Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 05.März 2019: Datenschutz und facebook - Karikatur
Bildrechte: Collage MEDIEN360G / Panthermedia

Das Altpapier am 05.03.2019 Leuchtturm mit dem Rücken zur Wand

... und das auch noch in einer asymmetrischen Umgebung: Das deutsche Zeitungsbeben bittet um Ihre Aufmerksamkeit (und ein "Medienkommissar" macht einen pragmatischen Vorschlag). Facebook bleibt Facebook, wie es smilet und liket – und ist der Star in nicht einem, nicht zwei, sondern drei tagesaktuellen Datenskandalen. Außerdem: Pressekarten für die Türkei und "lächerliche SMS-Diplomatie". Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 05.März 2019: Datenschutz und facebook - Karikatur
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Was ja wirklich niemand mehr aufregt: Facebook. "IT-Experten sind empört", heißt's in der Unterüberschrift der Druckfassung dieses Süddeutsche-Artikels (so als könnte, wer sich immer noch über Facebook empört, Experte sein).

"Ach, Facebook macht schon wieder irgendwas mit meinen persönlichen Informationen? Ist halt so, was will man machen? Das ist gefährlich, weil es zeigt ...",

argumentiert indes Lisa Hegemann bei zeit.de geduldig. Was sie und den Kollegen Simon Hurtz von der SZ empört, ist, dass nutzwert-orientierte Digitalressort-Redakteure angesichts der regelmäßig vermeldeten Datenlecks und Passwort-Skandale bis vor kurzem noch zur "aus Sicherheitsperspektive ... durchaus sinnvollen" Zwei-Faktor-Authentifizierung rieten. Hegemann:

"Hat beispielsweise ein Hacker das Passwort geknackt, könnte er damit nicht gleich auf das gesamte Facebook-Profil zugreifen. Er würde zusätzlich einen Code benötigen. Weil die Nutzerin den aber auf das Smartphone geschickt bekommt, müssten Kriminelle auch das ausspähen. Durch so eine Zwei-Faktor-Authentifizierung werden unerwünschte Zugriffe darum deutlich unwahrscheinlicher."

Was also heißt, dass diese Nutzerin die Nummer ihres sog. Smartphones zuvor bei Facebook hat angeben müssen. Aus der Perspektive Facebooks jedoch ist die Handynummer vor allem "wertvoll, weil sie noch genaueres Tracking zulässt" (Hurtz). Dieser tagesaktuell erste Skandal wurde als erstes erkannt von Jeremy Burge, seines Zeichens Chief Emoji Officer beim Unternehmen Emojipedia, wie beide deutschen Artikel verlinken. Hat Facebook schon reagiert? Jein: mit der Auskunft an die SZ, "dass man 'das Feedback wertschätzt und berücksichtigen' werde".

Es darf Facebook-Sprechern aber niemand böse sein, wenn sie ausschließlich irrelevanten Bullshit zu Protokoll geben und auch damit keinesfalls namentlich zitiert werden möchten. Denn – das ist der zweite, "einfach nur gruselige" Skandal: Facebook "schreckt ... nicht davor zurück, die Standortdaten von Ex-Mitarbeitern auszulesen ... Wer für Facebooks Spitzeleinheit als Gefährder gilt, wird demnach auf eine eigene Liste mit dem Namen 'Be on the lookout' gesetzt". So fasst netzpolitik.org eine Enthüllung des US-amerikanischen Senders CNBC zusammen. Der deutsche Blog hat dazu auch selbst bei Facebook angefragt und von einem der bedauernswerten Mitarbeiter, "der namentlich nicht genannt werden möchte", Auskünfte à la "Die Firma schließt auf Anfrage nicht aus, hierzulande Ex-Mitarbeiter oder gar Journalisten auf die schwarze Liste zu setzen" erhalten.

Wenn heute auf der FAZ-Medienseite die Glosse die Überschrift "Netzpolitik" trägt (45 Cent bei Blendle), geht's dort nicht um den gleichnamigen Blog, sondern – Facebook. Der Skandal der Michael Hanfeld heute aufregt, ist der tagesaktuell dritte. Es geht um ein

"internes Memorandum von Facebook, das von den mannigfaltigen Versuchen des Konzerns in den zurückliegenden Jahren handelt, auf Politiker, Gesetzgeber und Regulierer in sämtlichen Mitgliedstaaten der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, in Kanada, Indien, Argentinien, Brasilien und Malaysia Einfluss zu nehmen, vor allem um striktere Datenschutzgesetze zu verhindern".

Zuerst berichteten Observer und Computer Weekly (Links in der golem.de-Zusammenfassung). Zwar habe "sich Sheryl Sandberg an der EU-Kommissarin Viviane Reding die Zähne ausgebissen", doch die "Dankbarkeit" des ehemaligen irischen Regierungschefs Kenny für die Wahl Dublins als Sitz seines europäischen Hauptquartiers gesichert. Wie fast immer verwebt Hanfeld berechtigten Ärger mit weiteren Dingen, die ihn ebenfalls ärgern (heute: die "massive Meinungsmache, getarnt als Volksbewegung", zur enorm umstrittenen EU-Urheberrechtsreform), was die Überzeugungskraft schwächt.

Doch dass all die Ungeheuerlichkeiten in Facebooks Gebaren niemanden mehr wirklich aufregen, kann einen natürlich aufregen. Wobei: Es könnte auch damit zusammenhängen, dass trotz allem weiterhin so gut wie alle Medien, von der FAZ über Die Zeit bis zur ARD, ihre Inhalte unverdrossen auf Facebook laden – und so unmittelbar dazu beitragen, dass ihren Nutzern dort nachweislich tückische Hinweise wie "Füge deine Telefonnummer ein, um dein Konto zu schützen und mehr" "sogar regelrecht auf"-gedrängt werden (nochmal Hegemann, zeit.de). Adé, Facebook mochte so gut wie niemand sagen.

Institutionen, abonniert Zeitungen!

Was auch nur wenige aufregt: das deutsche Zeitungsbeben. Wie schrieb Markus Brauck, der einst die Medienseite der früher unabhängigen, überregional ausstrahlenden Frankfurter Rundschau machte, vor einer Woche bei SPON unter der Überschrift "Das Jahr 2019 wird bitter":

"Außer den Journalisten selbst spürt den Niedergang kaum jemand"

Im gestern hier knapp erwähnten Tagesspiegel-Interview erklärte Medienwissenschaftler Michael Haller gar sowohl "das Modell Straßenverkaufszeitung", also gedruckte Boulevardzeitungen, als auch Dumonts Berliner Zeitung quasi für tot ("Die 'Berliner Zeitung' wiederum hat in dem sehr schwierigen Lesermarkt Ostberlins keine Chance, den rasanten Abwärtstrend umzukehren").

Tagesaktuell gibt's wiederum was zum Thema. "Medien-Kommissar" Siebenhaar vom Handelsblatt haut in dieselben Kerben und bringt dazu seine Erfahrungen als Korrespondent für Österreich und Südosteuropa, der er nunmehr ist (und die die ARD/ZDF-Kritik des "Die Nimmersatten"-Autors milder gemacht haben) ein. Nachdem er das Dilemma der schrumpfenden Blätter ("Die Printauflagen leiden und die Werbeeinnahmen wachsen nicht") umriss, schreibt er:

"In Europa blicken Medienschaffende derweil nach Deutschland und seiner einzigartigen Zeitungslandschaft und stilisieren den Wandel der Branche zu einer entscheidenden Frage der Demokratie. Denn Deutschland als größter Leser- und Anzeigenmarkt hat eine Leuchtturmfunktion für die Branche in ganz Europa ... Eine lebendige Demokratie kann ohne unabhängige Medien auf Dauer nicht überleben. Osteuropa ist dafür ein warnendes Beispiel. In Ländern wie Ungarn, Tschechien, Polen, Serbien oder Rumänien sind die Zeitungsmärkte mittlerweile fast ganz in Händen von Oligarchen oder den regierenden Parteien, welche die Blätter für ihre wirtschaftlichen und politischen Ziele missbrauchen. "

Wobei gerade die noch vergleichsweise große Vielfältigkeit der Landschaft eins ihrer Probleme ist. Gäbe es weniger Wettbewerb, käme den verbliebenen Medien von den wenigen Werbeeinnahmen, die Facebook und Google einstweilen übrig lassen, jeweils etwas mehr zu. Doch jetzt stehen "immer mehr Zeitungen ... mit dem Rücken zur Wand" – und das auch noch in einer "asymmetrischen" "medialen Situation".

Sie merken schon: Ein paar windschiefe Bilder kommen sich ins Gehege (zumal Siebenhaar überdies für ein "eine Art Netflix der Zeitungen" plädiert, mit dem er aber kaum jenes Apple-"Netflix für News" meint, von dem dasselbe Handelsblatt gerade erst berichtete ...). Mit der Asymmetrie meint Siebenhaar natürlich die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren unvergleichlich sicheren Einnahmen. Was bekanntlich eine komplexe Gemengelage ist: Natürlich hat die schwierige Situation vieler Zeitungen kaum mit der Onlinepräsenz der "Tagesschau" und ihrer App zu tun, dafür ist tagesschau.de zu irrelevant. Andererseits macht die Onlinepräsenz der "Tagesschau" es für viele Nutzer noch unnötiger, sich irgendein Zeitungsabo aufzuhalsen. Dritterseits, wenn regionale Zeitungen in der Fläche immer mehr Korrespondenten einsparen, müssen dann die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren sicheren Einnahmen nicht geradezu einspringen?

Dieses Fass macht Siebenhaar aber gar nicht erst auf, sondern stattdessen einen so sinnvollen wie praktikablen Kompromissvorschlag:

"Warum schließen Schulen, Universitäten, Behörden, Kultureinrichtungen und Firmen nicht in  großem Rahmen digitale Abonnements ab, um ihre Schüler, Studenten, Beamten und Mitarbeiter mit qualitativer Information aus der Region zu versorgen? Sie würden damit ein stabiles wirtschaftliches Fundament für die Zeitungshäuser in einer Umbruchzeit errichten."

So etwas in größerem Stil auf die Beine zu stellen, wäre weder Subvention noch Mäzenatentum, sondern könnte wirklich ein Baustein zur Sicherung der im Prinzip trotz allem schönen deutschen Medienlandschaft sein. Uund mittelfristig manchen Zeitungen sogar erlauben, sich von Facebook zurückzuziehen.

Altpapierkorb (Pressekarten für die Türkei. Wissenswertes über UKW. #AKKgate. Homeoffice à la SPD. Die Schwächsten der Gesellschaft: Journalisten?)

+++ "Pressekarten" waren (als Presseausweis-Inhaber sie sich gerne gratis für Sport- und Kulturveranstaltungen erbaten) vielleicht mit schuld daran, dass Journalismus nicht mehr zu den beliebtesten Berufen gehört. Doch heißt "die Arbeitsgenehmigung der Korrespondenten in der Türkei" ebenfalls "Pressekarte" (Reporter ohne Grenzen). Nun hat das Erdogan-Regime selbst für diverse Reporter aus Deutschland, einem seiner treuen Verbündeten, diese Akkreditierungen nicht verlängert. "Es traf ZDF-Korrespondent Jörg Brase, Thomas Seibert von der in Berlin erscheinenden  Tageszeitung 'Tagesspiegel' und Halil Gülbeyaz, einen freien Mitarbeiter des Norddeutschen  Rundfunks, der jahrelang teilweise auch sehr kritisch über die Türkei berichtet hatte" (Deutschlandfunks "@mediasres", wo auch Sevim Dagdelen von der Linken die "lächerliche SMS-Diplomatie" des Bundesaußenministers Maas kritisiert). +++ Dabei twittert Maas' Social-media-Team doch auch.

+++ "Moritz Hürtgen macht sich gerne über die Schwächsten in unserer Gesellschaft lustig: Journalisten". So steigt die Frankfurter Rundschau (die inzwischen nach diversen Wendungen zur Ippen-Gruppe gehört) in ihr launiges Interview mit dem aktuellen Titanic-Chefredakteur ein.

+++ Vor genau einem Jahr erscholl aus der Schweiz das "wuchtiges Nein gegen den Egoismus" (wie es hier nebenan hieß), also fand die No-Billag-Volksabstimmung statt. Der Schweizer öffentlich-rechtliche Rundfunk besteht also weiter. Er musste aber Einsparungen hinnehmen, von denen die Anstalten hierzulande nicht mal alpträumen müssen. "Wir haben zum einen die Zahl der großen Shows in der Unterhaltung reduziert und wir konzentrieren die Standorte", sagte SRF-Chef Ruedi Matter wiederum im DLF.

+++ "Der Sinn des Öffentlich-Rechtlichen war sicher nicht, die Kreativität outzusourcen", schrieb Michael Schmid-Ospach im epd medien-Nachruf auf Peter Rüchel.

+++ Ebd.: Sehr Wissenswertes über UKW (das vor 70 Jahren in München "aus der Not geboren" wurde). +++

+++ Für den Kika am Rundfunkstandort Erfurt (an dem auch das Altpapier erscheint) neu aktiv ist der 23-jährige gebürtige Ägypter Sherif Rizkallah, und zwar in der tägliche Kindernachrichtensendung "logo!". (Tagesspiegel).

+++ "Auf den besten Sendeplätzen führen noch immer hauptsächlich Männer Regie", und das plant Claudia Tronnier, die Chefin der ZDF-Redaktion Kleines Fernsehspiel, nun zu ändern (Süddeutsche). Auch wenn das Kleine Fernsehspiel ja leider die allerschlechtesten Sendeplätze des linearen Fernsehens belegt ...

+++ Der US-amerikanische Telekom-Konzern AT&T ist inzwischen der allergrößte Medienkonzern der Welt (vgl. Altpapier-Jahresrückblick) und hat nun Ex-RTL-Chef Gerhard Zeiler als "Chief Revenue Officer" angeheuert (Standard).

+++ Annegret Kramp-Karrenbauer ist nicht nur Objekt von Karnevalswitzen, die aus der Menge der Karnevalswitze nicht nach oben herausragen, sondern macht auch selber welche. Ärgert sie sich über die unterm Hashtag #AKKgate gebündelte Aufregung? Nicht, meint Jonas Schaible bei t-online.de, denn ihre "Witze lassen eine Strategie erkennen".

+++ Einen Brüller hat jedenfalls wieder die SPD mit diesem Tweet gelandet. "Da drängt sich natürlich zunächst einmal die Frage auf, wie man eine Kampagne für das Arbeiten von zu Hause aus allen Ernstes mit einem Bett bebildern kann. Kontraproduktiv ist vermutlich noch das mildeste Urteil", urteilt Henrike Roßbach auf der SZ-Meinungsseite.


Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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