "etwas weniger von dem" gesehen, was der Filmschurke "in seinem Folterkeller ... anstellt".

+++ "Als wir den Golden Globe gewonnen haben, half das natürlich, mehr Schuhe zu verkaufen", zitiert Manfred Riepe im Tsp. Jeff Bezos aus der Amazon-Doku, die Arte zurselben Zeit zeigt. +++ Meanwhile im ZDF: was über Heino. David Denk von der SZ ist kein Fan, Oliver Jungen von der FAZ indes ein ganz großer des "wohl coolsten und erfolgreichsten deutschen Sängers des vergangenen Jahrhunderts". Der Artikel steht noch nicht frei online.

+++ Stefanie "The Voice" Tücking wusste schon, "wie man Communitys aufbaut, ... bevor das Wort mit den sozialen Medien Einzug in die deutsche Sprache hielt", ruft Diemut Roether in epd medien der verstorbenen Moderatorin nach.

+++ Weitere Meinungen zur neuesten deutschen Netflix-Serie "Dogs of Berlin": "Da hat der Herres aber Glück gehabt", schrieb der Lückerath von dwdl.de (mit Blick darauf, dass die Serie eigentlich für die ARD entwickelt worden sei). +++ "Sehr gut" sei die Serie, "das allein merkt man schon an der Kritik der Kollegen von Bild bis Spiegel Online, die Figuren der Serie seien zu holzschnittartig, kein Klischee werde ausgelassen, die Geschichte sei im Vergleich zu der anderen Berliner Gangsterserie '4 Blocks' oder auch 'Berlin Babylon' nicht 'authentisch'...", argumentiert dagegen Doris Akrap in der taz. +++ Und der Wochenendausgaben-Text über Netflix und die deutschen Konkurrenten an sich steht nun auch frei online.

+++ "Vor allem linksorientierte Medien ... appellieren an den Gemeinsinn der Besucher und wollen gleichzeitig den Zugang zu den Artikeln für alle offenhalten, was für Trittbrettfahrer praktisch ist", schrieb Rainer Stadler in der nicht direkt linksorientierten Neuen Zürcher Zeitung über Aktionen vor allem von buzzfeed.com und des Guardian.

+++ Wer jedenfalls vom Brexit profitiert: vielleicht nicht so Frankfurt am Main als Bankenstadt, aber deutsche Landesmedienanstalten, die ja händeringend halbwegs sinnvolle Betätigungsfelder brauchen. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien konnte sich gerade über fünf Privatsender-Lizenzanträge bislang in Großbritannien lizensierter Firmen freuen, weiß dwdl.de.

Das nächste Altpapier erscheint am Mittwoch.

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