PR im Krisenmodus Pressestellen: Rekorde bei Anfragen und Reichweiten

Die Pandemie treibt die Nachfrage nach bestätigten Fakten, seriösen Experteneinschätzungen und verlässlichen Auskünften. Ablesen lässt sich das nicht nur an den Einschaltquoten und Klickzahlen großer Nachrichtenangebote. Auch Pressestellen verzeichnen deutlich mehr Anfragen von den Medien, der Bevölkerung und obendrein aus der eigenen Organisation.

Breiefe auf Laptop. Außerdem der Schriftzug: Medien im Krisenmodus #Pressestelle
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Wie schnell breitet sich die Coronavirus-Pandemie aus? Und wie ist die Lage in den Krankenhäusern? Diese beiden Fragen standen in den vergangenen Monaten besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Auf der Suche nach Antworten landeten Journalisten sehr oft bei Helena Reinhardt und ihrem Team in der Pressestelle des Universitätsklinikums Leipzig. „Wir hatten ein unglaublich hohes Interesse. Der März war der Rekordmonat. In den zehn Jahren vorher, seit wir die Zahlen erfassen, gab es nie zuvor so viele Anfragen“, berichtet Reinhardt.

„Hohe Schlagzahl“ an der Uniklinik Leipzig

Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Klinikums spricht von einer „hohen Schlagzahl“. Zeitweise sei das mediale Interesse überwältigend gewesen. „Die Kollegen brauchten ihre Informationen natürlich alle innerhalb von zwei Stunden. Ab einem gewissen Punkt konnten wir das nicht mehr komplett bedienen“, erzählt Helena Reinhardt. Bei vielen Anfragen sei es darum gegangen, wie sich die Klinik auf die Epidemie vorbereitet, wie hoch die Kapazitäten sind oder ob es genügend Schutzausrüstung gibt. Hinzu seien viele Fragen aus der Bevölkerung gekommen, etwa wo man sich auf das Virus testen lassen kann.

Anfragen von Medienvertreterinnen und -vertretern sowie Bürgerinnen und Bürgern sind Helena Reinhardt und ihre acht Kollegen gewohnt. Eine besondere Herausforderung in dieser Krise sei jedoch die interne Kommunikation gewesen. Der Klinikbetrieb habe sich innerhalb weniger Tage und Wochen radikal verändert. Reinhardt: „Als Teil des Krisenstabes war es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Informationen schnell fließen, damit jeder Mitarbeiter beruhigt arbeiten kann. Verrückt war dabei, dass sich die zugrundeliegenden Informationen teilweise wieder veränderten, noch während wir an den Meldungen geschrieben haben.“

Regelkunde bei der Thüringer Polizei

Vor ähnlichen Herausforderungen stand in den vergangenen Wochen Patrick Martin, Pressesprecher der Thüringer Landespolizeidirektion. Immerhin ist es seit dem Ausbruch der Seuche die Aufgabe der Polizei, die wechselnden Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Dafür müssen die Polizistinnen und Polizisten selbst genau Bescheid wissen. „Welche Regeln gelten, wie muss ich mich als Polizeibeamter zum Beispiel gegenüber einem Bürger mit einer möglichen Infektion verhalten – da gab es großen Bedarf an Informationen“, sagt Martin. „Uns war es wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen schnell auf diese Informationen zugreifen können und die nicht irgendwo aus dem Netz gezogen werden.“

Etliche unsichere Bürger wandten sich außerdem direkt über die Social-Media-Kanäle an die Thüringer Polizei, etwa via Twitter. Dass es in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Regeln gab, habe die Lage besonders erschwert, beichtet Patrick Martin: „Man kann sich nicht vorstellen, wie viele individuelle Fragen es hier gab. Nur ein Beispiel: In einem Fall fragte etwa ein Mann aus Bayern, ob seine Frau noch einen geplanten Arzttermin in Thüringen wahrnehmen darf oder er sie auch fahren dürfe. Das muss man dann alles erstmal klären. Am Ende durfte er natürlich.“

In gleichem Maße wie die Auskunftswünsche aus der Bevölkerung hätten in den vergangenen Monaten auch die Anfragen von Medienvertretern zugenommen. Patrick Martin: „Über den Daumen gepeilt hatten wir sicher drei Mal so viele Anfragen von Journalisten wie sonst. Und da zähle ich nur die Zuschriften und nicht die Anrufe.“ Bewältigt werden könne das nur mit hohem Engagement des insgesamt siebenköpfigen Teams. Mehrere Mitarbeiter arbeiteten von daheim: „Ein Mitarbeiter war infiziert und in Quarantäne, eine Kollegin ohne Kinderbetreuung arbeitet von zu Hause und ich selbst bin als Angehöriger einer Risikogruppe auch nicht in der Dienststelle gewesen“, berichtet Martin.„Für uns war das eine ganz neue Erfahrung. Aber wir stellen fest: Das mit dem Homeoffice funktioniert hervorragend.“

Krisensitzungen und Livestreams bei der Stadtverwaltung in Halle

Während Klinik-Sprecherin Reinhardt und Polizeisprecher Martin inzwischen weit weniger Anfragen beantworten müssen, ringen andere Pressestellen offenbar weiterhin mit dem medialen und öffentlichen Interesse. Der Pressesprecher der Stadt Halle, Drago Bock, antwortete erst nach zehn Tagen auf eine Interviewanfrage von MDR MEDIEN360G. Statt des gewünschten Telefongesprächs gab es dann zudem lediglich eine kurze schriftliche Auskunft.

Die übersandten Antworten wecken gleichwohl Verständnis dafür, warum der Stadtsprecher derzeit für Betrachtungen der eigenen Branche nur wenig Zeit findet: „Die Stadt Halle informiert Medienvertreter und Bürgerinnen und Bürger seit 17. März an sieben Tagen in der Woche im Rahmen einer Pressekonferenz. Diese wird live ins Internet gestreamt. Dazu gibt es tagesaktuelle Informationen auf der Internetseite“, beschreibt Drago Bock das Arbeitspensum der Pressestelle in diesen Tagen. „Da die Maßnahmen unmittelbar in das Leben der Menschen eingreifen, müssen sie transparent vermittelt und nachvollziehbar sein.“ Täglich stünden außerdem Oberbürgermeister Bernd Wiegand und weitere Amtsträger für Fragen zur Verfügung. Zwei Personen aus der Pressestelle seien darüber hinaus im Pandemiestab der Stadt vertreten, der bis zu drei Mal am Tag zusammenkomme.

Die Nachfrage nach Informationen ist in der Stadt Halle, die als erste deutsche Großstadt den Katastrophenfall ausrief, seinen Angaben zufolge unvermindert hoch. Die genannte tägliche Pressekonferenz verfolgen über den YouTube-Kanal der Stadt bis zu 2.000 Zuschauer live. Die Mitschnitte auf der Internetseite erzielten bis zu 20.000 weitere Zugriffe. Zu den Themen der Anfragen antwortet Bock: „Waren es anfangs vor allem medizinische Fragen zum Schutz vor dem Virus, beziehen sich Fragen aktuell insbesondere auf die Eindämmungsverordnung des Landes Sachsen-Anhalt und deren Auslegung.“ Dieses Informationsbedürfnis wird in den kommenden Wochen angesichts geplanter Lockerungen und Sonderregelungen in vielen Bereichen des Alltags sicherlich nicht kleiner werden.

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