Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 20. September 2019: Logo Das Altpapier 2019 sowie ein Foto mit Luftballons.
Bildrechte: MEDIEN360G / colourbox

Das Altpapier-Spezial am 20. September 2019 Mini-Influencer, Maxi-Diskussionen

Ein Blick in Kinderzeitschriften-Regale ist wie eine Mischung aus Kaffeefahrt und Reise in die Geschlechterklischees der 50er-Jahre – aber es gibt Ausnahmen. Kinder-Influencer polarisieren im Netz und die App YouTube Kids ist nicht ganz so zahm, wie sie sich anpreist. Ein Spezial-Altpapier zum Weltkindertag von Nora Frerichmann.

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Rätsel, Bildergeschichten, Extras und tonnenweise Werbung, das alles in hellblau, pink oder quietschbunt: Welche Inhalte zeichnen Kinderzeitschriften in der digitalisierten Welt eigentlich noch aus? Blättert man sich durch das Kleine-Menschen-Sortiment im Bahnhofskiosk oder Supermarkt, entstehen auf den ersten Blick vor allem zwei Eindrücke:

1. Kindermedien existieren größtenteils als Werbeträger.

2. Gendermarketing wird bei den Kleinen ganz großgeschrieben.

In einigen Blättern heischen auf jeder zweiten bis dritten Seite irgendwelche Anzeigen um die Aufmerksamkeit der Kinder, sodass man fast den Eindruck gewinnt, es handele sich um eine Art Äquivalent zur berühmt-berüchtigten Kaffeefahrt, nur eben für’s andere Ende des Zielgruppen-Spektrums. Um zu checken, dass auch 2019 noch ein Großteil des Kinderzeitschriftenregals in der rosa-hellblau-Falle steckt, dafür muss man die Hefte nicht mal aufschlagen.

Fraktion Pink besteht z.B. aus Barbie, Top Model, Prinzessin Lillifee, Disney Prinzessin, Bibi und Tina, Playmobil Pink, während der Fraktion Blau/dunkel u.a. Paw Patrol, Lego Ninjago, Pokémon, Disney Cars oder Playmobil Blau angehören. Besonders gruselig ist der Vergleich der Playmobil Hefte in der blauen und pinken Version. Dort scheint sich in Sachen Geschlechterklischees in den vergangenen 70 Jahren kaum etwas getan zu haben:

Während die Jungs-Figuren "Retter im Einsatz" sind oder als Piraten um einen Schatz kämpfen sind die Mädchen-Figuren kleine Kristall-Prinzessinen, die bestenfalls auf dem Bauernhof süße Haustiere streicheln oder einen Kristallstab gerade halten und eben schön aussehen können (wobei die Schönheit da eher im Auge des Betrachters liegt). Die Ausnahme unter all den passiven hübsch-niedlichen Szenarien der weiblichen Figuren bildet immerhin eine Rettungsschwimmerin, die in Not geratene Schwimmer aus dem Wasser zieht.

Zum Glück gibt’s in den Regalen aber meist auch eine kleine Fraktion Bunt, die einen daran erinnert, dass das Kindersortiment im Kiosk doch nicht aus den 50er-Jahren stammt. Darin gibt’s vor allem einige Wissensmagazine wie Frag doch mal die Maus, GEOlino, Dein Spiegel, Zeit leo, Was ist was, aber auch absolute Klassiker wie Lustige Taschenbücher oder Benjamin Blümchen.

Blau oder pink sind aber natürlich nicht gleich die einzigen Indikatoren für gut oder schlecht. Um Eltern die Übersicht über all die Titel leichter zu machen, zeichnet die "Stiftung Lesen" z.B. regelmäßig einige Blätter aus, die für Kinder unterhaltsam sind, zum Lesen motivieren, Interaktionsmöglichkeiten bieten und einen angemessenen Werbeanteil haben. Interessanterweise sind darunter auch einige Corporate-Publishing Titel wie das AOK-Magazin Jojo oder das Apotheken-Poster-Blättchen Medizini.

Eine andere Frage stellt sich bei solchen Magazinen aber immer wieder auf’s Neue: Wie finanzieren sie sich, wenn sie inhaltliche Qualität bieten wollen, aber nicht jede dritte Seite mit Werbung zugekleistert ist? Die haben selbst große Verlage bisher nicht ganz lösen können: Das Familienmagazin der Süddeutschen Zeitung z.B., das unter den Empfehlungen der Stiftung stand, wurde im Oktober 2018, zweieinhalb Jahren nach der ersten Ausgabe, wieder eingestellt.

Vom Kinderzimmer in alle Welt

Nach all der Print-Lastigkeit nun aber ein Blick in die digitale Kindermedien-Sphäre. Dort polarisiert seit einiger Zeit vor allem das Thema Mini-Influencer. In den Fokus der Berichterstattung ist es vor allem gerückt, nachdem das Kinderhilfswerk gemeinsam mit der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien Ende 2018 eine Tagung zum Thema abhielt, bei der Expert*innen sich über das Dilemma austauschten, dass die Rechte von Kindern auf Schutz und Teilhabe sich vor allem beim Umgang mit digitalen Medien scheinbar unauflöslich gegenüberstehen.

Werden Kinder zu Influencer*innen aufgebaut, steigert sich dieser Zwiespalt ins Extreme. Kanäle, wie z.B. "Mileys Welt", "Lulu & Leon – Family and fun", "Alles Ava" oder "Ilias Welt", sind gefüllt mit Video-Schnipseln aus dem Alltag kleiner Kinder: Wie sie spielen, wie sie sich auf die Schule vorbereiten, wie sie eine Einhorn-Geburtstagsparty feiern, einen Tag lang alles auf Rollschuhen machen oder im Spielzeugladen um Barbies betteln…

Die Kanäle von Kinder-Influencern seien teilweise "ein bisschen wie bei nem Unfall", sagt Luise Meergans, Leiterin des Bereichs Kinderrechte und Bildung beim Deutschen Kinderhilfswerk, in einem Beitrag des ARD-Kulturmagazins "ttt titel, thesen, temperamente":

"Man muss sich das angucken und man guckt hin und man ist teilweise sehr erschrocken und ein bisschen fassungslos, was eigentlich alles dort gezeigt wird."

Damit meint sie wohl Szenen, in denen Kleinkinder bei ihrem ersten Frisörbesuch in lautes Weinen ausbrechen, ob eines Riesigen-Puppenhauses durchdrehen oder schon morgens beim Aufwachen von den Eltern gefilmt werden, wie es die Süddeutsche hier zusammengestellt hat.

Die Faszination des Privaten hat sich im Netz nach mehr als einem Jahrzehnt mit sozialen Netzwerken ja eigentlich schon fast wieder erschöpft oder zumindest etwas abgerieben. Dass aber nun seit einiger Zeit auch Kinder, teilweise noch nicht einmal im Schulalter, eigene YouTube- oder Instagram Channels haben, spricht nochmal ein ganz anderes Level von Voyeurismus an. Da dient die Handykamera der Eltern quasi als Schlüsselloch, durch das potenziell die ganze Welt in einen der privatesten Lebensbereiche einer Familie schauen kann: das Kinderzimmer.

Einen lesenswerten Artikel über das Phänomen der Kinder-Influencer hat Altpapier-Kollege Klaus Raab Anfang des Jahres bei Brandeins veröffentlicht. Beide Seiten kommen darin ausführlich zu Wort: Medien- und Kinderschutz-Expert*innen ebenso wie Eltern, die die Channels ihrer Kinder produzieren.

Robert Henle, Vater von Miley aus "Mileys Welt", einem der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Kinder-Channels, sagt darin z.B.:

"Man verfahre ebenso wie Produktionsfirmen, die mit Kindern an Fernsehformaten arbeiten. 'Und Miley macht es grundsätzlich gerne', sagt er, 'es würde sonst auch gar nicht funktionieren. Unter Zwang geht das alles überhaupt nicht, das würde man sofort merken.'"

Da hat er sicher recht. Authentizität und Enthusiasmus werden schließlich in sozialen Netzwerken großgeschrieben und Nutzer*innen spüren oft intuitiv, ob jemand für seine Social-Media-Kanäle brennt oder sie eher so lauwarm und nicht richtig überzeugend dahinplätschern lässt.

Trotzdem kann man damit nicht die Fragen wegmoderieren, ob Kinder im Erstklässlerinnenalter oder darunter wirklich verstehen, was sie mit ihrer Onlinepräsenz verkörpern, welche Folgen sie vielleicht für ihr späteres Leben haben kann und dass sie schon von Kindesbeinen an auf einen Großteil ihrer Privatsphäre verzichten. Teilweise haben die Eltern der Mini-Influencer ihre Jobs aufgegeben und leben ganz vom Einkommen der Kinder-Channels.

Raab lässt dazu die Professorin für Kindheit und Differenz von der Hochschule Magdeburg-Stendal, Maisha-Maureen Auma, zu Wort kommen, für die es erst mal gut ist, wenn im Netz verschiedene Darstellungen von Normalität produziert werden. Bei den Videos der Kinder-Influencer unterscheidet sie allerdings zwischen Subjekt- und dem Marktbezug:

"Für sie sei entscheidend, dass Kinder nicht vorrangig als Objekte erwachsener Interessen repräsentiert werden. Deshalb seien Kinder-Influencer generell 'problematisch, weil es mehr um eine Konsumorientierung und Kommerzialisierung geht'. Der Marktbezug sei in vielen Videos sehr ausgeprägt. 'Der Fokus liegt schon sehr auf 'Haben' und weniger darauf, wie ein Kind seine eigenen Interessen genussvoll gestalten und vorantreiben kann. Es gibt immer haufenweise Geschenke, sehr viel Plastik.' Ihr fehle der Subjektbezug: 'Das Ganze hat mit den Eigenperspektiven der Kinder letztlich wenig zu tun.'"

Denn Fundament einer solche Existenzgrundlage bei YouTube ist zum großen Teil die Logik des Influencer-Marketings: Möglichst viele Menschen erreichen, um Einnahmen von der Video-Plattform und Werbepartnern generieren zu können. Wie das alles so funktioniert mit den Influencern und ihren Partnerunternehmen, ist drüben bei MEDIEN360G nachzulesen. Bei Zeit Online betiteln Mareike Nieberding und Björn Stephan das Influencer-Marketing gar als "Krönung einer jahrhundertelangen [Werbe-]Geschichte":

"Noch nie, so scheint es, hat das Anpreisen eines Produktes so gut funktioniert wie mit diesen Avataren des Kapitalismus: echte Menschen wie du und ich – und gleichzeitig totale Kunstfiguren. Einer Studie zufolge hält ein Drittel der deutschen Internet-Nutzer über 14 Jahre Influencer für besonders glaubwürdig – und für viel glaubwürdiger als TV-Spots oder klassische Printanzeigen. Bei den 14- bis 17-Jährigen sind es 41 Prozent."

YouTube Kids

Zwar bringen Kindervideos teilweise Millionen von Klicks, mehr Aufrufe generieren aber Videos deren Inhalt nicht unbedingt für Kinder geeignet sind: Musikvideos mit Gewaltdarstellungen oder stark sexualisierten Inhalten, Nachrichten über Katastrophen oder Angriffe, die Kinder Angst machen oder sie verstören können. Die Initiative "Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht" warnt außerdem:

"Die Werbung in vielen Videos ist oft nur schwer zu erkennen – besonders für junge Zuschauer*innen. Da YouTube auch ohne Anmeldung genutzt werden kann, ist kein Jugendschutz gewährleistet."

Vor etwa vier Jahren hat YouTube eine separate App in Deutschland gelauncht, zu der der Mutterkonzern Google rosig ankündigte, dass Kinder damit "in einer sichereren Umgebung eigenständig eine Vielzahl von Videos entdecken" könnten: YouTube Kids. Eltern können dort seit September nun auch verschiedene Altersstufen für ihre Nachwuchs-Surfer einstellen, die Nutzungsdauer begrenzen, Empfehlungs- und Suchfunktionen lassen sich deaktivieren und einzelne Videos können blockiert werden.

Ein Garant für völlig sorgloses Surfenlassen der Sprösslinge ist das aber auch nicht immer, denn hinter der Fassade von niedlichen, kunterbunten Videos versteckten sich immer mal wieder auch obskure Inhalte. So berichtet etwa Markus Böhm bei Spiegel Online:

"Auch in der deutschen Kids-Version finden sich kritikwürdige Inhalte, darunter eine Anleitung zum Selbermachen einer Messerkordel, samt Messer- und Feuerzeug-Einsatz. Zudem im Angebot: Tipps, wie man aus Jugendfeuerwerk stärkere Knaller bastelt. Ebenso führen YouTubes Vorschläge auf mehrere Videos eines Verschwörungskanals, der die Theorie vertritt, die Erde sei flach. Auch Clips des russischen Propagandasenders 'RT Deutsch' sind auf YouTube Kids auffindbar, genau wie allerlei Soldatenlieder und alle drei Strophen des Deutschlandlieds."

YouTube Kids sei "nicht nach pädagogischen Werten sortiert", wird Birgit Kimmel zitiert, die Leiterin der EU-Initiative Klicksafe. Auch hier sei Vorsicht angebracht. Na gut, anzunehmen, dass es in der von YouTube quasi als bright side angepriesen Kindernische seines Video-Kosmos‘ nicht auch mal ein paar Regenwolken gibt, wäre natürlich etwas naiv gewesen.

Um den Dötzchen (Erstklässler*innen) einen reflektierten Umgang mit Online-Inhalten beizubringen muss man also auch in Zeiten von Algoritmen und KI noch selbst ran, mahnt der gemeinnützige Verein Internet ABC, dem u.a. die Medienanstalten angehören (Kinder und auch Erwachsene können dort einen "Surfschein" machen, bei dem für die Tücken des Webs sensibilisiert wird):

"Klarmachen muss man sich auch, dass Kinder weder bei YouTube noch bei YouTube Kids lernen können, seriöse von unseriösen Quellen zu unterscheiden oder Werbebotschaften zu hinterfragen. Öffentlich-rechtliche Fernsehangebote tauchen neben Werbefilmen und Tutorials von Usern auf – ein Mix, in dem für Kinder alles gleich wichtig und richtig erscheint. So bleibt für Eltern weiterhin viel zu tun. Denn auch diese App ist nicht geeignet, Kinder mit dem Angebot alleine zu lassen."

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