NÄCHSTE GENERATION "Regretting Motherhood": Performance-Künstlerin aus Weimar über Reue und Mutterschaft

Als sie als junge Mutter in einen Erschöpfungszustand geriet, begann sich Franziska Burkhardt mit dem Thema "Regretting Motherhood" zu beschäftigen. Die Mutterschaft zu bereuen, statt im Glück zu schwelgen, das ist ein Tabu-Thema. In Performance und Fotografie geht die Medienkünstlerin aus Weimar diesem Phänomen auf den Grund und setzt sich für ein Umdenken in Bezug auf das stereotype Mutterbild ein.

Muttersein und Reue – wie passt das zusammen? "Regretting Motherhood" war der Titel eines Buchs der israelischen Soziologin Orna Donath. Es sorgte 2015 für Aufsehen – auch in den sozialen Medien, wo sich zahlreiche Mütter erstmals offen zu ihren Reuegefühlen bekannten. Die Konzept- und Medienkünstlerin Franziska Burkhardt war zu diesem Zeitpunkt selbst Mutter geworden und begann, sich künstlerisch mit dem Thema "Regretting Motherhood" auseinanderzusetzen.

Performance-Kunst aus Weimar

Franziska Burkhardt
In der Performance "Eine Mutter_SCHAFFT" umkreist Burkhardt das Thema "Regretting Motherhood" Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

"Eine Mutter_SCHAFFT" heißt die Performance, die als Masterarbeit ihres Studiums an der Bauhaus-Universität in Weimar entstand. Dabei trifft Forschung auf Kunst: In der "Lecture Performance" mischt sie Vortrag mit Gesang, Tanz und Projektion. Franziska Burkhardt setzt ihren Körper und ihre Stimme ebenso ein, wie eine Loop-Station, Fotografien oder Overhead-Projektoren.

Die erzählerische Grundlage bildet Burkhardts Biografie, die sie in eigenen Texten schildert und um feministische Positionen ergänzt. Erklärtes Ziel ist es, dass das Publikum den eigenen Standpunkt hinterfragt und letztlich eine neue Perspektive auf das Konzept der Mutterschaft entwickeln kann.

Das Konzept "Mutter" hinterfragen

"Mütter werden nie schimpfend, fluchend, erschöpft dargestellt. Es ist immer dieses Erfüllende", beschreibt Franziska Burkhardt das traditionelle Mutterbild. Mit diesem Glücksversprechen ginge der gesellschaftliche Druck einher, dass Frauen überhaupt Mutter werden müssen. Auch das Konzept der Mutterliebe sei überhöht und tabuisiere etwa die Möglichkeit einer Wochenbettdepression oder von Konflikten im Alltag, die die Liebe ambivalent werden lassen.

Franziska Burkhardt
Performance-Künstlerin Franziska Burkhardt lebt mit ihrer Tochter in Weimar Bildrechte: MDR/Mandy Schalast-Peitz

Als Franziska Burkhardt selbst ein Kind bekam, traf das idealisierte Mutterbild auf die Realität. Zu Beginn alleinerziehend, geriet sie in einen Zustand von körperlicher und seelischer Erschöpfung. Dabei sah sie sich mit einer Menge von Zuschreibungen konfrontiert.

Als ich damals mein Kind geboren habe, hat mich das total erdrückt, was ich alles sein muss und was ich alles machen muss.

Die tiefere Auseinandersetzung mit "Regretting Motherhood" ließ sie auf Schieflagen stoßen: zum Beispiel, dass Frauen auch in Paarbeziehungen einen Großteil der Sorgearbeit tragen, die unbezahlt ist und häufig auch unsichtbar. Der Begriff "Mental Load" beschreibe das mentale Überladensein, das viele Mütter kennen, so Burkhardt: "Diese unendlich lange To-Do-Liste, die niemals aufhört."

Franziska Burkhardt
Ihre Liebe zur Musik findet sich in Burkhardts Performance-Kunst ebenfalls wieder Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

Rollenbilder erkennen und mit ihnen brechen

Geprägt werde dieses Rollenverständnis schon in der eigenen Kindheit – durch Erziehung und das Vorleben der Eltern oder durch Medien etwa. "In Kinderbüchern werden definitiv überwiegend noch stereotype Rollenbilder dargestellt. Von Mutter und Vater", meint Burkhardt.

Frau auf einem Stuhl stillt Baby
In der Fotografie ikonische Mutterbilder entlarven: Franziska Burkhardt inszeniert sich mit ihrem Baby Bildrechte: Franziska Burkhardt

Dabei gebe es auch schon Bücher, die Mamas nicht ständig in der Küche zeigen oder Papas, die nicht nur auftauchen, wenn Reparaturen anstehen. "Dass man die Rollen, die man so kennt, einfach mal umdreht. Oder auch andere Familien darstellt, Patchworkfamilien. Oder zeigt, das sind die Nachbarn, die gehören auch zur Familie." Franziska Burkhardt klärt in Workshops und Lesungen über fehlende Vielfalt in Kindermedien auf.  

Zudem widmet sie sich in ihrer Fotografie dem Mutterbild. Sie spürt Symbolen für Mutterschaft oder ikonischen Darstellungen nach, etwa die "Maria mit dem Jesuskind" oder die Elefantenkuh, die aggressiv ihr Junges verteidigt. Für viele Bilder hat Burkhardt sich selbst mit ihrem Baby in Szene gesetzt. Häufig thematisiert sie dabei den Rücken in ihren Fotos, der für die körperliche Belastung der Elternschaft steht.

Neues Verständnis für Mütter und Familien

Franziska Burkhardt
Vortrag, Gesang und Tanz kommen ebenso zum Einsatz wie Projektion, Licht und Audios. Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

"Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass die Reue ambivalent ist", meint Burkhardt. In Zuständen von Überforderung trete sie auf und müsse nicht allumfassend sein. Um die verschiedenen Aspekte und Spielarten von "Regretting Motherhood" herauszuarbeiten, hat sie sich mit Biografien beschäftigt und Frauen interviewt, die über ihre individuellen Erfahrungen sprechen. Viel Stoff für ihr kommendes Projekt – eine neue Performance oder auch eine Ausstellung schweben Franziska Burkhardt vor.

Dieses überhöhte Darstellen von Mutterschaft muss aufhören. Mütter müssen viel mehr anfangen zu jammern, sagen dass sie erschöpft sind und authentisch zeigen, wie es Müttern eigentlich geht.

Burkhardt ist es wichtig, dass Mütter gehört werden. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Reuegefühlen, eine stärkere Lobby für Mütter und mehr gegenseitige Unterstützung sind erstrebenswert. "Wir müssen vom Kleinfamiliendenken weg", stellt sich Burkhardt die ideale Gesellschaft vor. Statt dass jede Familie ihren eigenen Kampf kämpft, wünscht sie sich mehr Offenheit und Fürsorge aller Eltern untereinander.

Über das Format "Nächste Generation" Das dokumentarische Format "MDR KULTUR – Nächste Generation" nimmt die Arbeit junger Kuturschaffender aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Blick. Die Werke der Künstlerinnen und Künstler wollen Debatten anregen, verschiedene Aspekte unserer Gesellschaft, wie Gleichberechtigung oder Klimakrise, kommentieren und gleichzeitig Ideen für die Zukunft entwerfen.

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