Mögliche Schadstoffe Darf Pappe aufs Beet oder auf den Kompost?

Die Ratschläge lesen und sehen Gärtner immer wieder: Pappe kann zum Kompostieren auf den Kompost. Pappe kommt als Mulchmaterial auf Beete. Mit Pappe lässt sich ein Stück Boden abdecken, damit Gras und Beikräuter darunter verrotten und die Bodenorganismen sich wohl fühlen. Immer wieder aber gibt es am Einsatz von Pappe im Garten auch Kritik: Die Druckerschwärze sei giftig. Die Pappe selbst sei giftig. Pappe dürfe auf keinen Fall im Garten verwendet werden. Was stimmt nun?

Erde auf Pappe auf einem Beet
Pappe auf den Boden, Erde und Kompost darüber - so können Beikräuter im Zaum gehalten werden. Aber ist das wirklich eine gute Idee? Bildrechte: MDR/Dörthe Gromes

Wer Recht hat, ist nicht so einfach zu klären. Theoretisch bestehen Pappe und Papier ja aus Zellulose, werden also aus Bäumen hergestellt, sind damit ein Naturstoff - und schadstoffarm. Aber genau das ist ein Trugschluss, sagt Ulrich Zang. Der Geoökologe ist Fachmann für die Kompostierbarkeitsprüfungen bei ISEGA - einem Prüf- und Zertifizierungsinstitut.

Pappe ist meist ein hochtechnisiertes Produkt, welches sehr unterschiedlich zusammengesetzt sein kann.

Ulrich Zang, Experte für Kompostierbarkeitsprüfungen, ISEGA

Pappe und Papier enthalten also immer Zusatzstoffe. Normalerweise sind es zwischen fünf und zehn Prozent. Neben anorganischen Füll- oder Hilfsstoffen wie Kalziumkarbonat oder Talkum gibt es viele weitere Zusatzstoffe wie Nassfest-, Leim- oder Bindemittel. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass sich das Papier bei Wasserkontakt nicht zu schnell auflöst. In geringeren Konzentrationen können auch Biozide (gegen Schimmel oder Schädlinge), Farbstoffe und andere technische Hilfsmittel vorhanden sein. In Produkten wie Papiertragetaschen, Papp-Faltschachteln oder Umzugskisten stecken zudem meist Druckfarben und Klebstoffe.

Grenzwerte gibt es für Schadstoffe in Pappe kaum

Doch diese Stoffe sind nicht unbedingt giftig. Erst die Dosis macht das Gift. "Es ist Quatsch zu glauben, dass reine Zellulose schadstofffrei wäre. Schadstoffe sind prinzipiell überall. Auch in sogenannten Naturprodukten", sagt Zang. Es geht also immer um Grenzwerte und darum, was schaden könnte oder nicht. Außerdem rückt Mikroplastik immer mehr in den Fokus. Hier ist das Problem vor allem die Anreicherung im Boden.

"Blauer Engel" ist bei dieser Frage leider kein hilfreiches Siegel

Um zu entscheiden, ob die Pappe in den Garten darf oder nicht, müsste es Grenzwerte geben, an denen man sich orientieren kann. Aber eine solche Liste gibt es für den Einsatz von Pappe im Garten nicht. Das Siegel "Blauer Engel", welches auf vielen Papieren zu finden ist, ist dabei leider keine Hilfe. So garantiert das Siegel auf manchen Produkten beispielsweise, dass dieses Produkt aus Altpapier gewonnen wurde, nicht mehr als fünf Prozent Zusatzstoffe enthält und weder mit Chlor noch mit optischen Aufhellern behandelt wurde. Auf anderen Produkten steht es für eine umweltfreundliche Herstellungsweise. Über die Kompostierbarkeit sagt das Umweltzeichen gar nichts, denn dafür ist weder Papier noch Pappe gemacht.

Eine überfüllte blaue Tonne für Pappe und Papier
Tonne oder Beet? Wer sicher gehen will, dass durch Pappen keine Schadstoffe auf dem Gemüsebeet landen, wirft Kartons lieber in den entsprechenden Müllcontainer. Bildrechte: MDR/Florian Barth

Pappe und Papier sind fürs Recycling konzipiert - und das funktioniert gut. Dabei helfen die zugesetzten Stoffe sogar. "Sie sorgen dafür, dass der Recyclingzyklus funktioniert", sagt Zang. Und Almut Reichart vom Umweltbundesamt ergänzt: "Pappe ist ein wertvoller Rohstoff, der recycelt und nicht zweckentfremdet im Garten eingesetzt werden sollte."

Die Verwendung von Pappen aus dem Einzelhandel für die Abdeckung von Beeten ist kein bestimmungsgemäßer Gebrauch solcher Verpackungen.

Almut Reichart, Umweltbundesamt

Darf die Pappe in den Garten oder nicht?

"Man könnte beispielsweise die Standards für Kompostierbarkeit anwenden", sagt Zang. Diese reglementieren unter anderem die Menge an Schwermetallen, die durch das Produkt in den Stoffkreislauf gelangen dürfen. Die Frage nach dem Zerfall, der im landläufigen Sprachgebrauch mit Kompostierbarkeit gleichgesetzt wird, ist hierbei nur ein verhältnismäßig unbedeutender Aspekt.

So durchlaufen Papierprodukte, die als kompostierbar zertifiziert sind, eine aufwendige Prüfung. Nicht nur die Menge an schädlichen Substanzen muss nachweislich auf ein Minimum verringert werden, sondern es dürfen generell keine ökotoxischen Wirkungen nachweisbar sein. Zudem müssen die Stoffe bioabbaubar sein, also von Mikroorganismen tatsächlich "verarbeitet" werden - und nicht in Form von winzigen Mikropartikeln im Ökosystem bleiben. Aber natürlich gibt es auch hier aus technischen Gründen Grenzwerte - und darüber lässt sich trefflich streiten.

Nun werden die meisten Gärtner keine großen Komposthaufen mit Pappe anlegen und damit potenzielle Schadstoffe anreichern. Die meisten werden hier und da mal ein Beet abdecken oder eine Toilettenpapierrolle auf den Kompost werfen. Vielleicht halten sie sich dabei auch an den manchmal gegebenen Tipp, nur unbedruckte Pappe aus dem Lebensmittelbereich zu verwenden - wie zum Beispiel Bananenkisten. Vielleicht zerfällt die Pappe dann auf dem Beet und wird von den Regenwürmern gefressen. Das sieht für Gärtneraugen gut aus. Trotzdem weiß niemand, was damit in den Boden gelangt.

Kein Laie kann erkennen, was in der Pappe steckt, die er im Garten verteilt.

Ulrich Zang, Experte für Kompostierbarkeitsprüfungen, ISEGA

Doch sollte man die Verhältnismäßigkeit im Blick haben: Wenn neben dem Garten ein Fußballplatz mit Kunstrasen liegt, gelangt wahrscheinlich ein Vielfaches an Mikroplastik in die Erde. Ähnliches gilt für andere Schadstoffe. Trotzdem gilt: Wer sicher gehen will, bringt die Pappe in die blaue Tonne.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Garten | 16. Oktober 2020 | 08:30 Uhr