Szenenbild mit vielen Menschen auf einer Bühne, die an Tische gelehnt stehen oder sitzen und lachen, die meisten von ihnen Männer in dunklen Anzügen, in der Mitte eine Frau in rotem Mantel
Die Staatsoperette Dresden hat sich an Puccinis bekannte Oper "La Bohème" gewagt. Im Bild: Rodolfo (Jongwoo Kim), Mimì (Christina Maria Fercher), Schaunard (Bryan Rothfuss), Marcello (Grzegorz Sobczak) sowie Chor und Kinderchor Bildrechte: Pawel Sosnowski

Rezension Künstler-WG im Kraftwerk: "La Bohème" an der Staatsoperette Dresden

03. Juni 2024, 15:20 Uhr

Die Staatsoperette Dresden wagt sich an Puccinis wohl bekanntestes Stück Musiktheater: die Oper "La Bohème" – und überzeugt mit Pariser Mansarden-Zauber und schönen Bildern, findet unser Kritiker. Jedoch gibt es auch Abstriche.

Es dürfte auf jeden Fall eine Herausforderung gewesen sein, als sich die Staatsoperette Dresden an Giacomo Puccinis "La Bohème" wagte, die ja eigentlich zum festen Kernrepertoire der nahgelegenen Semperoper zählt. Doch Intendantin Kathrin Kondaurow vertraut dem Team ihres Hauses, wollte das Wagnis eingehen und hat Matthias Reichwald, künftig der leitende Regisseur der Staatsoperette, mit der Inszenierung beauftragt.

Eine Frau in langem roten Ballkleid steht mit einem Fuß auf dem Oberschenkel eines sitzenden Mannes mit Hut
Charlotte Watzlawik als Musetta und Gerd Wiemer als Alcindoro in Puccinis "La Bohème" an der Staatsoperette Dresden. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Insgesamt überzeugend

Reichwald ist ja vor allem als Schauspieler bekannt und verlegt sich zunehmend ins Regiefach. Seine Dresdner "Bohème" überzeugt mit Stringenz und Feinheiten im Detail, setzt schöne Bilder auf die Bühne, hier und da mit klassischen Filmzitaten gespickt und den Zauber der Pariser Bohème verströmend. Da leben Dichter, Maler, Musiker und Philosoph zusammen in einer Mansarde hoch über der Stadt. Wolkenbilder suggerieren das von der konventionellen Gesellschaft losgelöste Dasein dieser Künstler-WG.

Die Bühne von Karoly Risz vermittelt nur Andeutungen zum sozialen Status. Sie symbolisiert mit einer gusseisernen Wendeltreppe das mögliche Auf und Ab menschlichen Lebens, ist freilich im zweiten Bild eher schlicht gehalten, schafft dafür im dritten, in der Pariser Vorstadt spielend, die unter die Haut gehende Dramatik einer eisigen Schneelandschaft.

Ein Bühnenbild: Eine Frau in langem hellen Kleid steht auf einer Wendeltreppe aus Metall und beugt sich zu einem Mann herunter, der einen Arm nach ihrem ausstreckt
Ein zentrales Element des Bühnenbilds der Oper "La Bohème", die im Kraftwerk Mitte in Dresden zu sehen ist, ist die Wendeltreppe die auch als Symbol des Auf- und Abstiegs interpretiert werden kann. Im Bild: Mimì (Steffi Lehmann) und Rodolfo (Timo Schabel). Bildrechte: Pawel Sosnowski

Abstriche beim Finale

Etwas fragwürdig wird die Szenerie wieder zum Schluss, wenn sich Mimì zu einem versöhnenden Wiedersehen mit Rodolfo in dessen Dachkammer schleppt. Sie ist sichtlich geschwächt und zwischenzeitlich obendrein schwanger; wieso sie dort aber abrupt und mit immenser Kraft das Zimmer umräumen, Bettgestell und Kanonenofen verschieben kann, erschließt sich nicht. Da bleibt eine Menge Poesie in diesem tragischen Finale auf der Strecke.

Fünf Männer vor schwarzem Hintergrund in Anzughosen und Westen, manche mit Schiebermützen, drei stehend, zwei hockend mit weiß geschminkten Gesichtern
Besonders überzeugt hat unseren Kritiker Grzegorz Sobczak als Marcello (im Bild), daneben: Bryan Rothfuss als Schaunard , Jongwoo Kim als Rodolfo, Andreas Mattersberger als Colline und Andreas Sauerzapf als Benoît. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Als die Freunde zurückkehren, die auf der Suche nach einem Arzt und Medikamenten für Mimì waren, ist alles zu spät. Der Bühnenboden zerreißt und Mimì entschwindet in ein imaginäres Jenseits. Ein berührendes Schlussbild, dass die berühmte Atempause vor dem aufbrausenden Beifall entstehen lässt; größtes Kompliment für ergreifendes Musiktheater.

Musik mit Ohrwurm-Qualität

Dass Reichwald und sein Inszenierungsteam diese "Bohème" im Paris des 19. Jahrhunderts beließen und die Opern nicht künstlich in eine Moderne zu rücken versuchten, spricht sowohl für die Gültigkeit der unsterblichen Vorlage als auch für den Respekt der Theatermacher von heute.

Was auch für Kostümbildner Toto gilt, der sich nachhaltig aus dem Fundus bediente und das gesamte Ensemble zu einer Collage aus den Szenen der Bohème von und nach Henri Murger ausstaffiert hat. Mehr war gar nicht nötig, schließlich erzählt Puccini schon alles in seiner Musik, die menschliche Gefühle wie Hoffnung, Verzweiflung, Liebe, Spiel und Eifersucht ausdrückt, zu Herzen geht und wahre Ohrwurm-Qualitäten besitzt.

Ein dunkles Bühnenbild, im Vordergrund sitzt eine Frau in kurzem hellen Kleid auf einer Schaukel, dahinter steht ein Mann mit Händen in den Hosentaschen
Die Inszenierung zeigt den Zauber der Pariser Bohème des 19. Jahrhunderts. Im Bild zu sehen sind Steffi Lehmann als Mimì und Timo Schabel als Rodolfo. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Kraftvoll aufgespielt – aber zu laut

Mit beherztem Wagemut ist das Orchester der Staatsoperette an diesen Abend gegangen, hat unter dem scheidenden Chefdirigenten Johannes Pell kraftvoll aufgespielt, war aber beinahe durchweg zu laut. Zumal dadurch auch Chor und Solisten herausgefordert worden sind, möglichst alles zu geben. Weniger wäre da vielleicht mehr gewesen.

Die Musik hätte mit ausgewogenerer Dynamik gewiss noch mehr zu Herzen gehen können. Trotzdem ist insgesamt eine eindrucksvolle Leistung vom Chor der Staatsoperette und insbesondere vom spiel- und sangesfreudigen Kinderchor zu hören gewesen.

Puccini auf Deutsch?

Dass diese "Bohème" in deutscher Sprache gesungen wurde, mag Puristen unter den Freunden der italienischen Oper verstören, diente gewiss der Verständlichkeit von Doppeldeutigkeiten und Wortwitz, konterkarierte allerdings die Entsprechung von Text und Musik. Dass der deutsche Text zudem nicht durchweg überzeugend prononciert formuliert wurde, hat eher enttäuscht – wobei die Solistenriege sehr unterschiedlich zu bewerten ist.

Ein Bühnenbild: Eine Frau mit langen dunkelblonden Haaren kniet am vorderen Bühnenrand, schaut dramatisch nach oben und hält eine Jacke wie einen Umhang auf ihren Schultern, hinter ihr steht ein Mann, der zu ihr schaut
Die Staatsoperette Dresden hat die Puccini-Oper "La Bohème" auf Deutsch auf dei Bühne gebracht – kritisch, findet unser Rezensent. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Emotionale Darstellung

Eine Glanzrolle hat Christina Maria Fercher als Mimì absolviert, ein glasklarer Sopran, ausgewogen timbriert, sowohl sanglich als auch darstellerisch voller Emotionen. Jongwoo Kim als Rodolfo besticht zwar mit seinem donnernden Tenor, lässt aber vokale Feinheit sowohl in der stimmlichen Gestaltung als auch in der Aussprache vermissen. Just diesen Part hätte man sich dosierter gewünscht.

Herausragend hingegen war auch die Musetta von Julie Sekinger, in allen Lagen fein geführt, eine überzeugende Entsprechung von Diva und Vamp. Die weiteren Herren der Künstler-WG absolvierten ihre Parts absolut zufriedenstellend, wobei Grzegorz Sobczak als Marcello insofern besonders gefiel, als dass er eine ausgeprägt emotionale Breite bewies, während Bryan Rothfuss als Schaunard und Andreas Mattersberger als Colline eher die komischen Seiten betonten und in die Tiefen ihrer Rollen vielleicht erst noch hineinwachsen werden.

Mehr Infomationen:

Oper "La Bohème" von Giacomo Puccini
Staatsoperette Dresden


Szenen aus Henri Murgers La vie de Bohème | Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica | Musik von Giacomo Puccini | Deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze

Adresse:
Kraftwerk Mitte 1-32
01067 Dresden

Termine:
4., 15., 16., 26. und 27. Juni 2024

Mitwirkende:
Musikalische Leitung: Johannes Pell, Christian Garbosnik
Regie: Matthias Reichwald
Bühne: Karoly Risz
Kostüme: Toto
Dramaturgie: Mark Schachtsiek, Valeska Stern
Chorleitung: Thomas Runge

Besetzung:
Mimì: Christina Maria Fercher, Steffi Lehmann
Musetta: Julie Sekinger, Charlotte Watzlawik
Rodolfo: Jongwoo Kim, Timo Schabel
Marcello: Grzegorz Sobczak, Hinrich Horn
Schaunard: Bryan Rothfuss, Markus Liske
Colline: Elmar Andree, Andreas Mattersberger
Benoît: Andreas Sauerzapf
Alcindoro: Gerd Wiemer
Parpignol: Andreas Sauerzapf
Sergeant: Tobias Märksch, Claudius Ehrler
Chor der Staatsoperette Dresden, Kinderchor der Staatsoperette, Orchester der Staatsoperette Dresden

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 03. Juni 2024 | 07:10 Uhr

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