Eine reiche Frau mit Superyacht, Privatjet und Champagner-Flasche.
Reiche werden vom deutschen Steuersystem bevorteilt. Warum ist das so? Bildrechte: MDR/Panthermedia/Katharine Mähler

Wachsende Ungleichheit Wie das deutsche Steuersystem Reiche bevorteilt

25. August 2023, 16:41 Uhr

In Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens. Diese Entwicklung wird begünstigt vom Steuersystem. Denn Arbeit wird viel stärker besteuert als Vermögen und Erbschaften. Zudem gibt es Lücken und Schlupflöcher im System, die Reiche besser ausnutzen können.

Die recap-Folge zum Steuersystem direkt hier anschauen:

Häufig heißt es, dass ein Großteil der Steuerlast in Deutschland von Reichen getragen wird. Tatsächlich ist es aber so, dass Arbeit stark besteuert wird und Vermögen kaum. Das sagt auch das Netzwerk für Steuergerechtigkeit. Bis 1996 gab es in Deutschland ein Vermögensteuer – doch sie wurde ausgesetzt. Erbschaften werden zwar besteuert, aber es gibt hohe Freibeträge und viele Möglichkeiten, Erbschaftsteuern zu umgehen. Darüber hinaus ist unser Steuersystem unendlich kompliziert. Auch davon profitieren Reiche, weil sie sich teure Steuerberater leisten können, die für sie die Lücken im System ausfindig machen.

All das hat Folgen. Die offensichtlichste: Durch die Entlastung von Reichen sowie Lücken im deutschen Steuersystem wird der Abstand zwischen Arm und Reich immer größer.

Vorteil durch Bemessungsgrenze bei Sozialabkommen

Die Lohnnebenkosten in Deutschland sind hoch, zum Beispiel durch die Einkommensteuer und Sozialabgaben. Etwa 30 Prozent des Bruttoeinkommens muss ein Normalverdiener abgeben. Und die Belastung steigt, je höher das Arbeitseinkommen ist. Aber nur bis zu einer gewissen Grenze, der sogenannten Beitragsbemessungsgrenze. Wer mehr als einen bestimmten Betrag verdient, zahlt für alles darüber keine weiteren Sozialabgaben. Beispiel Rentenversicherung: Da liegt die Grenze in Ostdeutschland bei 7.100 Euro pro Monat, im Westen bei 7.300. Ähnliche Grenzen gibt es bei Pflege-, Kranken- und Arbeitslosenversicherungen. Das bedeutet aber auch, dass je mehr man verdient, desto geringer der prozentuale Anteil der Sozialabgaben ist. "Und deshalb zahlt auch der Einkommensmillionär in Deutschland nicht mehr Abgaben als die Arztfamilie", sagt Julia Jirmann vom Netzwerk Steuergerechtigkeit.

Noch ungerechter ist aber das Abgabensystem in Bezug auf Menschen, die gar kein hohes Arbeitseinkommen haben, sondern vor allem von ihrem Vermögen leben. "Es gibt die Dax-Manager, die ihre Millionen aus dem Arbeitseinkommen bekommen. Aber das ist die absolute Minderheit", erklärt Julia Jirmann. "Der typische Superreiche in Deutschland hat keine Arbeitseinkommen, sondern Unternehmensgewinne, Kapitalerträge und Immobilieneinkommen."

Das Netzwerk für Steuergerechtigkeit hat berechnet, dass die durchschnittlichen Abgaben bei Millionären bei 24 Prozent liegen – und damit deutlich unter denen von Durchschnittsverdienern. Das liegt unter anderem an der deutlich niedrigeren Besteuerung von Kapitalerträgen im Vergleich mit Einkommen und der Möglichkeit Mieteinnahmen oder Gewinnbeteiligungen über Tochtergesellschaften abzurechnen.

Das Steuersystem muss fairer werden

Diese Ungerechtigkeiten des Steuersystems sorgt nicht nur dafür, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, sondern gefährdet auch die Demokratie. "Wenn eine große Gruppe an Menschen merkt, dass sie weder Vermögen hat noch andere Möglichkeiten, sich irgendwie einzubringen, dann ist es natürlich auch ein Problem für die Demokratie", erklärt Julia Jirmann. Es muss sich also dringend etwas ändern. Lösungen für ein gerechteres Steuersystem können eine Wiedereinführung der Vermögesteuer und die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel sein.

Recap zum Steuersystem

Wo werden Reiche in unserem Steuersystem bevorteilt? Welche Lücken gibt es für Sie in dem System? Würde eine Vermögensteuer wirklich die deutsche Wirtschaft belasten? Antworten gibt es in der aktuellen recap-Folge.

Dieses Thema im Programm: recap bei YouTube | 25. August 2023 | 17:00 Uhr

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