Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 26. Februar 2019: Narrenkappe mit Schriftzug "Stelter-Gate", Luftballons mit Schriftzug Witz, Humor, Karneval
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 26. Februar 2019 Eklat im Gürzenich

Das Ende ist nah: Deutschlands Medienschaffende diskutieren über die Qualität eines Karnevalswitzes von Bernd Stelter. Immerhin, eines ist nun geklärt: Es heißt nicht “das Stelter-Gate“, sondern “der Stelter-Gate“. Und der Soziologe Armin Nasse schreibt über die Framing-Debatte: “All das ist so langweilig wie stets“. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 26. Februar 2019: Narrenkappe mit Schriftzug "Stelter-Gate", Luftballons mit Schriftzug Witz, Humor, Karneval
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Nein, es gab dann doch mehr Artikel über die Oscars als über Bernd Stelter. Aber gemessen am Aufwand, den Stelter für derart viel Öffentlichkeit betrieben hatte, hatte er die Nase klar vorn.

Der Mann hat im Rahmen einer Karnevalssitzung im, kicher, Kölner Gürzenich den Namen von Annegret Kramp-Karrenbauer korrekt ausgesprochen und dies für einen Witz gehalten, woraufhin eine Frau – Doppelnamen-Trägerin, wie die Presse informiert – die Bühne betrat, um ihn hierfür zu rügen. Veröffentlichungen zum Thema, die, aneinandergeheftet, ein Buch füllen würden, das muss man ihm erstmal nachmachen.

Aufmerksamkeitstechnisch hat er laut den Gesetzen der Mechanik also alles richtig gemacht. Er wird in Zukunft sicher nicht einen Doppelnamenswitz weniger verkaufen. Andererseits wird in seinem Wikipedia-Eintrag dereinst womöglich zu lesen sein: “Seine bekannteste Pointe war das Vortragen des Doppelnamens von Annegret Kramp-Karrenbauer.“

Eigentlich sagt, was da geschehen ist, nicht viel aus, außer natürlich über eine Karnevalssitzung, die man im WDR auszustrahlen gedenkt – aber hey, Gemeinwohl! Außerdem lässt sich Intendant Tom Buhrow ja nicht vorschreiben, was er zu senden hat.

Und dann sehen wir natürlich auch noch diese immer wieder bemerkenswerte Lust am Eklatieren und Gateisieren. Während Focus Online das Ganze mit ungewohnter Zurückhaltung – migrations- und klimapolitisch lässt sich, weil es nicht um Katrin Göring-Eckardt ging, aus der Nummer offensichtlich wenig herausholen – lediglich als “irritierendes Erlebnis“ für den Karnevalisten Stelter framete, sahen welt.de und ein paar andere Jecken mehr: einen “Eklat“ nämlich. Bild derweil hat entschieden, dass der Hashtag #steltergate als maskulines Wort auf die eigenen Seiten übersetzt werden soll: “der Stelter-Gate“ heißt es dort. Rums, wieder was geklärt. Für die Chronisten der Aufklärung: Man schrieb den 25. Februar 2019.

Der WDR, der die Szene bei Twitter als Auszug online stellte, muss nun, nachdem die deutsche Social-Media- und Medienwelt eine gesamtgesellschaftliche Debatte erlebt, wie man sie mindestens seit dem Framing-Manual nicht gesehen hat, darüber entscheiden, ob die Sequenz auch bei der Fernsehausstrahlung drinbleibt oder nicht. Das sei “heikel“, findet Meedia, wo man aus allen Tweets auch noch die delikatesten herausgesucht hat. Ebenfalls keine ganz unheikle Aufgabe!

Viel beachteter Streit entbrannte in den Medien aber vor allem darüber, ob die Frau nun keinen Humor hat oder womöglich gerade doch. Die Kölner Lokalredaktionen neigten – keine wissenschaftliche Studie, nur eine kleine Zählung der bei Google verfügbaren Beiträge – in der Tendenz dazu, Stelters ratlose Reaktion “einfach genial“ zu finden (Kölner Express), was ich in der Formulierung eventuell etwas übertrieben finden würde. Was aber freilich irgendwie auch nicht verwundern kann. Denn ER ist ja aus der Gegend, SIE dagegen war nur zu Besuch – eigentlich kommt sie aus dem Osten. Falls jemand noch einen Skandal braucht, an dieser Stelle gäbe die Geschichte mit dem richtigen Framing vielleicht einen her: “Kölner Lokalzeitung diskriminiert Ossis.“

Framing-Debatte, Vol. 137

Ja, Sie haben richtig gelesen: Framing. Wissenschaft! Framing. Framing. Framing. Framing. Framing. Framing. Framing. Framing. Framing. Framing. Früher waren die Debattenanlässe irgendwie besser. Aber hey – auf den Medienseiten passiert halt derzeit sonst nicht viel, wir Journalisten können uns schließlich nicht aussuchen, was die Welt bewegt, nachdem wir ihr mit den richtigen Worten gesagt haben, was sie zu bewegen hat.

Der Framing-Gate (zuletzt Altpapier vom Montag) jedenfalls passiert noch einmal: Die FAZ hat auf der Medienseite noch einen Text dazu – den langen Text auf der Seite. Und es geht nun weniger um das “Manual“ betitelte Papier, bei dessen Anleierung seinerzeit der MDR (auf dessen Seiten diese Kolumne erscheint) die Feder führte. Sondern um das Framing-Konzept nach Elisabeth Wehling. Und dabei kommt nun auch die Kommunikationswissenschaft zu Wort, was nicht die schlechteste Idee ist: “Warum wurde gerade der Framing-Begriff von Wehling so populär?“, lautet die Frage. “Ein wesentlicher Aspekt dürfte darin bestehen, dass der Begriff suggeriert, einzelne Wortveränderungen würden einen enormen Effekt auf das menschliche Gehirn ausüben.“

Wer dann als Experte zu Wort kommt, ist der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer, der im September 2017 auch schon als FAZ-Autor tätig gewesen ist, was freilich nicht dagegen spricht, ihn als FAZ anzurufen. Im Kern sagt er: Wehlings Framing-Konzept und das von der Kommunikationswissenschaft gemeinte Framing-Phänomen unterscheiden sich dann doch deutlich.

“'In der empirischen Forschung wird das Konzept gebraucht, um die Entstehung dominanter Perspektiven auf bestimmte Themen im politischen Diskurs zu untersuchen‘, sagt Marcus Maurer. Die Wirkung von Einzelwörtern wie 'Flüchtlingswelle‘ oder 'Staatsversagen’ spiele in der Forschung bislang kaum eine Rolle, deren Effekte seien vermutlich auch als eher gering einzuschätzen. Die Untersuchung der Implikationen einzelner Wörter kann zwar sinnvoll sein, aber die Vorstellung, man würde mit deren Verwendung bestimmte Neuronenverknüpfungen schaffen, geht weit am wissenschaftlichen Kenntnisstand vorbei.“

Was mittlerweile also in der Debatte auf dem Tablett liegt, ist nicht mehr die Frage, ob die ARD “uns“ alle manipuliere, sondern warum sie es ohnehin nicht schaffen würde. Ich hätte ja den leisen Verdacht, dass sie das vorher schon wusste. Aber da diese Kolumne, wie gesagt, beim MDR erscheint, der an der Sache nicht unbeteiligt ist, ist es natürlich unglaubwürdig, wenn ich nicht draufhaue. Das wäre so billig wie die Sprüche in dem Manual und manche Form der Berichterstattung darüber.

Deshalb gibt’s hier jetzt nochmal Schimpfe: dumme, böse ARD! Lässt dich unnötigerweise beraten, um auch so klug sprechen zu können wie die, die dir Unschönes wollen – und dann kommt nicht mal was dabei raus! Schreib’ zur Strafe zehn Mal “Framing“, am besten in den Sendungstitel einer “hart aber fair“-Sendung!

So langweilig wie stets

Der Münchner Soziologie-Professor und Kursbuch-Herausgeber Armin Nassehi, einer von den Einmischern und Einwerfern, die diese Gesellschaft wirklich nicht missen will, widmet dem Thema derweil auch seinen “Montagsblock“ im Kursbuch und zieht es mit dem Blick aufs Größere auf:

“Die Framing-Sache kommt deshalb mit so großer Autorität daher, weil sie ihre Thesen mit einem Schuss Determinismus ausstattet. Die eigene Unfähigkeit, inhaltliche Herausforderungen gegen die 'Rechten‘ und die 'Populisten‘ zu bestehen und dräuende Gefahren im Hinblick auf alle möglichen kolonialisierten Gehirne abzuwehren, wird dankbar dadurch unsichtbar gemacht, dass man das Problem naturalisiert und formalisiert. Die Gehirne wurden falsch programmiert. Nun müssen sie umprogrammiert werden. So eine Art Update oder Softwarewechsel. Man müsse sich nur wehren, weil die Rechten uns programmieren. Seit heute wird zurückprogrammiert! Das jedenfalls ist der – horribile dictu! – Frame, in dem sich diese Diskussion bewegt. Man wähnt sich von den Rechten dämonisch programmiert – und wenn nicht sich selbst, dann den fehlgeleiteten Nachbarn, mit dem man gar nicht mehr reden kann, weil sein Gehirn schon kolonialisiert wurde. Was also tun? Selbst Framen!“

Auch er bezweifelt also die Manipulationsfähigkeit des Gehirns durch Wortveränderungen. Vor allem aber – so kriegen alle miteinander ihr Fett weg, und das könnte dann rein theoretisch auch ein Schlusswort der Debatte sein, was es aber sicher nicht sein wird –, nimmt er sich “die Pose der Selbstvergewisserung“ in der aufgeregten Debatte vor, die über das Framing-Thema von SZ bis Bild geführt wurde und wird:

“Kritiker der Gemeinwohlabgabe sehen sich ebenso bestätigt wie die sensiblen Nichtrechten (…). All das ist so langweilig wie stets. Und doch beunruhigend: Wo ist eigentlich der systematische Ort für Kritik, für Kritikfähigkeit, für das Ausbrechen aus diesen Routinen?“

Im Kölner Gürzenich vielleicht?

Altpapierkorb (KKR und RTL, Medienpolitik, Magazinkritiker, neue Serien, “hart aber fair“)

+++ Die größte Verbreitung auf Medienseiten, gedruckt wie online, findet heute die Meldung, dass der Finanzinvestor KKR nach der Tele München auch das Unternehmen Universum Film von RTL kaufe (SZ, manager-magazin.de, taz.de, Print-FAZ etc.). Mehr als die Nachricht ist heute allerdings auch in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen noch nicht zu haben; am ausführlichsten die offiziellen Statements zitiert dwdl.de.

+++ Der Deutschlandfunk formuliert sendungsbegleitend eine rhetorische Frage: “Braucht die deutsche Medienpolitik ein Update?“ Dabei ist die Frage doch: welches?

+++ Bei Übermedien gibt es in der Nachfolge von Michalis Pantelouris neue Magazinkritiker. Meedia stellt vor allem Cordt Schnibben heraus und vergisst, womöglich vor lauter Doppelnamen-Tweets, einen Bindestrich: “Cordt Schnibben besuchte die Henri-Nannen-Schule, ehe er fast 30 Jahre lang als Redakteur beim Spiegel den Ruf als 'Reporter Legende‘ erarbeitete.“

+++ Die ZDFneo-Serie “Dead End“ wird von der taz (“nicht spannend“) und dem Tagesspiegel (“lohnt sich“) besprochen.

+++ Und es gibt weitere Serienrezensionen: über “Pose“ bei Netflix (SZ) und “Vanity Fair“ auf dem Sony-Channel (FAZ).

+++ Frank Plasbergs “hart aber fair“-Redaktion hat vorab mal wieder Menschen auf die Palme gebracht mit einem Titel – diesmal ging es um die gestern ausgestrahlte Sendung (Tagesspiegel).

Neues Altpapier gibt es am Mittwoch.

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